Tomislav Sunic

 

Die Autoren und ihre literarischen Helden bleiben je nach historischem Kontext stets widersprüchlichen Interpretationen ausgesetzt. Die Geschichte der mythischen und rebellischen Antigone wirft die unangenehme Frage auf: Ist alles, was wir bisher aus unserem westlichen Kulturschatz gelernt haben – Homers Epen, biblische Sprichwörter, Racines Verse oder, auf einer anderen Ebene, das Strafgesetzbuchder EU – lediglich eine apokryphe Parodie, ja sogar ein Betrug, und damit eine schreckliche Zeitverschwendung für leichtgläubige Leser und Zuschauer? Unsere moderne Vorstellung von Politik in die Denkweise unserer fernen Vorfahren zu projizieren, ist eine Chimäre.

Das Stück des Sophokles bringt eine zeitlose Wechselwirkung zwischen dem positiven Recht und dem Begriff der ungeschriebenen Gerechtigkeit zum Ausdruck, die auch als Naturrecht oder göttliches Recht bezeichnet wird.

Antigone ist der Ansicht, daß sie gemäß den göttlichen Gesetzen ihrem verstorbenen Bruder ein Begräbnis bereiten muß, unabhängig von dessen aufständischer Vergangenheit und trotz der Anschuldigung ihres Onkels Kreon – etwas, das man heute als „terroristische Aktivitäten“ bezeichnen würde. In Antigones Vorstellung müssen die göttlichen oder natürlichen Gesetze, die den verstorbenen Angehörigen Ehre erweisen, Vorrang vor dem geschriebenen Recht von Theben haben, selbst wenn dieses jede Gedenkhandlung für die Feinde des Staates strengstens untersagt.

Doch welchem Gott oder welchen Göttern soll sie sich verpflichtet fühlen? Welche göttliche Gerechtigkeit hatte Antigone im Sinn? Die meisten modernen Gelehrten lassen außer acht, daß die Menschen der Antike eine radikal andere Vorstellung von Religion und Gerechtigkeit hatten als die heutigen amerikanischen und europäischen Gesetzgeber.

Die Griechen und Römer der Antike kannten keine eschatologischen Erlösungsreligionen wie das monotheistische Christentum, der Islam oder das Judentum. Die griechisch-römische Denkweise und ihre Vorstellungen vom Jenseits können keinesfalls durch Begriffe einer jüdisch-christlich geprägten Gerechtigkeit ersetzt werden.

Walter Otto, ein bedeutender Kenner des geistigen Erbes der Antike, formuliert diese kritischen Beobachtungen zum jüdisch-christlichen Verständnis von Gerechtigkeit folgendermaßen:

Die Angst hat Besitz von der menschlichen Seele genommen. Die Fülle und Seligkeit des Lebens sind verschwunden; Würde und Distanz wurden aufgegeben, und die Freiheit des Geistes wurde erstickt. (Der Geist der Antike und die christliche Welt, 1923).

Diejenigen, die Antigone lobpreisen, übersehen, daß der moderne Rechtsstaat und der Begriff des Naturrechts weitgehend von der jüdisch-christlichen Religion geprägt sind, die von einem rachsüchtigen und totalitären Gott erfüllt sei, dem man gehorchen müsse und der die Existenz anderer Götter ablehne – und damit jede Möglichkeit anderer Wahrheiten oder anderer Formen von Gerechtigkeit.

Die moderne juristische Farce namens „Rechtsstaat“, deren Zeugen wir in den Vereinigten Staaten und in der EU sind, tarnt sich geschickt mit einer bürokratischen und verschleiernden Sprache – etwas, woran selbst König Kreon nichts auszusetzen hätte. Die meisten Akademiker und Gutmenschen in Frankreich, in der EU – und in Wirklichkeit auch die meisten Leser oder Zuschauer von Sophokles’ Antigone – empören sich zu Recht über Kreons Entscheidung, die Bestattung von Antigones aufständischem Bruder zu verweigern.

Dennoch stimmen dieselben Gelehrten und Meinungsmacher darin überein, daß selbst achtzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg unzählige Grabstätten nationalsozialistischer, faschistischer, pétainistischer, ustaschischer Soldaten und anderer, die über ganz Europa verstreut sind, vor den Augen der Öffentlichkeit verborgen bleiben sollen. Ihren heutigen Nachkommen wird der Zugang zu diesen Gräbern verweigert.

Als Beispiel sei genannt: Ein katholischer Gedenkgottesdienst, der jedes Jahr am 13. Mai im österreichischen Dorf Bleiburg zum Gedenken an die Hunderttausenden kroatischen Opfer abgehalten wurde, die 1945 von den jugoslawischen Kommunisten getötet wurden, wurde vor kurzem von der österreichischen Regierung verboten, mit der Begründung, es handle sich um das „größte Treffen von Nazi-Sympathisanten in Europa“.

Die semantische Falle

Jeder macht sich auf seine eigene Weise ein Bild von Antigone. Ebenso beurteilt jeder auf seine eigene Weise die Herausforderung, die Antigone den Erlassen ihres Onkels Kreon entgegensetzt. Es muß festgestellt werden, daß jeder dieses Schicksal in seinen eigenen rechtlichen, religiösen oder politischen Bezugsrahmen einordnet, um es möglichst gut an seine vorgefaßten Werturteile anzupassen.

Ein „Rechter” wird die harten Maßnahmen Kreons loben, der verzweifelt darum bemüht war, Frieden und Ordnung in seiner von einem unmittelbar bevorstehenden Bürgerkrieg bedrohten Stadt zu gewährleisten.

Moderne antifaschistische Aktivisten oder LGBTQ+-Aktivisten, darunter Dragqueens in der Menopause, sehen dagegen in Antigones Kühnheit ein Zeichen der transsexuellen Befreiung. Das liberale System mag zwar verkünden, daß jeder Bürger vollkommen frei sei, seine Meinung zu äußern … Dennoch dürfen bestimmte zeitgenössische konventionelle Wahrheiten niemals revidiert oder infrage gestellt werden.

Obwohl es in den Vereinigten Staaten und in der EU üblich und rechtlich zulässig ist, jedes beliebige historische Detail zu dekonstruieren – insbesondere die Zahl der Opfer des Kommunismus zu vergrößern oder zu verkleinern –, muß derselbe Prozeß der Dekonstruktion tabu bleiben, sobald er sich den Opfererzählungen der Juden während des Zweiten Weltkriegs nähert. Jede Neuinterpretation oder Neubewertung dieser Erzählung stellt in nahezu allen westlichen Staaten ein Verbrechen dar.

Beispiele literarischer Aneignung gibt es zuhauf. Man empfindet Abscheu bei dem Gedanken, daß die europäischen Bürger des Mittelalters verpflichtet waren, die Füße ihrer lokalen Herrscher zu küssen. Unsere heutigen liberalen Gottheiten verlangen jedoch ebenfalls einen obligatorischen öffentlichen Kult – und einen ungleich gravierenderen dazu … Einst mußten Politiker vor ihren Herrschern niederknien; heute müssen sie vor nicht-weißen Kriminellen niederknien oder Pilgerreisen zum höchstheiligen Ort Yad Vashem unternehmen.

Die Leiden Antigones kennen kein Ende. Am 6. Februar 1944, gegen 20 Uhr, mitten in den nächtlichen Luftangriffen der Amerikaner und Briten auf Frankreich, wurde Jean Anouilhs Antigone im ›Théâtre de l’Atelier‹ in Paris aufgeführt. Trotz Stromausfällen und eisiger Kälte zog das Stück ein großes Publikum an und brachte seinem Autor das Lob der Vertreter der deutschen und der Vichy-Regierung ein, die sich im Saal befanden.

Doch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs – oder der sogenannten Befreiung Frankreichs – enttäuschte Anouilhs Antigone ihre kommunistischen Kritiker der ersten Stunde nicht: Sie machten Antigone zur wichtigsten weiblichen Figur des antifaschistischen Widerstands.

So wurde die mythische und rebellische Antigone nach 1945 zu einer antifaschistischen Galionsfigur. Sie wurde umgestaltet und zum Gegenbild der kommunistischen spanischen Heldin ›La Pasionaria‹ sowie zur Leitfigur des berühmten Schriftstellers und Trinkers Ernest Hemingway, der sich nach dem Krieg offen damit brüstete, Dutzende „deutsche Soldaten“ (snotty Krauts) erschossen zu haben.

Im Herbst 1944 war Anouilh gemeinsam mit hunderten anderer französischer Intellektueller auf der Hut, während antifaschistische Kräfte mit voller Billigung Jean-Paul Sartres (bei dem unvergeßlichen L.-F. Céline als „Jean-Baptiste Sartre“ bekannt) sowie der alttestamentarischen amerikanischen und britischen Gesetzgeber massive Säuberungswellen durchführten.

Anouilhs Talent für allegorische Handlungen und sein von Ironie geprägter literarischer Stil halfen ihm dennoch, sich durchzuschlängeln und dem Erschießungskommando der Sieger zu entkommen. Das galt keineswegs für hunderte seiner Kollegen und Weggefährten, die den Winter 1944/45 mit einem Strick um den Hals beendeten.

Das Pariser Szenario vom Ende des Jahres 1944 war lediglich eine postmoderne Neuinszenierung des Zweikampfs zwischen den beiden Brüdern Antigones, die sich bei ihrem Streben nach dem Thron gegenseitig getötet hatten. Der heute so heftig kritisierte Kult des Wokismus, die Religion der politischen Korrektheit und das Dogma der Cancel Culture, begleitet von ihren Legionen von Hypermoralisten, haben nicht erst gestern begonnen: Ihre Ursprünge reichen bis ins Jahr 1945 zurück. Oder sogar noch weiter, bis zu Sophokles’ Antigone und ihrem verhängnisvollen Vater und Bruder Ödipus

Gene als Schicksal

Unser Schicksal liegt zu einem großen Teil in unseren Genen.

Dieses Zitat des amerikanischen Molekularbiologen James Watson wirft vielleicht ein neues Licht auf Antigones Schicksal. Und zugleich ermöglicht es uns, das Verhalten und die soziopolitischen Entscheidungen von Menschen durch die Jahrhunderte besser zu erklären.

Wir können unsere Lebensweise verändern, die Nationalität wechseln, Sprachen lernen oder verlernen, aber wir können die von unseren fernen Vorfahren überlieferte DNA nicht verändern. Es ist nicht verwunderlich, daß Watsons Äußerungen bei den modernen Sozialwissenschaftlern einen Schock auslösten, die trotz empirischer Daten, die ihren utopistischen Thesen widersprechen, weiterhin ausschließlich das wirtschaftliche Umfeld zum bestimmenden Faktor menschlichen Verhaltens erklären.

Wo also ist Antigones Verhalten einzuordnen? Wenn man ihr Schicksal unter dem Gesichtspunkt ihres genetischen Erbes betrachtet, erhält das gesamte Stück eine radikal andere Bedeutung. Aus offensichtlichen politischen Gründen mußten Forschungen zu Rasse und Vererbung nach dem Zweiten Weltkrieg unterdrückt und schrittweise durch vage, neutrale, politisch korrektere Begriffe ersetzt werden – „Verhaltensgenetik“, „Evolutionsbiologie“, „Soziobiologie“ –, in einem Versuch der Rassenforscher, sich vorsorglich gegen jeden Verdacht des Rassismus oder „Nazismus“ abzusichern.

Zur Erinnerung: Antigone stammte aus einer Blutsverwandtschaft; ihr Vater Ödipus war der Ehemann ihrer Mutter Iokaste. Antigone und ihr Vater Ödipus, den sie bis zu seinem tragischen Tod treu begleitet hatte, waren von derselben Mutter geboren. Ihr tragisches Schicksal, das aus der inzestuösen Verbindung zwischen ihrem Vater und Bruder Ödipus und ihrer Mutter Iokaste hervorging, war seit dem Tag ihrer Geburt besiegelt.

Es ist, gelinde gesagt, unaufrichtig, daß Antigones genetische Konstitution bei der Analyse ihres rebellischen Verhaltens nie untersucht wurde. Ob man es will oder nicht, Kriminalität und Vererbung sind eng miteinander verflochten, insofern rezessive „Kriminalitätsgene“ eines oder beider Elternteile die entfernte künftige Nachkommenschaft ins Verderben führen können.

Diese Beobachtungen stammen aus den Schriften namhafter deutscher Ärzte, die sich mit Kriminalität und Vererbung beschäftigten und außerdem ein Programm vorgeschlagen hatten, das natur- und sozialwissenschaftliche Forschung miteinander verbinden sollte. Dies ist kaum das Fachgebiet, das den Professoren und Aposteln der heutigen „Kaviar-Linken“ gefällt:

Und niemand kann leugnen: Die auf Biologie und Sozialwissenschaft basierende Psychopathologie steht der experimentellen Physik viel ferner als der Sozialwissenschaft. (Friedrich Stumpfl, ›Verbrechen und Vererbung‹, Monatsschrift für Kriminalbiologie und Strafrechtsreform, 1938, Heft 1).

Bei jedem Regimewechsel vollzieht sich unweigerlich ein Wandel der politischen Dogmen. Bei jedem Umbruch muß die neue herrschende Klasse neue „Paradigmen“ hervorbringen, um ihre vorherrschende Ideologie zu legitimieren. Es bleibt abzuwarten, inwieweit die griechischen Tragödien heute mit der viel diskutierten Frage nach den Naturgesetzen im Verhältnis zum Rechtspositivismus in der modernen Rechtswissenschaft vereinbar sind.

Die Durchsetzung universeller Rechte und der Gleichheit der Rassen gegenüber allen Völkern der Erde hat bislang nur dürftige positive Auswirkungen auf die Gewährleistung eines dauerhaften multiethnischen Zusammenlebens oder des Weltfriedens gehabt. Ein Ureinwohner Borneos oder Sumatras hat eine ganz andere Vorstellung von Naturrecht und den daraus abgeleiteten Menschenrechten als ein Händler aus Queens oder der Vendée.

Ein Amerikaner palästinensischer Herkunft wird eine andere Auffassung vom Naturrecht und von der zugrunde liegenden Gerechtigkeit haben als ein jüdischer Amerikaner. Ein afroamerikanischer Staatsanwalt, der ein Gerichtsverfahren gegen einen weißen amerikanischen Angeklagten führt, wird aller Wahrscheinlichkeit nach andere Anträge und Forderungen stellen als ein Strafverteidiger, der seinen weißen Mandanten vertritt.

Das angloamerikanische common law rühmt sich – im Gegensatz zum europäischen Zivilrecht der Überlegenheit der ‹Grand Juries‹–, wenn es darum geht, ein endgültiges Urteil zu fällen. Wenn jedoch eine Jury zu mehr als der Hälfte aus nichtweißen oder gemischtrassigen Geschworenen besteht, ist es unwahrscheinlich, daß der weiße Verdächtige freigesprochen wird.

Die multiethnischen Vereinigten Staaten und ihr Protektorat, die multiethnische EU, kopieren zunehmend die Politik des Justizapparats des ehemals kommunistischen Osteuropas und der Sowjetunion, wo das Urteil gegen politische Dissidenten bereits feststand, bevor der Prozeß überhaupt begonnen hatte.

Eine gute Seite an Antigones Charakter: Sie machte sich keine Illusionen über ihr Schicksal. Sie wußte von Anfang an, daß ihre Abstammung sie dazu bestimmte, jung zu sterben, und daß sie keine Erlösung erwarten konnte. Weder von den Menschen noch von den Göttern.

Quellehttps://www.terreetpeuple.com/guerre-culturelle-reflexion-20/81-decryptage/11770-antigone-fatale-guerre-juridique-contre-heredite-maudite-par-tomislav-sunic.html

Das kroatische Bleiburg

Die Vernichtung der Volksdeutschen und deutscher Kriegsgefangener in Jugoslawien, 1945–1953

Die Anatomie des modernen Totalitarismus