Dr. August Vogel
Auszug aus ›Neue Anthropologie‹, Jahrgang 13, Heft 4, 1985
›Biopolitik – Teil II
Das Prinzip der Evolution beruht auf Kampf, sowohl zwischen den Arten wie innerhalb der Arten. Die Stärkeren verdrängen mittels höherer Vermehrungsquoten die Schwächeren oder vernichten sie. Wie flexibel die Evolution aber selbst bezüglich dieses ihr ureigensten Gesetzes vorgeht und es dort durchbricht, wo es der Erhaltung einer Art im Wege steht, zeigen die innerartlichen Rangordnungskämpfe um Nahrung, Territorien und Sexualpartner bei vielen Raubtieren, Paarhufern und anderen Tieren. Bekannt geworden sind die Hals- oder Demutsgesten der Caniden, die Brunftkämpfe der Hirsche sowie der mannigfaltige Streit um Reviere bei Vögeln und Fischen.
Haben sich die Waffen einer Spezies evolutionär so verstärkt, daß sich ihre Träger bei innerartlichen Auseinandersetzungen schwer verletzen oder gar umbringen können, dann geben sie oft den ernsthaften Kampf zugunsten von Turnierregeln auf. Die Wölfe zeigen den Hals, und ihr Gegner trollt befriedigt ab. Die Hirsche schieben sich gegenseitig vorsichtig weg, bis der schwächere aufgibt und unbehelligt abzieht. Die Giraffen kämpfen gegen Feinde mit den Hufen und können damit tödliche Schläge versetzen. Untereinander verwenden sie nur Hälse und Köpfe und drücken und drängen sich damit beiseite.
Zahlreiche andere Beispiele ließen sich noch anführen. Bei Rangkämpfen lösen Sieger und Besiegte einander ab, wie im Generationenwechsel ihre Kräfte wachsen oder nachlassen. Ihre gefährlichen Waffen aber, Gebiß, Geweih, Huf, bleiben bei innerartlicher Anwendung meist für dauernd entschärft.
Wir Menschen erleben derzeit in unserer eigenen Evolution die Ritualisierung unseres innerartlichen Konkurrenzkampfes, einen hochwichtigen Augenblick, wenn man ihn nur biologisch richtig versteht und von jeder Dramatisierung wie Bagatellisierung absieht.
Atombomben- und Wasserstoffbombenexplosionen gibt es im Kosmos seit dem big bang unzählige, und wird es bis zum big crunch weiter geben (vom Urknall bis zum Urfall). Diesen seinen Kraftwerken verdanken alle Lebewesen ihr Dasein.
Daß ein Intelligenzwurm, der übrigens für die Evolution seines Gehirns nicht verantwortlich gemacht werden kann, nun auf seinem Heimatplaneten die kosmisch-atomare Energiequelle nachahmt und damit Unfug stiften könnte, dürfte eine obligate, alltägliche Stufe jeder Evolution darstellen, wo immer sie sich weit genug vorgewagt hat, auch auf anderen Gestirnen.
Die Spezies Mensch hat also unter Nutzung der Atomkraft Waffen entwickelt, mit welchen sie sich bei innerartlicher Anwendung selbst vernichten kann. Nach zweimaligem naiven Gebrauch dieser Streitaxt war sie von deren Wirkung so verblüfft und geschockt, daß sie sich fortan zurückhält und nachsinnt, wie sie diesem Übel entrinnen kann. Es gehört zu ihrem Lebensstil, in allen Lagen zu pokern.
Was aber endlich den Caniden und anderen Vierfüßlern gelungen ist, sollte dem Menschen auch gelingen, wo die Vernunft gerade wieder Mode zu werden beginnt. Oder vielleicht gerade deswegen nicht? Vernunft braucht Zeit, um sich durchzusetzen. Sobald der Krieg auch den Sieger vernichtet, ist er kein brauchbares Instrument der Politik mehr und wird für Politiker uninteressant.
So läßt sich biologisch geschlossen mit allergrößter Wahrscheinlichkeit voraussagen, daß zweckmäßige Rituale gefunden, vertraglich gesichert und endlich auch im Bewußtsein der Menschen verankert werden können, welche die innerartliche Anwendung von Atomwaffen ausschließen. Weder die Völker noch ihre jeweiligen gewählten oder nicht gewählten Sprecher, ihre Politiker, lassen Selbstmordabsichten erkennen.
So sind auch die weltweiten Friedenskundgebungen zu verstehen, wie sie durchaus in unsere Phase der Evolution passen. Daß sie einer der möglichen Kampfhähne verbietet, erscheint, weil gegen den Strom der Evolution gerichtet, kurzsichtig und deshalb auf die Dauer nicht durchzuhalten, evolutionär ausgedrückt eine sinnlose Verschwendung von Energie, die vergebliche Pflege eines verdorrenden Seitenastes der Entwicklung.
An dieser Stelle sei allerdings vermerkt, daß bereits Schopenhauer (1788-1860) vermutet hat, die im Raum zwischen Mars und Jupiter kreisenden Planetoiden (Kleinplaneten = Asteroiden) könnten Reste eines von seinen Bewohnern versehentlich oder absichtlich gesprengten Planeten sein. Er traue es ihnen zu, wenn er an die Menschen dächte. Zu solchen Schlußfolgerungen muß man aber Schopenhauer heißen.
Die Planetoiden waren kurz vorher in der Neujahrsnacht 1800/1801 vom Theatiner Mönch und Astronomen Giuseppe Piazzi (1746-1826) auf der Sternwarte zu Palermo entdeckt worden. Heute hält man die Planetoiden für Teile eines nicht zur Vollendung gelangten Planeten im Bereich des Überganges von den kleinen erdenähnlichen zu den großen aus Wasserstoff bestehenden Planeten.
Die Ächtung einer Waffe geschähe in Europa nicht zum ersten Male. Als sich im 12. Jahrhundert die Armbrust verbreitet und zur damals gefährlichsten und heimtückischsten, weil geräuschlosen Fernwaffe entwickelt hatte, wurde ihre Anwendung im 2. Lateran- Konzil (1139) von Papst Innozenz II. (1130-1143) geächtet, ihr Gebrauch unter christlichen Völkern – nicht gegen Heiden – verboten und jedem Mißachter dieses Gebotes die Exkommunikation angedroht. Beachtet worden ist es jedoch nur kurze Zeit.
Immerhin, heute würde sich ein Papst lächerlich machen, einen Atombombenschützen mit der Exkommunikation schrecken zu wollen. Es bleibt bei allgemeinen Warnungen vor einem Atomkrieg. Seither ist die Menschheit um rund 850 Jahre reifer (?) geworden. Vor fast einem Vierteljahrhundert schrieb Karl Jaspers (1883-1969) über die Atombombe und die Zukunft der Menschheit:
Die Lösung beider Probleme fordert Kräfte des Menschen, die aus solcher Tiefe hervortreten müssen, daß er selbst in seiner sittlich-vernünftig-politischen Erscheinung sich wandelt in einem Maß, daß es der Wendepunkt der gesamten Geschichte würde.
Endlich muß hier auch noch der bekannte Satz von Heraklit (um 500 v. Z.) durchleuchtet werden:
Kampf ist der Vater von allem, der König von allem; die einen macht er zu Göttern, die andern zu Menschen, die einen zu Sklaven, die anderen zu Freien.
Vermögen Menschen also doch nicht ohne Streit zu leben? Doch hier weist Jean Gebser (1905-1973) auf Heraklits alles übergreifende Lehre von der „Harmonie der Gegensätze“ hin, wo es heißt:
Die Natur wirkt aus dem Einklang der Gegensätze, nicht aus dem Gleichen, und führt das Männliche mit dem Weiblichen zusammen.
Und so meint Gebser, in der so dunklen Fragmentarik Heraklits seine Aussage über den Kampf mit dem wohl verlorengegangenen, die Harmonie wiederherstellenden Satz ergänzen zu dürfen, ja müssen:
Friede ist die Mutter von allem, die Königin von allem, sie macht alle zu Freien.
Dafür spräche auch, daß im Sprachraum der Mittelmeervölker „Kampf“ männlichen oder sächlichen, jedoch „Friede“ weiblichen Geschlechts ist, gefühlsmäßig richtiger als „der“ Friede. Lateinisch: Bellum, n. (= Krieg), Pax, w. (= Friede). Griechisch: Polemos, m. (- Krieg), Agon, m. (= Kampf), Ejrini, w. (= Friede). Irene ist die Göttin des Friedens.
