Von der Antike über das mittelalterliche Christentum bis hin zur germanischen Mythologie und den Sonnenwendriten blieb der Baum, der mitten im Winter aufgestellt wurde, ein Symbol der Hoffnung und des Sieges über die Mächte der Finsternis und des Todes.

Heute ist er zum Weihnachtsbaum geworden, doch lange Zeit war er viel mehr als nur eine Dekoration: Er stellte eine echte kosmische Säule dar, eine Achse der Welt, die es ermöglichte, die dunkelste Zeit des Jahres zu überstehen.

Um seine tiefe Symbolik zu verstehen, muß man auf den von den alten Germanen am meisten verehrten Baum zurückgehen: die Eibe, diesen dunklen und vieldeutigen Baum, der sowohl mit dem Tod als auch mit dem Leben, mit Magie und Wiedergeburt, mit den Geheimnissen des Schicksals und dem Überleben in der Kälte in Verbindung gebracht wird.

Der Weltenbaum Yggdrasil mit dem Quellbecken Hwergelmir an seinen Wurzeln, Illustration von Lorenz Frølich, 1895, Bildquelle: Metapedia

Die Eibe, ein magischer Baum par excellence, symbolisiert sowohl den Tod als auch die Unsterblichkeit.

Ihr gesamtes Material ist extrem giftig, nur das rote Fruchtfleisch ihrer Früchte ist süß und eßbar; ihre Samen sind tödlich, aber ihr Stamm kann mehrere tausend Jahre alt werden; sie verliert nie ihr Laub, selbst mitten im Winter nicht.

Diese absolute Ambivalenz, in der sich Tod und Leben berühren, in der die Zerstörung das Versprechen einer Erneuerung enthält, machte ihn für die alten Germanen zu einem idealen Symbol für die Wintersonnenwende, den Moment, in dem die Welt in Dunkelheit zu versinken scheint, bevor sie wiedergeboren wird.

Es ist Yggdrasil, der kosmische Baum, die Achse der Welten, oft mit „Esche” übersetzt, aber philologische, mythologische und symbolische Hinweise deuten eher auf eine Eibe hin.

Yggdrasil verbindet die drei Ebenen des Universums: die himmlischen Höhen, die Welt der Menschen und die Tiefen, in denen die Toten und die Mächte des Schicksals walten.

Neun Nächte lang an diesem Baum hängend, erlangt Odin durch einen initiatorischen Tod, der ihn verwandelt, Zugang zu den Runen.

Der Seiðr, diese visionäre, ekstatische, düstere Magie, die mit Wahrsagerei, Nekromantie und Übergängen zwischen den Welten verbunden ist, findet in der Eibe ihren Schutzbaum.

Die Rune Eihwaz, die eben „Eibe” bedeutet, steht für den Übergang, das verbotene Wissen, das Leben im Herzen des Todes. Die Struktur des germanischen Kosmos basiert also auf einem Baum, der zugleich Grabstätte und Unsterblichkeit, reine Vertikalität und Schwelle zum Unsichtbaren ist.

Diese Rolle als kosmischer Dreh- und Angelpunkt findet sich in den Winterriten der ›Zwölf Nächte‹ wieder, den „Rauhnächten“ oder „Weihnachten“, in denen die Zeit still zu stehen schien.

Ab der Wintersonnenwende (heute vom 24. Dezember bis zum 6. Januar) lebten die alten Germanen ein „Nicht-Jahr”, eine Zeitspanne, in der die Grenzen zwischen den Welten verschwanden und das Haus für die umherstreifenden Mächte der Finsternis anfällig wurde.

Die Frauen hörten auf zu spinnen und überließen diese Aufgabe der Göttin Frigg, der Spinnerin des Schicksals.

Frigg mit einer ihrer Dienerinnen, Zeichnung von 1865, Bildquelle: Metapedia

Um diese Zeit des Todes zu überstehen, stellte man einen immergrünen Baum in die Wohnung: ein Abbild von Yggdrasil, der die kosmische Ordnung im Haus aufrechterhalten sollte.

Dieser Baum, eine Tanne (ein besser zu handhabender Ersatz für die heilige Eibe), wurde am ersten Abend hereingebracht und nach der zwölften Nacht wieder hinausgetragen.

Während dieser Übergangszeit stellte er für das Haus einen Ankerpunkt zur lebenden Welt dar, eine vertikale Achse, die die Dunkelheit daran hinderte, zu triumphieren.

Dieser Baum wurde mit Früchten geschmückt: Äpfeln und Nüssen.

Diese schmückenden Elemente, die heute unbedeutend erscheinen, verdichten jedoch die ganze Tiefe des Mythos.

Die Äpfel verweisen auf die Göttin Idunn, die Hüterin der Früchte der Unsterblichkeit.

Idunn, Gemälde von J. Doyle Penrose, 1890

Als die Göttin vom Riesen Thjazi entführt wird, altern die Götter: Die Welt erstarrt, der Winter gewinnt die Oberhand.

Die Riesen sind mit dem Eis, mit dem Winter verbunden.

Und als Loki sie wiederfindet, ist sie in eine Nuß verwandelt – eine wesentliche Metamorphose, denn die Nuß steht für das Leben, das sich im Tod zurückzieht, für den Mutterleib, für die Keimung, die in ihrer harten Schale eingeschlossen ist, für das Versprechen der Erneuerung, das in einer harten Schale enthalten ist.

Das Aufhängen von Äpfeln und Nüssen am Winterbaum war also keine dekorative Geste, sondern ein symbolischer Überlebensritus: Die Äpfel bekräftigten die offensichtliche Lebenskraft, die Nüsse stellten das verborgene Prinzip dar.

Zusammen bildeten sie die beiden Seiten der Unsterblichkeit: das Licht und den Samen, das strahlende Leben und das verborgene Leben, die sichtbare Hoffnung und die geheime Hoffnung.

Als das Christentum diese alten Bräuche überlagerte, kam es sofort zu einer symbolischen Konvergenz.

Seit dem Mittelalter verband man in den germanischen Ländern Weihnachten mit Adam und Eva, indem man einen Paradiesbaum mit roten Äpfeln schmückte: den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse, der im Zentrum des Gartens Eden stand, durch den der Mensch fiel, aber auch der die Möglichkeit der Erlösung durch Christus ankündigte.

Dieses christliche Symbol steht nicht im Widerspruch zum germanischen Ritus, sondern entspricht ihm vollkommen: Auch es ist ein zentraler Baum, eine Achse der Welt, ein Baum der Prüfung und Verwandlung, ein Baum, an dem der Tod zum Leben führt.

Die mittelalterliche Tradition sah in diesem Baum die Vorwegnahme des Kreuzes Christi, des neuen Adam, dessen Holz die Welt der Menschen mit Gott verbindet und dessen Vertikalität die zerbrochene Achse des menschlichen Schicksals wiederherstellt.

Für die christianisierten Germanen wird das Kreuz so zum christlichen Yggdrasil, dem Baum des Todes, der Leben trägt, dem aufgerichteten Holz, das Himmel und Erde verbindet, dem Drehpunkt, durch den die Nacht der Welt zum Licht der Auferstehung führt.

So konnte die heimische Tanne, die in die ›Zwölf Nächte‹ eingebracht wurde, reibungslos zum christlichen Symbol für Weihnachten werden.

Als grüner Baum in der Winternacht, als neu interpretierter Baum des Paradieses, als Baum des Kreuzes und der Auferstehung bewahrt er unter seinem neuen Gewand die aufeinanderfolgenden Schichten all dieser Traditionen.

Unter den Girlanden und Lichterketten liegen auch heute noch die Schatten der alten Eibe, die Magie des Seiðr, der Atem Odins, der am kosmischen Baum hängt, die Früchte Idunns, der Sündenfall Adams und Evas und das Kreuz Christi, die neue Achse der christlichen Welt.

Der Weihnachtsbaum faßt somit eine ganze spirituelle Geschichte zusammen: die eines Baumes, der in der Nacht aufgestellt wird, damit der Mensch, der die Sonnenwende durchlebt, Zugang zum wiederkehrenden Licht erhält.

Quelle: https://www.terreetpeuple.com/paganisme-memoire-35/10674-le-sapin-de-noel-tres-ancien-symbole-de-mort-et-de-renaissance.html

Heidnische Weihnachten: eine tausendjährige Geschichte