Tomislav Sunic
Wenn der politische Prozeß zu leerem Geschwätz verkommt – wie es im liberalen System der Fall ist –, könnte man diesen Prozeß zu Recht als „Unpolitik“ bezeichnen. Es gibt kein genaues englisches Äquivalent für das französische Wort „inpolitique“, einen Begriff, den der Politologe Julien Freund (1921–1993), ein enger Weggefährte des deutschen Rechtsgelehrten Carl Schmitt, geprägt hat.
Der in der französischen politischen Theorie weithin verwendete Begriff tauchte erstmals in Freunds bemerkenswertem Buch ›Politique et impolitique‹ (1987) auf, das leider nie ins Englische übersetzt wurde. Freund beschreibt ihn folgendermaßen:
Die apolitische Person steht außerhalb der Politik oder interessiert sich nicht für sie, während die unpolitische Person aktiv am politischen Leben teilnimmt, jedoch bei der Ausübung ihrer Funktion über kein Urteilsvermögen oder Geschick verfügt, weil ihr der Sinn für Unterscheidung fehlt.
Man könnte schlicht sagen, daß unpolitische Entscheidungsfindung Wunschdenken ist, das zu unbeabsichtigten, häufig katastrophalen politischen Ergebnissen führt.
›Unpolitik‹ ist lediglich ein Segment innerhalb eines breiteren Spektrums gegenpolitischer Konzepte, zu denen „Antipolitik“, „Transpolitik“, „Infrapolitik“ und „Patapolitik“ gehören – Konzepte, die in der französischen politischen Theorie weithin verwendet werden.
Unter dem Deckmantel politischer Prozesse höhlen Unpolitiker eine authentische Machtpolitik aus und ersetzen sie durch angeheuerte Experten, die unverständliche Verwaltungsregeln predigen, sich der Doppelzüngigkeit bedienen und moralisierende Vorträge halten. Unpolitische Entscheidungsfindung unter liberalen Politikern verwendet häufig den Euphemismus „Governance“ als Deckmantel.
Politik setzt die strikte Unterscheidung zwischen Freund und Feind voraus, während Unpolitik die Existenz jeglicher Feindschaft leugnet. Sie lebt von großspurigen Parolen statt von einer Wahrnehmung der objektiven politischen Realität. Transpolitik geht Hand in Hand mit Unpolitik – ein Begriff, den der verstorbene Jean Baudrillard verwendete, um das Ende der Politik überhaupt und ihre Verbannung in fiktive politische Szenarien zu kennzeichnen.
In Büchern wie ›Fatal Strategies‹ definiert Baudrillard Transpolitik durch ein einfaches Paradox:
Alles ist politisch; deshalb ist nichts mehr politisch.
Dem müssen wir in unserem modernen digitalen Zeitalter die Pathologie der ›Patapolitik‹ hinzufügen – die obsessive Suche eines Politikers nach imaginären Lösungen für Krisen, bei der die politische Realität durch Algorithmen und Hologramme ersetzt wird. Daher auch der moderne Aufschwung selbsternannter „Experten“ in sozialen Medien und Podcasts, darunter unzählige anonyme Halbgebildete, die behaupten, die Türen zum menschlichen Dilemma aufgestoßen zu haben.
Patapolitik als Segment der Unpolitik erfaßt absurde, imaginäre Szenarien, in denen Algorithmen und Videospiele die Suche des Politikers nach Antworten auf seinem Mobiltelefon ersetzen. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, verwandelt sich Unpolitik häufig in Antipolitik, die eine Ablehnung des Feindbegriffs bedeutet und auf der Illusion beruht, Frieden könne durch das Predigen guter Moralvorträge erzwungen werden – ein verbreitetes Merkmal unter US-amerikanischen und EU-linken Politikern sowie Theoretikern von DEI- und ‹Affirmative-Action‹-Konzepten.
Wie Julien Freund hervorhebt, beruht der entscheidende Aspekt der Unpolitik auf der gefährlichen Illusion, man könne dem Konflikt entkommen, indem man das Konzept des Feindes einfach abschüttelt. Das ist ein tödlicher Fehler. Ich muß meinen Feind nicht auswählen; er wird mich als seinen Feind bestimmen, ob ich das will oder nicht.
Um es direkter und näher an der eigenen Lebenswirklichkeit auszudrücken: Ich mag darauf bestehen, daß ich kein Feind von Juden bin, doch das wird mir nicht helfen, wenn mehrere jüdische Organisationen mich bereits als Antisemiten bezeichnet haben. Ich mag auf allen Vieren kriechen oder mich noch so sehr verbiegen und immer wieder beteuern, daß ich kein Rassist bin; es wird mir dennoch nichts nützen, wenn feindselige Gruppen oder Einzelpersonen mich bereits als Rassisten abgestempelt haben.
Wie passen unsere modernen Politiker in die Kategorie der Unpolitik? Man könnte vermuten, daß Präsident Donald Trump bis zu einem gewissen Grad ein unpolitisches Phänomen verkörpert. Obwohl er starke Absichten und unbestreitbar einige positive politische Instinkte besitzt – etwa seine Begnadigung der Aktivisten vom 6. Januar und die Schließung der Grenze –, scheint er in der Außenpolitik in einer Welt gefangen zu sein, die von seinen heroischen Wahnvorstellungen und/oder unehrlichen Beratern geschaffen wurde.
Darüber hinaus werden seine politischen Entscheidungen stärker von seiner geschäftlichen Denkweise als von irgendeiner Kenntnis der klassischen Werke bestimmt, was ihm letztlich jedes Verständnis für den historischen oder politischen Kontext raubt. Stattdessen führt sein transaktionaler Ansatz in der Außenpolitik häufig zu plötzlichen Kehrtwenden bei seinen ursprünglichen Entscheidungen – und läßt sowohl seine Anhänger als auch seine Gegner fassungslos, sprachlos und auf der Suche nach einer Erklärung zurück.
Wenn Unpolitik sich mit moderner „Videopolitik“ vermischt, überschwemmen Fake News alles – von täglichen Schlagzeilen bis hin zu Geschichtsbüchern, insbesondere wenn diese mit ideologischen Narrativen und surrealen Opfermythen aufgeladen sind.
Hinzu kommt die rund um die Uhr stattfindende Medialisierung über eine Vielzahl sozialer Plattformen, und die Politik verliert ihre Bedeutung vollständig. Politik wird zur Farce: ein großes Spektakel, in dem gegenseitiges Vertrauen zusammenbricht und Karrieristen und Ja-Sager die Machtzentren besetzen. Anders als ernst dreinblickende tragische Gestalten wie Washington, Jefferson oder Bismarck sind die heutigen Führungspersönlichkeiten zwangsläufig nichts weiter als Clowns.
Im Fernsehen und in den sozialen Medien scheinen sie sich mehr um ihre Zahnimplantate als um die Förderung des Gemeinwohls zu kümmern. Wenn man die Körpersprache der EU-Kommissare und ihrer Gegenstücke sowohl auf der linken als auch auf der rechten Seite in den nationalen Parlamenten beobachtet, drängt sich die Schlußfolgerung geradezu auf: Der Westen ist am Ende – und dies markiert zugleich den endgültigen Todesstoß für die Liberale Ordnung.
Über die Gefahren liberaler Unpolitik kann man sicherlich mehr lernen, wenn man die Klassiker liest, als wenn man sämtliche politikwissenschaftlichen Abhandlungen studiert. Das Drehbuch der Unpolitik und Patapolitik wird in Alices Reise durch das Wunderland lebendig.
Alices patapolitisches Wunderland zeichnet sich durch absurde Regeln aus, in denen die offizielle Macht vollständig auf unsinnigen Syllogismen beruht. Alice findet sich in einem chaotischen Gerichtssaal wieder, in dem der Herzbube wegen des Diebstahls von Törtchen vor Gericht steht. Während der König versucht, das Verfahren zu leiten, überspringt die Herzkönigin das ordnungsgemäße Verfahren vollständig und ruft:
Erst das Urteil – dann das Plädoyer!
Dies war der unbeabsichtigte Entwurf des Autors für die Untersuchung der späteren sowjetischen Justiz – und der heutigen liberalen ›lawfare‹ und ihrer Gerichtsverfahren gegen Dissidenten. Diese eklatante Kluft zwischen politischer Realität und Wahnvorstellung wird im Werk des deutschen Künstlers Paul Weber am besten veranschaulicht. Seine Lithografien machen sich gnadenlos über Überläufer, rückgratlose Eiferer und Bürger lustig, die großspurigen Ideen zum Opfer fallen oder neue Dogmen übernehmen, sobald der historische Moment dafür reif ist.
Weber hatte es allerdings schwer: Vom nationalsozialistischen Deutschland abgelehnt, wurde er anschließend von den angloamerikanischen Weltverbesserern im Deutschland der Nachkriegszeit ins Abseits gedrängt und mit Mißtrauen betrachtet.
Aus der Politik, von der Politik und für die Politik…
Dies führt zu einem klassischen Dilemma: Sollte man Politikern vertrauen, die von der Politik leben, oder solchen, die für die Politik leben? Trump ist gewissermaßen ein Idealist; zu seinen Gunsten muß man sagen, daß er für den Start seines ersten Wahlkampfs kein ausländisches Geld benötigte – anders als unzählige Politiker, deren Einzug in den Kongreß oder in das EU-Establishment auf der finanziellen Unterstützung mächtiger Lobbygruppen beruht.
In seiner zweiten Amtszeit hat er sich jedoch zum obersten Abzocker entwickelt. Ohne die hundert Jahre alten Theorien von Max Weber noch einmal aufzuwärmen, bleibt die Spannung zwischen dem Leben von oder für die Politik so deutlich wie eh und je. Viele weiße Nationalisten und Rechtsgerichtete – zu recht desillusioniert von den Lügen der etablierten Politik – treten als Idealisten auf, die für eine gute Sache kämpfen, auch wenn sich ihre Führer nach der Übernahme eines Amtes als das genaue Gegenteil dessen erweisen können, was sie erwartet hatten.
Andererseits lebt die Mehrheit der Politiker im politischen Raum der EU und der USA von der Politik. Sie sind Opportunisten, die ihre Haltung ändern, sobald ein neuer politisch-kultureller Trend aufkommt. Doch gerade dieser Opportunismus könnte einen seltsamen Silberstreif am Horizont bieten: Es ist weniger wahrscheinlich, daß sie Massenverfolgungen einleiten, wenn eine neue Ordnung Einzug hält, da sie es vorziehen, sich als pragmatische Realisten neu zu positionieren.
Manchmal ist es gut, einen ausschweifenden und übermäßig wohlhabenden Herrscher an der Spitze zu haben, weil ein Teil seines Reichtums und seiner lockeren Moralvorstellungen vorteilhaft auf die Armen übergreifen kann. Ein übermäßig bescheidener Politiker kann tödlich sein.
Der proto-kommunistische Revolutionär und Jurist Maximilien Robespierre führte ein genügsames, spartanisches Leben, was ihn nicht davon abhielt, in Frankreich eine weitreichende und tödliche Schreckensherrschaft zu entfesseln. Der Nationalist Adolf Hitler war ein bescheidener Mann aus einer bescheidenen österreichischen Familie, strenger Vegetarier und Frühaufsteher – und doch endete seine Karriere im europäischen Chaos. Der römische Kaiser Marcus Aurelius, ein berühmter Stoiker, der von modernen Gelehrten als geradezu Verkörperung des Philosophenkönigs gefeiert wird, war für seine Ehrlichkeit und Tugend bekannt; dennoch ist es wahrscheinlich, daß Marcus Aurelius einige rezessive kriminelle Gene in sich trug, die er an seinen Sohn Commodus weitergab, einen der grausamsten und perversesten Tyrannen Roms. Seneca wird noch immer weithin für seine tiefgründige stoische Weisheit über Mäßigung gelobt, doch seine erhabene Philosophie des Stoizismus hinderte ihn nicht daran, zum reichsten Mann des Römischen Reiches zu werden.
Dieser eklatante Widerspruch offenbart die letztlich allzu menschliche Kluft zwischen dem Predigen einer multikulturellen Gesellschaft aus einem Elfenbeinturm heraus und dem tatsächlichen Leben in einer solchen Gesellschaft. Der Kommunist Che Guevara lebte einfach und bescheiden und verzichtete im frühen revolutionären Kuba auf persönlichen Ruhm; dennoch löst sein Vermächtnis bis heute täglich Schlägergewalt durch Antifa-Aktivisten in Europa und den USA aus. Die Liste ließe sich fortsetzen.
Wenn man über Unpolitik spricht, stößt man unweigerlich auf große Autoren wie François de La Rochefoucauld, der bemerkte, daß
das, was die Menschen Freundschaft nennen, lediglich ein gesellschaftlicher Verkehr, ein gegenseitiger Austausch von Interessen und ein Geschäft ist, bei dem die Eigenliebe stets erwartet, etwas zu gewinnen.
Viel später ging in Amerika ein scharfer Beobachter, Ambrose Bierce, bei seiner Anprangerung der teuflischen Natur der Demokratie noch weiter und definierte einen Wähler als
jemanden, der das heilige Privileg genießt, für den Mann zu stimmen, den ein anderer ausgewählt hat.
Nach dem Ende der postkommunistischen Übergangsprozesse in Osteuropa hat die Bevölkerung nun zunehmend genug vom liberal-kapitalistischen Experiment und ihren korrupten Eliten. In ganz Europa und den USA herrscht nach wie vor eine tiefe Sehnsucht nach Ordnung und einer starken Führung, sodaß es nur eine Frage der Zeit ist, bis wir alle an einen Wendepunkt gelangen.
Doch was kommt als Nächstes? Was macht es letztendlich für einen Unterschied, wenn eine Gruppe von Dieben ihre Sitze verliert, wenn die Machtzentren anschließend einfach wieder mit mehr vom Gleichen aufgefüllt werden?
Plus ça change…
Quelle: https://www.theoccidentalobserver.net/2026/08/24/the-concept-of-the-impolitical/
Beitragsbild: Paul Weber, Rückgrat raus & Tapfere Marionette, 1960
