Fabio Calabrese

 

Dies ist nicht das erste Mal, daß ich die Schriften von Silvano Lorenzoni rezensiere, der meiner Meinung nach einer der interessantesten und originellsten Denker unserer Zeit ist (mir scheint, daß ihm die Bezeichnung „Intellektueller“ ein wenig zu eng ist).

In den letzten Jahren konzentrierte er sich vor allem auf eine Reihe von Broschüren, die er größtenteils im Selbstverlag veröffentlichte. Mir persönlich vermittelt dies den Eindruck, daß unser Autor, dem Druck des Älterwerdens geschuldet, das Bedürfnis verspürt, seine Botschaft so weit wie möglich zu verbreiten und sie nicht nur uns, sondern auch den nachfolgenden Generationen zu hinterlassen.

Wenn dies der Fall ist, können wir sagen, daß die beiden in diesem Jahr veröffentlichten Texte – zumindest bis jetzt – wahrlich beispielhaft sind, da sie die Grundlagen seiner Weltanschauung zusammenfassen.

Von diesen beiden Texten ist ›Antropogenesi e sciamanesimo‹ (›Anthropogenese und Schamanismus‹) sicherlich der „philosophischste“ (da es sich bei Lorenzoni um einen Autor handelt, der gegen den Strom schwimmt und sich nicht in Schemata einordnen läßt, sind Anführungszeichen hier unumgänglich), denn darin greift er seine grundlegende Konzeption der Involution auf und entwickelt sie weiter.

Die Geschichte ist nach Ansicht unseres Autors zyklisch, und zwischen den Zyklen gibt es existenzielle Brüche, die jedes Mal die vorherige Geschichte auslöschen oder nur sehr wenige Spuren davon hinterlassen, was einen Neuanfang erfordert und die er als epochale Zäsuren bezeichnet .

Innerhalb jedes Zyklus gäbe es einen zweigleisigen Verlauf, entlang der zeitlichen und räumlichen Dimension. Der für die zeitliche Dimension charakteristische Verfall entspräche auf räumlicher Ebene einer Nord-Süd-Migration, ausgehend von jenem Nordpol, der jedes Mal den Ursprung – man könnte sagen: den metaphysischen – einer erneuerten Menschheit darstellen würde.

Ich glaube, es muß nicht extra betont werden, daß diese Sichtweise in völligem Gegensatz zu allen Axiomen und Paradigmen dessen steht, was wir als moderne Weltanschauung bezeichnen können – vom ganz allgemeinen Evolutionsprinzip über die historische Vorstellung vom Fortschritt bis hin zu spezifischen Themen wie „Out of Africa“, also der Idee, die heute zu einer Art Dogma geworden ist, daß unsere Spezies ihren Ursprung auf dem schwarzen Kontinent gehabt habe.

Umgekehrt knüpft diese Vision an jene Ideenwelt an, die heute von vielen als überholt angesehen wird – die wir als traditionelle Auffassung von der Menschheit und ihrer Geschichte bezeichnen können –, und überarbeitet sie auf originelle Weise.

Die Konsequenzen daraus sind bedeutend: Beispielsweise wären nicht-europäische Bevölkerungsgruppen, die von unserer Zivilisation unberührt geblieben sind – die „Wilden”, die wir als „primitiv” bezeichnen –, überhaupt nicht primitiv, wenn wir unter diesem Begriff die Widerspiegelung oder Fortsetzung eines Urzustandes verstehen, sondern vielmehr Bevölkerungsgruppen, die den äußersten Punkt der Dekadenz erreicht haben, Überreste von Zyklen, die unserem vorausgingen.

Hier greift Lorenzoni ein Konzept auf, das er bereits in einem seiner bekanntesten Bücher, ›Involution: The Savage as Decayed‹ (›Involution: Der Wilde als Entarteter‹), entwickelt hatte .

Diese Ideen stehen so sehr im Widerspruch zu allem, was die moderne Kultur lehrt, daß manch einer geneigt sein mag, sie sofort abzulehnen. Doch man sollte bedenken, daß unser Autor sie nicht auf theoretischem Wissen, sondern auf dem direkten Kontakt mit Menschen aus aller Welt entwickelt hat. Sie sind sozusagen der Höhepunkt eines Lebens voller Reisen und Begegnungen mit verschiedenen Kulturen, die sowohl durch seine Familiengeschichte als auch durch seine berufliche Laufbahn geprägt waren.

Sobald das Gesamtbild erfaßt ist, bleiben noch einige Fragen offen, angefangen bei der Frage nach den „Wilden”, den sogenannten „Primitiven”, die Lorenzoni als „Dämmerungsmenschen” bezeichnet .

Als Ergebnis der Bewegung von Norden nach Süden, die den Niedergang in chronologischer Hinsicht begleitet, finden wir sie hauptsächlich in den südlichsten Regionen der Kontinente: die Feuerländer in Amerika, die Pygmäen und Khoisaniden (Buschmänner und Hottentotten) in Afrika sowie die Tasmanier und die ausgestorbenen Moriori (die Moa-Jäger) aus Neuseeland in Ozeanien.

In ihrer Gesamtheit werden diese Völker, die den südlichsten bewohnten Gürtel der Menschheit bilden, von unserem Autor als „Peri-Antarktis“ bezeichnet.

Darüber hinaus lassen sich einige Beobachtungen des Autors hervorheben, die die Auffassung untermauern, daß diese „peri-antarktische“ Menschheit eher den Überrest vergangener historischer Zyklen darstellt als „Primitive“ im allgemein üblichen Sinne; so teilt er uns beispielsweise mit, daß die Buschmänner im südlichen Afrika vor der Ankunft der weißen Missionare „eine reichhaltige Astralmythologie“ besaßen.

Im Rahmen dieser stark anti-progressistischen Auffassung von der Menschheit und ihrer Entwicklung stellt sich die Frage nach dem Schamanismus, der keine Religion im Sinne ist, wie wir sie heute gewohnt sind, sondern vielmehr eine Art, die Welt wahrzunehmen. Es gibt die physisch-materielle Welt und es gibt die metaphysisch-spirituelle Welt.

Der Schamane ist derjenige, der durch natürliche Veranlagung oder mittels besonderer Techniken Zugang zu dieser Wirklichkeit findet, die dem gewöhnlichen Menschen verborgen bleibt.

In diesem Zusammenhang möchte ich eine persönliche Anmerkung hinzufügen: Der Schamanismus ist, wenn man ihn so bezeichnen kann, zweifellos die älteste Religion der Menschheit. Die berühmte Shigir-Statue, die in Sibirien entdeckt wurde und mindestens 10.000 Jahre alt ist, stellt den oberen Teil eines schamanischen Pfahls dar.

Zum Schamanismus gehören die Techniken der Ekstase, die von Forschern vom Kaliber eines Mircea Eliade dokumentiert wurden, und eine wichtige schamanische Komponente findet sich in der klassischen Religion wieder – man denke nur an das ›Orakel von Delphi‹ oder an die ›Sibyllen‹ der römischen Welt.

An dieser Stelle fügt Lorenzoni eine Bemerkung hinzu, die vielleicht viele beunruhigen wird: Schwarze Menschen sind die einzige menschliche Gruppe, die, selbst wenn man so weit wie möglich in die fernste Vorgeschichte zurückgeht, niemals eine Spur von Schamanismus gezeigt hat.

(Ausgenommen ist, möchte ich hinzufügen, die Neigung, sich von unteren Wesen besetzen zu lassen, wie es beispielsweise bei ›Voodoo‹ oder anderen Kulten afrikanischen Ursprungs vorkommt).

Hier kommen wir zu einem äußerst wichtigen Punkt: Wenn, wie der Autor vermutet, die semitischen Bevölkerungsgruppen von einer alten Vermischung mit schwarzen Bevölkerungsgruppen abstammen, dann muß dies zwangsläufig damit zusammenhängen, daß die drei monotheistischen Religionen – Judentum, Christentum und Islam („die drei großen” Religionen, wie viele meinen, und über die nachzudenken fast lächerlich ist), also die abrahamitischen Religionen, also Nachkommen Abrahams und daher im wesentlichen semitisch, weit davon entfernt sind, einen Fortschritt des Geistes darzustellen, sondern in Wirklichkeit eine Verengung hin zur „schamanischen“ Dimension bedeuten. Das heißt, die Wahrnehmung des Heiligen durch einen Glauben zu ersetzen, ist wie der Ersatz eines lebenden Gliedmaßes durch eine Prothese.

An dieser Stelle möchte ich noch eine persönliche Anmerkung hinzufügen, für die ich, um es gleich vorwegzunehmen, die volle Verantwortung übernehme. Man könnte sich fragen, ob Abraham oder andere in der Bibel erwähnte Personen historisch glaubwürdig sind. Um dies zu verstehen, ist ein Vergleich mit einer anderen bekannten biblischen Geschichte hilfreich: der Sintflut und der Arche Noah. Da die Bibel die Abmessungen der Arche angibt, in der Noah jeweils zwei Tiere jeder Art rettete (was bei weitem nicht ausreicht, um ihr Fortbestehen zu garantieren), und man unter Berücksichtigung der Anzahl bekannter Tierarten berechnen konnte, daß jedem einzelnen Tier ein Platz von 6,5 Quadratmillimetern zur Verfügung stand.

Die Bibel ist eine Sammlung von Geschichten, deren historische und wissenschaftliche Zuverlässigkeit in etwa der Geschichte von Pinocchio entspricht.

Auch wenn es keine historische Gewißheit darüber gibt, ob ein Mann namens Abraham jemals existiert hat oder nicht, können wir diese Figur dennoch als Symbol für den gemeinsamen Ursprung und die Verwandtschaft der drei monotheistischen Religionen beibehalten.

Dies führt uns direkt zu ›Abramo ed Eva‹(›Abraham und Eva‹) , Lorenzonis zweitem Text. Der Titel dieses Werkes ist offensichtlich ein ironisches Wortspiel mit „Adam und Eva”, indem er den vermeintlichen Stammvater der Menschheit durch den vermeintlichen Begründer des Monotheismus ersetzt (beides sowohl mutmaßlich als auch legendenhaft, wie alle biblischen Gestalten).

Betrachten wir aber auch den Untertitel ›La maledizione contro la natura e il tramonto dell’Occidente‹ (›Der Fluch gegen die Natur und der Niedergang des Abendlandes‹), der wichtige Aspekte dieses prägnanten, aber dennoch tiefgründigen Werkes hervorhebt.

Der entscheidende Punkt ist laut Lorenzoni, der sich auf die Studien von Mircea Eliade und Louis Rougier stützt, daß der abrahamitische Monotheismus nicht einfach die Verehrung verschiedener Gottheiten durch den Glauben an einen einzigen Gott ersetzt, sondern eine vollständige Umstrukturierung der Sicht des Menschen auf sich selbst, auf seinen Platz in der Welt, auf seine Beziehung zum Heiligen, zur Welt und zur Natur selbst beinhaltet.

Wir leben in nachabrahamitischen Zeiten, das heißt in abnormalen Zeiten.

Die erste bedeutende Veränderung, die der abrahamitische Monotheismus in der Weltanschauung bewirkt, betrifft das Zeitverständnis. Zeit wird nicht länger als zyklisch, wie in traditionellen Kulturen, wahrgenommen, sondern als linear, ausgehend von ihrer Schöpfung durch Gott bis zum Zeitpunkt einer hypothetischen Offenbarung – sei sie mosaisch, christlich oder islamisch –, gefolgt, aus unbekannten Gründen, von einem „Nachlauf“, in dem wir uns befinden, bis zur endgültigen Vernichtung – ebenfalls durch Gott –, die oft als unmittelbar bevorstehend wahrgenommen wird.

All dies ist unterbrochen von einer Reihe von Unglücksfällen und Katastrophen, durch die Gott seine Weisheit und Güte offenbart. Diese Katastrophen werden uns als Strafe für unsere Sünden auferlegt oder sind Ausdruck einer für uns unbegreiflichen, überragenden Güte.

Noch grotesker als Theologien sind Theodizeen, also jene gedanklichen Verrenkungen, mit denen man versucht, die Idee eines allmächtigen und universell gütigen Gottes mit der unbestreitbaren Präsenz des Bösen in der Welt in Einklang zu bringen.

Die andere relevante Konsequenz ist, daß die Natur als ein Objekt begriffen wird, das außerhalb von uns liegt und uns fremd ist; sie wird nicht nur entheiligt, sondern buchstäblich als etwas Totes begriffen, das sich zur Analyse und Sektion eignet.

So etwas wie die moderne Wissenschaft, erklärt uns der Autor, konnte nur in einem Kontext entstehen, der vom abrahamitischen Monotheismus durchdrungen ist. Er nennt es Nekropsie, was bedeutet, daß die Haltung gegenüber der Natur in etwa der eines Menschen entspricht, der sich auf die Autopsie einer Leiche vorbereitet.

Andererseits darf man nicht übersehen, daß alle drei abrahamitischen Religionen nicht zufällig im Nahen Osten entstanden sind, also in einer Umgebung, in der die Natur wüstenähnlich, leer und feindselig erscheint.

Wie der Untertitel des Buches bereits andeutet, nimmt hier ein wahrer Fluch gegen die Natur Gestalt an. Laut Autor stellt die abrahamitische Mentalität ein regelrechtes psychiatrisches Problem dar.

Bemerkenswert ist, daß sich die langfristigen Auswirkungen des Abrahamismus seit dem 16. Jahrhundert mit der Reformation exponentiell verstärkt haben. Dies führte dazu, daß Protestanten, insbesondere Calvinisten, stärker von der abrahamitischen Mentalität geprägt wurden als andere Christen wie Katholiken oder Orthodoxe.

Eine weitere drastische Beschleunigung erfolgte im 20. Jahrhundert durch die beiden Weltkriege, die zum Aufstieg der Vereinigten Staaten als globaler Supermacht mit einer im wesentlichen calvinistischen Ausrichtung führten.

Dieses Thema steht offensichtlich in Zusammenhang mit dem Niedergang des Westens, der von Denkern wie Giuseppe Sermonti, Friedrich Nietzsche und Oswald Spengler analysiert wurde. Letzterer ist zu einer Welt der Quantität, des Geldes und des Wuchers geworden.

Die langfristigen Folgen liegen auf der Hand: Wir bewegen uns auf eine entmenschlichte Welt zu, die aus Maschinen, künstlicher Intelligenz und Algorithmen besteht und in der der Mensch überflüssig geworden ist.

Tatsächlich gibt es noch immer Gebiete auf der Welt und Bevölkerungsgruppen, die vom Abrahamismus in seinen christlichen oder islamischen Formen unberührt oder kaum berührt wurden.

Lorenzoni richtet sein Augenmerk in diesem Zusammenhang insbesondere auf den Fernen Osten, doch ist es höchst unwahrscheinlich, daß von dort eine Wiederbelebung des Abrahamismus ausgehen könnte.

Diese Betrachtung läßt uns also nicht viel Hoffnung, doch es ist immer besser, sich darüber im klaren zu sein, was auf einen zukommt, anstatt sich Illusionen hinzugeben.

Quelle: https://www.ereticamente.net/silvano-lorenzoni-recensioni-2026-fabio-calabrese/

Silvano Lorenzoni – Autobiographie eines Ethnonationalisten

Das demokratische Phänomen