In der Schweiz gab es bis weit in die Mitte des 20. Jahrhunderts tausende sogenannter ›Verdingkinder‹. Sie waren das Produkt einer Gesellschaft, die teilweise noch extreme Armut kannte, auf billige Arbeitskräfte dringend angewiesen war und keine geeigneten Strukturen hatte, um die Folgen gerade für die sozial Schwächsten abzufedern.
So wurden die Kinder aus den betroffenen Familien teilweise auf Märkten feilgeboten wie Vieh. Sie waren Teil jener mehr als 100.000 Menschen, die bis in die 1970er-Jahre in diesem Land aus den verschiedensten Gründen von sogenannten ›fürsorgerischen Zwangsmaßnahmen‹ und Fremdplatzierungen betroffen waren.
Verdingkinder, meist Waisen und Scheidungskinder, wurden von 1800 bis in die 1960er-Jahre entweder von ihren Eltern weggegeben oder von Behörden den Eltern weggenommen. Sie wurden daraufhin öffentlich an Interessierte feilgeboten. Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die Kinder oft auf einem Verdingmarkt versteigert.
Den Zuspruch bekam jene Familie, die am wenigsten Kostgeld verlangte. In anderen Gemeinden wurden sie wohlhabenderen Familien durch Losentscheid zugeteilt. Zugeloste Familien wurden gezwungen, solche Kinder aufzunehmen, auch wenn sie eigentlich gar keine wollten.

›Schwabenkinder‹ in Ravensburg. Auf dem grossen Ravensburger Markt wurden auch Bündner Kinder gehandelt und an Bauern verdingt. Bildquelle: Wikimedia Commons
Ähnlich erging es den sogenannten Schwabenkindern offiziell bis 1921. Alljährlich wurden Bergbauernkinder aus den Regionen Vorarlberg, Tirol, und auch aus der Schweiz nach Oberschwaben zur Kinderarbeit vermittelt. Im Zuge des Gewohnheitsrechts wurde dies noch lange Zeit inoffiziell weiter praktiziert. So gibt es aus der Schweiz Einzelfallberichte bis in die 1970er Jahre.
