Karl Richter

 

Das war zu erwarten: das Feuer am Obersalzberg, wo in der Nacht zum Samstag das Kehlsteinhaus von einem Antifa-Psychopathen in Brand gesteckt wurde, war noch kaum gelöscht, als sich schon die ersten „Experten“ zu Wort meldeten, die einen originalgetreuen Wiederaufbau ablehnen und stattdessen für ein volkspädagogisches Umerziehungskonzept plädieren.

Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) hatte unmittelbar nach dem Brand einen Wiederaufbau angekündigt – allerdings ebenfalls mit der Begründung, die „Erinnerungsarbeit“ auf dem Obersalzberg müsse unbedingt weitergehen. Das einschlägige Münchner Institut für Zeitgeschichte (IfZ) unterhält dort ohnehin schon seit vielen Jahren eine Außenstelle, die im volkspädagogisch erwünschten Sinn über die Geschichte des Obersalzbergs aufklärt.

Nur zur Erinnerung: beim IfZ handelt es sich um eine der treibenden Institutionen der bundesdeutschen Vergangenheitsbewältigung. Es wurde 1949/50 als „Institut für Geschichte des Nationalsozialismus“ installiert. Seine Aufgabe ist ausdrücklich die Um- und Neuschreibung der jüngeren deutschen Geschichte.

Ein vormaliger Mitarbeiter des Hauptarchivs der NSDAP, der dem Institut Quellenmaterial anbot, wurde mit der Erklärung abgewiesen: „Wir sammeln nur Belastungsmaterial.“ Die Episode wird von dem Historiker Georg Granz-Willing in seinem Buch „Vergangenheitsbewältigung. Bundesrepublikanischer Nationalmasochismus“ (1992) mitgeteilt.

Keine zwei Tage nach dem Brand des Kehlsteinhauses meldete sich im Lokalblättchen „Münchner Merkur“ ein durch keinerlei fachliche oder historische Kompetenz ausgewiesener Lohnschreiber namens Dirk Walter mit der Forderung zu Wort, von einer originalgetreuen Wiederherstellung Abstand zu nehmen. Wörtlich:

Das mit Nazi-Kitsch überladene Gebäude (Untersberger Marmor, von Mussolini gestiftet) einfach so originalgetreu wiederaufzubauen, wie Innenminister Herrmann in einer ersten Reaktion etwas vorschnell meinte, wird nicht gehen. Es wäre auch falsch und unsensibel. Hitlers Berghof unweit am Obersalzberg hat man ja zum Glück auch nicht wiederaufgebaut. Nun seien kreative Ideen gefragt, ein Architekturwettbewerb vielleicht, der die NS-Vergangenheit des Standorts berücksichtigt, aber doch auch etwas Neues, etwas Modernes schafft.

Besser nicht. Mit solchen volkspädagogischen Experimenten hat man bisher noch nirgends gute Erfahrungen gemacht – weder auf dem Nürnberger Reichsparteitagsgelände, wo die gigantische NS-Kongreßhalle künftig für Millionensummen an Steuergeldern zu sogenannten „Ermöglichungsräumen“ – das Vokabular der Psychopathen – verunstaltet werden soll, noch beim vergleichsweise unpolitischen Militärhistorischen Museum in Dresden, das bekanntlich durch den umstrittenen „Libeskind-Keil“ architektonisch völlig dekonstruiert wurde.

Der Münchner Königsplatz wiederum, wo die früheren NS-Bauten den Krieg zum größten Teil unbeschadet überstanden haben, wurde durch ein aufdringliches NS-Dokumentationszentrum verschandelt, gegen das ich in meiner Zeit als Münchner Stadtrat jahrelang Widerstand geleistet habe – leider vergeblich. Natürlich kommt der häßliche Klotz zu gegebener Zeit wieder weg.

Irgendetwas von vergleichbarer Geschmacklosigkeit schwebt den „Experten“ nun auch für den Obersalzberg vor.

Zuständig ist zunächst der Freistaat Bayern. Aktueller Sachstand ist, daß dieser nun durch eine Expertenkommission ein Konzept entwickeln läßt, das dem historischen Erbe des Ortes gerecht werden soll. CSU-Kunstminister Markus Blume erklärte:

Wir wollen das Kehlsteinhaus als Zeugnis der Geschichte und Ort der Aufklärung für kommende Generationen erhalten. Ein Wiederaufbau müsse dieser historischen Verantwortung gerecht werden.

Diese Wortwahl verheißt nichts Gutes. Zumal sich der Freistaat Bayern gerade am Obersalzberg schon einmal ein fatales Denkmal gesetzt hat: nachdem der frühere ›Platterhof‹, der nach dem Krieg von den US-Besatzern als ›Hotel General Walker‹ übernommen und zur Erholungsstätte für US-Soldaten umgewidmet worden war, 1996 an den Freistaat zurückfiel, ordnete die Staatsregierung 1999/2000 seinen kompletten Abriß an.

Nota bene: die Amerikaner hatten den stattlichen NS-Bau jahrzehntelang penibel in Schuß gehalten, nichts zerstört und kaum etwas verändert. Ich war einmal drin: ein Traum – trotz der großen Ölporträts amerikanischer Militärs.

Es blieb der CSU-Staatsregierung vorbehalten, das Gebäude rückstandsfrei zu beseitigen und das Areal mit einem demonstrativ gesichtslosen Kempinski-Luxushotel (unteres Bild im Beitragsbild) zu überbauen, das nur dank staatlicher Subventionen überlebt – Denkmalschutz auf bayerisch.

Ich bleibe dabei: Demokraten sind nur im Verhunzen, Verhöhnen und Verschandeln gut. Sie haben keinerlei ernstzunehmende Ideen für Positives, Schönes, Gestaltendes. Die Demokratie an sich ist ein Kretinismus. Über ihre minderwertigen Errungenschaften im öffentlichen Raum braucht man sich nicht zu wundern. Das droht nun auch dem Kehlsteinhaus.