Wie künstliche Intelligenz die Wirtschaft und Umwelt von Staaten beeinflußt

Leonid Sawin

 

Rechenzentren existieren bereits seit Jahrzehnten. Doch seit dem Aufkommen der generativen künstlichen Intelligenz (KI) werden weltweit neue, komplexere Rechenzentren errichtet oder geplant, die als ›Hyperscale-Rechenzentren‹ bekannt sind.

China hat den Aufbau solcher Zentren von Anfang an in die Entwicklung der nationalen Infrastruktur einbezogen und gilt als anerkannter Technologieführer auf diesem Gebiet.

Die USA greifen auf ihr altbewährtes neokolonialistisches Schema zurück – ähnlich wie in den 1990er-Jahren, als die Industrie in Entwicklungsländern produzierte, wo niedrige Löhne und Lücken in der Arbeitsschutzgesetzgebung es den Konzernen ermöglichten, einen höheren Mehrwert und folglich größere Gewinne zu erzielen.

In vergleichbarer Weise errichten die heutigen Haie des Cyberkapitalismus ihre Rechenzentren in Ländern, die der sogenannten Dritten Welt zugerechnet werden.

Unter dem Vorwand von Investitionen, der Schaffung von Arbeitsplätzen und der digitalen Entwicklung bauen Konzerne wie Google, Microsoft, Amazon Web Services (AWS) und andere neue digitale Knotenpunkte außerhalb der USA auf.

Unterschiede bei den Strompreisen, umfangreiche natürliche Ressourcen und die Verfügbarkeit der für die Bebauung erforderlichen Flächen machen andere Länder attraktiv. Lateinamerika bildet in diesem Zusammenhang keine Ausnahme. Zudem sind dort fast überall Washington gegenüber loyale Kräfte an die Macht gelangt. Daher ist es inzwischen wesentlich leichter, mit den Regierungen über Steuersenkungen und günstige Verträge zu verhandeln.

Allerdings könnte ein sehr wichtiger Aspekt, der auf den ersten Blick nicht erkennbar ist, ernsthafte Probleme verursachen. Für den effizienten Betrieb von Rechenzentren wird nicht nur Strom, sondern auch Wasser benötigt, das zur Kühlung der Prozessoren dient.

Während man in Südkorea versucht, diese Aufgabe mithilfe neuer experimenteller Ansätze zu lösen – etwa durch Unterwasser- und schwimmende Rechenzentren, bei denen Meerwasser zur Kühlung eingesetzt werden soll –, und in Rußsland die Ansiedlung von Rechenzentren in Regionen mit niedrigen Temperaturen und überschüssiger elektrischer Energie geprüft wird, läßt sich dies über Lateinamerika ebenso wenig sagen wie über Afrika und Europa.

Angesichts des offenkundigen Wassermangels infolge des sogenannten Klimawandels sowie der Tatsache, daß Wasser auch in anderen Industriezweigen benötigt wird, insbesondere bei der Gewinnung von Rohstoffen, könnten die lateinamerikanischen Staaten, in denen US-amerikanische Rechenzentren angesiedelt werden, ähnlichen Risiken ausgesetzt sein wie in den 1990er-Jahren. Damals wurden im Zuge der vom Druck der Weltbank vorangetriebenen Privatisierungswelle Trinkwasserquellen in der Region unzugänglich, was zu sozialen Aufständen führte – beispielsweise im bolivianischen Cochabamba.

Der mexikanische Bundesstaat Querétaro gehört zu den Standorten Lateinamerikas, an denen sich die Rechenzentrumsbranche am schnellsten entwickelt. Nach Angaben des mexikanischen Verbands der Rechenzentren gibt es in diesem Bundesstaat 14 Anlagen. Das örtliche Entwicklungsministerium nennt in seiner Antwort auf eine Anfrage nach Informationszugang 19 Genehmigungen. Die meisten dieser Zentren befinden sich in Colón oder El Marqués, unweit der Hauptstadt des Bundesstaates.

Die Einwohner der Region sind bereits mit dem Problem trockener Wasserhähne konfrontiert, obwohl viele aus Unkenntnis glauben, dies sei auf unzureichende natürliche Niederschläge zurückzuführen. Tatsächlich wird der größte Teil des entnommenen Wassers für den Betrieb der Rechenzentren verwendet.

Das Lateinamerikanische Zentrum für investigativen Journalismus (CLIPE) führte eine Untersuchung in der Region durch, die ebenfalls zeigte, daß modernere Rechenzentren für ihren Betrieb mehr Strom verbrauchen. Folglich wird auch mehr Wasser für ihre Kühlung benötigt.

Darüber hinaus wurde festgestellt, daß die den Markt für Rechenzentren beherrschenden Unternehmen Konglomerate mit komplexen Strukturen und schwer durchschaubaren Eigentumsverhältnissen darstellen. Dies erschwert ihre Regulierung und ermöglicht es ihnen, im Hinblick auf ihre Umweltauswirkungen und die Nutzung von Ressourcen undurchsichtiger zu agieren.

Gleichzeitig bedienen sich die Konzerne propagandistischer Methoden, bei denen der Sinn bis zur Unkenntlichkeit verzerrt wird. So erstellten Microsoft und UN-Habitat einen Bericht, in dem Investitionen in Höhe von 82 Millionen mexikanischen Pesos zur Entwicklung der lokalen Wirtschaft in Querétaro gefordert wurden. In dem Bericht wurde die Dürre als eines der Hauptprobleme bezeichnet.

Es gab jedoch keine Empfehlungen, in die Lösung dieses Problems zu investieren. Stattdessen wurde auf die Notwendigkeit hingewiesen, in die Infrastruktur der Region zu investieren, etwa in die Pflasterung von Straßen. Zugleich wurde behauptet, Rechenzentren böten eine Chance für die sozioökonomische Umgestaltung des Bundesstaates Querétaro und insbesondere der Gemeinden El Marqués und Colón.

Microsoft investierte dabei weder in Infrastrukturen zur Abmilderung der Dürrefolgen noch in die Lösung anderer sozioökonomischer Probleme des Bundesstaates. Das Unternehmen errichtete jedoch in Querétaro eine „Rechenzentrumsregion“, die Anfang 2024 ihren Betrieb aufnahm.

Nach Angaben, die Núcleo Jornalismo vorliegen, befindet sich die Hälfte aller Rechenzentren Brasiliens – unabhängig davon, ob sie sich in der Planungs-, Bau- oder Betriebsphase befinden – im Bundesstaat São Paulo, hauptsächlich in der Region Campinas.

Es liegt auf der Hand, daß die mit künstlicher Intelligenz verbundene Rechenleistung wesentlich höher ist als bei herkömmlichen Rechenzentren und daher auch mehr Energie verbraucht. Die Internationale Energieagentur (IEA) schätzt beispielsweise, daß eine herkömmliche Google-Suche 0,3 Wattstunden verbraucht. Eine Anfrage an ChatGPT benötigt dagegen im Durchschnitt 2,9 Wattstunden.

Laut dem Bericht der IEA verbrauchten Rechenzentren im Jahr 2024 etwa 1,5 Prozent des gesamten weltweit erzeugten Stroms. Dies entspricht 415 Terawattstunden. Derselbe Bericht geht davon aus, daß sich dieser Wert bis 2030 verdoppeln wird. Ebenfalls im Jahr 2024 verwendete Irland 21 Prozent seines Stroms – der hauptsächlich durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe erzeugt wurde – für den Betrieb von Rechenzentren. Im Land gibt es mehr als 130 davon.

Bezeichnenderweise berücksichtigen die entwickelten westlichen Staaten trotz ihrer ökologischen Rhetorik offenkundig nicht den sogenannten CO₂-Fußabdruck, der durch den Betrieb von Rechenzentren entsteht.

Eine im Jahr 2025 in ›The Guardian‹ veröffentlichte Untersuchung zeigte, daß die Emissionen der Rechenzentren, die vier der weltweit führenden Technologieunternehmen – Google, Microsoft, Meta und Apple – gehören oder von ihnen betrieben werden, um 662 Prozent höher sein könnten als von den Unternehmen offiziell angegeben.

Unabhängig davon, über welche Energieressourcen ein bestimmtes Land verfügt, führt die Besessenheit von der Nutzung künstlicher Intelligenz und damit vom Betrieb leistungsstarker Rechenzentren zu einem offenen Eingriff in Politik und internationale Beziehungen.

Während der argentinische Präsident Javier Milei einen Plan zur Steigerung der Kernenergieproduktion vorgeschlagen hat, um neue Rechenzentren mit Strom zu versorgen, wird auf das benachbarte Paraguay, das über einen Überschuß an sauberer Energie verfügt (1), faktisch direkter Druck ausgeübt.

So schlug US-Außenminister Marco Rubio vor, Paraguays Energieüberschüsse für den Betrieb von KI-Rechenzentren zu verwenden. Angesichts der Washington-freundlichen Führung dieses Landes und der allgemeinen Politik der USA, Lateinamerika aktiv wieder unter ihre Kontrolle zu bringen – einschließlich des Einsatzes militärischer Gewalt unter dem Deckmantel der Bekämpfung von Drogenkartellen –, besteht aller Grund zu der Annahme, daß diese Einmischung der USA zugunsten ihrer Konzerne weiter zunehmen wird.

Der Terabyte-Kapitalismus befindet sich derzeit auf seinem Höhepunkt. Es besteht jedoch ein ernsthaftes Risiko, daß die KI-Blase platzt, wie es einst bei der Dotcom-Blase geschah, während die durch den gegenwärtigen Boom verursachten Energie- und Umweltprobleme fortbestehen werden.

Fußnote:

(1) Paraguay ist gemeinsam mit Brasilien Miteigentümer des Wasserkraftwerks Itaipú. Das Land erzeugt derzeit mehr Energie, als es selbst verbrauchen kann, und verkauft seine Überschüsse daher zu Preisen unterhalb des Marktpreises an Brasilien und Argentinien.

Quelle: https://synergon-info.blogspot.com/2026/09/kolonialismus-im-21-jahrhundert.html

Künstliche Intelligenz und unsere Zukunft