Markku Siiera
Die Vorstellung, daß die Geschichte nicht geradlinig verläuft, sondern sich im Kreis bewegt, ist älter als die meisten modernen Sozialwissenschaften. Bereits Polybios vertrat im antiken Griechenland die Auffassung, daß die Regierungsformen einem regelmäßigen Kreislauf folgen: Die Monarchie verfällt zur Tyrannis, die Tyrannis wird durch die Aristokratie abgelöst, die Aristokratie durch die Oligarchie, die Oligarchie durch die Demokratie und die Demokratie schließlich durch eine neue Tyrannis. Dies war seiner Ansicht nach kein Zufall, sondern das Ergebnis der Dynamik der Machtverteilung.

Polybios, Bildquelle: Wikimedia Commons
Ibn Khaldun führte diesen Gedanken im 14. Jahrhundert weiter. Seiner Auffassung nach entstehen Dynastien aus der Kraft des Gruppenzusammenhalts, der Asabiyya, entfalten über einige Generationen hinweg ihre Blüte und verfallen, sobald der ursprüngliche Zusammenhalt durch Luxus und innere Konkurrenz verdrängt wird.

Ibn Khaldun, Bildquelle: Wikimedia Commons
Er unterschied drei Phasen: die Gründergeneration, die den Zusammenhalt bewahrt; die nachfolgende Generation, die sich bereits dem Luxus zuzuwenden beginnt; und die darauffolgenden Generationen, in denen die ursprüngliche Geschlossenheit schließlich zerbricht. Die Lebensdauer einer Dynastie betrug seiner Ansicht nach typischerweise drei bis vier Generationen.
Giambattista Vico vertrat im 18. Jahrhundert die These, daß die Nationen drei Zeitalter durchlaufen – das Zeitalter der Götter, der Helden und der Menschen – und anschließend zum Ausgangspunkt zurückkehren (corsi e ricorsi). Diese Rückkehr bedeutete für ihn keine bloße Wiederholung, sondern eine idealisierte Wiederkehr auf einer höheren Ebene: Die Menschheit kehrt zu einem Zustand zurück, der dem ursprünglichen ähnelt, ohne jemals wieder völlig derselbe zu sein.

Giambattista Vico, Bildquelle: Wikimedia Commons
Oswald Spengler vertrat zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Auffassung, daß Kulturen lebendige Organismen seien, die entstehen, blühen und sterben. Sein Hauptwerk ›Der Untergang des Abendlandes‹ (1918/1922) gliederte den Lebenszyklus einer Kultur in Phasen, die an das Wachstum einer Pflanze erinnern: Geburt, Jugend, Reife und schließlich Erstarrung.
Entscheidend war für ihn der Unterschied zwischen Kultur und Zivilisation. Kultur ist schöpferisch, formbildend und lebendig; die Zivilisation hingegen bildet das letzte Stadium einer Kultur, in dem die schöpferische Kraft versiegt ist und die Verfestigung von Formen, die Ausbreitung und die technische Beherrschung übrig bleiben.

Oswald Spengler, Bildquelle: Wikimedia Commons
Spengler sagte voraus, daß die abendländische Kultur in das Zivilisationsstadium eingetreten sei und ihr Ende unausweichlich bevorstehe. Seiner Auffassung nach lernen Kulturen nicht voneinander, sondern durchlaufen unabhängig von den äußeren Umständen stets dasselbe Entwicklungsmuster.
Arnold Toynbee setzte diese Denkbewegung in seinem zwölfbändigen Werk ›A Study of History‹ (1934–1961) fort und erklärte Aufstieg und Untergang von Zivilisationen anhand des Mechanismus von Herausforderung und Antwort. Seiner Ansicht nach entsteht eine Zivilisation, wenn eine Gemeinschaft einer Herausforderung begegnet – etwa einer Dürre, einer Überschwemmung, einem Krieg oder einer neuen religiösen Bewegung – und darauf in einer Weise reagiert, die schöpferische Kraft und Opferbereitschaft erfordert.
Eine entscheidende Rolle spielt dabei eine „schöpferische Minderheit“, die fähig ist, auf die Herausforderung zu antworten und die übrigen Menschen mit sich zu ziehen. Verliert diese Minderheit ihre schöpferische Kraft, verwandelt sie sich in eine herrschende Minderheit, die auf Zwang und Nachahmung zurückgreift. Dann beginnt die Zivilisation zu zerbrechen: Das innere Proletariat löst sich von ihr, das äußere Proletariat setzt sie an ihren Grenzen unter Druck, und schließlich entsteht eine neue Hochkultur oder Religion, die die alte ersetzt.

Arnold Toynbee, Bildquelle: Wikimedia Commons
Toynbee betonte, daß Zivilisationen nicht äußeren Erschütterungen zum Opfer fallen, sondern Selbstmord begehen: Sie verlieren die Fähigkeit, auf jene Herausforderungen zu antworten, die sie selbst hervorgebracht haben.
In den 1990er Jahren führten William Strauss und Neil Home diesen Gedanken näher an die Gegenwart heran. Ihrer ›Generationentheorie‹ zufolge gliedert sich die Geschichte der Vereinigten Staaten in Zyklen von etwa 80 Jahren, von denen jeder mit einer vierten Wende endet – einer Krise, die die gesellschaftliche Struktur grundlegend verändert.

Peter Turchin hat säkulare Zyklen quantitativ modelliert und politische Instabilität mit einer Überproduktion von Eliten sowie der Verarmung breiter Bevölkerungsschichten in Verbindung gebracht.
Ray Dalio wiederum vertritt die These, daß sich große Schulden- und Machtzyklen ungefähr alle 75 Jahre wiederholen und mit einer Neugestaltung der bestehenden Ordnung enden.

Ray Dalio, Bildquelle: Wikimedia Commons
Diese Denker verbindet eine grundlegende Erkenntnis: Stabilität ist nicht von Dauer. Eine etablierte Ordnung häuft Spannungen in sich an, die sie nicht mehr abzubauen vermag. Der Wohlstand konzentriert sich, die Institutionen erstarren und verteidigen den Status quo, von dem sie selbst profitieren, und eine neue Generation – der die persönliche Erinnerung an die vorangegangene Krise fehlt – hält die bestehende Ordnung für selbstverständlich. Wird das System von einer hinreichend starken Erschütterung getroffen, gibt es nicht nach, sondern zerbricht.
Dennoch bestehen erhebliche Unterschiede zwischen den Theorien. Polybios und Vico sprachen von einem Kreislauf, der zum Ausgangspunkt zurückkehrt. Spengler und Toynbee beschrieben Untergang und Wiedergeburt. Strauss und Howe stützen sich auf Generationen-Archetypen, Turchin auf statistische Zyklen und Dalio auf die Schuldenmärkte. Die Methoden unterscheiden sich erheblich, doch die zentrale Erkenntnis kehrt immer wieder: Die Ordnung bleibt nicht unverändert bestehen.
Kritisch läßt sich einwenden, daß zyklische Muster im Rückblick leicht zu erkennen sind. Wer in die Vergangenheit schaut, findet stets irgendein Muster. Daraus folgt jedoch nicht, daß dieses Muster ein prognostisches Gesetz darstellt. Zyklische Theorien nennen weder einen genauen Zeitpunkt noch einen bestimmten Ausgang. Sie zeigen vielmehr, daß bestimmte strukturelle Spannungen bestimmte Arten von Folgen hervorbringen. In diesem Sinne dienen sie eher als Deutungsrahmen denn als Vorhersagen.
Die Gegenwart scheint in dieses Muster zu passen. Die politische Polarisierung hat zugenommen, die Legitimität der Institutionen hat abgenommen, und die wirtschaftliche Ungleichheit hat wieder ein Niveau erreicht, wie es seit den 1920er Jahren nicht mehr zu beobachten war. Der technologische Umbruch verändert die Strukturen von Arbeit, Wissen und Macht, während sich die Spannungen zwischen den Großmächten verschärfen.
Die zyklischen Theorien zeigen, daß sich dasselbe Muster bereits früher wiederholt hat: Die herrschende Ordnung zerbricht früher oder später an ihren eigenen Widersprüchen, und nach einer Phase instabilen Übergangs entsteht an ihrer Stelle eine neue.
Wie könnte diese neue Ordnung aussehen? Nach Krisen hat die Rolle des Staates gewöhnlich zugenommen. Nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg weitete sich die Macht der Bundesregierung erheblich aus. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden der Wohlfahrtsstaat, die Vereinten Nationen und das Bretton-Woods-Währungssystem.
Sollte sich das Muster wiederholen, dürfte eine stärkere Zentralgewalt, eine strengere Regulierung und eine neuartige Wirtschafts- und Sicherheitsordnung bevorstehen. Anfangs wird diese Ordnung hart sein, weil sie aus einem Bruch hervorgeht; später wird sie sich abschwächen, wenn eine neue Generation innerhalb ihrer Strukturen heranwächst.
Dies ist keine präzise Vorhersage, sondern eine Möglichkeit, die sich aus den Erkenntnissen über die Vergangenheit ergibt. Niemand weiß, wann der Übergang stattfinden wird oder welche Gestalt die neue Ordnung letztlich annehmen wird. Fest steht jedoch, daß die gegenwärtigen Generationen in einem instabilen Zwischenzustand zwischen der alten und der neuen Ordnung leben müssen. Die Frage lautet nicht nur, wann die neue Ordnung entsteht, sondern auch, wo sie entstehen wird.
Bemerkenswert ist, daß ein zyklisches Geschichtsverständnis keineswegs ausschließlich dem Westen eigen ist. Der Anfangssatz des chinesischen Romans ›Die Geschichte der Drei Reiche‹ (Sanguo yanyi) lautet:
Der große Lauf der Welt ist der, daß nach langer Zersplitterung die Vereinigung folgt und nach langer Vereinigung die Zersplitterung.
Darin zeigt sich eine Parallele zum Kreislauf der Staatsformen bei Polybios und zum Niedergang der Dynastien bei Ibn Khaldun. In einem Punkt unterscheidet sich die chinesische Tradition jedoch von diesen Ansätzen: In ihr ist die Einheit nicht bloß eine Phase des Zyklus, sondern der Normalzustand der Ordnung, zu dem der Gang der Geschichte zurückkehrt.
Wenn die westlich geprägte Ordnung zunehmend ihre Fähigkeit verliert, die Einheit aufrechtzuerhalten, deutet die wachsende Stellung Chinas und des eurasischen Raumes insgesamt darauf hin, daß das Zentrum des nächsten Zyklus möglicherweise nicht mehr jenseits des Atlantiks liegen wird.
Quelle: https://markkusiira.substack.com/p/kun-jarjestys-murtuu-vallan-ja-sukupolvien

Schon als Kinder wurden wir von unseren Eltern gewarnt: „Die dritte Generation bringt uns von Haus und Hof.“
Wenn die alte Macht zerbricht, dürfen die alten Machtstrukturen nicht erhalten bleiben und in die neuen einsickern. Es muß eine Abrechnung des Alten stattfinden, was uns die judäisch-amerikanische Ordnung 1945 mit den Nürnberger Gesetzen medial wohlwollend begleitet aufgezeigt hat. Unzählige Führer der damaligen Zeit wurden hingerichtet, entlassen, bestraft, nach 1989 wenige.
Der Wandel DDR—> BRD war ganz anders. Da wurden in der Demonstration, organisiert von bestimmten Kräften, am 4.11. neue Führungskräfte präsentiert, die ausgepfiffen wurden, Stefan Heym und Markus Wolf, da sprang Gregor Gysi auf die Bühne und verschwand mit der SED Parteikasse, woran er sich nicht erinnern kann. Es wurde nichts abgerechnet und aufarbeitet. Die alten Strukturen wühlen seit 1989 weiter.
Die Gegenseite hat das besser erkannt 1945 und ist jetzt wieder an der Macht unter gegenteiligen Vorzeichen. Völkermischmasch, Porno im Kindergarten, Ausbeutung pur im Namen der Demokratie und des schlechten Geschmacks.,