Luca Negri
Und wenn der nordische Mythos Mitgard, die Mitte aller Welten, als ein grünes Land beschreibt, denkt man sofort an das Land der Eskimos: grün, weil der Name dies suggeriert, in einer längst vergangenen Zeit, bevor Nacht und Frost es bedeckten, bevor sie uns bedeckten.
Es geht darum, ein Grönland zu erobern. Die Nordpolregion, eine arktische Heimat, aus der wir vielleicht stammen und die auf unsere Rückkehr wartet.
Kurz gesagt, wir können Donald Trump und sein Interesse an diesem Gebiet verstehen. Und wir können Dänemark verstehen, das eine Kolonie verteidigt, die in der nebulösen und epischen Wikingerzeit erobert wurde.
Wir verstehen die EU, die endlich ein wenig Stolz gegenüber dem Kontinent zeigt, der der wahre geopolitische Gegner ist, während Rußland ein natürlicher Verbündeter ist. Und wir verstehen auch Putin, dem die Kontrolle über die Insel nicht mißfallen würde.
Wir verstehen die strategischen, politischen und energetischen Gründe der Mächtigen, die Grönland haben wollen.
Wir verstehen sie vor allem auf symbolischer Ebene.
Wir verstehen sie, weil wir ›Revolte gegen die moderne Welt‹ von Julius Evola gelesen und wiederholt gelesen haben und uns das Kapitel über den Polarmythos immer fasziniert hat.
Die Insel oder das arktische Festland, schrieb der italienische esoterische Philosoph, „verkörpert die spirituelle Stabilität im Gegensatz zur Unbeständigkeit der Gewässer”. Es ist der permanente Schwerpunkt, um es mit Battiato und mit Gurdjieff zu sagen.

Georges I. Gurdjieff
Das Bild des Selbst, des absoluten Ichs, des hinduistischen Atman. Jener Nicht-Ort außerhalb unseres Körpers, der jedoch der Ursprung des Körpers ist und ungeachtet der Unwägbarkeiten und Schmerzen des inkarnierten Lebens unbeeindruckt, unverletzt und unberührt bleibt.
Der Pol ist der „Sitz transzendenter Wesen”, schrieb Evola unter Berufung auf archaische Traditionen und Lehren. Und wir alle können das Transzendente erfahren.
Und wenn der nordische Mythos Mitgard, die Mitte aller Welten, als ein grünes Land beschreibt, denkt man sofort an Grönland: grün – wie es der Name vermuten läßt – in einer längst vergangenen Zeit, bevor Nacht und Frost es bedeckten, uns bedeckten.Diese „Insel der Pracht“ im hohen Norden wäre laut der Lehre von Bâl Gangâdhar Tilak, einem indischen Nationalisten shivaitischer Glaubensrichtung, auch die „arktische Heimat“ in den Veden.

Bâl Gangâdhar Tilak
Vielleicht ist es das alte Thule, von dem die Griechen geträumt und gesungen haben. Eine weiße Insel im nördlichen Teil des Atlantiks, die vom Journalisten, Essayisten und neopaganistischen Aktivisten Jean Mabire gesucht wurde.
Das Land der Hyperboreer, in dem Nietzsche sich idealerweise zu Hause fühlte und seine Leser – alle und niemand – einlud.
Denn weder zu Lande noch zu Wasser erreicht man Hyperborea, sang Pindar. Der Weg des Nordens, der hinduistische ›Uttara‹, ist in der Welt, aber nicht von der Welt. Wie das nicht meßbare geometrische Zentrum ist er nicht Teil der Geometrie, ermöglicht aber jede Geometrie.
Deshalb sind wir bestrebt, vor allem diesen (inneren) Nordpol zurückzuerobern.
Und wir verstehen Trump und die anderen Mächtigen, die vielleicht unbewußt, getrieben vom kollektiven Unbewußten, ein Stück Festland in dieser immer „flüssiger” werdenden Welt suchen.
Es wäre gut und richtig, wenn diese arktische Krisensituation alle dazu motivieren würde, sich ihr eigenes Grönland zu erobern.
Wenn wir das Symbolische hinter uns lassen und zur Aktualität zurückkehren, hoffen wir hingegen, daß die Krise friedlich gelöst wird … nach Möglichkeit mit dem Ende der NATO, mit „Amerika für die Amerikaner”, „Europa für die Europäer” (einschließlich der Russen) und „Grönland für die Grönländer”.
