Hermann Hesse

Gemeinsamkeit, sagte Demian,
ist eine schöne Sache.
Aber was wir da überall blühen sehen, ist gar keine.
Sie wird neu entstehen, aus dem Voneinanderwissen der Einzelnen, und sie wird für eine Weile die Welt umformen.

Was jetzt an Gemeinsamkeit da ist, ist nur Herdenbildung.

Die Menschen fliehen zueinander, weil sie voreinander Angst haben – die Herren für sich,
die Arbeiter für sich, die Gelehrten für sich!
Und warum haben sie Angst?
Man hat nur Angst, wenn man mit sich selber nicht einig ist. Sie haben Angst, weil sie sich nie zu sich selber bekannt haben.

Eine Gemeinschaft von lauter Menschen,
die vor dem Unbekannten in sich selber Angst haben!

Sie fühlen alle, daß ihre Lebensgesetze nicht mehr stimmen, daß sie nach alten Tafeln leben, weder ihre
Religionen noch ihre Sittlichkeit, nichts von allem ist dem angemessen, was wir brauchen.
Hundert und mehr Jahre lang hat Europa bloß noch studiert und Fabriken gebaut!

Sie wissen genau, wieviel Gramm Pulver man braucht,
um einen Menschen zu töten, aber sie wissen nicht, wie man zu Gott betet,
sie wissen nicht einmal, wie man eine Stunde lang vergnügt sein kann.

Sieh dir einmal so eine Studentenkneipe an!
Oder gar einen Vergnügungsort, wo die reichen Leute hinkommen!
Hoffnungslos! – 
aus alledem kann nichts Heiteres kommen.

Diese Menschen, die sich so ängstlich zusammentun,
sind voll von Angst und voll von Bosheit, keiner traut dem andern.

Sie hängen an Idealen, die keine mehr sind, und steinigen jeden, der ein neues aufstellt.
Ich spüre, daß es Auseinandersetzungen gibt. Sie werden kommen, glaube mir,sie werden bald kommen!

Natürlich werden sie die Welt nicht verbessern.
Ob die Arbeiter ihre Fabrikanten totschlagen, oder ob Rußland und Deutschland aufeinander schießen,
es werden nur Besitzer getauscht.

Aber umsonst wird es doch nicht sein.
Es wird die Wertlosigkeit der heutigen Ideale dartun, es wird ein Aufräumen mit steinzeitlichen Göttern geben.

Diese Welt, wie sie jetzt ist, will sterben,
sie will zugrunde gehen, und sie wird es.

DEMIAN
(Auszug, Kapitel: Frau Eva)

Hermann Hesse

Quelle: Telegram, Lust auf Deutsch, @diesprachedergoetter