Francesco Petrone
Als 1918 der erste Band von Oswald Spenglers ›Der Untergang des Abendlandes‹ erschien, hatte Deutschland gerade den Krieg verloren. Der deutsche Philosoph und Historiker, damals noch weitgehend unbekannt in der breiten Öffentlichkeit, läßt verlauten, daß nicht ein Krieg verloren wurde, sondern dass sich eine ganze Zivilisation im Wandel befindet. Wittgenstein schätzt ihn, Walter Benjamin liest ihn.
In Italien übersetzen Bernedetto Croce und Julius Evola sein Werk, da es als unverzichtbar gilt. Akademische Historiker verabscheuen ihn wegen seiner biologischen Ansätze und seiner übersteigerten Intuition. Die Vorstellung, daß Zivilisationen Organismen seien, die entstehen und dazu bestimmt sind, wie Pflanzen zu sterben, galt für den progressiven Historizismus jener Zeit als Ketzerei.
Spengler sah den Cäsarismus voraus und danach die Herrschaft des Geldes und der Massenmedien, Vernichtungskriege und geistige Erschöpfung. In zeitgemäßeren Begriffen machte er deutlich, daß sich die innere Triebkraft erschöpfte. Für die aufklärerische, später marxistische und schließlich progressiv-amerikanische Schule ist die Geschichte eine Art Pfeil: vom Primitiven zum Zivilisierten, vom Wilden zum Technologischen.
Je mehr Zeit vergeht, desto mehr schreiten wir voran, und wir sind immer noch wir selbst, nur besser. Spengler bestreitet all dies. Die Geschichte ist keine gerade Linie, sondern besteht aus Zivilisationen, die wie Lebewesen geboren werden, blühen und sterben, und jede hat ihren eigenen Frühling, Sommer, Herbst und Winter.
Herder hatte gesagt, daß jedes Volk ein vollendeter Organismus mit seinem eigenen Geist sei und keine bloße Etappe auf dem Weg zu unserer Zivilisation. Spengler greift diese Idee auf und fügt hinzu, daß Zivilisationen ebenso wie jeder Organismus entstehen und vergehen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg verschwindet der Denker aus dem, was wir als institutionelle Kultur bezeichnen, aufgrund seines Konservativismus und seines Pessimismus, die für den Wiederaufbau nicht förderlich waren. Der Westen scheint tatsächlich in den beschriebenen Winter eingetreten zu sein, mit Megastädten, zweckloser Technik und Geld als einziger universeller Sprache. Dies ist dieselbe Beschreibung, die Fritz Lang in ›Metropolis‹. Es sind die Jahre, in denen Aldous Huxley den dystopischen Roman ›Schöne neue Welt‹ schreibt. Es ist keine Angst vor einer Diktatur, sondern vor der Moderne an sich.
Spengler beschreibt verschiedene Arten von Zivilisationen mit jeweils eigenen Merkmalen. Allen zugrunde legt er jedoch etwas Urtümlicheres, das er als „pflanzliche Seele” bezeichnet. Es wäre die „blinde” Schicht, die weder will noch denkt noch plant. Sie existiert einfach und ist verbunden mit dem Blut, der Erde, dem Rhythmus der Jahreszeiten, dem Geborenwerden und Sterben ohne Warum. Kultur ist für Spengler wie eine Pflanze: Sie entsteht aus einer Landschaft, wächst, blüht, verwelkt.
Spengler sagte, daß es vor der tierischen Seele, die sich bewegt und will, und vor der geistigen Seele, die denkt, eine Intelligenz gibt, die kein Ich benötigt. Eine Weisheit des Verwurzeltseins, des Spürens der Feuchtigkeit, die das Blatt in Richtung Sonne sich wenden läßt. Diese kühne Behauptung von vor einem Jahrhundert scheint heute wissenschaftlich bestätigt zu sein durch das, was Levin und Lyon als „basale Kognition“ bezeichnen. Die Entscheidungsfindung ohne Gehirn, ein Gedächtnis ohne Neuronen, Zielstrebigkeit ohne Bewußtsein.
Das Geniale an Spengler ist, daß er dies nicht als primitive Intelligenz betrachtete, also als grobe Version unserer eigenen. Er sah darin etwas Tieferes. Der faustische Mensch, der den Mars erobern will, ist lautstark, aber fragil, vergänglich. Die Pflanze, die stillhält und weiß, wann Frühling ist, hält tausend Jahre.
Spengler fand bei bestimmten Traditionalisten Anklang, denn wenn die faustische Vernunft in die Leere führt, liegt der Ausweg vielleicht nicht darin, noch weiter voranzuschreiten, sondern eine Ebene tiefer zu gehen, zur Seele zurückzukehren.
Was die Biologie heute im Labor entdeckt, ist, daß eine Zellkolonie den Weg durch ein Labyrinth finden kann. Spengler hatte dies bereits als Philosophie der Geschichte intuitiv erkannt. Die Pflanze denkt, aber anders als wir. Die „basale Kognition“ war keine einzigartige Entdeckung, sondern ein neuer Name für eine ältere Idee, die sich nun endlich konkretisiert hat.
Im Juni 2018 schlug die australische Biologiephilosophin Pamela Lyon am Konrad-Lorenz-Institut in Österreich vor, all dies als „Basal Cognition“ zu bezeichnen. Michael Levin, ein Biologe, der seit Jahren an der Bioelektrizität von Geweben forschte, verwendete den Begriff erstmals in einer Veröffentlichung aus dem Jahr 2019. Im März 2021 erschien die Veröffentlichung, die als akademische Geburtsurkunde dieses Forschungsgebiets gilt.
Andere Wissenschaftler hatten zuvor bereits den Weg dafür geebnet. Als Intuition war die Theorie bereits 20 Jahre alt. Spengler nannte sie 1918 „pflanzliche Seele“. Die Wissenschaft bezeichnet sie seit 2018 als „basale Kognition“. Genau hundert Jahre später, um dasselbe mit Laborinstrumenten zu sagen. Es war kein einzelner Beweis, sondern eine Reihe von Experimenten, die Stück für Stück die Vorstellung widerlegt haben, daß man ein Gehirn braucht, um intelligent zu sein. Es ist eine Wahrheit, die viele Gewissheiten ins Wanken bringt und in ihrer Bedeutung der Entdeckung des heliozentrischen Weltbildes gleichkommt.
Heute wissen wir, daß sich ein Bakterium an Zucker erinnert und auf ihn zuschwimmt. Es handelt sich nicht um einen mechanischen Reflex, denn es vergleicht, was es eine halbe Sekunde zuvor wahrgenommen hat, mit dem, was es jetzt wahrnimmt. Es verfügt über ein biochemisches Gedächtnis. Es ist Wahrnehmung, Erinnerung und Entscheidung. Ohne ein einziges Neuron.
Im Jahr 2000 setzte Nakagaki an der Hokkaido-Universität einen schleimigen Schimmelpilz ohne Gehirn in ein Labyrinth, an dessen beiden Enden Nahrung bereitstand. Der Schimmelpilz probiert nicht einfach im Zufallsprinzip, sondern wägt ab und optimiert sein Verhalten. Die Mimose schließt ihre Blätter, wenn man sie fallen läßt. Wird der Sturz wiederholt, hört sie nach 5–6 Malen auf, sich zu schließen. Sie hat verstanden, daß es nicht gefährlich ist: Gewöhnung, die grundlegendste Form des Lernens. Und wenn sie durch einen neuen Reiz erschüttert wird, schließt sie sich sofort wieder – sie ist also nicht erschöpft, sondern hat tatsächlich gelernt. Und sie erinnert sich 28 Tage lang daran.
Danach folgt Levins Versuch, bei dem er einem Plattwurm den Kopf abschneidet. Der Plattwurm bildet einen neuen Kopf. Vor dem Abschneiden hatte man ihm beigebracht, ein Licht zu meiden, das mit einem Stromschlag assoziiert war. Der neue Kopf, der diese Erfahrung nie gemacht hat, erinnert sich dennoch daran, das Licht zu meiden. Wo befand sich das Gedächtnis? Es war in der Spannung des Gewebes gespeichert.
Entweder erweitern wir also die Definition von Kognition, oder wir müssen sagen, daß ein Schimmelpilz genauso intelligent ist wie eine Maus, wenn es darum geht, ein Labyrinth zu bewältigen. Es ist erwiesen, daß Intelligenz dem neuronalen System, dem, was wir Gehirn nennen, vorausgeht. Das scheint der endgültige Todesstoß für die positivistische Lehrmeinung zu sein.
Die klassische These, von Cabanis über Vogt bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts: Das Gehirn scheidet Gedanken aus, so wie die Leber Galle absondert. Die Seele ist nichts anderes als ein Epiphänomen des Gehirns. Nimmt man das Gehirn weg, ist alles weg. Doch wenn Lernen, Gedächtnis und Entscheidungsfindung auch ohne ein einziges Neuron möglich sind, kann man nicht mehr behaupten, daß das Gehirn die Kognition erzeugt. Es bündelt sie höchstens.
Zudem befindet sich das Bewußtsein nicht im Gehirn – das zeigen die Grenzfälle. Parnia entdeckt bewußte Aktivität bei flachem EEG während eines Herzstillstands. Die Kinder von Shewmon mit Hydrozephalus, die fast keine Großhirnrinde haben, lachen ihre Mutter an und zeigen eine Vorliebe für Musik. Nach dem Modell „Gehirn gleich Seele“ müßten sie im Wachkoma liegen, stattdessen zeigen sie Zuneigung.
Professor Faggin behauptet, daß ein Computer, selbst wenn er so groß wie eine Stadt wäre, nichts empfinden würde, da er nur Befehle ausführen kann. Das Bewußtsein ist nicht berechenbar, es ist nicht algorithmisch. Wäre das Bewußtsein wie eine Software im Gehirn, müßten wir es mit einem ausreichend komplexen Algorithmus nachbilden können. Das gelingt uns nicht, weil es laut Faggin nicht dort ist.
Der Positivismus hat also den Behälter mit dem Inhalt verwechselt. Das ist so, als würde man sagen, die Musik sei im Radio, weil man keine Musik mehr hört, wenn man das Radio kaputtmacht. Das Gehirn wäre nur Antenne und Verstärker, kein Erzeuger. Wenn wir das Radio wegnehmen, beseitigen wir die lokale Manifestation der Musik, aber die Übertragung bleibt bestehen.
Das führt uns zurück zu Spengler, der jene Seele als faustische Seele bezeichnete, die das Unendliche im Raum sucht, der aber wußte, daß davor die magische und die apollinische Seele kamen, die alle mit einem anderen Körper verbunden waren. Er sagte nie, daß die Seele das Gehirn sei. Er sagte, daß jede Kultur ihren eigenen Körper und ihre eigene Seele habe, die zueinander gehören.
Der nächste logische Schritt ist das, was Federico Faggin zu formalisieren versucht. Levin und Lyon haben gesagt, daß die Intelligenz dem Gehirn vorausgeht. Man braucht kein Gehirn, um zu entscheiden, sich zu erinnern oder vorauszusehen. Intelligenz ist also kein Produkt des Gehirns, sondern eine Eigenschaft des Lebens, die das Gehirn nutzt und verstärkt. Faggin sagt, daß das Bewußtsein der Intelligenz vorausgeht. Seiner Ansicht nach ist es ein Irrtum zu glauben, das Bewußtsein sei Intelligenz, die durch Komplexität gesteigert wird. Für ihn ist das Bewußtsein primär, es ist ein grundlegendes Quantenfeld, nicht algorithmisch, nicht berechenbar. Er nennt es „Seity“, abgeleitet vom lateinischen „seitas“, das eigene Sein, das bewußte Wesen, das weiß, daß es bewußt ist.
Intelligenz, selbst in ihrer grundlegendsten Form, ist die Art und Weise, wie ein Organismus das Bewußtsein nutzt, um zu erkennen – sie erzeugt es nicht. Faggin verwendet die Metapher der Elektrizität, die schon vor der Glühbirne existierte. Die Glühbirne erzeugt keine Elektrizität, sondern wandelt sie in Licht um. Das Gehirn erzeugt kein Bewußtsein, sondern wandelt es in bewußte Erfahrung um.
Wenn die „basale Kognition” zeigt, daß intelligentes Verhalten auch ohne Neuronen möglich ist, versucht Faggin zu zeigen, daß bewußte Erfahrung auch ohne klassische Berechnung möglich ist. Die basale Intelligenz entzieht dem Gehirn das Monopol auf Intelligenz. Faggin entzieht dem Gehirn – verglichen mit einem Rechner – das Monopol auf das Bewußtsein.
Wenn sich ein System ohne Gehirn mithilfe von Bioelektrizität und chemischen Signalen intelligent verhält, hat ein System mit oder ohne Gehirn das Gefühl, zu existieren. Faggin erklärt, daß das Bewußtsein nicht erzeugt, sondern wahrgenommen wird. Levin untersucht, wie eine Zelle entscheidet; Faggin untersucht, warum es jemanden gibt, der diese Entscheidung wahrnimmt.
Wenn Levin recht hat, hatte Spengler recht mit seiner These von der pflanzlichen Seele, die entscheidet.
Wenn Faggin recht hat, hatte Spengler noch mehr recht: Diese „pflanzliche Seele” entscheidet nicht nur, sondern spürt auf ihre Weise, daß sie lebt – lange bevor sich der Mensch fragte, was das Fühlen ist.
Quelle: https://totapulchra.news/lanima-vegetale-spengler-la-cognizione-basale-e-la-fine-del-monopolio-del-cervello/
›Metropolis‹ Subliminal – Geheime Botschaften an unsere Zeit

„Das Blut sich wenden lässt(…)“
Niemand hat eine Ahnung, was im Innern des Baumes vor sich geht und warum das Wasser, entgegen allen mechanischen Gesetzen, mit seinen Stoffen in den Kapillaren der Bäume hochsteigen kann. Die einen sprechen von osmotischem Druck, die anderen von einer Reizung der Wurzelpartien, alle zusammen sind sich darüber klar, daß es letzten Endes die Sonne schafft. Unklar ist jedem einzelnen nur das „Wie“. (aus Viktor Schauberger- Unsere Sinnlose Arbeit, der Wald)
„Adern sind Kraftgänge der Sterne.“
Jakob Böhme (1575- 1624)
Jeder Mensch soll seinen Verstand einschalten, bevor der Verstand den Menschen ausschaltet.
Mit dem Verstand glauben und mit dem Herzen geben.
Die höchste Verstandesebene ist der Glaube.
Der Mensch soll nur endlich mal verstehen, woran er glaubt, sein Warum(!), dann weiß er auch endlich, was ihn zieht und was ihn schiebt.
„(…) Und bin so klug als wie zuvor.“
Warum steht wohl auf der Spitze jeden Berges immer das Gipfelkreuz?!
Johannes 4,22
„Ihr betet an, was ihr nicht kennt; wir beten an, was wir kennen; denn das Heil kommt von den Juden.“