John Calhouns Experiment zur Utopie der Mäuse
Emanuele Franz
John Calhoun war ein US-amerikanischer Ethologe, der ein Projekt entwickelte, ein utopisches Experiment über eine Mäusegesellschaft. Er führte es von 1968 bis 1973 durch, und dieses Experiment zum Verhalten von Mäusen hat äußerst interessante Implikationen, sowohl aus epistemologischer und anthropologischer Sicht als auch hinsichtlich der Natur des Verhaltens von Säugetieren, uns eingeschlossen.
Was versuchte John Calhoun im wesentlichen darzustellen? Eine Utopie, d. h. ein soziales Modell von Mäusen, in dem es keine Umweltbelastungen gab und in dem die Ressourcen unendlich waren. Er nahm vier Paare gesunder Mäuse in perfektem Zustand und setzte sie in ein geschlossenes Universum, das er „Universum 25“ nannte, aus dem man weder herauskommen noch abwandern konnte – die Mäuse konnten nicht weggehen.
In diesem Universum war alles perfekt: Die Temperatur wurde geregelt und blieb immer gleich, im Sommer wie im Winter. Unbegrenztes Wasser, Nahrungsressourcen, Platz und Nischen für bis zu 3800 Mäuse. Es gab keine Raubtiere, keine Krankheiten, keine Widrigkeiten, keine Gefahren. Es war eine perfekte Utopie, die John Calhoun dazu diente, die Auswirkungen der Überbevölkerung auf die soziale Ordnung der Mäuse zu beobachten.
Aus den anfänglichen vier Mäusepaaren entstanden bald Hunderte und Aberhunderte von Mäusen, die begannen, sich in Bezug auf soziale Hierarchien zu organisieren. Was dann geschah, ist unglaublich. Zunächst einmal betrug die maximale Kapazität dieses Raums, dieses Universums 25, wie gesagt, bis zu 3800 Mäuse, eine Kapazität, die nie erreicht wurde.
Was ist passiert? Die Gesamtkapazität von 2200 Mäusen wurde von 1968 bis 1973 erreicht. Und 1973 ist das Jahr, in dem die letzte Maus starb. Ja, Sie haben richtig verstanden, was ich gesagt habe. Praktisch hat diese perfekte Mäusegesellschaft zur Selbstzerstörung geführt. Alle Mäuse haben sich selbst zerstört und getötet, aber schrittweise.
Obwohl sie über unendliche Ressourcen verfügten, gruppierten sich die Mäuse, als es Hunderte und Aberhunderte von ihnen gab, nach strengen sozialen Hierarchien, basierend auf der Maus mit der höchsten Fortpflanzungsrate – das heißt, die Maus mit den meisten Nachkommen hatte Nischen besetzt, die eine Position sozialer Dominanz darstellten.
Es gab 14 soziale Stufen, beginnend mit der höchsten sozialen Stufe, der Klasse 1, die 111 Nachkommen hervorgebracht hatte, bis hin zur Stufe 14, der Position 14, die 13 Nachkommen hervorgebracht hatte.
Es ist eine äußerst interessante Tatsache zu beachten: Dieses Universum 25 war wie das Rad eines Fahrrads strukturiert, mit Speichen, die im Zentrum des Raums zusammenlaufen, und tendierte somit zu einer radialen Symmetrie. Die Speichen hatten Nischen, an deren Spitze sich die Nahrungsressourcen befanden, und so weiter.
Es ereignete sich diese außergewöhnliche Tatsache: Die beiden gegensätzlichen sozialen Klassen, nämlich Klasse 1 und Klasse 14, jene mit 111 Kindern und jene mit 13 Kindern, ordneten sich nach einer bilateralen Symmetrie an, der Symmetrie, die Säugetiere im allgemeinen aufweisen, rechts und links, und nicht radial, wie es die Umgebung anzustreben schien.
Das ist sehr interessant, denn die Position im Nordosten war diejenige, die die soziale Klasse 14 beherbergte, jene mit den wenigsten Kindern, während die im Südwesten diejenige war, die die vorherrschendste soziale Stellung innehatte, mit der größten Anzahl an Kindern.
Es ist äußerst interessant, wie die Raumgeometrie die soziale Struktur der Mäuse beeinflußt hat, oder jedenfalls, wie sich die sozialen Klassen entsprechend geografischen Positionen angeordnet haben; man fragt sich, ob die Geometrie des sozialen Raums mit einer Geometrie der Umgebung und des Universums interagiert hat oder umgekehrt.
Es gibt noch eine weitere Frage von großem Interesse. Die vollständige Zerstörung dieser Mäusegesellschaft erfolgte schrittweise. Als die Zahl der Mäuse ins Unermeßliche anstieg und sie über unendliche Ressourcen verfügten, mußten sie nicht um Nahrung kämpfen, sondern um die soziale Stellung, also um die soziale Hierarchie, denn die Maus der Klasse 1 mit den meisten Kindern hatte eine soziale Vorrangstellung und setzte sich gegenüber den anderen durch, was die Räume und alles, was damit einherging, betraf.
Also begannen sie, um die soziale Stellung zu kämpfen, die begrenzt war; nicht die Ressourcen waren begrenzt, sondern die sozialen Stellungen.
Was geschah? Sie begannen, sich gegenseitig zu zerfleischen, aber nicht nur das: Ab einem bestimmten Punkt begann sich das soziale Gefüge, der soziale Überbau, so sehr zu entfremden, daß die Weibchen flohen, weil die Männchen ihre Kinder töten wollten, es kam zu Kannibalismus, die Weibchen kümmerten sich nicht mehr um ihre Kinder, sie ließen sie sogar im Stich, warfen sie weg, und so kam es zu einem Zerfall des sozialen Gefüges der Mäuse.
Dann geschah etwas sehr Seltsames, auf das John Calhoun hinweist. Inmitten dieses sozialen Verfalls tauchte irgendwann eine gewisse kleine Anzahl von Mäusen auf, die er die „Schönen“ nannte.
Die „Schönen“ – warum nannte er sie so? Weil ihr Fell nicht durch Kampfspuren ruiniert war. Was war geschehen?
Diese Mäuse, eine kleine Anzahl von Mäusen, hatten jegliches Interesse am sozialen Leben verloren, besaßen keine soziale Struktur mehr, beschränkten sich darauf, die grundlegenden physiologischen Funktionen aufrechtzuerhalten, verbrachten den ganzen Tag für sich, allein, hatten keine sozialen Beziehungen mehr, und John Calhoun schreibt in seinem Artikel auf Englisch, den man vollständig nachlesen und studieren kann, daß diese Mäuse, die „Schönen“, autistischen Menschen ähnelten.
Eine hohe Kontaktrate fragmentiert das Verhalten weiter als Folge der Stochastik sozialer Interaktionen, die verlangen, daß, um die Befriedigung aus sozialer Interaktion zu maximieren, Intensität und Dauer der sozialen Interaktion proportional zu dem Grad reduziert werden müssen, in dem die Gruppengröße das Optimum überschreitet.
Aus diesem Prozeß entstehen autismusähnliche Wesen, die nur zu den einfachsten, mit dem physiologischen Überleben vereinbaren Verhaltensweisen fähig sind.
John B. Calhoun, Death Squared: The Explosive Growth and Demise of a Mouse Population, 1973
Diese Tatsache ist äußerst interessant, denn das Experiment des Universums 25 führt, zumindest nach John Calhoun, zu einer Entfremdung des sozialen Gefüges, wie es Platon in seinem Mythos von Atlantis ähnlich beschreibt: eine Gesellschaft, die den Höhepunkt ihres Prunks und Reichtums erreicht hat, in der eine kleine Anzahl von Elementen, die die herrschenden sozialen Klassen repräsentieren, Krieg gegeneinander führen und damit alle in den Untergang treiben.
Denken wir an die heutige Welt, oder besser gesagt, an die Welt von jeher, in der eine Handvoll Menschen, ein Dutzend reicher und mächtiger Familien auf der Welt, Krieg gegeneinander führen und alle anderen ins Verderben stürzen.
Aber da ist noch mehr: Diese „Schönen“, diese autistischen Mäuse, diese „philosophischen Mäuse“, nennen wir sie so, entwickeln eine Selbstbeobachtung, um einer kompromittierten Gesellschaft zu entfliehen; sie isolieren sich als Ausgleich für eine soziale Entfremdung.
Es ist nicht verwunderlich, daß diese Mäuse, die „Schönen“, sich weigern zu kämpfen, eine extreme Selbstbeobachtung entwickeln und ein soziales Leben ablehnen.
Ist es wirklich glaubhaft, daß dies der Ursprung des Autismus ist? Eine innewohnende Weigerung, sich mit sozialer Entfremdung und Gewalt abzufinden?
Was mich betrifft, so bin ich, da auch bei mir Autismus diagnostiziert wurde, von dieser These sehr fasziniert.
Ja, ich glaube nicht, daß alle Menschen der Logik des Profits, der Unterdrückung und der Gewalt unterliegen.
Es gibt Menschen, die sich – bewußt oder unbewußt – weigern, Teil einer Gruppe zu sein, die auf Gewalt und Unterdrückung basiert.
Autismus ist eine Form der Flucht, die entweder zu einer echten pathologischen Störung führen kann oder zu einer Weiterentwicklung, indem man sich weigert, Kompromisse mit Unterdrückung und der Logik der Zugehörigkeit einzugehen – also die eigene Teilnahmslosigkeit auf etwas Höheres und Idealeres zu richten.
Emanuele Franz wurde am 14. August 1981 in Gemona im Friaul (Italien) geboren und lebt in Moggio Udinese. Er ist Essayist, Philosoph, Schauspieler und Dichter. Er beschäftigt sich mit Philosophie und Religionsgeschichte und hat mehr als 30 Publikationen vorzuweisen, die von Romanen bis zu Sachbüchern, von Dialogen bis zu dramatischen Werken, von Bergromanen bis zu hermetischer Literatur reichen. Im Jahr 2017 veröffentlichte er ›La storia come organismo vivente‹ (›Die Geschichte als lebendiger Organismus‹), einen Essay über die Weltgeschichte, in dem er eine innovative Theorie der Zeit vertritt. Er organisiert internationale Kulturkonferenzen (wie die ›Identitas‹-Konferenz), und seine Bücher wurden unter anderem ins Serbische übersetzt: ›Evropa u sumraku‹ (›Europa in der Dämmerung‹), Prometej Verlag, Novi Sad, Serbien 2022, sowie ins Deutsche: ›Metaphysik des Baumes‹ Audax Verlag 2023, ins Englische als ›You are One‹ (›Ihr seid eins‹), Prometej Verlag, Novi Sad, Serbien 2023, und ins Russische als ›Все вы одно‹ (›Ihr seid eins‹), Audax Verlag 2023.
