Egon Spiegel

 

Vorliegender Beitrag analysiert, wie sich Grönland im hypothetischen Fall einer militärischen Besetzung durch die USA mit Mitteln der gewaltfreien, sozialen Verteidigung widersetzen könnte. Im Zentrum stehen nicht Fragen militärischer Abschreckung und Verteidigung, sondern eine effektive Verteidigungsstrategie, die sich der Fähigkeit und Bereitschaft zum gewaltfreien Widerstand, der Nichtkooperation mit dem Aggressor sowie Aktivitäten mit dem Ziel einer internationalen Delegitimierung des Okkupationsversuches verdankt. Aufbauend auf Theorien des zivilen Widerstands und historischen Fallbeispielen wird argumentiert, dass insbesondere kleine, sozial eng vernetzte Gesellschaften mit starker kultureller Identität über spezifische Vorteile für gewaltfreie Verteidigungsformen verfügen. Abschließend werden Voraussetzungen, Risiken und strategische Hindernisse dieser Verteidigungsform diskutiert.

 

1. Sicherheit jenseits militärischer Logik

Traditionelle Sicherheitskonzepte definieren Verteidigung primär militärisch. Hiernach wird ein Territorium durch bewaffnete Kräfte geschützt und staatliche Souveränität durch Abschreckung gesichert. Diese Logik stößt jedoch – insbesondere – in asymmetrischen Konflikten, bei kleinen oder militärisch schwachen Gesellschaften sowie gegenüber überlegenen Großmächten an klare Grenzen. Vor diesem Hintergrund wurde nach dem Zweiten Weltkrieg das Konzept der gewaltfreien, sozialen Verteidigung entwickelt. Dieses begreift Verteidigung nicht als ein militärisches, sondern als ein gesellschaftliches, soziales Projekt.

Die hypothetische Annahme einer militärischen Besetzung Grönlands durch die USA – so unrealistisch sie zum gegenwärtigen Zeitpunkt (09.01.2026) noch erscheinen mag – eignet sich analytisch besonders gut, um dieses Konzept auf seine Grundlagen und Praktikabilität hin zu untersuchen.

Grönland verfügt über vernachlässigbar geringe militärische Kapazitäten, besitzt jedoch eine stark ausgeprägte indigene Identität, dichte soziale Netzwerke und hohe internationale Sichtbarkeit. Diese Faktoren sind für einen zivilen Widerstand potenziell entscheidender als Waffenarsenale und Militärstrategien. Selbst unter der Voraussetzung seines Verbundes mit Dänemark und seiner Einbindung in die NATO, mit ihrem Schutzversprechen gegenüber allen Mitgliedsstaaten, machen Überlegungen zu einem militärischen Widerstand keinen Sinn.

Grönland hat, will es einen Angriff – der jetzt schon euphemistisch mit „Übernahme“ beschrieben wird – realistisch abwehren, nur eine einzige Chance: nämlich sich im Rahmen von Strategien und Methoden eines gewaltfreien Widerstandes den Attacken des übermächtigen Aggressors und Okkupators zu widersetzen. In diesem Sinne ist nachfolgend zu fragen, wie Grönland eine Besetzung durch gewaltfreie, soziale Verteidigung politisch, administrativ und gesellschaftlich zu unterminieren vermag.

 

2. Was ist gewaltfreie soziale Verteidigung?

Gewaltfreie, soziale Verteidigung (social defense) bezeichnet eine Strategie, bei der eine Gesellschaft systematisch darauf vorbereitet ist, sich gegen äußere Herrschaft durch organisierte Nichtkooperation, institutionellen Widerstand und gesellschaftliche Selbstorganisation zu wehren. Zentrale Annahmen sind dabei,

  • daß Macht auf Kooperation beruht: Auch Besatzungsmächte sind auf lokale Verwaltung, Arbeitskräfte, Infrastruktur und soziale Akzeptanz angewiesen.
  • daß gesellschaftliche Kontrolle kostspielig ist: Je weniger Kooperation, desto höher der Repressionsaufwand und desto größer die politischen Kosten.
  • daß Legitimität strategisch entscheidend ist: Gewalt gegen friedliche Bevölkerung untergräbt internationale Akzeptanz und innenpolitische Unterstützung der Besatzungsmacht.

Verglichen mit dem spontanen Protest und einer kurzfristigen Mobilisierung zielt soziale Verteidigung auf eine langfristige Unregierbarkeit, indem sie auf institutionelle Kontinuität, parallele Strukturen und soziale Disziplin setzt. Dem Besatzer soll die Herrschaft über das Land unmöglich gemacht und seine Legitimität untergraben werden. Mit nicht zuletzt internationaler Unterstützung soll dieser zu Verhandlungen bzw. zum Rückzug gezwungen werden. Aktivitäten zielen auch auf die Zunahme kritischer Stimmen im Herkunftsland des Besatzers und Widerstand gegen dessen Vorgehen im eigenen Land.

Die gewaltfreie, soziale Verteidigung erschöpft sich nicht in Widerstandsaktionen, sondern beinhaltet auch das Unterlaufen von strukturellen Repressalien durch die Errichtung alternativer Strukturen, einer funktionierenden Parallelgesellschaft auf der Grundlage der vor der Besetzung des Landes existierenden Gesellschaft.

Generelle Studien zur gewaltfreien, sozialen Verteidigung und historisch verbürgte Fallbeispiele füllen ganze Bibliotheken. Sie wollen zur Kenntnis genommen und durch eine daran anschließende Praxis fortgeschrieben werden. In Grönland könnte sich solches als eine Notwendigkeit aufzwingen.

Gletscher in Grönland. Bild: Jerzystrzelecki/CC BY-SA-3.0

3. Strukturelle Ausgangslage Grönlands

In vielerlei Hinsicht begünstigen die für Grönland spezifischen Strukturen einen gewaltfreien Widerstand. Diese versprechen, nicht nur das Eindringen ins Land, sondern auch eine dauerhafte Besetzung des Landes zu erschweren bzw. sogar unmöglich zu machen. Damit würde der US-amerikanische Aggressor, nach erheblichen Niederlagen in vorausgegangenen militärischen Konfliktfeldern, auch unter den Bedingungen eines gewaltfreien Widerstandes eine Niederlage erleiden.

3.1 Demografie und Sozialstruktur

Grönland zählt rund 57.000 Einwohner/innen. Diese verteilen sich auf wenige Städte sowie kleine Gemeinden. Das Zusammenleben ist stark geprägt durch soziale Dichte, soziale Kontrolle und gegenseitige Abhängigkeit, wodurch bereits strukturell

  • starke soziale Netzwerke
  • eine schnelle Mobilisierung
  • informelle Kommunikation sowie
  • kollektive Normbildung

begünstigt und Kollaborationen erschwert sind. Grönland mag militärisch zwar schwach sein, aber gesellschaftlich nur schwer kontrollierbar.

3.2 Kulturelle Identität

Die Kalaallit (Grönländer) verfügen über eine starke indigene Identität, eine eigene Sprache und kulturelle Praxis. Eine Besatzung würde nicht nur ihre politische, sondern auch kulturelle Selbstbestimmung bedrohen. Ein darin begründetes kollektives Mobilisierungsinteresse ginge weit über eine rein staatliche Loyalität hinaus.

3.3 Geografische und logistische Faktoren

Extreme klimatische Bedingungen, große Distanzen und Abhängigkeit von lokalem Wissen erhöhen die logistischen Kosten jeder dauerhaften Besetzung erheblich. Ohne lokale Kooperation ist die Verwaltung eines eingenommenen Landes zur Ineffizienz verurteilt.

 

4. Nichtanerkennung und Gegenlegitimität

Ein essentielles Element der gewaltfreien, sozialen Verteidigung ist die Verweigerung der politischen Anerkennung des Eindringlings.

4.1 Exilregierung und internationale Diplomatie

Eine grönländische Exilregierung, etwa in Kooperation mit Dänemark, könnte – vor dem Hintergrund einer hohen internationalen Aufmerksamkeit – mit dem Ziel einer politischen Isolierung der Besatzung:

  • völkerrechtliche Kontinuität sichern (im Falle der USA wird sie zunehmend zur Farce),
  • internationale Organisationen mobilisieren sowie
  • Verhandlungen auf globaler Ebene führen.

Sie kann – nicht zuletzt im Hinblick auf die Verletzung indigener Rechte und Kriterien der Arktispolitik – mit Solidaritätsbekundungen im Rahmen der Vereinten Nationen rechnen.

4.2 Lokale politische Nichtkooperation

Strategisch operiert die gewaltfreie, soziale Verteidigung in drei Bereichen: a) dem okkupierten Land, b) dem Land des Aggressors und c) der Weltöffentlichkeit. Im okkupierten Land ist das Agieren von Kommunalverwaltungen essentiell. Sie kann

  • sich weigern, Anordnungen des Okkupators umzusetzen,
  • formale Verfahren verzögern,
  • Entscheidungen vertagen oder sogar blockieren.

Damit würde ein Verwaltungsapparat zwar formal existieren, aber praktisch nicht funktionierten.

5. Institutioneller Widerstand, Arbeitsverweigerung und Errichtung alternativer Verkehrsformen

Die Rede von Widerstand, angefangen bei Protest, darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß sich die gewaltfreie, soziale Verteidigung nicht im Widerstand, im Nein zu den aufgezwungenen Verhältnissen erschöpft, sondern auf konstruktive, gesellschaftliche Alternativen setzt und diese parallel zu den aufoktroyierten Strukturen zu nutzen sucht.

5.1 Widerstand in der Bürokratie

Besatzer sind wesentlich darauf angewiesen, daß die Administration im besetzten Land nach seiner Einnahme weiterhin funktioniert. Widerstandshandlungen in diesem Bereich sind äußerst wirksam. Während die Einheimischen die Administrierung ihrer Gesellschaft durch die Eindringlinge gezielt lähmen, administrieren sie sich selbst in parallelen Strukturen.

Historisch zählt „Dienst nach Vorschrift“ (bekannt auch als Verhalten des „braven Soldaten Schwejk“) zu den wirksamsten Formen eines nichtmilitärischen Widerstandes. So erscheinen Beamte und Angestellte zwar zu ihrem Dienst, verhalten sich aber weitestgehend „passiv“, ahnungslos und naiv. Um nur einige Möglichkeiten anzudeuten, könnten beispielsweise:

  • Lehrpläne nicht angepaßt werden und Lehrkräfte nicht nach curricularen Vorgaben der Besatzer unterrichten,
  • Statistiken nicht geliefert und Datenweitergabe, beispielsweise durch ärztliches Personal, verweigert werden,
  • Genehmigungsverfahren verschleppt werden oder
  • in den Behörden jede Menge Fehlleitungen mit der Folge von Verzögerungen erfolgen.

Zwei Spezifika sind hier besonders bedeutsam: Maßnahmen dieser Art sind nur schwer zu ahnden und gezielt zu bestrafen. Hier kann jeder seinen/ihren Beitrag leisten. Selbst der Rollstuhlfahrer kann an der Rezeption oder in seinem Dienstzimmer für Verwirrung sorgen. Dieses ist nur ein einziges Beispiel, das zeigt, daß sich die gewaltfreie, soziale Verteidigung – anders als die militärische – nicht auf wenige wehrtaugliche Männer und Frauen stützt, sondern auch die breite Bevölkerung und darin auf jede und jeden.

5.2 Arbeitsverweigerung in Schlüsselbereichen

Erheblich erschweren sowie verteuern könnte partielle Nichtkooperation in etwa folgenden sensiblen Bereichen:

  • Häfen (Hafenarbeiter verzögern Transporte oder leiten sie bewußt fehl),
  • Energieversorgung (unter Umständen sogar Sabotageakte),
  • Telekommunikation
  • Logistik

5.3 Ökonomische Abschottung und Etablierung einer ökonomischen Parallelgesellschaft

Die gewaltfreie, soziale Verteidigung setzt nicht nur auf Strategien und Taktiken des gewaltfreien Widerstandes, sondern auf funktionierende Gegenstrukturen und Isolierung des Besatzers. Mit dem Verzicht auf Beschäftigung von Einheimischen in Militärbasen des Okkupators sowie der Ächtung von Beschäftigungen bei Besatzungsinstitutionen als Formen der Kollaboration kann die soziale Sanktionierung von wirtschaftlicher Kollaboration einhergehen und werden lokale Tauschsysteme sowie Verkehrsformen gefördert.

6. Soziale Isolation (bzw. Integration) der Besatzung

Besatzungstruppen setzen sich nicht zwangsläufig aus nur militärisch funktionierendem Personal zusammen, sondern auch aus empathischen, sozialen Akteuren/Akteurinnen. Eine zentrale Strategie der gewaltfreien, sozialen Verteidigung zielt auf die Fraktionierung der Besatzungstruppen. Sie geht davon aus, daß es neben der einen Fraktion – ihre Mitglieder agieren ganz im Sinne ihrer Befehlshaber – eine weitere gibt. Ihr gehören jene an, die Rechtmäßigkeit der militärischen Aktion (innerlich) in Zweifel ziehen bzw. sogar explizit mißbilligen. Fraktionierung meint hier: die Gruppe der Zweifler und Oppositionellen im Militär durch gezielte Aktionen zu vergrößern und damit die Zustimmungsbasis in den Besatzungstruppen zu schmälern.

6.1 Verweigerung (bzw. Intensivierung) alltäglicher Interaktion

Historisch gut dokumentiert ist die Wirkung folgender Maßnahmen:

  • Nichtbedienung in Geschäften, Hotels, Cafés;
  • Ignorieren im öffentlichen Raum;
  • Verweigerung sozialer Kontakte.

Durch solches Vorgehen wird die moralische Übereinkunft der Truppen mit den Zielen des Besatzers aufgeweicht und eine längerfristige Stationierung erheblich erschwert. Grundlegend dabei zu beachten ist Unterscheidung von Rolle und Person. Formen der Mißachtung beziehen sich auf die Rolle und nicht die Person. Das wird in jedem Kontakt deutlich zu machen sein.

Als Okkupator muß das Gegenüber mit meinem entschiedenen Widerstand rechnen, als Person und Mensch hat er meine uneingeschränkte Zuneigung. Vor dem Hintergrund dieser Unterscheidung, gibt es eine starke Basis, einander selbst unter den Bedingungen des Konflikts zu begegnen und in diesem Rahmen den anderen auch persönlich zu erreichen und vom Unrecht seines Tuns zu überzeugen.

Durch persönliche Kontakte mit den Besatzern können diese moralisch unter Druck gesetzt und auf diesem Weg die feindliche Front aufgeweicht werden. Plakatives Beispiel aus dem Widerstand in Prag 1968: das Angebot einer Tasse Kaffee für den diensttuenden Soldaten – wohlwissend, daß er sich nicht unbedingt mit seinem Auftrag identifiziert, sondern Befehlen und nur seinem beruflichen, existentiellen Interesse folgt, oder auch zu den Hardlinern zählt, die das Angebot einer Tasse Kaffee nachhaltig irritieren könnte.

6.2 Stigmatisierung von Kollaboration

Achillesverse des gewaltfreien Widerstandes ist die Bereitschaft von Angehörigen des besetzten Landes, mit dem Aggressor zu kollaborieren. Durch sie sind Marionettenregierungen realisierbar, sie können Bürgermeisterposten besetzen und aus diesen heraus Anweisungen erteilen, die dem Besatzer in die Hände spielen und diesem das Regieren bis in die untersten Ebenen der Administration hinein erlauben.

Kollaborationen kann beispielsweise durch

  • soziale Ausgrenzung,
  • Ausschluß aus Gemeinschaftsritualen,
  • moralische Delegitimierung

entgegengewirkt werden.

Will man den Ausverkauf des Landes verhindern, so wird es (Stand heute) sogar notwendig sein, dem perfiden Angebot der Trump-Regierung – eine Einmalzahlung pro Kopf über 100.000 Dollar – zu widerstehen. Hier unternehmen feindliche Kräfte den Versuch, Kollaboration auf breiter Basis zu erkaufen.

7. Widerstand auf symbolischer Ebene

Durch Aktionen symbolischer Art können Massen mobilisiert werden und der Widerstand in seiner ganzen Breite zum Ausdruck kommen. Hier sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. In Norwegen, unter dem Quisling-Regime, trugen die Norweger Büroklammern als Zeichen ihres Widerstandes am Kragen ihrer Hemden bzw. Jacken und Mänteln. Mit dem lächerlichen Ergebnis, daß das Tragen von Büroklammern an den Revers verboten wurde. Reaktionen solcherart bescheinigen dem System seine eigentliche Schwäche und signalisieren bereits Erfolg.

7.1 Kulturelle Selbstbehauptung

Sprache, Gesang, Kleidung, Rituale, Versammlungen, Straßentheater und Rollenspiele sind geeignet, dem Besatzer

  • kollektive Identität;
  • Nichtanerkennung der auferzwungenen, neuen Ordnung;
  • Kontinuität kultureller Selbstbestimmung

vor Augen zu führen.

7.2 Regelmäßige Massenaktionen

Im Falle von regelmäßig stattfindenden Massenaktionen ist weniger die Größe, d.h. die Zahl der Teilnehmer/innen, entscheidend, sondern Kontinuität. Durch sie vor allem wird dem Eindringling demonstriert, daß die Bevölkerung den Zustand der Besetzung nicht akzeptiert. Durch:

  • wöchentliche Märsche;
  • kollektive Schweige- und Trauermärsche, Schweigeminuten;
  • wiederkehrende Versammlungen
  • Demonstrationen und Mahnwachen;
  • kulturelle Aktionen (Tänze, Aufführungen, Konzerte in der indigenen Landessprache)

macht die Bevölkerung deutlich, daß sie auch auf Dauer gegen das feindliche Regime ist.

 8. Selbstorganisation und parallele Gesellschaftsstrukturen

Ein Kernproblem jeder Besetzung ist die Versorgung der Bevölkerung. Soziale Verteidigung setzt daher auf Selbstorganisation und die damit verbundenen Netzwerke wie Verkehrsformen.

8.1 Lokale Versorgungsnetzwerke

Um die Gesellschaft vom Besatzer möglichst unabhängig zu machen und sich seiner Steuerungsfähigkeit zu entziehen,

  • werden lokale Entscheidungsräte gebildet,
  • organisieren die Gemeinden die Lebensmittelbeschaffung und -verteilung,
  • versorgen sich Nachbarn gegenseitig,
  • stellen Einheimische die medizinische Basisversorgung sicher und koordinieren die Versorgung von behinderten und altgewordenen Menschen,
  • machen Gemeindeschulen informelle Bildungsangebote.

8.2 Alternative Kommunikationsstrukturen

Unabhängige Medien, verschlüsselte Netzwerke, eigene Medienkanäle verhindern:

  • Informationsmonopole,
  • Propaganda,
  • soziale Fragmentierung.

Je besser parallele Einrichtungen funktionieren, umso deutlicher wird, daß es den Besatzer nicht braucht. Die von ihm gesteuerten Strukturen und gesellschaftlichen Abläufe erweisen sich als ineffizient und obsolet.

9. Internationale Dimension: Konflikt ohne militärische Eskalation

Neben Aktivitäten im besetzten Land und dem des Besatzers streben die gewaltfreien Akteure nach Verständnis und Unterstützung auf internationaler Ebene, hier beispielsweise

  • in Gremien und Unterorganisationen der Vereinten Nationen,
  • durch engen Kontakt mit dem UN-Sonderbeauftragten,
  • mit Hinweis auf indigene Rechtekonventionen,
  • durch Umwelt- und Klimadiplomatie,
  • durch internationale Kampagnen von NGOs,
  • durch diplomatischen Druck auf Bündnispartner der USA,
  • durch Boykottaufrufe und Sanktionen,
  • durch Appelle an Religionsgemeinschaften.

Narrative, denen sich eine hohe globale Mobilisierungskraft verdanken könnte, könnten auf die Verletzung indigener Selbstbestimmung abheben oder auch auf Umweltverantwortung. Im Falle Grönlands könnte auch das Schema ›Klein gegen Groß‹ greifen und weltweit Solidarität bewirken.

 10. Risiken, Repression und strategische Grenzen

Was im Falle der Anwendung militärischer Gewalt als eine Selbstverständlichkeit vorausgesetzt und akzeptiert wird – nämlich das Risiko, sein Leben zu verlieren oder (schwerste) Verwundungen hinnehmen zu müssen – kann für die gewaltfreie, soziale Verteidigung nicht ausgeschlossen, aber auch nicht als Gegenargument verwendet werden.

Gewaltfreier Widerstand ist weder risikolos noch ungefährlich. Seinen Akteuren wird mindestens eine Entschlossenheit und ein Mut abverlangt, den auch Mitglieder des Militärs aufzubringen haben. Eines unterscheidet diese allerdings von Soldaten: ihre Aktionen bedrohen nicht andere, nehmen ihnen nicht das Leben und verletzen sie nicht. Gewaltfrei kann widerstanden, aber nicht angegriffen werden.

10.1 Repression und soziale Belastung

Um gewaltfreien Widerstand zu brechen und eine auf die Dauer der Besetzung angelegte gewaltfreie, soziale Verteidigung aufzulösen, muß mit

  • Massenverhaftungen, eventuell sogar Hinrichtungen;
  • Kündigungen, Berufsverbote;
  • ökonomischen Sanktionen;
  • Zahlungseinstellungen

gerechnet werden.

Dabei können Repressionen durchaus Widerstand brechen, sie können aber auch dazu führen, daß die Okkupierten ihren Widerstand – entschiedener noch als zuvor – verstärken. Auch hier wird deutlich, daß man militärisch zwar Gebiete besetzen, aber Gesellschaften nicht unbegrenzt beherrschen kann.

Den Repressionen eines Okkupators kann nur – im schlimmsten Fall langfristig – ein Widerstand entgegengesetzt werden, der

  • eine transparente Vorbereitung,
  • psychische Resilienz,
  • ökonomisches Durchhaltevermögen
  • sowie ein solidarisches Netzwerk

beinhaltet.

Ein hoher Anspruch der gewaltfreien Verteidigung besteht darin, den Gegner nicht durch Geheimhaltung in seiner feindlichen Haltung zu bestärken und zusätzlich zu verunsichern, sondern dadurch Vertrauen aufzubauen, daß man ihn „in die eigenen Karten“ schauen läßt. Er braucht keinen V-Mann einzuschleusen und auch niemanden aus dem Kreis des Widerstands zum Verrat an der eigenen Gruppe zu gewinnen, er darf alles wissen, was die zum Widerstand Entschlossenen bereit sind zu unternehmen. Dieses zählt bereits zur Aktion.

Das von den gewaltfreien Akteuren aufzubringende Maß von Resilienz ist wesentlich das Resultat von Ich-Stärke. Resilienz ist nicht zuletzt ein Resultat von Spiritualität. Vor allem letzteres beinhaltet das ungeteilte Vertrauen auf ein „Drittes im Zwischen“, auf eine Wirkmacht im gewaltfreien Zwischen der Konfliktparteien. Die Herstellung eines solchen Zwischen ist immer ein unilaterales. Wäre es ein bilaterales, wäre der Konflikt bereits im Ansatz gelöst.

Gewaltfreie Akteure treten immer in Vorleistung, riskieren mit dem Hinarbeiten auf ein Gewaltvakuum im Zwischen der Konfliktparteien, daß ihre „Rechnung“ nicht aufgeht, setzen aber im Vertrauen auf eine im gewaltfreien Raum agierende „force vitale“ und unternehmen alles, um diese zu mobilisieren.

10.2 Abhängigkeit von internationaler Öffentlichkeit

Die unter erheblichem Druck stehenden Widerstandshandlungen müssen mit einem hohen Repressionsrisiko rechnen. Sie sind daher auf sowohl internationale Aufmerksamkeit als auch moralische, politische wie ökonomische Unterstützung angewiesen. Dieses setzt voraus, daß globale Netzwerke über die Repressionen informiert sind und ständig darüber informiert werden können.

10.3 Keine Garantie für schnellen Erfolg

Was für die Anwendung militärischer (Gegen-)Gewalt gilt, daß sie nämlich nicht über Nacht dazu beitragen kann, einen Konflikt seinem Ende zuzuführen, das gilt auch für die gewaltfreie, soziale Verteidigung und kann nicht als Gegenargument verwendet werden. 

11. Vorbereitung als Schlüsselfaktor

Was für Grönland gerade noch realisierbar wäre, wäre die gezielte Vorbereitung auf eine Besetzung. Diese ist angekündigt und vor dem Hintergrund aktueller Erfahrungen (Verletzung des venezolanischen Selbstbestimmungsrecht durch Festnahme seines Präsidenten im eigenen Land sowie konkrete Drohungen gegen andere Staaten) als realistisch. Die häufigste Variante des gewaltfreien Widerstandes ist die spontan zustande gekommene. Erfolgversprechender ist selbstverständlich die vorher eingeübte. Aus diesem Grund empfehlen sich im Hinblick auf den nicht mehr auszuschließenden Fall der Besetzung:

  • Bemühungen um einen gesellschaftlichen Konsens hinsichtlich eines konsequent gewaltfreien Widerstands (u.a. mit dem Ziel, Fragmentierungen/Kollaborationen auszuschließen),
  • Dezentralisierungsmaßnahmen hinsichtlich der politischen Struktur des Landes, um sogenannten „Enthauptungsschläge“ vorzubeugen,
  • umfassende Notfallpläne (Versorgung mit u.a. Nahrungsmitteln und Energie),
  • Schulungen in gewaltfreier Aktion.

12. Grönland als unfreiwilliges Modell

Der hypothetische Fall Grönlands zeigt exemplarisch, daß Verteidigung nicht ausschließlich militärisch gedacht werden muß. Für kleine, gesellschaftlich kohärente und international sichtbare Gemeinschaften kann eine gewaltfreie, soziale Verteidigung eine realistische, wenn auch anspruchsvolle Alternative darstellen. Sie beruht nicht auf militärischer Abschreckung und Verteidigung, nicht auf der Androhung eines hohen „Eintrittspreises“, sondern auf der Aussicht des potentiellen Okkupators auf Zahlung eines hohen „Aufenthaltspreises“.

Sicherheit wird hier nicht durch militärische Gewalt gewährleistet, sondern durch Formen einer nachhaltigen Nichtkooperation von Einzelnen und Institutionen, durch ein Höchstmaß an kultureller Selbstbehauptung, durch eine entsprechende Solidarität, durch die internationaler Delegitimierung des Aggressors und vieles andere mehr.

Grönland scheint, ungeachtet und gerade wegen seiner Bevölkerungsstruktur und so gut wie geschlossenen kulturellen Identität geradezu ein Ideal für gewaltfreien, sozialen Widerstand zu sein. Grönland ist nicht nur weltweit kulturell wie politisch sichtbar, vieles deutet darauf hin, daß seine Bevölkerung über ein beachtliches kollektives Aktionspotential verfügt.

Es ist dem Land zu wünschen, daß es nicht unfreiwillig zu einem Experimentierfeld der gewaltfreien, sozialen Verteidigung wird. Die präventiven Überlegungen im Hinblick auf den allerdings nicht auszuschließenden Fall machen deutlich, daß die gewaltfreie, soziale Verteidigung auch unter anderen Bedingungen zur Lösung internationaler Konflikte beizutragen vermag.

Quelle: https://overton-magazin.de/top-story/soziale-verteidigung-groenlands/
Beitragsbild: Nuuk, Hauptstand von Grönland. Bild: patano/CC BY-SA-3.0