Hugues de Tressac im Gespräch mit Philippe Conrad
Hugues de Tressac:
Philippe Conrad, als die Muslime im Jahr 710 die Meerenge vor Gibraltar überquerten – also 78 Jahre nach dem Tod Mohammeds –, wer waren sie: Araber oder Berber? Wie sind sie dorthin gelangt, und wie sah damals der politische Kontext in Spanien aus?
Philippe Conrad:
Die Eindringlinge waren Berber und Araber. Es ist klar, daß die von Ignacio Olague vertretene These, wonach „die Araber Spanien nie erobert hätten”, heute völlig widerlegt ist.
Die Eindringlinge, die weniger als ein Jahr zuvor von der arabischen Halbinsel gekommen waren, hatten Ägypten und Nordafrika erobert. Spanien, das von Nordafrika nur durch die Meerenge von Gibraltar getrennt war, war eine verlockende Beute. Zumal sich das westgotische Königreich zu dieser Zeit aufgrund von Thronfolgefehden und Aufständen in verschiedenen Teilen der Halbinsel in einer Krise befand.
Die von der westgotischen Monarchie verfolgten Juden konnten die Invasoren willkommen heißen und sich anschließend im Tal des Ebro und in der valencianischen Levante etablieren. Nur das Baskenland, Asturien und Galicien entgingen den Eroberern. Ein großer Teil der spanischen Bevölkerung unterwarf sich diesen, zumal der Katholizismus, der lange Zeit die Religion der Westgoten gewesen war, sie dazu veranlaßt haben dürfte, die neue Religion anzunehmen.
Hugues de Tressac:
Nachdem sie in Europa Fuß gefaßt hatten, wie verlief dann ihre Expansion bis nach Poitiers und anschließend ihr Rückzug hinter die Pyrenäen, verbunden mit der Befreiung Barcelonas durch ›Karl den Großen‹ im Jahr 801?
Philippe Conrad:
Die Iberische Halbinsel wurde sehr schnell erobert, und die Eindringlinge nahmen auch Gallien ins Visier. Sie zogen in Richtung Toulouse, erreichten dann Autun und wurden auf ihrem Marsch nach Tours im Jahr 732 in Poitiers von Karl Martell aufgehalten. Der Kampf setzte sich in den folgenden Jahren nördlich der Pyrenäen fort, bis ›Pippin der Jüngere‹ die Eindringlinge aus Septimania (unser heutiges Languedoc) vertrieb, woraufhin ›Karl der Große‹ ein Markgrafentum Katalonien errichtete, aus dem später die Grafschaft Barcelona hervorging.
Hugues de Tressac:
Wie funktionierte die muslimische Herrschaft – als Kalifat, Emirate, Taifas? Waren diese
miteinander verbunden?
Philippe Conrad:
Die Eroberer regierten Spanien zunächst im Namen des Umayyaden-Kalifen von Damaskus. Später bildete sich ein Emirat von Córdoba, als die Abbasiden-Dynastie die Umayyaden-Dynastie in Syrien ablöste. Es war also zunächst ein umayyadisches Emirat, das die Halbinsel beherrschte, und zwar bis ins 10. Jahrhundert, als sich der Emir Abd al-Rahman III. zum Kalifen erklärte. Damit gründete er ein Kalifat von Córdoba, das neben dem Abbasidenkalifat von Bagdad und dem Fatimidenkalifat von Kairo zu einer der drei Großmächte der muslimischen Welt jener Zeit gehörte.
Dieses Kalifat erlebte seinen Höhepunkt im 10. Jahrhundert, ging dann aber rasch unter. Aufgrund seiner Aufspaltung in mehrere Fürstentümer bezeichnen Historiker diese Epoche als die Zeit der sogenannten Taifa-Königreiche, von denen es etwa zwanzig gab.
Hugues de Tressac:
Als der Islam im 8. Jahrhundert über Spanien hereinbrach, steckte er noch in den Kinderschuhen. Die gleichen arabischen Völker waren weniger als hundert Jahre zuvor noch Polytheisten. Welchen Stellenwert hatte der Islam in der Politik? War die Politik bereits (al-islam) dem Koran, dem Wort Allahs, unterworfen?
Philippe Conrad:
Al-Andalus war damals Teil des muslimischen Raums und übernahm rasch den malikitischen Ritus, der in Nordafrika bereits verbreitet war. Er entspricht einer rechts-theologischen Schule, die eine strenge Auslegung des Korans vertritt.
Hugues de Tressac:
Welches Schicksal war in diesem Zusammenhang den „Dhimmis”, den Nicht-Muslimen, beschieden? Und vermischten sich die ethnischen Spanier mit den Muslimen?
Philippe Conrad:
Da sie der muslimischen Herrschaft unterstanden, galten sie, wie die Juden, als „Leute des Buches“ (Buchreligion) und verfügten somit über eine Reihe von Privilegien. Allerdings waren sie der Steuerpflicht unterworfen und mußten eine Reihe von Diskriminierungen hinnehmen, insbesondere im Alltag und in Bezug auf die Kleiderordnung. Sie lehnten sich mehrfach auf, einige flohen ins christlich gebliebene Spanien, andere erlitten den Märtyrertod, wie die Märtyrer von Córdoba im 9. Jahrhundert bezeugen.
Auch wenn sie kein Recht hatten, neue Kirchen zu errichten, konnten die Mozarabischen Christen im Süden Spaniens zunächst ihre Riten fortsetzen, feierten die Messe jedoch bald auf Arabisch. Dennoch wurden sie ab dem 9. Jahrhundert in verschiedenen Städten gezwungen, zum Islam zu konvertieren oder wurden getötet oder in die Flucht getrieben. Zu Beginn des 11. Jahrhunderts waren sie aus dem Herzen von Al-Andalus verschwunden.
Hugues de Tressac:
Gab es in diesem Teil Spaniens und anderswo zahlreiche Bekehrungen?
Philippe Conrad:
Zu Beginn bildeten die Christen den größten Teil der Bevölkerung des Emirats, doch ab dem 10. Jahrhundert führten die Macht und der Wohlstand des Kalifats zu einer Zunahme der Bekehrungen zum Islam.
Die ›Mozaraben‹ durften weiterhin ihre Religion ausüben und ihre Kirchen behalten, durften jedoch keine neuen errichten. Ab dem 11. und 12. Jahrhundert verschärfte sich der Konflikt zwischen Muslimen und Christen nachhaltig, und die Ausgrenzung der Minderheiten setzte sich durch.
Hugues de Tressac:
Welche Auswirkungen hatte dies auf die Kultur und Zivilisation der Iberischen Halbinsel, von der nur der Nordwesten einer permanenten Besetzung entging?
Philippe Conrad:
Sie waren beträchtlich, wie die architektonischen Überreste dieser Epoche belegen und wie der Austausch zwischen Al-Andalus und den weiter nördlich gelegenen christlichen Gebieten zeigt, die sich ansonsten auf militärischem Gebiet bekämpften.
Hugues de Tressac:
Die Reconquista war ein sehr langer Prozeß, dessen entscheidender Wendepunkt die Schlacht von ›Las Navas de Tolosa‹ im Jahr 1212 in Andalusien war. Zehntausend europäische Ritter und Kreuzritter sowie viertausend Infanteristen besiegten dort etwa fünfundzwanzigtausend Muslime aus Al-Andalus und dem Maghreb. Abgesehen von dieser Schlacht: Was waren die wichtigsten Merkmale der Reconquista?
Philippe Conrad:
Das war der Wendepunkt der Reconquista. Deren Fortschritte verliefen seit dem ersten Sieg in ›Covadonga‹ im Jahr 722, unmittelbar nach der muslimischen Invasion, sehr langsam. Doch haben die christlichen Fürstentümer des Nordens viel Zeit gebraucht, um sich aus dem muslimischen Einflußs zu befreien, das Gebiet des ›Duero‹ zu erobern und auch von den Pyrenäen und der Grafschaft Barcelona aus vorzustoßen.
Zu Beginn des 11. Jahrhunderts, als Toledo bereits seit 1086 von den Kastiliern eingenommen worden war, ging der Kampf weiter, da neue Akteure aus Nordafrika auf den Plan traten, zunächst die ›Almoraviden‹, dann die ›Almohaden‹. Und es war eine bedeutende Armee der ›Almohaden‹, der sich die christlichen Königreiche, verstärkt durch Kreuzritterkontingente aus ganz Europa, im Jahr 1212 vor den Toren Andalusiens stellen mußten.
Der mühsam errungene christliche Sieg leitete die große „Reconquista“ ein, die es in den folgenden Jahren ermöglichte, die Provinz Levante zurückzuerobern, Córdoba einzunehmen und anschließend Sevilla zu erobern, sodaß den Muslimen nur noch das Emirat von Granada blieb, das bis zum Ende des 15. Jahrhunderts Bestand hatte.

Schlacht von ›La Navas de Tolosa‹, Gemälde von Marceliano Santa Mariä.
Hugues de Tressac:
Im Jahr 1492 wurde Granada endlich befreit, und die muslimischen Armeen zogen sich über Gibraltar zurück. In der Folge eroberten die Spanier Melilla, Mers el-Kebir und Oran, um die Muslime auf Distanz zu halten. Doch was geschah mit den Muslimen, die in Spanien zurückblieben? Waren es viele? Haben die Christen sie verschont? Sind sie konvertiert? War die „Taqiya” an der Tagesordnung, mit dem anschließenden Wiederaufleben von Bekehrungs- und Kriegstendenzen seitens dieser Überlebenden?
Philippe Conrad:
Diejenigen, die man die „Morisken“ nennt, genossen bis ins 15. Jahrhundert eine Reihe von Privilegien und bewahrten eine starke Identität in religiöser Hinsicht, in ihrer Kultur sowie in ihrer Kleidung und arbeiteten weiterhin im Auftrag der christlichen Herrscher, insbesondere in der Levante und in Andalusien.
Doch im 16. Jahrhundert kam es in Andalusien zu einem mächtigen Aufstand, der schließlich zur Vertreibung der Morisken führte, die zu Beginn des 17. Jahrhunderts unter der Herrschaft des spanischen Königs Philipp III. stattfand.
Hugues de Tressac:
In Spanien gibt es heute 2.000 Moscheen, zweifellos mehr als damals … Ihre Zahl hat sich seit 2011 verdoppelt. Im größten Teil Europas ist die Situation ähnlich, im Vereinigten Königreich sogar noch weiter fortgeschritten.
Der Islam ist mittlerweile fast 1.500 Jahre alt. Und wir haben es nicht einmal mehr mit Muslimen zu tun, deren Großeltern Polytheisten waren, ganz im Gegenteil. 1.500 Jahre Scharia – das islamische Recht, das die Gesamtheit der individuellen wie auch kollektiven Rechte und Pflichten der Muslime festschreibt – haben weder die Geister noch die Seelen befreit, noch den Dschihad… gebremst.
Was die Europäer betrifft: Früher bekämpften unsere Eliten die Eindringlinge unter Einsatz ihres Lebens. Seit mehr als 50 Jahren wissen unsere Politiker, die in ihrer überwiegenden Mehrheit ebenso hirnlos wie ungebildet sind, nicht, was sie sich noch ausdenken sollen, um unsere Überflutung mit unseren Steuern zu organisieren. Finstere Demagogie. Sehen Sie eine Lösung?
Philippe Conrad:
Die Muslime beklagten bereits 1492 den Verlust von Granada, das als „Damaskus des Westens“ bezeichnet wurde, und seit dem islamischen Erwachen, das sich in den letzten Jahrzehnten durchgesetzt hat, erheben einige sogar eine Art „kulturelles Eigentumsrecht“ auf das ehemalige Gebiet von Al-Andalus. Dies verdeutlichen die Forderungen bezüglich der Großen Moschee von Córdoba, die während der Rückeroberung in eine Kathedrale umgewandelt wurde und in der manche den muslimischen Gottesdienst wieder einführen möchten.
In Spanien tobt die Debatte über diese Ansprüche und deren Legitimität. Doch dort wie auch im übrigen Europa behauptet sich eine starke identitäre und traditionelle Bewegung, um die Erinnerung an die iberische Rückeroberung wachzuhalten.
Hugues de Tressac:
Vielen Dank, Philippe Conrad, für diese Erläuterungen zu einem Thema, das in unserer europäischen Geschichte wieder stark in den Vordergrund gerückt ist. Der Angreifer hat seinerseits nie die Waffen niedergelegt.
Das Neue daran ist, daß der Angegriffene selbst nicht mehr weiß, wer er ist. Hoffen wir, daß der Geist der Reconquista erneut über unsere Länder weht, bevor es zu spät ist. ■

Philipp Conrad, führendes Mitglied des GRECE, Chefredakteur der ›Nouvelle Revue d’Histoire‹, Mitbegründer und Ehrenpräsident des Institut Iliade, Historiker, Autor von Dutzenden von Werken, darunter ›Histoire de la Reconquista‹ und ›Al-Andalus: Die Täuschung des Mythos vom multikulturellen Paradies‹ – niemand war besser qualifiziert als Philippe Conrad, um die Fragen von Hugues de Tressac zur ›Reconquista‹ zu beantworten.
Quelle: Zeitschrift ›Terre & Peuple‹, Nr. 109, 2026
