Rita Remagnino

 

Geplagt von einer zählebigen kolonialen Mentalität, neigen die heutigen Westler dazu, auf diejenigen herabzusehen, die ihnen nicht ähneln, einschließlich ihrer eigenen Vorfahren, die sie als unwissend und „primitiv“ abstempeln, obwohl diese sich dieselben existenziellen Fragen stellten, die auch ihre Nachkommen beschäftigen: „Woher kommen wir?“, „Was ist der Sinn des Lebens?“„Was geschieht nach dem Tod?“

Mit dem Aufkommen der Digitalisierung haben die Ausprägungen von Überlegenheitsgefühlen nicht abgenommen, sondern paradoxerweise zugenommen, da die vermeintliche Urheberschaft technologischer Geräte und des wissenschaftlichen Fortschritts als Beweis angeborener Überlegenheit angeführt wird. Folglich verbreiten sich immer mehr Botschaften, die glorreiche und fortschrittliche Entwicklungen preisen und auf folgenden Ideologien basieren: 


Künstliche allgemeine Intelligenz (AGI) wird die menschliche Intelligenz übertreffen und sich exponentiell selbst verbessern; 


die Technologiebranche (z. B. Nanotechnologie, Biotechnologie, Gehirn-Computer-Schnittstellen) wird sich in einem für den modernen Menschen unvorstellbaren Tempo entwickeln; 


die technologische Singularität wird einen historischen Bruch auslösen, nach dem die Zukunft unvorhersehbar wird (wie ein „Schwarzes Loch” in der Physik).

Unterdessen dauern die Dilemmata des „Primitiven“ an. Allen voran die zentrale Frage: „Was wird aus uns nach dem Tod?“ Ratlos greift die Singularität, in Gestalt der gnostischen Henosis (mystische Vereinigung mit dem Göttlichen), auf religiöse Metaphern zurück, die auf Auferstehung und Unsterblichkeit anspielen, welche – insbesondere durch technologische Mittel – erreicht werden sollen.

Aus diesem Grund ähnelt die konzeptuelle Struktur, die die Theorie der Singularität stützt, stark der alten zyklischen Vorstellung, die in der keltischen Tradition durch das Symbol der Triskele (Geburt → Leben → Tod) ausgedrückt wird, dem Emblem der unaufhaltsamen Bewegung der drei dynamischen Energien – dargestellt als Spiralen oder gebogene Pfeile –, die von einem Zentrum aus strahlenförmig in kreisförmiger Richtung, im Uhrzeigersinn und/oder gegen den Uhrzeigersinn, rotieren.

In der transhumanistischen Version repräsentiert jede einzelne Energie eine spezifische Phase (Bewußtsein → Übergang → Singularität). Der von Theoretikern postulierte und von Anhängern erhoffte „Prozeß“ sähe demnach folgendermaßen aus: 


Bewußtsein → Mind Uploading


Unter der Annahme, daß Bewußtsein rein computerbasiert ist (die Hypothese des Computationalismus) und daher in Silizium repliziert werden kann. Andernfalls würde die Übertragung lediglich ein „Simulakrum“ ohne Erfahrung hervorbringen. 


Bewußtseinsübertragung → Singularität. 


Unter der Annahme, daß digitale Bewußtseine die KI verbessern und so einen Kreislauf der Selbstverbesserung bis zur Singularität in Gang setzen. 


Singularität → Bewußtsein. 


Unter der Annahme, daß superintelligente KI sich in einem Lichtknoten oder Fraktal – einem Symbol für Unendlichkeit und Superintelligenz – an Menschen bindet. Andernfalls würde die Maschine neue Formen nicht-menschlichen Bewußtseins erschaffen.

Beide Visionen, die alte wie die neue, begründen ihre Daseinsberechtigung mit dem Heilsereignis, das „alles wieder in Ordnung bringen“ wird. Der Unterschied besteht darin, daß KI weder Willen noch Absichten (Bewußtsein) hat, daher ist ihr Verhalten unbekannt, ganz abgesehen davon, daß sie sich jederzeit wie eine Seifenblase auflösen könnte.

Optimistischerweise prognostizieren die Anhänger von Ray Kurzweil jedoch, daß das ›Uploading‹ bis 2045 die Singularität so weit beschleunigen wird, daß digitale Bewußtseine entstehen, die in Zusammenarbeit mit KIs mit Überschallgeschwindigkeit operieren und mit diesen verschmelzen werden.

https://www.youtube.com/watch?v=BBL7dySqzos&t=217s

Wir befinden uns auf halbem Weg zwischen religiöser Fantasie und Utopie. Dennoch glauben Millionen von Anhängern der Singularität fest daran, daß „die Singularität die Grenzen zwischen Mensch und Maschine auflösen und das Problem des Todes überwinden wird“ (Vernor Vinge, 1993), obwohl derzeit kein KI-Modell über Selbstbewußtsein verfügt und es ungewiß ist, ob es jemals dazu in der Lage sein wird. 


Die „exponentielle Kurve”, die der Bewegung des Windrades zugrunde liegt, ist also ein Akt des Glaubens, der sowohl physikalische Grenzen (Energie, Hardware) als auch die Möglichkeit einer weltweiten Zerstörung durch totalitäre Kriege ignoriert oder herunterspielt, wodurch das Überleben der KI in den Hintergrund rücken würde. Im Grunde stehen wir vor einem weiteren „theoretischen Punkt“, demzufolge künstliche Intelligenz – ohne daß dies genau bekannt ist – die menschliche Intelligenz übertreffen und einen exponentiellen und unvorhersehbaren technologischen Fortschritt auslösen sollte.

Während die Ankündigungen die großen Technologiekonzerne bereichern, bleibt unklar, wer oder was das gigantische Unterfangen vollenden wird (d. h. das Hochladen des Bewußtseins = die Übertragung des Bewußtseins von einem biologischen Gehirn auf ein digitales Substrat), da es in der heutigen globalen Herde keine furchtlosen Helden gibt. 


Dieser Umstand stört die Gläubigen jedoch nicht im geringsten, die – wie die evangelikalen Millenaristen auf den Himmel auf Erden warteten – das Anbrechen des „computergestützten Paradieses“ erwarten. Hätten sie sich nicht selbst als den Höhepunkt der Evolution betrachtet hätten sie längst erkannt, daß das ›Mind-Uploading‹  und die Singularität Hightech-Versionen von Lebenselixieren und Zaubertränken sind.

Noch ungewisser ist die intellektuelle Redlichkeit ihrer Priester oder Techno-Magier, die traditionelle esoterische Symbole (z. B. Pyramiden, keltische Spiralen, schwarze Würfel, Hightech-Türme) als neue Talismane der Macht und Identität nutzen.

Verwenden sie altbekannte Mythologien, um ihre Erzählung zu legitimieren, oder glauben sie wirklich an die Befreiung vom Körper ( Uploading, Unsterblichkeit) und die technologische Offenbarung (die Singularität)? Werden sie, um ihre Machtposition zu erhalten, ernsthaft glauben, daß der Tod ein technologisches Versagen ist? 


Der Philosoph Max More beispielsweise spricht vom Tod als einer „Tragödie“, einer Ungerechtigkeit, die es zu beseitigen gilt – das Äquivalent zu Sünde und Unwissenheit in traditionellen Religionen. Es stimme nicht, daß die Seele den Körper verläßt, um sich mit dem Göttlichen zu vereinen (Monotheismus), noch könne man annehmen, daß das ›Pneuma‹ das Ende des biologischen Zyklus überdauert (Gnosis). Daher sei der Tod ein „technisches Problem“, das die Singularität beheben wird (z. B. „optionaler Tod“).

Der Tod, ein ewiges Problem

Man könnte sagen, daß jede teleologische Sichtweise (die auf ein ultimatives Ziel ausgerichtet ist) das Problem gelöst hat, weshalb Transhumanisten – indem sie die metaphysische Sphäre verließen und sich dem radikalen Immanentismus verschrieben – keine Wahl hatten. Tatsächlich manifestieren sie einen gnostischen Geist , in dem das zum Gott erhobene Selbst danach strebt, seine eigenen geschöpflichen Grenzen mithilfe von Technologie zu überwinden. 


Andererseits glaubt kein guter Christ, daß Jesus Christus tot und begraben ist, sondern glaubt an seine Auferstehung und teilt mit dem guten Muslim die Erwartung des Jüngsten Gerichts und der Gärten des Paradieses. Die Überwindung der furchterregenden Vorstellung vom Tod oder dessen Transzendenz ist der Eckpfeiler, auf dem die meisten menschlichen Sinnsysteme ruhen, auch wenn jeder Mensch dies anders interpretiert.

Der traditionelle Gläubige betrachtet es beispielsweise als göttlich gelenkten Übergang, der östliche Philosoph spricht von einer zu überwindenden Illusion, der Transhumanist sieht darin eine Krankheit, die durch technowissenschaftliche Forschung ausgerottet werden muß. Alle jedoch behalten die „Gegenmittel“ nur einer privilegierten Minderheit vor, da die Erde sonst aufgrund von Überbevölkerung explodieren würde. 


Und genau hier liegt das Problem. Oder besser gesagt, die symbolische Perfektion, die durch die Triskele ausgedrückt wird, fällt kläglich an der Pyramide ab und gleitet in Richtung eines weniger edlen anthropologischen Elitismus. Es ist eine alte Geschichte, die bis in jene Zeit zurückreicht, als die „Götter“ den Zugang zum Lebenselixier ausschließlich ihrem eigenen Kreis vorbehalten hatten.

Zu den berühmten „Ausgestoßenen“ zählten so illustre Gestalten wie Adapa (der uneheliche Sohn des Ea-Enki) und Gilgamesch (der Sohn eines Menschen und einer Göttin), deren persönliche Verdienste den von ihren Eltern begangenen Frevel – den Bruch des Tabus der Mischehe – nicht ungeschehen machen konnten.


Nachdem er alles verloren hatte, meditierte Gilgamesch am Ufer des Sees und kam ins Grübeln. Lag die wahre Unsterblichkeit im Körper oder im Ruhm, also im Namen und in den Taten? Genau diese Botschaft vermittelt das Epos: Das Streben nach ewigem Leben ist eine sinnlose und selbstzerstörerische Obsession, denn die Größe eines Menschen bemißt sich an der aktiven Akzeptanz der Sterblichkeit, also an seiner Fähigkeit, seinem Leben durch Taten, Beziehungen und das spirituelle Vermächtnis, das seinen physischen Tod überdauert, Sinn zu verleihen.

Vielleicht hatte der König von Uruk nicht ganz unrecht: Es ist ein Augenblick, in dem man sich von der neuesten Erfindung blenden läßt und ein subtiles Gefängnis des Seins mit dem Horizont der Ewigkeit verwechselt. Auch dies ist letztlich eine Form von Hybris, geboren aus einem tieferen Missverständnis des eigenen Selbst und einer fahrlässigen Unterschätzung der damit verbundenen existenziellen Risiken.

Doch wie wir wissen, ist Rat die am meisten ignorierte Lektion in der Geschichte. Wäre dem nicht so, würden die Milliardäre des Silicon Valley nicht Unsummen in Kryonik und die Forschung an Heilmitteln investieren, die den „biologischen Tod“ „besiegen“ sollen. Wer weiß, ob sie jemals darüber nachdenken werden, was aus ihnen wird, nachdem sie große Teile ihres Körpers durch synthetische Prothesen und Implantate ersetzt haben? Reicht die Rechtfertigung aus, die Organ-on-a-Chip als „ethische Werkzeuge“ verkauft? Vor allem aber: Wenn diverse äußere Eingriffe sie in bloße „Entitäten“, Ansammlungen von Daten und Hardware, verwandelt haben, wer oder was kann dann als Erbe ihres Bewußtseins betrachtet werden?

Diese Frage wurde bereits zur Zeit des sogenannten Theseus-Schiff-Paradoxons (Plutarch zugeschrieben, 1.–2. Jahrhundert n. Chr.) diskutiert: Wenn ein Schiff nach und nach repariert und alle seine Bauteile einzeln ersetzt werden, ist es dann noch dasselbe, wenn es die Werft verläßt (Hobbes)? Wenn die ursprünglich ausrangierten Teile zum Bau eines neuen Schiffes wiederverwendet würden, welches der beiden wäre dann das „wahre“ Theseus-Schiff? 


Der Transhumanist tendiert zu Leibniz: Das Theseus-Schiff wird auf materieller Ebene nicht mehr exakt dasselbe sein, aber auf metaphysischer Ebene könnte es das bleiben, wenn es eine wesentliche Einheit bewahrt (z. B. seine Form oder seinen Verwendungszweck).

Die Antwort umgeht das Paradoxon, löst es aber nicht auf. Tatsächlich verschiebt sich das Konzept der Identität von der physischen auf die ontologische Ebene: Sobald die Instabilität der Materie und ihre Unzulänglichkeit für die Gewährleistung von Beständigkeit über die Zeit hinweg anerkannt sind, kann die tiefste Ebene (das Bewußtsein) ihr Einheit und Kontinuität verleihen.

Die Mensch-Maschine-Interaktion verstärkt jedoch die philosophischen Implikationen (z. B. Donna Haraway, Cyborg-Manifest) und wirft zahlreiche Fragen auf:


• Digitaler Tod: Was geschieht mit Daten, Erinnerungen und Online-Identitäten nach dem biologischen Tod derjenigen, die sie hochgeladen haben? 


Kann die Persistenz von Daten die Illusion erzeugen, die Person sei in irgendeiner Form noch „erreichbar“, was zu einer Neuinterpretation des Lebensendes führt? 


Wie wird digitale Trauer, also der Schmerz über den Tod eines Menschen, angesichts seiner digitalen Präsenz (soziale Medien, Online-Konten, Chatbots, virtuelle Erinnerungen) verarbeitet? 


Verlängert das Anzünden virtueller Kerzen, das Veröffentlichen von Nachrichten auf den Profilen der Verstorbenen und der Besuch digitaler Friedhöfe (z. B. virtuelle Gedenkstätten) nicht letztendlich unnötig das Leid der Hinterbliebenen?

Manche Theoretiker sprechen offen von „digitalem Dualismus“ (der Permanenz einer digitalen Kopie der eigenen realen Identität), andere von „algorithmischen Geistern“. Doch wie geht man mit Trauer um, wenn Realität und Virtualität koexistieren? Was geschieht mit den Lebenden, wenn die Aufrechterhaltung der Illusion von Präsenz sie daran hindert, ihre Abwesenheit zu akzeptieren?

Nicht, daß der Transhumanismus andere Fragen aufwirft als seine Vorgänger. Die Indogermanen glaubten bereits an einen „nicht-endgültigen Tod“, also an einen „Nicht-Tod“. Damals ruhte das gesamte Gedankengebäude jedoch auf soliden ethischen und sozialen Grundlagen; es herrschte größerer Zusammenhalt, während digitale Trauer im Vakuum schwebt und die reale Trauer nur verlängert und schmerzhafter macht. Über kommerzielle Initiativen, die Trauer ausnutzen, wie etwa Second-Life-Gedenkstätten für verstorbene Angehörige oder Replika-Apps , die Gespräche zwischen Lebenden und Verstorbenen nachbilden, liegt ein Schleier des Schweigens.

Werden sich die technologischen Architekten jemals fragen, was die Verstorbenen wollen? Vielleicht würden sie es vorziehen, die Nabelschnur zu Mutter Erde zu durchtrennen und in Frieden an einen besseren Ort zu gehen, um ihr unantastbares „Recht auf Vergessenwerden“ zurückzuerlangen.

Letztendlich gibt es nur eine Einzigartigkeit: die der Seele, die kein Algorithmus jemals nachbilden kann.

Quelle: https://www.ereticamente.net/tra-archetipi-e-algoritmi-il-mito-delleterno-ritorno-rita-remagnino/

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