Das Fest der Sommersonnenwende am 21. Juni oder das Johannisfest am 24. Juni kann in der Erntezeit nur seinen bäuerlichen und volkstümlichen Charakter aus exoterischer Sicht und seinen kathartischen aus esoterischer Sicht hervorheben, der über die verschiedenen Formen, in denen sich die Tradition manifestiert, hinausgeht, indem er, ähnlich wie die Wintersonnenwende, die lebendigere und hellere Essenz feiert.

In den Orten, in denen es üblich ist, dieses Fest zu feiern, werden Freudenfeuer vorbereitet und üppige Tafeln mit Fisch, Fleisch, Pökelfleisch und anderen saisonalen Erzeugnissen geschmückt. Es ist ein Fest der Fruchtbarkeit und des Überflusses, ein Fest der Freude und der Unbeschwertheit.

In Bälde wird die Ernte eingebracht, die Feldarbeiter haben eine Pause, die Bauern können sich ausruhen und den Anblick der Garben genießen, ihren Reichtum, der nun vor dem Regen geschützt ist. Bei der Sommersonnenwende selbst ist das Zentrum der Aufmerksamkeit für die Feier das Feuerritual, das in seiner Substanz dem entspricht, was wir von der Wintersonnenwende kennen, und sich doch in seiner Rolle und Bedeutung so sehr unterscheidet.

Die Kerze, die im Dezember auf dem Julleuchter brennt, ist ein Symbol, das uns zur Meditation einlädt, indem es zeigt, wie groß die um uns herum geschaffene Welt ist und wie klein, aber wertvoll die Gemeinschaft ums Feuers ist; die Flamme, die hoch und heiß und fast schon keck aus den im Juni entzündeten Feuerstoß emporsteigt, scheint den Himmel in Brand zu setzen, die Macht des Lebens über den Tod zu bekräftigen, sie ist eine Flamme des Glaubens und der Reinigung.

Bei fast allen Völkern Europas ist es üblich, den Scheiterhaufen mit einem Wettbewerb zu beenden, bei dem viele junge und neue Paare durch die Flammen springen; die Flammen, die die goldenen Garben beleuchten, erinnern uns an das Gold der Sonne, das Gold, das ein Glückswunsch für diejenigen ist, die beschlossen haben, ein neues Familienheim zu gründen und sich gemeinsam den Schwierigkeiten zu stellen, die sie unweigerlich erwarten.

Es ist jedoch nicht so, daß die Sonnenwendfeiern nur in ländlichen Regionen relevant sind, im Gegenteil, sie werden auch in größeren Städten gefeiert, und zwar immer mit der gleichen Bedeutung, auch wenn der natürliche Ritus schließlich in ein Zeremoniell übergeht. In diesem Fall könnten wir uns an die Feste erinnern, die noch heute in Rom von der Bevölkerung des Stadtteils ›San Giovanni‹ gefeiert werden, oder in Turin, wo ein Umzug vom Rathaus zum Scheiterhaufen führt, der auf einem der größten Plätze angezündet wird, oder an die Feste am Comer See oder in Amalfi und in tausend anderen Städten. In der Vergangenheit nahmen sogar die Herrscher an diesen Feierlichkeiten teil.

Für diejenigen, die sich auf die Feier der Sommersonnenwende vorbereiten, möchten wir einige allgemeine Hinweise geben, die zu einem sicheren Gelingen beitragen können. Zunächst einmal ist es gut, daran zu erinnern, daß die Feier der Sonnenwende nicht den Charakter einer archäologisch-theatralischen Rekonstruktion annehmen darf; Feiern bedeutet vor allem, sich wieder mit etwas zu verbinden, das in der Überlieferung existiert und das nicht schulmäßig, sondern bewußt und freudig harmonisch gelebt werden muß.

Wir empfehlen sogar, wo immer es möglich ist, den örtlichen Festkomitees beizutreten, wobei es eher darum geht, das bereits Erreichte mit etwas zu füllen, das mehr Bedeutung hat, und die gesamte Gemeinschaft einzubeziehen, anstatt Doppelarbeit für einige wenige, an [selbsternanntem] Elitarismus leidende enge Vertraute zu schaffen. Die Teilnahme vieler Menschen an einem Fest macht es echter und erfolgreicher, und im Idealfall sollte die gesamte Bevölkerung an solchen Ritualen teilnehmen und ihre Verbindungen zu ihren Ahnen und ihrem Land wieder festigen.

Man muß sich nämlich an den grundlegenden symbolisch-ritualistischen Unterschied zwischen öffentlich und privat erinnern, der auch bei den Römern wichtig war und auch in Giandomenico Casalinos weiser „Spiritueller Identität Europas und der römischen juristisch-religiösen Tradition”, die im April 2002 veröffentlicht wurde, perfekt nachgezeichnet und vertieft wurde.

Es ist daher wichtig, das Fest aus regionaler Sicht zu charakterisieren, indem man den Ort der Zeremonie mit Standarten in den Farben der Region und mit Wappen schmückt und das Ganze mit Volksliedern begleitet, die die Gefühle des Glaubens an die eigene Region, an die eigene Geschichte und an unsere Zukunft in Erinnerung rufen.

Für diejenigen, die zum ersten Mal spontan zu improvisieren haben, empfehlen wir hingegen, wie folgt vorzugehen: sich vor Augen halten, daß das Fest an einem einzigen Abend stattfindet und man deshalb auf die organisatorischen Details achten muß, damit es keine Zwischenfälle oder Handlungslücken gibt, die oft den Ablauf stören, indem sie Langeweile oder schlechte Laune erzeugen; das Fest sollte am Abend mit Gesang und Spielen beginnen, auf die das Bankett folgen kann; die Tische sollten groß und schön dekoriert sein; es ist zweckmäßig, die Redner nach ihren jeweiligen Präferenzen aufzustellen, wobei vermieden werden sollte, Cliquen oder Grüppchen zu bilden, die einen gewissen Agonismus (oder Konkurrenzgeist) fördern; wenn möglich, sollten moderne Tänze und peinliche Witze, die zu einem Durcheinander führen können, vermieden werden.

 

 

Um Mitternacht startet ein Umzug von etwa einem Kilometer zu dem Ort, an dem der Feuerstoß vorbereitet wurde. Wir empfehlen, daß der Umzug von den anwesenden zivilen oder religiösen Autoritäten oder zumindest von den Organisatoren geführt wird und sogar von den Jüngsten begleitet wird!

Der Feuerstoß muß sorgfältig errichtet werden, damit es nicht erlischt oder zu schnell abbrennt. Am besten wäre es natürlich, wenn es die ganze Nacht hindurch brennen würde, was man leicht durch eine geschickte Mischung von Strohbündeln und größeren Hölzern erreichen kann.

Eine gute Methode ist es, in die Mitte einen Pfahl zu setzen und rundherum Stroh und Hölzer zu bündeln, dann die dickeren Stämme in Pyramidenform zu legen und einen kleinen Schornstein für den Rauch zu lassen.

Es empfiehlt sich, den pyramidenförmigen Scheiterhaufen mit einem mit bunten Bändern verzierten Rad zu schmücken, um den Verlauf des Sonnen- und Lebenszyklus zu symbolisieren. Das Rad [in Form eines keltischen Kreuzes] kann auf die Spitze des zentralen Pfahls gelegt [wenn der Maibaum auf diesem Platz aufbewahrt wird] oder, noch besser, an die Vorderseite des Scheiterhaufens gelehnt werden.

Bei der Ankunft des Zuges nähern sich die vier Personen, die [an den vier Ecken des Platzes] mit brennenden Fackeln postiert sind, dem Scheiterhaufen [auf das vereinbarte Zeichen eines bestimmten Satzes oder Wortes aus der Vorstellung des Feuermeisters oder Spielleiters].

Auf dieses Zeichen hin sagt der erste [indem er nach vorne tritt] :

Ich komme aus dem Westen, dem Land des Artus, und ich trage das Feuer;

dann der zweite:

Ich komme aus dem Osten, dem Land Siegfrieds, und ich trage das Feuer;

dann der dritte:

Ich komme aus dem Norden, dem Land von Erik dem Roten, und ich trage das Feuer;

und schließlich der letzte:

Ich komme aus dem Süden, dem Land des Romulus, und ich trage das Feuer.

Dann senken sie gleichzeitig ihre Fackeln, um den Scheiterhaufen zu entzünden.

In der Stille, in der die ersten Flammen knistern [mit Funkengarben, die sich mit den Sternen vermischen, die offensichtlich ein kosmisches Fest feiern … ], wird ein Moment der Besinnung gewährt.

Dann kann jeder die ›Magie‹ der lodernden Flammen bewundern, und es beginnt eine fröhliche Farandole um das Feuer herum – wobei sich alle an den Händen halten – die sich immer schneller dreht (vermeiden Sie jedoch die Gefahren, die entstehen können, wenn Sie in die Nähe der Flammen geraten).

Der Andacht folgen Trankopfer [für manche bescheiden: man muß an die Rückfahrt im Auto denken], Lieder [und Tänze*] und dies kann bis zum Morgengrauen dauern…

Wenn sich die Flammen beruhigt haben, kann man unter Beachtung der entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen die Sprünge durch das Feuer starten: All dies sollte nicht als Wettbewerb zwischen den einzelnen Personen verstanden werden, aber es sollte klar sein, daß in diesem Moment keine Totenwache oder Zeremonie stattfindet, sondern ein echtes [archaisches] Ritual! (Daher müssen alle Störelemente entfernt werden.)

Wenn das Fest vorbei ist, wird jeder glücklich und bereichert durch den vollzogenen Ritus nach Hause gehen.

Und erst wenn alles vorbei ist, können wir unter uns mit einem ›zufriedenen Geist‹ sagen: Das war wirklich sehr gut gelungen!!!

 

 

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