Wer schon einmal einem Kind etwas erzählt hat Märchen, Legenden oder andere Geschichten –, konnte dabei dessen angeborenen „Konservatismus“ erfahren, der es dazu bringt, mit geradezu obsessiver, beinahe manischer Akribie auf die Treue zur ursprünglichen Erzählung und deren innere Folgerichtigkeit zu achten, auf die gewissenhafte Einhaltung des überlieferten Handlungsverlaufs – und dementsprechend sein unverhohlenes Mißfallen über jede Abweichung oder Veränderung der Handlung, der Personen und der Geschehnisse zu bekunden: sei es, daß diese auf eine Gedächtnislücke zurückgeht, sei es, daß der Erzähler aus eigenmächtigem, einseitigem Bedürfnis nach Veränderung und Originalität davon abweicht.
Und dies führt uns direkt zu der fiktiven Unterscheidung zwischen gebildeten Traditionen und Volkstraditionen, unveränderlichen Prinzipien und allgemeiner – wobei somit auch die Folklore selbst in diesen Bereich fällt –, da die traditionellen Überlieferungen sowohl vom Volk als auch von gebildeten Menschen bewahrt und weitergegeben werden.
Mit dem Unterschied allerdings, daß diese Überlieferung, wenn sie jenen anvertraut wird, die Guénon die Gelehrten nannte, der Gefahr ausgesetzt ist, verfälscht zu werden: „Solche Überlieferungsinhalte laufen Gefahr, von den Gebildeten verändert zu werden, denn diese neigen mehr oder weniger stets dazu, ihre eigenen Interpretationen hineinzumischen.“ Und hier ist es wahrlich angebracht zu sagen: Lieber Analphabeten als übermäßig Gebildete!
Denn die „Studierten“, die in den meisten Fällen der modernen Wissenschaft ergeben sind und damit vor allem ihren evolutionistischen Tendenzen und der daraus hervorgegangenen Erfindung des Fortschritts, neigen dazu, in dem eine Verbesserung zu erblicken, was in Wirklichkeit nichts anderes als beklagenswerte Entartungserscheinungen sind. Sie gelangen schließlich dahin, selbst den Mangel an Selbstbeherrschung, die Preisgabe jeglicher Disziplin, den Verlust der Charakterfestigkeit und die Abkehr von einer nüchternen und rechtschaffenen Lebensführung positiv zu bewerten. Alles Dinge einer vergangenen Zeit, unvereinbar mit dem vermeintlich unaufhaltsamen Fortschrittsschicksal der Menschheit.
So schreiben sie dem vermeintlichen Rebellen und dem gelegentlichen Protestler jene Eigenschaften zu, die in Wahrheit demjenigen eigen sind, der frei sein will, um mit dieser Freiheit etwas anzufangen, um sie für ein höheres Gut einzusetzen, um sich der Transzendenz zu öffnen und alles zu überwinden, was lediglich menschlich ist.
Und es ist gewiß kein Zufall, daß es Männer wie Seneca, Marc Aurel, Cicero, Platon, Epiktet oder Pythagoras waren, die sich zu Verkündern der grundlegenden Werte eines erfüllten und wahrhaftigen Daseins machten – wobei wir uns hier auf die klassische Welt beschränken und die Weisheit des Ostens der Kürze halber beiseitelassen.

Marcus Tullius Cicero
Diese Männer haben wahrlich herzlich wenig gemein mit jener erbärmlichen und diskreditierten Gestalt des modernen, dem Bürgertum entstammenden Intellektuellen, die sich in unserer Zeit durchgesetzt hat: charakterlich substanzlos und von lästiger Eitelkeit erfüllt, darauf bedacht, die profane Bildung an die Stelle der Weisheitslehren zu setzen, sentimentale Verwicklungen und sexuelle Geschichten an die Stelle der Wege innerer Formung, existentiellen Ruin an die Stelle der Vollendung der Persönlichkeit.
In ihren Werken räumen diese Intellektuellen vorzugsweise jenen problematischen Gestalten einen Ehrenplatz ein, mit denen sich Psychiatrie und Psychoanalyse beschäftigen, und erheben sie zu existentiellen Vorbildern, denen man nacheifern und seine Verehrung erweisen soll.
Auf diese Weise erregen sie eine instinktive Abneigung bei den einfachen Menschen von edler Gesinnung, beim Bauern ebenso wie beim Aristokraten – vorausgesetzt, daß es von beiden überhaupt noch welche gibt! –, die sich dadurch veranlaßt sehen könnten, die Pistole oder ersatzweise das Jagdgewehr als Lesezeichen und Instrument der Literaturkritik für deren literarische Ergüsse zu verwenden.
Im übrigen ist der Mut, die Dinge weiterhin bei ihrem Namen zu nennen – und damit auch den Erwartungen des „zuhörenden Kindes“ gerecht zu werden –, zumindest auf literarischem Gebiet das Vorrecht einiger weniger Autoren und freier Männer geblieben. Männer, die der nach dem Zweiten Weltkrieg etablierten Kultur – die von den Kommunisten an der Hand geführt wurde – nicht wenige Verlegenheiten und unlösbare Gewissenskonflikte bereitet haben.
Autoren wie Ezra Pound oder Louis-Ferdinand Céline, um uns auf die „skandalösesten“ zu beschränken, die ohne Verfälschungen, ohne Umschweife und ohne dialektische Kunstgriffe das wahre Antlitz und die letzten Konsequenzen der uneingeschränkten Herrschaft der Wucherer und ihrer Gefolgschaften und Cliquen unterschiedlicher Herkunft sichtbar machten.

Ezra Pound
