Pierre Chassard

 

Der flache Begriff ›MENSCHHEIT‹, völlig verschwommen, ist auch der krämerseligen Wirtschaftspraxis eigen, die ausschließlich nach ihrem verengten plutokratischen Profitdenken urteilt: Jeder Mensch ist von vorneherein dem andern gleich, weil er in Tauschbeziehungen eintreten kann, und da jede Person nur auf ihre wirtschaftliche Seite verkürzt wird, sind alle Menschen einander gleich.

Warenaustausch und wirtschaftliche Betätigung werden so in negativer Weise zu Förderern der Gleichheit und Globalisierung. In der Tat erfährt der durch die Wirtschaft beherrschte Raum in seiner egalitären Mittelmäßigkeit keinen Unterschied, der ein Hindernis für die Wirtschaftsbeziehungen bilden könnte.

Das kaufmännische Interesse verlangt, keine Unterscheidung zwischen dem Einheimischen und dem Fremden, zwischen den oikos (oikeios) und den metoikos zu treffen. Zwischen allen muß vom Gesichtspunkt des Tauschhandels, der Konsumraserei, der Gewinnmaximierung und der Vorherrschaft des reinen Wirtschaftsdenkens aus eine vollständige i s o t e s herrschen, ohne den kleinsten Unterschied.

In der warenfließenden Flächenhaftigkeit der Krämerherrschaft, wo das Haben immer mehr zählt als das Sein, sind daher die Verbrauchereinheiten von vorneherein gleichwertig und unterscheiden sich lediglich durch die Höhe ihrer Geldmittel.

Auch die Stätten der Erzeugung und ihrer Betreiber sind nur unter dem Gesichtspunkt des Gewinns, den sie liefern, unterscheidbar. Jenseits ihrer übersehenen Unterschiede sind sie machtlose Werkzeuge einer Wirtschaftsmacht, die sie, wenn nötig, von jeder Zugehörigkeit trennt, indem sie die biologischen Bande zerreißt, durch welche sie geeinigt und in ein Volk, einen Lebensraum und einen eigenen Kulturbereich eingebunden werden.

Selbst für jene, die ihre Geburtsheimat nicht verlassen, ist die Entwurzelung vollständig: In ihrer Entfremdung durch einen allmächtigen, rein wirtschaftlich ausgerichteten Händlergeist hören sie auf, wirklich sich selbst zu gehören, ent-äußert durch ein System, für das sie nur noch Mittel sind.

Diese einseitige Verfügungsgewalt, die von der Tyrannei eines zum Gott erhobenen Gewinnstrebens ausgeübt wird, verwischt auch andere Unterschiede. Die Frau, die natürlicherweise in vorwiegendem Maße den organisatorischen, erzieherischen und gefühlsmäßigen Mittelpunkt der Familie mit ihrer Nachwuchsaufgabe bildet, verkümmert zur nutzbaren Geschlechtslosigkeit als Mittel der Warenerzeugung und des Profits. Auch sie wird wie der Mann eine einfache ausbeutungsfähige Arbeitskraft, in gewissem Sinne abgeschnitten von sich selbst.

Verloren in einer künstlichen Gesellschaft, die vollständig vom Wirtschaftsleben beherrscht wird, wo die zwischenmenschlichen Beziehungen reine Äußerlichkeit sind, weil einzig von Interessen diktiert und der mathesis des Profits unterworfen, haben der eine wie die andere nur noch ein Sein als bloße Gebrauchsmittel. Ihr Wesen besteht nicht mehr aus dem Menschsein, sondern wird zum Zahnrad einer Wirtschaftsmaschinerie.

Sie stehen in der Tat ausschließlich im Dienst der WIRTSCHAFT. Aber die wirtschaftliche Händlervernunft entpersönlicht, zerstückelt, idiotisiert sie und läßt sie menschlich verkümmern. Durch eine Wertverkehrung verfälscht sie außerdem den Wert der menschlichen Wesen und der Dinge.

Aus Gemeinschaften des „Blutes”, des Ursprungs und der Geburt, die auch geistige Gemeinschaften darstellen, macht sie Gesellschaften des Handels und des Warentauschs, wo der unproduktive und marktschreierische Zwischenhandel über die Arbeit als Kunst und schöpferische Tätigkeit triumphiert.

In diesen Gesellschaften, die hochgradig kulturlose Gesellschaften sind, macht der Profit des einen umgekehrt den Schaden des andern aus. Seine andauernde gewinnsüchtige Raffgier erstickt die liebenswerte Unmittelbarkeit natürlicher Gemeinschaften. Durch seine Vorherrschaft ruft das händlerische Wirtschaftsdenken unfehlbar die Auflösung ursprünglicher Daseinsformen wie Familie und Volk hervor.

Indem es diese aus ihrem vorrangigem Bereich, der nicht unmittelbar wirtschaftlicher Natur ist, verdrängt, verdirbt es ihr innerstes Wesen und treibt die Entartung bis zu tödlichen Verirrungen: Zerreißung aller Bande der Zugehörigkeit, Zersprengung organischer Gemeinschaften in verfeindete Wirtschaftsklassen, Atomisierung natürlicher Wachstumskörper in sandkornartige Einzelteile, Entwurzelungen, Verpflanzungen, Zusammenballung von Fremden jeglicher Herkunft, Bildung zerschnittener vielrassischer Gesellschaften usw…

So wie es alle Landstriche in Plünderungsgebiete von Rohstoffen verwandelt, macht es auch die Völker zu billigen Arbeitsmarktreserven. Es strebt danach, aus der Welt ein allgemeines Chaos zu schaffen, wo keine Bevölkerung mehr eigenen Grund und Boden besitzt und wo deren Existenz fließend wird, weil es die profitorientierte Zweckmäßigkeit will.

Globalistisch in Wesen und Praxis, im Innersten unvölkisch und heimatlos, gleichgültig gegenüber dem Naturgesetz, ist das räuberkapitalistische Wirtschaftsdenken ein Krebsschaden, der die Völker zerfrißt und zerstört.

Übersetzt aus dem Französischen von Dietrich Schuler.
Beitragsbildquelle: Wikimedia Commons, Thomas Theodor Heine, ›Der Herr der Welt‹, 1924

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