Der Begriff „Huld“ ist uns Heutigen fremd geworden. Doch immer noch erzählen unsere Märchenerzählerinnen das Märchen von Frau Holle, der Huldreichen, deren Name das Wort Huld enthält. Der Mädchenname Hulda ist aus der Mode gekommen und ist doch ein Name schönster Bedeutung.
Der Arzt Henning Fikentscher hat sich einmal des Themas ›Huld‹ angenommen und darüber seine Schrift verfaßt: ›Die Huld – Ein vergessenes Band menschlicher Gemeinschaft‹.

Das Bild auf dem Buchdeckel mutet kinderbuchartig an und sagt doch, worum es geht: Der Große – hier der Storch – blickt huldvoll auf den kleinen Besucher, den Spatz, duldet ihn und tut ihm nichts.
Fikentscher zeigt drei verschiedenartige Gesellungsformen auf:
1. die Willkürherrschaft oder Sklaverei als die gestufte Übereinanderordnung verschieden Mächtiger unter Zwang, Lust, Furcht und Gewöhnung;
2. die Genossenschaft als Nebeneinanderordnung Gleichmächtiger unter gegenseitiger Anerkennung zu bestimmten nützlichen Zwecken;
3. die Huldschaft als freiwillige Übereinanderordnung verschieden Mächtiger in Vertrauen, Treue und gegenseitiger Hilfsbereitschaft.
Die Huldschaft war bei unseren germanischen Vorfahren lange vor Einführung des Christentums das Übliche. Voll Vertrauen blickten die Geführten auf den Führer und der Führer auf die Geführten – eine Haltung, die noch heute uns Nachfahren im „Blute“ schwingt und uns „leichtgläubigen, vertrauenden“ Deutschen vorgeworfen wird.
Gerade im Reich der Germanen hatte die Huldschaft Heimat im Gegensatz zu anderen Reichen völkischen Lebens wie vor allem denen der vorderasiatischen Völker. Hier war die Despotie zu Hause wie oben unter Punkt 1 angedeutet.
Diese Gesittung aber hat die unsere seit Jahrhunderten überlagert. So konnten Systeme wie der Sowjetismus und das durch die Papstkirche geprägte christliche Machtgebilde des Mittelalters entstehen, beide gleich grausam, unberechenbar, unheimlich in des Wortes wahrster Bedeutung.
Die Menschen – inzwischen weltweit – verloren ihre Heimatlichkeit in ihrer angestammten Heimat.

Das Bild zeigt einen Huldherrn, Friedrich Weber, den „Reichsführer deutscher Tierärzte“. Dessen Gesichtsausdruck zeigt die Sauberkeit selbstloser Zuwendung zu den anvertrauten Schutzbefohlenen, die sich einem solchen Menschen wie ihm anvertrauen können und werden.

Skulptur von Jane Goodall mit dem Schimpansen Greybeard, Bildquelle: Wikimedia Commons
Fikentscher führt unter den weltbekannten Huldherren u.a. auch Jane Goodall an, die furchtlos und allein in den Urwald ging, um Schimpansen in ihrer Lebensweise zu beobachten.
Nach anfänglicher Scheu nahmen die Affen die Selbstlosigkeit und Achtung der Forscherin vor ihrer Lebensweise wahr, die es unterließ, in irgendeiner Weise bei den Schimpansengesellungen einzugreifen. Sie spürten die Zuwendung, mit der sie ihre Lebensweise kennenlernen, also nur anschauen wollte. Und sie spürten die Überlegenheit und den Mut der Forscherin.
Fikentscher führt zur
Huld als gepflegtes Gesittungsgut (aus), das … umfaßte:
1. den Machtunterschied der Beteiligten;
2. die gegenseitige Achtung, das Vertrauen und die Wahrung der Ehre;
3. die Freiwilligkeit der Bindung;
4. die Ausdauer der Bindung, Bewährung in Treue.
Ohne Machtunterschied, ohne gegenseitiges Vertrauen, Hochachtung und Ehrenwahrung, ohne Freiwilligkeit, Bewährung und Treue gab es keine Huld.
Dies festumrissene Bündel von Vorbedingungen ist schon anderen Denkern aufgefallen, von denen hier zwei bedeutende aus ganz verschiedenen Lagern anhörenswert sind, und zwar der jüdische Reichsaußenminister Walther Rathenau und der Dompropst Prof. Dr. Konrad Algermissen.
Rathenau, ›Reflexionen 22‹ (1908):
Freilich kennen auch Starke die Abhängigkeit, die aber nicht Knechtschaft der Furcht, sondern Gefolgschaft der Treue ist. Hier führen Achtung und Neigung, Überzeugung und Pflicht zu einem edlen Verhältnis, das nicht einseitige Rechte gestattet.
So entsteht als vornehmste Form des Menschendienstes die Königstreue germanischer Völker, die im Gegensatz zur Proskynese des Orients (Anbetung, Ehrerbietung, Unterwerfung) auf freier und selbstbewußter Schätzung eigener und fremder Kraft beruht.
Algermissen, ›Germanentum und Christentum‹ (1934), S. 60:
Aus nordischer Heldenhaftigkeit und Geistigkeit wurde eine Einrichtung, die für die heidnischen Germanen besonders charakteristisch ist und zum Edelsten gehört, was sie geschaffen haben.
Alle Tapferkeit, alle Hingabefähigkeit, aller Glaube und alle Treue, aller Starkmut und alle Liebe, deren die germanische Seele fähig ist, spricht sich hierin aus, bei ausgeprägter individueller Selbständigkeit sich durch freiwillige Unterordnung unter den wirklich und wahrhaft Tüchtigsten, nicht im Verhältnis des Sklaven zum Herrn, sondern in wechselseitigem Verhältnis der Treue zur Treue, dem gemeinsamen Wohl einordnen, das ist der Sinn des Gefolgschaftswesens, das ist echt germanisch empfunden und gedacht.
Es liegt im altgermanischen Gefolgschaftswesen ein starker sozialer Sinn und ein Altruismus, wie er selten bei einem Naturvolk zu finden ist.
Ein Beispiel für die Führungsfähigkeit eines „Huldherrn“ gab Erich Ludendorff als Feldherr des 1. Weltkrieges, aber sehr anschaulich auch für den Laien in seiner Zeit in Oberost, wo es nach verhältnismäßiger Kampfruhe galt, die teils verfeindeten Völker zur Ruhe zu bringen und zu gemeinsamer Aufbauarbeit anzuregen.


Er, der Huldherr wußte, tüchtige Männer einzusetzen für das gemeinsame Ziel, gab allen Volksgruppen eigene Zeitungen und den Juden ihre koschere Küche. Die Völker fanden – allmählich befriedet – zu gemeinsamer Aufbauarbeit zusammen. Das Leben nahm wieder Fahrt auf.
Ludendorff berichtet von einem besonderen Erlebnis in Kowno, wo er den evangelischen Gottesdienst,
den Pfarrer Wessel in der ehemaligen orthodoxen Kirche einem machtvollen Bau russischer Zwangsherrschaft in jenen Landen, abhielt. Ich hörte dort auf fremder Erde zum ersten Male als Kirchenlied die schöne alte Weise:
Ich hab mich ergeben
mit Herz und mit Hand
Dir Land voll Lieb und Leben,
mein deutsches Vaterland.Ich war tief ergriffen. Dies Lied sollte jetzt sonntäglich in allen Kirchen gesungen werden und fest in jedes deutschen Mannes Herz eingegraben sein.
Fikentscher stellt ein herausragendes Beispiel einer Huldschaft zwischen rassisch verschiedenen Volksteilen vor, das Paul von Lettow-Vorbeck in Afrika bei seinen schwarzen Askaris unter Beweis gestellt hat:

General von Lettow-Vorbeck, Bildquelle: Wikipedia
Als ein Askari den Großvater eines Kameraden abgestochen und aufgefressen hatte, mußte v. Lettow-Vorbeck als Oberster Gerichtsherr über den Sünder befinden. Ein vollkommen klarer Fall: Mord, Menschenfraß und Kameradendiebstahl, der allein schon bei einer deutschen Truppe im Felde mit dem Tode bestraft wurde. –
… Paul von Lettow-Vorbeck ließ den Menschenfresser dem Geschädigten drei Hühner geben. Beide zogen tiefbefriedigt und als Freunde ab. Dem afrikanischen Gerechtigkeitsgefühl war Genüge getan. Es war nur erschwerter Mundraub gewesen.
Lettow-Vorbeck besaß die Anlage zur sozialen Gerechtigkeit und konnte darum von seinen eigenen angeborenen und anerzogenen Gefühlen und Rechtsbegriffen völlig absehen, sich selbst nüchtern von außen betrachten und allein darum den Schwarzen ihr Recht geben.
Diese Entscheidung beruhte auf dem – später auch preußischen – Grundsatz der Huldschaft: „Jedem das Seine.“
Ganz anders die Verstandes-Hochbegabten, die die Atombomben bauen konnten.
Fikentscher fragt zu Recht:
Warum war unter ihnen kein John Maynard? Warum eine Liese Meitner, aber keine Mama Skladowska (Marie Curie), keine Florence Nightingal, keine Elsa Brandström? Die Verstandesgrößen des Atomzeitalters waren und sind dazu nicht veranlagt. Das hat mit äußerem Zwang und zufälligem Schicksal nichts zu tun.

Elsa Brandström, „Engel von Sibirien“, Bildquelle: Wikipedia
Warum konnten sie nicht sein wie Fridtjof Nansen, ein Francis Galton oder ein Erich Ludendorff war? … Nansen besaß, was jenen fehlte. Er durchquerte Grönland als erster lebender Mensch zu Fuß. Er fuhr zum Pol. Er rettete sein Vaterland vor dem Bruderkrieg mit Schweden; er rettete es vor der tödlichen Blockade im ersten Weltkrieg.

Fritjof Nansen, Bildquelle: Wikimedia Commons
Er rettete achtzigtausend Angehörige der Wrangel-Armee (der antikommunistischen weißen Armee) vor dem Untergang, vierhunderttausend Deutsche aus den Gefangenenlagern in Sibirien, achthunderttausend Griechen vor der Vernichtung nach der Austreibung aus der Türkei, sechzehn Millionen Russen und Ukrainer vor dem Hungertode.
Nansen war der größte Wohltäter aller geschichtlich bekannten Zeiten. Er hatte keine staatliche Machtstellung, keine Titel, hatte keine Kirche, keine Partei, keine Freimaurerloge oder irgendeine Wirtschafts-macht hinter sich als Rückendeckung, aber er war ein Huldherr, wie ihn Erik Werenskiöld nach seinem Tode beschrieb:
Er besaß in vollem Maße die Eigenschaften, die wir mit Helden (von Huld hergeleitet) verbinden: Mut, Ehrlichkeit, Gerechtigkeitsgefühl, ein warmes Herz, Hilfsbereitschaft, Rücksichtnahme, Selbstbeherrschung und ein sicheres Taktgefühl. Keine persönliche Eitelkeit, keine Rücksicht auf eigenen Vorteil trübte jemals sein Urteil.
Die Anlagen zur Huldführung widersprechen einer Schaustellung, einem Nach-vorne-Drängen.
Viel leisten, wenig hervortreten, mehr tun als die Pflicht – mehr sein als scheinen.
Heute liegt die geistige Führung der westlichen Welt fast so gut wie ausschließlich in der Hand huldunfähiger Verstandesmenschen. Diese bauen teils blindlings, teils vorsätzlich mit einem vernichtenden Aufwand an Technik und Geistesüberflutung alle gewachsenen und in Jahrtausenden emporgepflegten, beseelten Gemeinschaften ab.
Fikentscher weist auch auf den Großen Kurfürst, die Preußenkönige Friedrich I. und Friedrich II. hin sowie auf Königin Luise hin: Von ihnen wurde der Huldgedanke wiederbelebt. Ihr Leitwort war das „Suum cuique“, „Jedem das Seine“. Und sehr richtig bemerkt er:
Königin Luise von Preußen, mecklenburgisch-hessischer Abstammung, verkörperte diesen preußischen Grundgedanken überwältigend rein. Sie entzündete damit die Volksmassen ebenso wie hochbegabte Adlige und Führernaturen.

Königin Luise, Bildquelle: Wikimedia Commons
Sie alle standen in der Nachfolge der Frau Holle-Hulda. Bei ihr standen
Fleiß an erster Stelle, Treue an zweiter, Tierliebe und Tierpflege an dritter von dreißig Punkten. Bischof Burchard von Worms, gest. 1035, verfolgte den Glauben an Frau Hulde mit zehnjähriger Kirchenbuße, und Martin Luther, Mathesius und Karlstadt verdammten Frau Hulde als Hure, Gottes Widerhellerin usw. und schütteten ihren ganzen Glaubenshaß über jener Leitgestalt bäuerlichen Wohlverhaltens aus, als gälte es Ketzer zu verbrennen.
Gerade der geistliche Grimm der Glaubenserneuerer weist darauf hin, daß Frau Hulde damals noch eine gewichtige Rolle als erzieherische Gestalt des Landvolkes gespielt haben muß. Im Verhalten zwischen Bauer und Knecht, Bäuerin und Magd, zwischen Mensch und Tier, ja auch zu den Pflanzen und jeglichem pflegbaren Ding galt noch auf lange hinaus huldhaftes Verhalten als ehrbar, wurde unholdes Verhalten gerügt.
So konnte sich die Krankheit unter dem Mantel „Demokratie“ rasant ausbreiten,
von Vertretern willkürherrscherlicher Verstandesmächte …
angetrieben auf das Ziel zurasen,
alle heimatliche Gestaltung der Erdoberfläche, alles Menschen-, Tier- und Pflanzenleben zu vernichten.
Doch was hindert uns, dieser Entwicklung durch eigenes Denken und Verhalten entgegenzutreten?
Fikentscher:
Der Huldgedanke ist meines Erachtens das erprobte Band, das alle ehrbaren, seelisch gesunden Menschen der Völkergemeinschaft zum Aufbau einer pflegsamen Ordnung zusammenschließen kann, um das gestörte Gleichgewicht des Lebens unserer Erde wieder herzustellen.
