Imke Thomas

 

Der alte germanische Begriff des „Heils“ ist lebensbejahend, auf das Sein und Handeln des Menschen im Diesseits gerichtet. Er wurde durch das Christentum im Wort „heilig“ zu einem lebensabgewandten, auf das „Jenseits“ gerichteten Begriff umgewertet. Demgegenüber ist die dem Leben dienende, die „heilige Aufgabe der Deutschen“ wieder im alten, ursprünglich aufwertenden Sinne gemeint.

[…]

Sprachlich gesehen hat das Wort „heil“ in allen germanischen Völkern die gleiche Bedeutung. Nach Ernst Wasserzieher, dem bekannten Sprachforscher zu Beginn unseres Jahrhunderts, bedeutet „heil“ unversehrt, unverletzt, vollständig, gesund, ganz und hatte schon im Althochdeutschen, dann im Mittelhochdeutschen die gleiche Bedeutung und Schreibweise wie jetzt:

Im Gotischen – hail, im Angelsächsischen (bis 1100) – häl (englisch – whole), im Altnordischen /Isländischen – heill, im Friesischen – halik, was auch „hoch“ bedeutet, z.B. im Wort „Hallig“ noch erhalten.

Die Namen „Hilligenlei“, Helgoland, kommen ebenso aus dem Friesischen und bedeuten „Heiliges Land“. Das gotische „hails!“, das angelsächsische „wes häl!“, das altnordische „ves heill!“ ist unser „Heil Dir!Heil Euch!“ – ein Gruß aus germanischer Zeit und doch so unmittelbar lebendig und unser Innerstes berührend.

Fast wagt man gar nicht, neben diesen alles umschließenden Wunsch den international gebräuchlichen, nichtssagenden Anruf „Hallo“ zu stellen, und sei es nur, seinen Gebrauch zu geißeln. Obwohl aus derselben Sprachwurzel kommend, ist er in erschreckender Weise seelenlos und leider mittlerweile in unserer Zeit zur gängigen Begrüßungsformel geworden.

Das Begriffspaar Heil – Unheil kennzeichnet auch im jetzigen deutschen Sprachgebrauch den großen Gegensatz: Hier die heilige Ordnung – dort die heillose Unordnung, aus der Unheil erwächst. Hier die heilsame Ruhe – dort die heillose Unruhe, die zur Verwirrung führt.

Die Sprachform „Heiland“ ist ein altes Partizip zu heilen – der Heilende, mittelhochdeutsch, althochdeutsch, altnordisch – Heilant, altniedersächsisch – Heliand.

Entsprechend dazu: Freund, Verwandter – friunt, von gotisch – frijönlieben. Feind – althochdeutsch – flant von gotisch fijemhassen. Welche bewußte Begriffsverwirrung, den „Heiland der Welt“ ausgerechnet aus germanischen Sprachformen erstehen zu lassen!

Die Erarbeitung des Schrifttums über den germanischen Heilsbegriff hat gezeigt, daß sowohl Adolf Helbok in ›Deutsche Volksgeschichte‹, als auch Sigrid Hunke in ›Europas eigene Religion‹, Hans F. K. Günther in ›Frömmigkeit nordischer Artung‹, Friedrich Murawski in ›Das Gott, Umriß einer Weltanschauung aus germanischer Wurzel‹, übereinstimmend die Forschungsergebnisse des Dänen Vilhelm Grønbech übernommen haben. Dieses umfassende Werk von Grønbech ›Kultur und Religion der Germanen‹ gibt wahrlich einen tiefen Einblick in die Welt unserer Vorfahren.

Otto Höfler, der Herausgeber der deutschen Ausgabe, schreibt dazu 1937:

Die Forschungen Grønbechs sind ihrer Zeit weit vorausgeeilt – und auch heute sind sie noch einzig in ihrer Art, denn Grønbech unternimmt es, die fast unabsehbar vielgestaltigen Lebensäußerungen des germanischen Altertums zu einem großen Gesamtbild zu formen.

Er geht von der konkreten Fülle des täglichen Lebens aus, wie es vor allem die Isländersagas so anschaulich malen. Aber von dort steigt er hinab zu den verborgenen Kraftquellen des Altertums: Zu den mythischen Mächten.

Weitab von dem, was eine ästhetisierende Mythologie zu lehren gewohnt ist, macht Grønbech den Mythos mitten im realen Leben der Alten als religiöse und ethische Gewalt sichtbar, die das ganze Dasein gestaltet hat. Nicht von Fabeln redet er, sondern von den formenden Kräften der Wirklichkeit.

Im Mittelpunkt seines Lebensbildes steht die Friedensgemeinschaft der altgermanischen Sippe. Von hier aus deutet er die Wirkmächte der alten Kultur – Ehre, Heil, Ruhm, Totenglaube.

Der nordische Gelehrte zeichnet uns die Germanenstämme des Altertums noch als eine große volkliche Einheit. Bei höchst empfindlichem Feingefühl für die Eigenart der Teilvölker macht er doch über allem Trennenden die übergreifende geistige Gemeinsamkeit sichtbar und zeigt auf, wie jene Grundkräfte die gesamte Völkergemeinschaft in allen ihren Teilen durchpulst haben. 

Trathnigg schreibt über den germanischen Heilsbegriff nach Grønbech:

Grønbech erkannte, daß wir beim Germanen nicht vom Einzelmenschen, sondern von der Gemeinschaft ausgehen müssen. Der Germane, so sehr er auch als Einzelpersönlichkeit geprägt erscheint, fühlte sich selbst doch nur als Teil des Ganzen und schöpfte aus diesem Gefühl die Kraft für seine Leistungen und Taten.

Die Familie und die Sippe ist die Einheit, in die der Einzelne hineingeboren ist. Aus ihr und in ihr entwickelt er sein Leben, Streben und Wirken. Über sie nur findet er den Weg zu den staatlichen und volklichen Einheiten wie Gau und Stamm, Reich und Volk.

Lebendige geistige Wirklichkeit ist die Gemeinschaft des Blutes, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verbindet und den trennenden Zeitbegriff, wie wir ihn heute haben, aufhebt und alle drei Zeiten damit zur erlebten und gelebten Einheit verschmilzt.

Sippe, Friede, Ehre und Heil, Ruhm und Totenglaube sind die großen bestimmenden Mächte der alten Kultur. Von ihnen geht Grønbech aus, wenn er die einzelnen Bräuche und Sitten, das Ethos und die Erscheinungen des Lebens zu deuten sucht und ihnen ihren tiefsten Gehalt abringt.

Zum Kern der Forschungen Wilhelm Grønbechs zählt der germanische Heilsbegriff: Die germanische Sippe war eine Gemeinschaft des Friedens. Freilich ist dieser Friede nicht nur etwas Passives, sondern ist auch aktiv wirksam. Er ist das Band, das alle Gesippen eint. Er macht sie unzertrennlich, macht sie untereinander zu Freunden, der Welt gegenüber zu Freien, gibt ihnen Sicherheit und Geborgenheit, zwingt sie aber auch zur Rache für den Gesippen, zum Eintreten einer für den anderen in jeder Lage des Lebens.

Stößt sich aber einer durch unheilvolle Tat aus dem Frieden als ,Neiding ‘ selbst aus, so stößt er sich auch aus jeder Gemeinschaft, aus aller Sicherheit aus. All seine Kraft zum Handeln, zum Fühlen, zum Freuen erlischt. Er lebt und ist doch tot, denn Leben und Friede haben eine Voraussetzung: die unverletzte Ehre.

Rache ist nichts anderes als ein Wiederherstellen der Ehre, die verletzt wurde. Das Ausstoßen des ehrlosen Neidings aus der Sippe war auch eine Rettung der Ehre der Sippe, die keinen Ehrlosen bei sich dulden konnte. Der Ehrbegriff umschließt nicht nur das Freihalten von Unehrenhaftigkeiten, sondern auch die Erhaltung und Wahrung des Erbes, wobei Erbe im weitesten Sinne nicht nur Besitz, sondern auch Geschlechtstradition, Erfüllung der überkommenen Pflichten, Erhaltung und Mehrung von Einfluß und Macht bedeutet.

Ehre ist auch dasselbe wie Menschentum und Menschenwürde, ist Leben und Seele. Aber die Ehre ist nichts, was für jeden gleich wäre. Geringer ist die Ehre des kleinen Mannes, denn geringer ist das Erbe an Besitz, an Pflichten, Rechten und Ehren. Größer ist die Ehre des Großen und am größten die Ehre des Königs, dessen Erbe mit dem des Kleinen nicht zu vergleichen ist, nicht nur hinsichtlich des Besitzes, sondern ungleich mehr hinsichtlich der Summe der Pflichten und Verpflichtungen, die er zu erfüllen hatte. Ebenso steht es beim Begriff des Heils, der sich nicht schlechthin mit Glück übersetzen läßt, wenn wir etwa vom Königsheil oder Königsglück lesen.

Heil umfaßt die ererbten Fähigkeiten – daher deckt sich das Heil des Einzelnen im wesentlichen mit dem der Sippe — ebenso wie die Begabung, diese Fähigkeiten einzusetzen, endlich die glückliche Gelegenheit sie anwenden und durchsetzen zu können. Dieses Heil bewirkte nach germanischer Anschauung die Tapferkeit, die Anwendung der Tapferkeit in einer entscheidenden Lage wie eben auch das tatsächliche Eintreten dieser Lage.

Je nach der Sippe war das Heil verschieden. Die Sippe, die im Volke die Führenden stellte, ob in den kleineren oder größeren Gemeinschaften, brauchte ein anderes Heil als die Geführten, denn auch das Sich-führen-lassen, das Dienen in einer Gefolgschaft eines Führenden war nur dann erfolgreich möglich, wenn man ein Heil besaß, das den Mann dazu geeignet machte.

Greifen wir das Königsheil heraus: Es umfaßte das Heil, den Frieden zu erhalten oder durch den Sieg zu gewinnen. Es sicherte dem Volke Wohlstand, den Äckern, den Tieren des Hauses und der freien Natur Fruchtbarkeit. Es ermöglichte dem König, zu planen, zu raten, zu richten, zu helfen, zu ehren ebenso wie Volk und Land zu regieren und mächtig zu erhalten.

König Heinrich I, von Ernst von Dombrowki

Das Heil des Königs zog die Männer an, aber sein Heil war auch so groß, daß es größer war als das aller anderen Menschen. Immer wieder begegnen wir der Anschauung, daß des Königs Heil nicht nur auf seine Mannen ausstrahlt, sondern daß er sein Heil Boten oder Männern, die sich Gefahren unterzogen, gleichsam mitgab.

Ein neues Heil erhielt der Mann, der in eine andere Sippe aufgenommen wurde. Das Heil konnte aber auch vererbt werden. Nicht wahllos wurde dem neugeborenen Kinde der Name eines toten Ahnen oder Gesippen gegeben: Mit dem Namen gewann das Neugeborene dessen Heil. Durch einen Willensakt konnte jedoch der Sterbende sein Heil verschenken, etwa an das Kind, das ein Gesippe erhoffte.

Das Heil ist also die Summe der Fähigkeiten und ihrer glücklichen Anwendungsmöglichkeiten. Alle Eigentümlichkeiten eines Germanen, die seine Persönlichkeit ausmachten – wir können dafür auch Charakter, Sinnesart und Wille sagen – waren ein Ausfluß seines Heils, ebenso wie sein Erfolg im Leben. Es ist aber auch die Kraft zum Leben, das Leben schlechthin, wie Worte, z. B.: ,Ich glaube, dein Heil ist nun bald zu Ende‘, bei dem Herannahen des Todes zeigten.

Man darf nun nicht glauben, daß erst die gelehrte Forschung die Bedeutung des Heilsbegriffes richtig erkannt habe. Sie war den alten Nordländern lebendige Wirklichkeit von ausschlaggebender Bedeutung, wie zahlreiche Beispiele zeigen: Bei Verhandlungen, wie sie vor der Verlobung üblich waren, wurde von den Vertretern der beiden Sippen gründlich erwogen, ob das Heil bei der Sippen im Einklange sein könne, und so eine glückliche Ehe und eine tüchtige Nachkommenschaft zu erwarten seien. Mußten sie diese Frage verneinen, so wog das schwerer als alle anderen Voraussetzungen. Die Verlobung kam nicht zustande.

Auch ehrende Angebote, in eine Gefolgschaft einzutreten, konnten abgelehnt werden mit dem Satz: ‚Ich habe nicht das Heil, dir zu dienen‘. Solche Ablehnung galt nicht als kränkende Zurückweisung, begründete keine Feindschaft, denn eine bestimmte Gegebenheit, wie das Heil es war, mußte geachtet und berücksichtigt werden, sollte daraus nicht Unheil entstehen. Das germanische Heil umfaßte also nicht die Erbanlage allein, sondern auch deren glückliche oder unglückliche Anwendungsmöglichkeit im Leben. 

Der bekannte Ausspruch Moltkes: „Glück hat auf die Dauer nur der Tüchtige“, trifft wohl den Kern des aus einer guten Erbanlage heraus zur Tüchtigkeit befähigten Menschen. Grønbech sagt:

Heil ist der letzte und tiefste Ausdruck für das Wesen des Menschen und zugleich der umfassendste. Man kann nicht weiter gelangen. Wie tief man auch in die Menschenseele eindringt, nie wird man hinter das Heil blicken. Das Heil ist die Kraft, die einen Mann geistig trägt, die von seiner Person aus geht, seine Worte und seine Taten erfüllt. Das Heil umfaßt alle Forderungen der Sippe, ihre Macht und ihre Möglichkeiten, ihre Fertigkeiten und ihre Hoffnungen, ihre Eigentümlichkeit und ihren Charakter. Das Heil enthält geradezu das Leben der Sippe. 

Richard von Hoff geht noch darüber hinaus inDie religiöse Haltung der nordischen Seele‹. Er sagt:

In der von göttlichen Kräften erfüllten Natur waltete dieselbe heilige Ordnung, die auch das menschliche Leben umschloß. Diese Anschauung ist ein Erbgut aus indogermanischer Vorzeit, denn wir finden sie in mehr oder minder deutlicher Ausprägung bei allen großen nordischen Völkern des Altertums.

Diese heilige Ordnung war für die nordischen Völker eine zwingende Lebensnotwendigkeit, da alle Gestaltungen ihres bäuerlichen Daseins an den regelmäßigen Ablauf der Jahreszeiten gebunden waren. Sie war ihnen aber nicht nur die die Welt zusammenhaltende Grundkraft, sondern zugleich auch die religiös sittliche Grundforderung, von deren Erfüllung der Bestand der Sippe und jeder umfassenden Gemeinschaft abhing .

Der Heilsbegriff des Germanen, der sich uns durch Grønbech als eine in sich folgerichtige, ganzheitliche Weltanschauung offenbart, ist nach unseren Erkenntnissen ein nahezu bewußtes Ausrichten nach dem Gesetz der Art und verkörpert darüber hinaus eine Höhe des Gemeinschaftssinnes, der in seiner Geschlossenheit vielleicht erstmals wieder durch das Gefühl der Volksgemeinschaft unser Volk erfaßte.

[…]

Der Beitrag wurde auszugsweise der ›Not-Wende‹, Schrift für Volkstum, Kultur, Recht und Freiheit, März 2026, Folge 1 entnommen.

„Hallo!“ …ein unfreundliches Wort?

›Heil‹, Bedeutung und Verwendung