Joakim Andersen
Werner Sombart (1863–1941) war einer der führenden Soziologen seiner Zeit; ähnlich wie sein Vordenker Marx legte er den Schwerpunkt auf Wirtschaftsgeschichte und politische Ökonomie.
Der junge Sombart galt als radikal und wurde von Engels als der einzige Professor beschrieben, der ›Das Kapital‹ wirklich verstanden habe; der ältere Sombart folgte der deutschen Sozialdemokratie in ihrer patriotischen Ausrichtung und verfaßte während des Ersten Weltkriegs unter anderem das „Kriegsbuch“ ›Händler und Helden‹.

Sombarts Denken war vielfältig; es reichte von Theorien über den Zusammenhang zwischen Biotypen und Produktionsweisen bis hin zu Analysen der Entstehung und Herausforderungen des Kapitalismus. Er prägte Begriffe wie Spätkapitalismus und entwickelte jene Perspektive, die später den Namen „kreative Zerstörung“ erhielt. In Sombarts Denken gibt es deutliche Ähnlichkeiten unter anderem mit Nietzsche, Klages, Schumpeter, Marx, Adorno und Spengler.
„Das Kriegsbuch“ war für ein breiteres Publikum gedacht, nicht zuletzt für die jungen Männer, die an den Fronten des Ersten Weltkriegs Deutschland verteidigten; das bedeutet unter anderem, daß es mehrere prägnante und zitierfähige Passagen enthält, etwa „ohne Gefahr verkümmert der Mensch und wird oberflächlich und erfindet Glück“ und „Militarismus ist der heroische Geist, der zum Kriegergeist gesteigert ist“.
Daß es rhetorisch wirkmächtig ist, macht es jedoch nicht weniger lohnenswert; es bietet eine wertvolle Analyse der beiden Weltanschauungen und Lebensauffassungen, die im Europa des 20. und 21. Jahrhunderts einander gegenüberstanden.
Sombarts These lautete, daß der Erste Weltkrieg, wie alle großen Kriege, ein Glaubenskrieg war. Zwei weit voneinander entfernte Weltanschauungen und zwei damit verbundene Kulturen standen sich gegenüber: auf der einen Seite die englische Kaufmannskultur, auf der anderen die heroische deutsche Kultur.
Genauso wie Einzelpersonen Kaufleute oder Helden, Krieger oder Wucherer sein können, können es auch ganze Nationen sein. Natürlich mit individuellen Ausnahmen – Sombart sah beispielsweise Carlyle unabhängig von seinem Geburtsort als deutschen Denker –, doch der Weltkrieg war ein Kräftemessen zwischen diesen beiden Weltanschauungen.
Im Nachhinein läßt sich feststellen, daß Europa durch das Eingreifen außereuropäischer Mächte den Weltkrieg verlor, was dazu führte, daß die deutsche Weltanschauung unterdrückt wurde. Zumindest für eine gewisse Zeit.
Sombarts Analyse der englischen Kultur ist sowohl lesenswert als auch unterhaltsam, wenn auch etwas überspitzt; erwähnenswert sind Passagen wie
the basis of all Englishness is indeed the immeasurable intellectual limitation of this people.
[Die Grundlage aller Englischheit ist in der Tat die unermeßliche geistige Begrenztheit dieses Volkes.]
Die englische Philosophie ist laut Sombart pragmatisch ausgerichtet, materialistisch und oberflächlich; er greift unter anderem den Utilitarismus und die wirtschaftliche Tendenz auf. Die Kultur ist kommerzialisiert, ebenso wie die Aristokratie. „Interessen“ und „Glück“ sind die Ziele; der Staat wird als ein auf „Verträgen“ basierendes Unternehmen betrachtet.
Dies ist im Vergleich zur deutschen Perspektive eine oberflächliche Sichtweise. Interessant angesichts der amerikanischen Kultur als Erbin der englischen ist die Sicht auf den Krieg; Sombart schrieb:
nirgendwo zeigt sich die vollständige Kommerzialisierung des Krieges so deutlich wie in dieser unbewußten Verwechslung von Krieg und sportlichem Wettkampf.
Die deutsche Weltanschauung faßt Sombart in dem Seemannssprichwort ›navigare necesse, vivere non est‹ zusammen, das über einem Reederhaus in Bremen eingraviert ist. ›Segeln ist notwendig, Leben ist nicht notwendig.‹
Bequemlichkeit, weltliche Dinge und ähnliches sind für den echten Deutschen, vertreten unter anderem durch Nietzsche, Fichte und Hegel, der Pflicht und Verantwortung untergeordnet. Sombart schrieb dazu:
die Tugenden des Helden sind das Gegenteil der Tugenden des Kaufmanns; sie sind alle positiv, lebensspendend und erweckend, sie sind ‚gebende Tugenden‘: Selbstaufopferung, Treue, Arglosigkeit, Respekt, Tapferkeit, Frömmigkeit, Gehorsam, Güte.
Sombart verband den Heroismus mit dem Vaterland,
kein Heroismus ohne Vaterland, und stellte fest, daß der Staat die mächtige Rüstung ist, die die Nation anlegt, um sich gegen feindliche Kräfte zu verteidigen.
Für europäische Nationalisten ist Sombart nach wie vor von bedeutendem Wert; seine Darstellung des idealtypischen Deutschen entspricht tieferen Werten und Eigenschaften weiterer europäischer Völker. Pflicht, Heldentum und Verantwortung kehren in mehreren nationalen Charakterzügen wieder, vergleiche das Karolinische Ideal in Schweden, ebenso wie der Ansatz, Freiheit und einen starken Staat zu verbinden.
Sombarts Widerstand gegen Hedonismus, Pazifismus, Utilitarismus usw. erinnert an Thiriarts Unterscheidung zwischen mehr sein und mehr haben. Dagegen kann Sombarts starker Fokus auf Deutschland allein als begrenzt empfunden werden, und das war wahrscheinlich auch schon 1915 der Fall.
Diese Selbstgenügsamkeit und das Desinteresse an anderen europäischen Nationen sind historisch verständlich, waren jedoch sowohl sachlich als auch taktisch falsch.
Die Eigenschaften, die Sombart mit Deutschland verband, fanden sich in mehreren Nationen wieder; Carlyle und andere waren vielleicht nicht nur Ausnahmen aus der englischen Nation, in der sie geboren wurden.
Darauf wird übrigens auch im „Kriegsbuch” angespielt in Passagen wie
so much is certain: mankind was infected with the trader’s worldview first in England. But the English sickness had then spread further around it and had especially infected also the German national body.
[Eines ist sicher: Die Menschheit wurde zuerst in England von der Weltanschauung der Kaufleute angesteckt. Doch die englische Krankheit hatte sich von dort aus weiter ausgebreitet und insbesondere auch den deutschen Nationalkörper befallen.]
Der Kampf war paneuropäisch und auch innerenglisch. Das ist auch heute noch der Fall, auch wenn „das perfide Albion“ und „der innere Engländer“ durch amerikanische oder amerikanisierte Erben ersetzt wurden. Daß Deutschland nicht nur im geopolitischen Sinne das Herz Europas ist, geht aus Sombarts „Kriegsbuch” jedenfalls klar hervor.
Sombart ist auch als Beispiel für einen ursprünglich linksradikalen Denker interessant, dessen Weltbild Elemente der Linken in ein komplexeres Gesamtbild integrierte. Etwas vereinfacht könnte man sagen, daß die Rechte die Linke einschließen kann, aber selten umgekehrt; Sombart ergänzte die marxistische Analyse des Kapitalismus um Elemente wie Heroismus und Nationalismus.
Nicht zuletzt können seine „Tugenden des Helden“ bei manchen Sozialisten halb bewußte Triebkräfte in Worte fassen und einen Sozialismus beschreiben, der etwas anderes ist als das, was Spengler als „Kapitalismus für die Arbeiterklasse“ bezeichnete.
Ein solcher Sozialismus bietet jedoch Raum sowohl für Nationalismus als auch für Unternehmertum, mit einem starken, aber nicht unbedingt allumfassenden oder allmächtigen Staat.
Insgesamt ist ›Händler und Helden‹ äußerst interessant. Es enthält treffende Kulturkritik, unter anderem Sombarts Verbindung zwischen „comfort“, „sports“ und der Krämermentalität.
Die Dichotomie zwischen den beiden idealtypischen Weltanschauungen ist teilweise überzeichnet, aber wertvoll, nicht zuletzt, weil sie die tieferen Werte identifiziert, die Europa ausmachen.
Das Buch ist für echte Europäer lesenswert, denn so wie es in Deutschland „den inneren Engländer“ gab, gibt es auch in England und den USA „den inneren Deutschen“.
