Joakim Andersen
Das „woke“-Weltbild ist weitgehend präverbal und basiert auf einer Reihe von Assoziationen und Bildern, die oft mit emotionalen und libidinösen Grundlagen verbunden sind. Der Versuch, den rein verbalen/ideologischen Ausdrucksformen dieser tiefer liegenden Komplexe zu begegnen, ist zum Scheitern verurteilt, nicht zuletzt, weil dabei der Aspekt der Psychopathologie übersehen und „Woke“ nicht als emotionales Belohnungssystem verstanden wird, sondern als etwas, das einer eigenen Logik folgt, jedoch als irrational interpretiert wird.
Ein Beispiel hierfür ist der Satz „sie wollen doch nur ein besseres Leben“, ein Satz, der im Zusammenhang mit der Migranteninvasion im spanischen Ceuta in den letzten Tagen wiederholt wurde. Die Invasion ist an sich interessant, nicht zuletzt geopolitisch, da sie die Unvereinbarkeit amerikanischer und europäischer Interessen bestätigt, aber alles hat seine Zeit, und daher liegt der Fokus heute auf dem Ideenkomplex, den der Satz „besseres Leben“ zusammenfaßt.
„Sie wollen doch nur ein besseres Leben“ wird als Gegenargument verwendet, wenn Einwanderungskritiker sich gegen die Invasion sowohl von Ceuta als auch des Abendlandes wenden. Die Argumentation lautet, daß es natürlich sei, wenn arme Menschen in reiche Länder gelangen wollen, und daß dies legitim sei. „Du hättest in ihrer Situation dasselbe getan“ ist dabei der Subtext.
Der betreffende Ideenkomplex beruht auf einer Reihe von Annahmen über die Welt, vor allem über den Wohlstand des Westens, das Fehlen von Klassen und die mangelnde Leistungsfähigkeit von Nicht-Europäern.
Die erste Annahme ist ebenso leicht nachvollziehbar wie unbewußt: Man geht davon aus, daß der Westen so reich ist, daß es die Möglichkeit und den Spielraum gibt, alle „woke“-Projekte ohne Konsequenzen zu verwirklichen. Die Masseneinwanderung beispielsweise aus Marokko ist nur eines dieser Projekte, die wir uns leisten können. Daß eine marxistische Analyse, ausgehend von dem praktischen Begriff Produktionsweise, nahelegt, daß der Bedarf an ungelernten Arbeitskräften heute begrenzt ist, beeindruckt diejenigen nicht, die diese Annahme teilen; „falsche Produktionsweise“ ist ein verbales Argument, die wirtschaftliche Unverwundbarkeit und das Füllhorn des Westens sind ein präverbales Bild.
Die zweite Annahme ist ebenso wenig marxistisch wie die erstgenannte. In der „woke“-Weltanschauung spielen Klassenunterschiede sowohl in der Ersten als auch in der Dritten Welt eine äußerst begrenzte Rolle. Daß es in Europa arme oder kranke Menschen gibt, die ein konkretes Interesse daran haben, kostspielige Masseneinwanderung zu verhindern, ist den „Woke“-Anhängern ebenso fremd wie die Tatsache, daß sich die meisten wirklich armen und bedürftigen Menschen in der Dritten Welt die Reise nach Europa nicht leisten können. „Woke“ zu sein bedeutet stattdessen, die Welt durch Dichotomien wie „weiß/schwarz“ und „Rassist/Woke“ zu interpretieren.
Die dritte Annahme ist vielleicht diejenige, deren Untersuchung am fruchtbarsten ist. „Sie wollen doch nur ein besseres Leben“ geht von zwei „rassistischen“ Annahmen aus. Erstens, daß Länder der Dritten Welt nicht in der Lage sind, reich zu werden oder ein besseres Leben zu bieten. „Woke“ zu sein bedeutet, zwischen der Betrachtung dieser Länder als wahrhaft höllisch – vergleiche Trumps Begriff „shithole countries“ – und der Betrachtung als ethisch und kulturell überlegen gegenüber ihren europäischen Pendants zu schwanken, ganz davon abhängig, wogegen oder wofür man als „Woke“ argumentiert. Zweitens geht das Argument rund um das „bessere Leben“ davon aus, daß Nicht-Europäer keine moralische Handlungsfähigkeit und keine kognitiven Fähigkeiten besitzen. Von ihnen kann nicht erwartet werden, daß sie ein „Nein“ verstehen oder respektieren, zum Beispiel ein „Nein“, das durch hohe Zäune zum Ausdruck gebracht wird. Daß sie in Europa nicht willkommen sind, wird nicht als etwas angesehen, womit sie sich auseinandersetzen müßten, da sie Zugang zu den Ressourcen der europäischen Völker haben wollen (hier ahnen wir übrigens den Nachteil, wenn man als Einwanderungskritiker nicht über kollektives Eigentum argumentiert und nicht ausdrücklich zum Ausdruck bringt, daß „Schweden das Eigentum der Schweden ist“).
Interessant ist, dass auch die „Woke“-Bewegung nicht der Ansicht ist, daß dieses „Nein“ respektiert werden muß, was uns einen Eindruck davon vermittelt, wie sie die Rechte und die Zukunft der europäischen Völker einschätzen. Interessenkonflikte zwischen dem „besseren Leben“ von Nicht-Europäern und der Lebensqualität nicht privilegierter Europäer werden geleugnet, um ersterem Vorrang einzuräumen.
Das emotionale Konstrukt, das im Zusammenhang mit dem Narrativ der „Flüchtlinge“ geschaffen wurde, wird durch das Narrativ von „einem besseren Leben“ weitergeführt. Das bedeutet einerseits einen teilweisen Rückzug, denn die meisten sind sich heute bewußt, daß es sich nicht um Flüchtlinge im herkömmlichen Sinne handelt. Andererseits bedeutet dies aber auch, daß der Bedarf an demokratischer Legitimität abgenommen hat; das Projekt wird fortgesetzt, obwohl die Debatte verloren wurde.
Dahinter stehen offensichtliche realpolitische und wirtschaftspolitische Interessen: Das Masseneinwanderungsprojekt untergräbt eine ältere Gesellschaftsform mit einer gewissen Beteiligung des Volkes und der Forderung nach Rechten und ersetzt sie durch eine für viele Eliten wünschenswertere Gesellschaftsform.
Gleichzeitig läßt sich bei den treibenden Kräften, nicht zuletzt im „Woke“-Projekt, eine Psychopathologie mit Anzeichen von Ressentiment gegenüber der eigenen Gruppe erkennen. Der Wunsch, die eigene Gruppe benachteiligt und zurückgedrängt zu sehen, deutet zudem auf libidinöse Aspekte hin, indem bestimmte Außengruppen als vitaler/authentischer angesehen werden.
Diese tiefer liegenden Triebkräfte sind die Konstante; sie sind auch die Erklärung für offensichtliche Widersprüche wie den, daß Marokkos Anspruch auf Ceuta als „Blut und Boden“ bezeichnet wird, während Andeutungen über das Recht der Europäer auf Europa als „Rassismus“ abgetan werden.
Hinter den Widersprüchen auf der verbalen und ideologischen Ebene finden wir Grundeinstellungen auf einer tieferen, emotionalen Ebene, und diese sind Ressentiments gegenüber den europäischen Völkern und die Sichtweise auf Nicht-Europäer als vitale Ersatzvölker („edle Wilde“).
Der Versuch, den nachträglichen Konstruktionen und Argumenten zu begegnen, ohne die zugrunde liegende Psychopathologie zu erkennen, ist zum Scheitern verurteilt.
