Rita Remagnino

Der Antichrist als narrative Maschine

In der vedischen Tradition ist das Opfer (yajña) kein bloßer Ritus, sondern das Prinzip selbst, das der Schöpfung und der Aufrechterhaltung der kosmischen Ordnung (ṛta) zugrunde liegt.

Dem Gründungsmythos zufolge hatte sich der Gott ›Prajāpati‹ zu Beginn der Zeit selbst geopfert, um das Universum zu erschaffen, und daher mußten die weltlichen Riten dieses übergeordnete Urbild nachahmen, damit die heilige Verbindung zwischen der menschlichen Handlung und der göttlichen Dynamik aufrechterhalten blieb.

In ähnlicher Weise stellte sich der Zyklus der Yugas als ein unaufhörliches „kosmisches Opfer“ dar, in dem die Auflösung aller Formen (pralaya) keine wirkliche Zerstörung darstellte, sondern die notwendige Voraussetzung für die Entfaltung einer neuen Schöpfung war. Angesichts der Unausweichlichkeit dieses zyklischen Prozesses konnten auch die vom Menschen vollzogenen Opfer – verstanden als rituelle Handlungen – nicht ein für alle Mal vollzogen werden, sondern mußten sich wie die Herzschläge oder der Rhythmus des Atems erneuern und fortbestehen.

Gibt es also keine Alternativen zu den Opferritualen? Werden sie auch im zukünftigen Zeitalter der Wahrheit, der Rechtschaffenheit und der Ordnung (Satya oder Krta Yuga) fortbestehen, das von Menschen einer höheren Entwicklungsstufe bewohnt wird? Werden selbst in einer Welt, in der es keine zu heilenden Wunden mehr gibt, Opfer gefordert werden?

• Nein, wenn wir unter Opfer die Form des rituellen Zerreißens oder Tötens – sei es von Tieren oder Menschen – verstehen, das dazu dient, Gewalt zu kanalisieren und zu bewältigen. In einem hypothetischen Zeitalter des Lichts oder des wiederhergestellten Dharma wird es keinen Bedarf mehr an vom Alltag getrennten „Riten“ geben, da das Dasein selbst zu einem fortwährenden Opfer wird und jede Handlung heilig ist.

• Ja, wenn wir das Opfer in seiner tiefsten etymologischen Bedeutung verstehen, abgeleitet vom Lateinischen sacrum facere, also „heilig machen“. Sollte eine neue Welle des Bösen über die Welt hereinbrechen, wird der Rückgriff auf diese „besonderen Handlungen“ unerläßlich sein.

Auf die oben genannten Fragen bieten die Veden jedoch keine eindeutigen Antworten. So fügen ab dem 6. Jahrhundert n. 0. einige postvedische Texte – wie das Garuda Purāṇa und das Bhāgavata Purāṇa – der traditionellen Erzählung ein neues Element hinzu: Der Übergang vom Ende zum nächsten Anfang wird von Kalki angekündigt, dem zehnten und letzten Avatāra von Vishnu.

Kalki, der zehnte und letzte Avatar Vishnus, mit seinem weißen Pferd; Kupferstich, englische Ausgabe nach François Valentijn, Ende des 18. Jahrhunderts. Quelle: Wikimedia Commons.

Auf dem Rücken eines weißen Rosses namens Devadatta („Geschenk Gottes“) reitend, wird der Krieger mit dem flammenden Schwert die Zwillingsdämonen Koka und Vikoka besiegen und der Korruption ein Ende setzen, bevor er das Dharma wiederherstellt und alle blasphemischen Glaubensvorstellungen – also solche, die den von den Vorfahren überlieferten Lehren widersprechen – aus der Welt tilgt.

In ähnlicher Weise stellt sich in der Offenbarung des Johannes ein Reiter auf seinem weißen Pferd Gog und Magog entgegen (20:7-8), während im Koran die Befreiung der bösen Völker Yājūj und Mājūj – die als Kräfte des Chaos beschrieben werden – eng mit dem bevorstehenden Tag des Gerichts verbunden ist (Sure al-Kahf, 92–98).

Zweifellos gehen die verschiedenen eschatologischen Überlieferungen auf ein einziges, älteres und weit verbreitetes Kriegerszenario zurück: das indo-arische. Kalkis Handeln unterscheidet sich jedoch von dem seiner nahöstlichen Verwandten (wie dem Reiter der Apokalypse oder Dhū l-Qarnayn im Koran), da er sich nicht darauf beschränkt, die verdorbene Menschheit zu vernichten, sondern den Grundstein für die Neugestaltung eines neuen Bundes legt.

Vier apokalyptische Reiter, Gemälde von Viktor Vasnetsov, Quelle: Wikimedia Commons

Besonnen und zielgerichtet bricht die reinigende Geste des vedischen Ritters mit einem kosmischen „Schrei“ – verstanden als kriegerische Handlung – in die weltliche Kakophonie ein – nicht so sehr, um Stille zu erzwingen oder die Welt auszulöschen, sondern vielmehr, um eine neue Frequenz hervorzubringen, eine ungewöhnliche Schwingung, deren Ursprünglichkeit den Menschen aus der chaotischen oder betäubenden Lethargie erweckt, die ihn bedrückt.

Als Vorbote der Engelsposaunen (oder des Jüngsten Gerichts) beendet der furchterregende Klang nicht die Geschichte – wie manche im Laufe des letzten Jahrhunderts naiv geglaubt haben –, sondern löst einen … Neustart aus. Danach setzt sich die wechselnde Bewegung von Ordnung und Unordnung – oder kreativem Chaos – wieder in Gang, die dazu bestimmt ist, erneut ins Stocken zu geraten, um bisher unbekannte teleologische Visionen hervorzubringen.

Aus dieser Perspektive betrachtet, ist die Apokalypse weniger furchterregend. Sie signalisiert nicht mehr ein schreckliches Ende, sondern den Punkt, an dem der zu Ende gehende und der neue Zyklus aufeinandertreffen und miteinander kollidieren, damit aus dem Durcheinander wieder eine Verheißung wird. Die Gesellschaft selbst, die auf dieses symbolische Bild zurückgreift, verkündet nicht das Ende der Welt, sondern das Ende einer Welt: ihrer eigenen.

Opfer und Stagnation: eine Anthropologie der Gegenwart

Der „Schrei von Kalki“, verstanden als apokalyptischer Klang, der einen unüberbrückbaren Bruch verhindern kann, passt zu jeder historischen Endphase, einschließlich unserer eigenen; dennoch dominieren in der Vorstellungswelt des sogenannten kollektiven Westens die Visionen, die aus der Apokalypse des Johannes und der jüdischen Apokalyptik stammen, die unter den Christen des 1. Jahrhunderts weit verbreitet war.

Kalki, Gemälde von Shobha Singh, Quelle: Wikimedia Commons

Verfolgt, von Nero beschuldigt, den Brand von Rom ausgelöst zu haben, gefoltert, gekreuzigt und den wilden Tieren zum Fraß vorgeworfen, setzten die ersten Gläubigen ihre Hoffnung auf Erlösung vom Unterdrücker in die Offenbarung, der am „Ende der Zeiten“ von einer gerechten Strafe getroffen werden würde. Da sich jedoch die Prophezeiung vom Öffnen des siebten Siegels – das den Anstoß zum Ertönen der ersten der sieben Posaunen geben sollte (Offb 7,11) – lange nicht erfüllte, begannen die Gedanken abzuschweifen und verloren sich im Fantastischen.

So entstand die fiktive Figur des ›Antichristen‹, der aus anthropologischer Sicht nie ein eigenständiges „Wesen“ war, sondern vielmehr eine Struktur der Umkehrung, d. h. ein Mythos, der immer dann wiederbelebt wird, wenn eine Epoche ihren eschatologischen Ängsten Gestalt verleihen muß.

Seine Wiederbelebung im technologischen Zeitalter darf daher nicht als tragische Rückkehr eines theologischen Fossils verstanden werden, sondern ist vielmehr das Wiederauftauchen eines liminalen Archetyps – also die Befreiung jener Figur, die wie der Schamane oder der Trickster an der Schwelle zwischen Ordnung und Chaos, Heiligem und Profanem, Menschlichem und Posthumanem wohnt.

Luca Signorellis Darstellung des Antichristen, Kathedrale von Orvieto, 1501, Quelle: Wikimedia Commons

Irreführend ist auch der Name „Antichrist“ – der erstmals in den Texten des Neuen Testaments, insbesondere in den Briefen des Johannes, auftaucht –, da dieses symbolische Wesen nicht im Gegensatz zu Christus steht, sondern die Funktion eines Anti-Chronos ausübt und darauf abzielt, den linearen (und unnatürlichen) Kalender zu verlassen, um sich wieder dem Zyklischen, dem Mythischen zu öffnen – jenem Raum, in dem die Dogmen der Innovation ihre Zwangskraft verlieren.

Und hier stellt sich die eigentliche anthropologische Frage: Was erwartet uns? In welches symbolische System wird der ›Letzte Mensch‹ nach dem Bruch des Bundes mit der technologischen Gottheit Zuflucht suchen? Da man sehr wohl weiß, daß der Mensch die Sinnleere nicht erträgt, sind die Liturgien der „Dunklen Aufklärung“ (von Land bis Yarvin) bereits dabei, das Interregnum mit alten, als Zukunft getarnten Grammatiken zu füllen (Initiationshierarchien, Astralzyklen, absolute Souveränität, mystischer Sozialdarwinismus und dergleichen)

Doch so sehr sie sich auch als revolutionär bezeichnen mögen, bleiben ihre Strategien doch in den tiefen Strukturen des westlichen Denkens verhaftet, nämlich im Messianismus, im Gnostizismus und im Mythos der elitären Erlösung. Anstatt die Vergangenheit aufzulösen, lassen sie sie in karikaturistischer Form wiederaufleben, wie es beim Projekt ›Build-a-Cult‹ des Dialog 2026 geschehen ist, dessen Scheitern sicherlich nicht auf eine banale Indiskretion zurückzuführen ist.

Ein Ritual läßt sich nicht verordnen, sondern muß verkörpert werden – wie die klassischen Studien von Émile Durkheim bis Mary Douglas lehren –, weshalb der Versuch einer machtgierigen technokratischen Elite, es künstlich zu konstruieren, dazu bestimmt ist, zu scheitern oder lächerlich zu wirken.

Was jedoch die Ambitionen umstrittener Persönlichkeiten wie Peter Thiel und Alex Karp betrifft – ursprünglich Philosophen und Wegbereiter des Silicon Valley –, die entschlossen sind, eine selbstreferenzielle Anthropologie zu entwerfen, an deren Spitze der technologische Titanismus als Vollendung des Menschlichen steht und an deren Basis die zu Abschaum degradierten Massen – ein Begriff, der an die Theorien des Philosophen Günther Anders über die „prometheische Schande“ anknüpft.

Machen wir uns also darauf gefaßt, in den kommenden Jahren mitzuerleben, wie die Technologie versucht, sich einer Liturgie (Updates als Riten), einer Soteriologie (das Versprechen eines gesteigerten Lebens) und eines Herrschaftsanspruchs zu versehen, der sicherlich nicht durch Konsens, sondern durch den Besitz der Quellcodes legitimiert wird – die neuen arcana imperii.

In einem Umfeld weitgehender Stagnation hat bislang nur eine einzige Stimme das globale Schweigen durchbrochen: die Enzyklika von Papst Leo XIV. Magnifica Humanitas – mit dem Untertitel „über den Schutz des Menschen im Zeitalter der künstlichen Intelligenz“. Das Dokument verteufelt künstliche Intelligenzen nicht, sondern empfiehlt einen bewußten Umgang mit ihnen, der in der Zentralität des Menschen verwurzelt ist. Andernfalls, so warnt er, müsse sich die Menschheit darauf einstellen, das letzte Opfer zu bringen: nicht mehr Herzen, die aus der Brust gerissen werden, wie in archaischen Theologien, sondern Seelen, die den Servern zum Fraß vorgeworfen werden.

Träume und Albträume vom Weltuntergang

Die Visionen der Apokalypse und des Antichristen tauchen in den gefährlichsten Kurven der Geschichte mit voller Wucht wieder auf. Ihre eschatologische Wirksamkeit liegt weniger in der Erfüllung der Prophezeiung als vielmehr in der Unvollständigkeit, die Raum für Spekulationen läßt. Das Fehlen von Details, eines Stufenplans, eines Zeitplans, eines katéchon erklärt sich daher damit, daß die Verwirklichung des Angekündigten gegenüber der Notwendigkeit, die Konturen einer von tiefgreifenden Revolutionen zerrissenen historischen Epoche zu definieren, zweitrangig ist.

Jahr 1000: apokalyptische Ängste im Zusammenhang mit Hungersnöten, Invasionen (Ungarn, Sarazenen) und der Erwartung des Jüngsten Gerichts als Lösung aller Probleme. Die kollektive Angst ist in diesem Fall auf das Machtvakuum und die Instabilität der Lebensgrundlagen zurückzuführen.

Schwarzer Tod (1348) und Ausweitung der Handelswege (neue Verbindungen zum Schwarzen Meer und zum Asowschen Meer). Ängste, die aus der Gesundheitskatastrophe herrührten, die – verschärft durch die zunehmenden menschlichen Kontakte – in die Selbstverstümmelung der Flagellanten und die Verbrennungen von Ketzern mündete und so die Prophezeiungen über den Antichristen als himmlische Strafe untermauerte.

Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern (Gutenberg, um 1450). Auch wenn die Renaissance das Mittelalter mit kritischem Blick, wenn nicht gar mit verächtlicher Überheblichkeit betrachtet, bewahrt sie doch dessen Ängste; erschwerend kommt hinzu, dass die „dunkle Bedrohung“ des Weltuntergangs – bis dahin nur erzählt – zu einem bildlichen Motiv (Dürer, Die Apokalypse, 1498) wird und in Pamphleten diskutiert wird. Die Ängste nehmen mit dem Zusammenbruch der christlichen Einheit in Europa (Luther) zu, der als Bestätigung der Prophezeiung empfunden wird: technologischer Fortschritt → Beschleunigung der Reformation → Religionskriege → Deutung der Ereignisse als Zeichen für das Voranschreiten des Antichristen.

• Industrielle Revolution (19. Jh.). Die Zahl 666 überträgt sich auf Maschinen, Züge und Fabriksysteme. Die Ludditen sprechen nicht offen vom Antichristen, behindern aber auch nicht die Missionierungsarbeit der Weltuntergangsprediger (z. B. Mormonen und Adventisten).

Ende des 20. Jahrhunderts (Globalisierung, Internet). Der Antichrist schlüpft in die Rolle der „Weltregierung“ (UNO, WHO, Deep State). Der technologische „Big Brother“ wird mit dem „Netz des Tieres“ verglichen.

21. Jahrhundert: Krise des klassischen Kapitalismus und der algorithmische Antichrist. Für die säkulare Mehrheit ist die Debatte nicht mehr im engeren Sinne theologisch, sondern vielmehr säkularisiert: Zunächst kanalisiert sie sich in eine künstlich herbeigeführte Pandemiekrise und mündet dann in ein Gefühl der Ohnmacht gegenüber einer despotischen und bösartigen Wissenschaft, in der die KI das „Tier“ ist, das Meinungen und Beziehungen kontrolliert und die Diktatur der totalen Überwachung auferlegt.

Diese Beispiele zeigen, daß ein ständiger Zusammenhang zwischen der Angst vor dem Kontrollverlust über technische Innovationen (der trügerische Antichrist, der gut erscheint, aber böse ist) und dem klassischen apokalyptischen Repertoire besteht. Immer wenn eine Technologie neu definiert, was es bedeutet, Mensch zu sein (die Buchdruckkunst definierte Autorität und Wahrheit neu, die KI definiert Intelligenz und Autonomie neu), oder wenn ein Wirtschaftsmodell zusammenbricht (Feudalismus, industrieller Kapitalismus, thalassokratischer Hegemonialismus), taucht die mit der Apokalypse verbundene Vorstellungswelt wieder als symbolische Landkarte auf, um der kollektiven Angst eine Orientierung zu geben, während der Antichrist, von Hippolyt als „das Zelt/die Wohnstätte Satans“ (De Antichristo, I, VII) bezeichnet, alle Bosheiten der Welt in sich aufnimmt.

Die Apokalypse als (Neu-)Ausgangspunkt

Zusammenfassend läßt sich sagen: Die klassische apokalyptische Erzählung ist die unruhige Schwester der besonnenen vedischen Vision. Beide entspringen dem Bewußtsein, daß die Welt – um weiterhin zu existieren – sterben und wiedergeboren werden muß, doch im Laufe ihrer Entwicklung setzen sie dieses Prinzip unterschiedlich um: Das antike Denken akzeptiert sein Schicksal und ritualisiert es im Opfer, während das historische Denken sich ihm widersetzt und es dramatisiert und in ein Schauspiel des Grauens verwandelt.

Gerade in diesem dunklen Humus sind viele Vorurteile entstanden, die unser tägliches Leben prägen und uns gegenüber den Zwängen und Ideologien der Gegenwart verwundbarer machen.

Komm schon, fasse Mut, ein letztes Opfer genügt, um den Vormarsch der antichristlichen Macht abzuwenden. Eine letzte Anstrengung, und dann geht es nur noch bergab. Bald wirst du das Schwert wegwerfen, den Ring zerbrechen, alle Spuren verwischen und ruhen können. Du wirst lächeln können, ohne daß jemals jemand erfährt, was du im Verborgenen getan hast. Und dann wirst du gesiegt haben, denn selbst das Böse wird heilig, wenn es dem Guten dient. Ist das nicht der wahre Sieg?

Vishnu auf Ananta im kosmischen Ozean, ca. 1780–1790, zugeschrieben dem Durga Master, Mehrangarh Museum Trust; Wikimedia Commons, Public Domain.

In Wirklichkeit ist das letzte Opfer immer das vorletzte. Wer behauptet, „es sei das letzte Mal“, nutzt lediglich das negative Potenzial der apokalyptischen Erzählung aus, um Angst in ein totalitäres politisches Projekt zu verwandeln.

Mit anderen Worten: Da er den Zusammenbruch, durch den er seine Macht verlieren wird, nicht abwenden kann, versucht der falsche Retter, die Auflösung des Bestehenden zu beschleunigen, und verspricht im Gegenzug eine Zukunft in Frieden und Sicherheit (wie im Fall der posthumanen Singularität).

Als Kinder des US-amerikanischen Evangelikalismus – anthropologisch unerfahren und kulturell unreif– sind diese Theorien die Zutaten eines aufgewärmten Eintopfs, der bereits Gesagtes wiederkäut (die Intuitionen von René Girard) und bereits gehörte Schlagworte recycelt („Frieden und Sicherheit“, eine Formel, die dem ersten Brief des Paulus an die Thessalonicher entlehnt ist). Oder sie graben angesichts der schlechten Lage noch tiefer in die historische Leere (das „teuflische Interregnum“ von Gramsci) und lösen dabei pathologische, monströse, abwegige Erscheinungsformen aus.

Es reicht jedoch aus, die Perspektive zu wechseln, um ein weniger beängstigendes Bild zu erhalten. Es gibt keinen Grund, das Ende der Materialität zu fürchten, wenn der Untergang altersschwacher Götter und die Überwindung der abgenutzten Schemata des Erlösermarktes zu Gelegenheiten werden können (nicht garantiert, aber möglich), die wichtigsten ethischen, ästhetischen und spirituellen Fragen wieder aufzugreifen, die die moderne Welt verdrängt hat.

Sicher ist, daß der Paradigmenwechsel schmerzhaft sein wird. Aber wer weiß, vielleicht wiederholt sich ja das, was nach dem Jahr 1000 geschah, als der Bann des Stillstands – so berichten es Rudolfus Glaber und Ademar von Chabannes, auf deren Chroniken sich der Historiker Georges Duby stützte, um seine berühmte Interpretation zu entwickeln – durch einen segensreichen Kurswechsel gebrochen wurde.

Über einen langen Zeitraum hinweg waren Seuchen und Hungersnöte mit ungewöhnlichen astronomischen Ereignissen, dem Auftauchen monströser Wale, Visionen von Heiligen, teuflischen Versuchungen, Prozessen gegen Ketzer, falschen Christussen und falschen Propheten verflochten. Zeichen, die als unmißverständliche Offenbarungen der Unsicherheit der Welt, ihres Verfalls und des bevorstehenden Weltuntergangs gedeutet wurden. Doch dann, durch das ständige „Zerbrechen“ und „Zerbrochenwerden“, lernten die Europäer, in der Welt zu (ver)bleiben, und entwickelten eine außergewöhnliche Kreativität, die den gesamten Kontinent erfaßte.

Das Experiment der „kollektiven Resonanz“, wenn man es so nennen darf, war kein allgemeines Phänomen – so berichtet der Glabro in seiner Rolle als Chronist –, sondern betraf in besonderer Weise das Heilige, also alles, was die Beziehung des Menschen zum Göttlichen berührte, und drückte sich in verschiedenen Bereichen aus: in der Kunst, in der Architektur (man denke nur an die ersten romanischen Kathedralen) und im literarischen Schaffen.

Wird der Mensch des 21. Jahrhunderts, der bis zum Hals in einer fragmentierten und hypervernetzten Welt steckt, dazu ebenso fähig sein? Die Aufgabe wird weitaus schwieriger sein, da unserem Horizont ein göttlicher Plan fehlt, ein letzter Sinn, der das Leiden rechtfertigt, sowie eine autoritative Führung, wie sie bis vor wenigen Jahren von der klerikalen Kaste verkörpert wurde, die sich aus Intellektuellen, Experten und Alleswissern zusammensetzte (vgl.: C. Preve, Il ritorno del clero, 1999). Aber all das wird wahrscheinlich nichts nützen, denn letztendlich werden wir es mit uns selbst ausmachen müssen.

Jeder von uns wird auf seine kleine Weise die Kunst des „Flickens“ neu erlernen, die darin besteht, die Risse wieder zu nähen, um jeder Naht einen Namen und eine Würde zu geben, in der wir uns wiedererkennen können.

Wer sich hingegen aus Angst oder Unentschlossenheit zurückzieht und sich mit provisorischem Flickwerk begnügt – erbärmliche Kinder jenes Posthumanismus, der über alles Mögliche spricht, nur nicht über das Menschliche –, der soll sich schon jetzt mit dem langsamen Ersticken abfinden, das den Auftakt zum äußersten Opfer bildet.

Quelle: https://www.ereticamente.net/un-urlo-ci-seppellira-rita-remagnino/
Beitragsbildquelle: Battistero di San Giovanni Mosaiken© Marie-Lan Nguyen / Wikimedia Commons / CC-BY 2.5.jpg

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