Livio Cadè

 

«Libertas et speciosa nomina…»

(Tacitus)

 

Freiheit ist ein Mythos, eine Erfindung. Befreit zu sein ist ein noch mächtigerer Mythos, ein altes und immer gleiches Märchen. Es gibt immer jemanden oder etwas, das uns befreit.

Die Wissenschaft befreit uns von der Unwissenheit, die Liebe befreit uns von der Einsamkeit, der Glaube befreit uns von der Verzweiflung. Das Gesetz befreit uns vom Chaos und die Gnade befreit uns vom Gesetz. Impfstoffe befreien uns von Epidemien, der Marxismus befreit uns vom Kapitalismus, die Demokratie befreit uns vom Faschismus, in der Hoffnung, daß uns jemand von der Demokratie befreit usw.

Auch der Tod befreit uns. Vom Bösen hingegen befreit uns niemand, oder vielleicht Gott, vorausgesetzt, er will es. Die Geschichte wechselt ständig von einer Freiheit zur anderen. Aber wer befreit uns von den Befreiern?

Man hat uns gelehrt, daß die Wahrheit frei macht. In Wirklichkeit wußten die, die das gesagt haben, nicht, was das bedeutete. Vielleicht wußte es nur derjenige, der es als erster gesagt hat, oder vielleicht auch nicht, da er denen, die ihn um eine Erklärung baten, mit Schweigen antwortete.

Seitdem ist dieser Satz berühmt geworden – wie „die Schönheit wird die Welt retten“. Viele haben so getan, als wüßten sie, was er bedeute, und haben sich große Mühe gegeben, es uns zu erklären. Und da nur sie wußten, was die Wahrheit sei, waren wir gezwungen, ihren Erklärungen zu glauben, um frei zu sein.

Dann kamen diejenigen, die uns davon überzeugten, daß die Wahrheit eine andere sei, und daß wir für unsere Rechte kämpfen und Revolutionen machen müßten, denn das sei ihrer Meinung nach der einzige Weg, um wirklich frei zu sein.

Andere wiederum lehrten uns, daß es das Geld ist, das uns wirklich frei macht. Geld gibt uns nämlich die Freiheit, alles zu haben, was wir wollen.

Dennoch macht uns Geld nicht frei, alles zu tun, was wir wollen. Dazu braucht es Macht. Es scheint also, daß das einzige, was uns wirklich frei macht, die Macht ist. „Ich kann alles tun, was ich will“ – das sei die ultimative Freiheit.

Hier scheinen wir an einem toten Punkt angelangt zu sein, über den hinaus man nicht gehen kann. Aber wenn wir nicht weitergehen können, bedeutet das, daß unsere Macht begrenzt ist und wir daher nicht frei sind. Was ist also die neue Grenze, die wir überwinden müssen?

Die Antwort scheint mir offensichtlich: Es ist unser Wille. Frei zu sein, Wünsche zu haben und ihnen nachgeben zu können, ist eine scheinbare Freiheit. Mein Wille zwingt mich nämlich dazu, etwas zu wollen und etwas anderes nicht zu wollen.

Ich könnte zum Beispiel nicht frei sein wollen. Und wie kann man frei sein und es gleichzeitig nicht sein? Um diesen Widerspruch zu vermeiden, muß ich also noch einen Schritt weitergehen und mich von meinem Willen befreien. So zu leben, als ob es mich nicht interessiere, was ich tue, ein Leben ohne Ziele zu führen. Jemanden an meiner Stelle entscheiden zu lassen und mich von der Last des freien Willens zu befreien.

Aber wie soll ich entscheiden, wem ich gehorchen soll? Bin ich frei, diese Entscheidung zu treffen? Genau betrachtet stoße ich hier auf eine weitere Mauer. Jede Entscheidung schränkt nämlich die Freiheit ein, so wie wenn ich mich für einen Weg entscheide und nicht gleichzeitig frei bin, einen anderen zu wählen.

Das Nachdenken über eine Wahl führt zu einer Einschränkung, die sich nicht mit Freiheit vereinbaren läßt, selbst wenn ich mich dafür entscheide, nicht zu wählen. Ich müßte also vermeiden zu denken. Wie im Tiefschlaf oder in völliger Geistlosigkeit. In diesem Fall hätte Freiheit keinen Sinn mehr. Ich wäre frei vom Problem der Freiheit.

Wahre Freiheit wäre schließlich, keine Ahnung davon zu haben, was es bedeutet, frei zu sein. Tatsächlich wäre dies eine wahre Befreiung. Unerwartete Freiheit von der Freiheit und von den Befreiern. Nach einem Leben unter dem Joch so vieler verschiedener Freiheiten, unterdrückt von denen, die uns befreien wollen, werden wir endlich frei sein, indem wir in uns geistige Leere schaffen. Wir werden es jedoch nicht wissen können. Es wird eine absolut unbewußte Freiheit sein. So wie Gesundheit unbewußt ist, bis wir krank werden.

Im alten chinesischen Denken gab es nicht einmal den Begriff der Freiheit. Sie müssen begriffen haben, daß eine bewußte und motivierte Freiheit ein Unsinn ist. Wie kann Freiheit gedacht werden? Das Denken hat immer Ursachen, daher ist es nicht frei.

Die Freiheit hat keine Ursachen, daher kann sie nicht gedacht werden. Sie ist ein immer entweichendes Phantom, man kann sie nicht in den Händen halten. Vielleicht liegt genau darin das Geheimnis: Loslassen.

Ist das Leben frei? Wenn wir die unendlichen Bedingungen betrachten, die es ermöglichen, müßten wir zweifellos mit Nein antworten. Auch unser freier Wille ist immer von etwas bedingt. Aber die unendlichen Bedingungen, denen das Leben und das Entscheiden unterliegen, sind es, die sie real machen. Die Freiheit ist frei, sich selbst zu widersprechen, ohne in einen Widerspruch zu geraten. Wenn nicht, was wäre das für eine Freiheit?

Wer nach Freiheit sucht, gleicht einem Hund, der versucht, seinen Schwanz zu fangen, und sich dabei im Kreis dreht, ohne es zu schaffen. Doch wenn er aufhört, sich zu drehen, folgt ihm sein Schwanz überallhin. Die alten Chinesen hatten das verstanden. Deshalb verlangten sie vom Menschen nicht, frei zu sein, denn das hätte ihn gezwungen, sich wie ein Kreisel im Kreis zu drehen.

Man bot ihm kein Modell der Freiheit, sondern der Weisheit. Der Weise ist nicht frei, weil er tun, sagen oder denken kann, was er will, sondern weil er im Einklang mit dem Tao, zum Wohl aller, spricht, handelt und denkt.

Er ist frei, weil er den Gesetzen des Lebens gehorcht, so wie der Musiker den Regeln von Rhythmus und Harmonie gehorcht. Er kann ungehorsam sein, doch dieser Ungehorsam ist weniger ein Zeichen von Freiheit als vielmehr ein Symptom von Dummheit. Durch seinen Ungehorsam wird er etwas Schlechtes schaffen. Denn Unfreiheit bedeutet, ein Versklavter zu sein.

Wahre Freiheit bedeutet, sich einer Ordnung folgend zu bewegen, so wie ein fliegender Vogel die Gesetze der Aerodynamik beachtet, so wie die Wellen den Bewegungen des Meeres folgen. Jeder Verstoß verursacht unnatürliche Verkrampfungen, die das Leben zu etwas Qualvollem und Kompliziertem machen, unsere Bewegungen ungeschickt und mühsam erscheinen lassen.

Sobald das Wesen sein dynamisches Gleichgewicht wiederfindet – das Zusammenspiel gegensätzlicher Kräfte –, gibt es keine Grenze für das, was seine Freiheit erschaffen kann, außer der Grenze, die sich die Freiheit selbst setzt. Es ist sinnlos, dies zu erklären. Die Erfahrung genügt, ein stillschweigendes Verständnis, das uns von allen Überlegungen befreit.

Man muß sich vor den Befreiern und ihren Wahrheiten hüten. Man muß sich fernhalten von denen, die uns auf ihre Weise befreien wollen, von denen, die sich zu Hütern der Freiheit ernannt haben, von denen, die uns Freunde und Feinde der Freiheit benennen. Von denen, die uns Freiheiten gewähren, von denen, die die Freiheit als Vorwand für Kontrolle und Einmischung in unser Leben nutzen. Vor allem müssen wir uns selbst mißtrauen, wenn wir glauben, eine gewisse Freiheit zu haben.

Freiheit ist nicht etwas, das man hat, sondern etwas, das man ist. Genau darin liegt das Problem. Wir wissen nicht mehr, wer wir sind. Wir sind das, was andere uns glauben machen wollen. Deshalb lehnen wir uns nicht mehr auf, denn jemand hat uns davon überzeugt, daß wir bereits befreit worden sind.

Der Fortschritt hat uns befreit, die Alliierten haben uns befreit, die sexuelle Revolution hat uns befreit, die freie Information, der freie Markt, das Internet. Bald wird uns die künstliche Intelligenz von jedem Zweifel befreien, sie wird für uns denken und entscheiden.

Die Wahrheit ist, daß uns nichts und niemand jemals befreit hat. Wir wechseln lediglich den Herrscher. Oft verlieren wir uns dabei, aber was macht das schon? Despoten, Tyrannen, Diktaturen – das sind unsere Schöpfungen.

Die Menschen wollen gar nicht wirklich frei sein. Jeder liebt seine Ketten, und wenn ein anderer sie ihm nimmt, sucht er sich neue. Deshalb können wir nur falsche Befreiungen feiern. Wenn die Wahrheit frei macht, ziehen wir es vor, sie nicht zu kennen.

Quelle: https://www.ereticamente.net/liberta-va-cercando-livio-cade/

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