Jedem das Seine

Ich mag eure dunkle Kirche nicht!
Ich liebe die helle Sonne!
Und tausendmal lieber ist mir mein Weib
Als eure gemalte Madonne.

Und tausendmal lieber ist mir der Sohn,
Den mir meine Fraue geschenkt hat,
Als euer vergoldetes Kruzifix,
Das Arme und Beine verrenkt hat.

Ich mag überhaupt das Weltfremde nicht,
Was frostig, vergilbt oder tot ist.
Ich liebe das Leben, die Freude, das Licht
Und das Blut, wenn es sprudelt und rot ist.

 

Ludwig Carl Wilhelm Fahrenkrog wurde am 20. Oktober 1867 in Rendsburg in der Region Holstein in Norddeutschland geboren. Der seltsame und archaische Name kommt nur im Küstengebiet Holsteins vor, wo es einen Fahrenkrog-Bach in der Nähe des Kellersees und einen Ort namens Fahrenkrug gibt.

 

Der Name bedeutet auf Hochdeutsch „Krug an der Fähre”, d.h. Gasthaus an der Fähre. Der väterliche Zweig der Familie war dänisch mit Vorfahren, die Seefahrer und Walfänger waren. Die Familie war arm: Der Vater stellte handgefertigte Lampenschirme her, und Ludwig und sein Bruder erkannten bald, daß man sich alles im Leben durch Arbeit verdienen muß.

Wenn ein Kind kein Spielzeug hat,

schrieb er später,

wird es sich selbst eins machen, wenn es es wirklich braucht.

Schon als Kind zeigte sich ein ausgeprägtes und vielseitiges künstlerisches Talent. Ludwig und sein Bruder begannen schon früh zu malen, zu zeichnen, Texte zu schreiben und Musik zu machen. Schon sehr früh konnte er Klavier spielen und eigene Musik produzieren. Gemeinsam mit seinem Bruder organisierten sie kleine Theateraufführungen, bei denen sie selbst mitspielten.

Im Alter von 15 Jahren begann Ludwig eine künstlerische Lehre als Maler und Dekorateur in Altona bei Hamburg und schrieb sich 1887 an der ›Königlichen Akademie der Bildenden Künste‹ in Berlin ein, wo er bei den Meistern Woldemar Friedrich und Hugo Vogel studierte und Lieblingsschüler des berühmten Historienmalers Anton von Werner wurde.

Während dieser Studienzeit verdiente er sich mühsam seinen Lebensunterhalt als Illustrator von Museumskatalogen, anatomischen Zeichnungen und grafischen Plakaten. Über die schwierige Zeit seines Studiums schrieb er:

Wenn ich in meine Vergangenheit zurückblicke, war das die Zeit, in der ich am meisten gearbeitet habe: Ich glaubte an Gott und an mich selbst.

Seine jugendliche Berufserfahrung als Dekorateur kam ihm zugute, als er seine Arbeit als Maler von großen Fresken für die Wände von Schlössern, Kirchen und Schulen aufnahm. Im Alter von 23 Jahren erhielt er den preußischen Staatspreis für ein fünf mal vier Meter großes Gemälde mit dem Titel ›Die Kreuzigung Christi‹, das von der Stadt Mülheim an der Ruhr angekauft wurde.

 

 

Er heiratet Charlotte Lüdecke, die seine Lebensgefährtin bleibt, und verbringt zwei Jahre in Italien, um seine Studien zu vervollständigen. In Rom, wo er sich intensiv mit dem Werk Michelangelos auseinandersetzte, entwickelte und verankerte er seine Auffassung von künstlerischer Arbeit als Auftrag, den Menschen eine höhere geistige Botschaft zu vermitteln, und lehnte die dekadente Auffassung von „Kunst um der Kunst willen” völlig ab.

Während ihres Aufenthalts in Rom wurde ihre erste Tochter geboren, die Bianca Colomba genannt wurde, weil der Maler im Moment ihrer Geburt einen dieser Vögel sah. Auch die Tochter wurde eine hervorragende Malerin. Nach der Geburt seiner Tochter wurde seine Malerei durch neue, heitere Themen bereichert: Szenen aus dem Familienleben, das kleine häusliche Glück.

 

 

Zurück in Berlin verdiente Ludwig seinen Lebensunterhalt mit eindrucksvollen Fresken in den Häusern wohlhabender Adliger.

1898 wurde er als Dozent an die Kunstgewerbeschule berufen und zog ins Rheinland nach Barmen, um sich der Lehre zu widmen, wo er bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1931 blieb. Diese neue Tätigkeit hinderte ihn nicht daran, sein künstlerisches Schaffen in verschiedene Richtungen zu entwickeln.

Als Dichter, Dramatiker, Schriftsteller und Philosoph völkischer Prägung schrieb er ab 1907 eine Reihe von Artikeln für die Zeitschrift ›Der Volkserzieher‹ von Wilhelm Schwaner, in denen er die Grundlagen einer spezifisch germanischen Religiosität und die radikalen Gegensätze zwischen dem wiederauflebenden Heidentum und dem Christentum definierte:

Gott ist in uns, das Sittengesetz ist in uns, die Erlösung muß aus uns selbst kommen.

Bereits um 1900 hatten sich Fahrenkrog und seine Familie von der christlichen Religion losgesagt, die sie als unvereinbar mit einer spezifisch germanischen Religiosität betrachteten. Seine Malerei orientierte sich an heidnischen und germanischen Themen.

 

 

Die Themen seiner religiösen Entwicklung und seine philosophischen Vorstellungen sind in ›Die Geschichte meines Glaubens‹ und in den sieben Bänden des von ihm verfaßten und illustrierten Kolossalwerkes ›Gott im Wandel der Zeiten‹ niedergelegt. Im Laufe dieser beiden Jahre gründet Fahrenkrog den ›Bund für Persönlichkeitskultur‹, um seine heidnisch-religiöse Vision zu festigen, die auf dem Kult der Ahnen, der Naturkräfte und der herausragenden Persönlichkeiten beruht.

 

In den folgenden Jahren widmete er sich der Schaffung einer religiösen Organisation heidnisch-germanischer Prägung und brach endgültig mit dem Christentum. 1912 gründete er zusammen mit Wilhelm Schwaner (1863-1944), von dem er sich im folgenden Jahr trennte, die ›Deutsch-religiöse Glaubensgemeinschaft‹. Am 3. August 1913 gründete er in Thale am Harz die Germanische Glaubens-Gemeinschaft, die sich das Motto „Gott in uns” und „Selbsterlösung” gab. Die Organisation wurde später von Holger Dom und Arthur Auerbach geleitet.

 

 

Im Jahr 1913 erhielt er den Titel eines Professors. Er veröffentlichte zahlreiche Aufsätze, Bilderbücher und Theaterstücke, die meist im Ernst-Wachler-Bergtheater im Harz uraufgeführt wurden. Über seinen ›Wölund‹ schrieb Wilhelm Kiefer 1915 in der Zeitschrift ›Bühne und Welt‹, daß zum ersten Mal ein Stück aufgeführt worden sei, das vom Ethnobewußtsein eines Volkes und seiner Weigerung, sich von fremden Völkern vernichten zu lassen, inspiriert sei.

 

 

Das Konzept der Reaktion auf die „Überfremdung”, die Zerstörung der deutschen ethnischen Identität, war ein ständiges Thema in seinen künstlerischen und philosophischen Werken. 1923 verdeutlicht der Künstler seine Positionen:

Wir wollen bauen! Ruinen sind um uns herum und in unseren Herzen, aber wir haben auch den Glauben an die Wiedergeburt. Unser Ziel: aus einem kleinen Samen einen Wald aus Blut und Geist zu schaffen. Sonnenuntergang des Westens? Aber wir sind lebendig! Ohne Nutzen und ohne Schaden, wir wollen nur wir selbst sein. […] Wir wissen nur, da wir Selbstbestimmung wollen, und diese Selbstbestimmung kommt von innen … so friedlich und organisch wie das Wachstum und die Entwicklung der deutschen Eichen.

In diesen Jahren intensiver philosophischer Tätigkeit werden die Themen seiner Malerei stark von seiner eigenen Reifung beeinflußt: 1918 entsteht das Werk ›Die heilige Stunde‹, das das Thema des berühmten ›Lichtgebets‹ von Fidus aufgreift. Ein Mann betet nach Art der Indoeuropäer, stehend und mit erhobenen Armen vor dem Zauber des Lichts und der üppigen Natur.

 

Das Land der Väter

 

1920 entsteht ›Der Väter Land‹, ein prächtiges Ölgemälde, in dem der Maler seinem kleinen Sohn, der zu neuem Leben erwacht, die Schönheit des Landes der Väter, der Heimat, zeigt. Die Themen der nordischen Mythologie sind in den Dramen und Gemälden häufig zu finden. Berühmt in diesem Sinne sind die Gemälde ›Edda‹ von 1910, ›Baldur‹ von 1908, ›Der Tempel des Schweigens‹ von 1920 und ›Das heilige Feuer‹ von 1921.

 

Einer der interessantesten Aspekte von Ludwig Carl Wilhelm Fahrenkrog war seine außerordentliche künstlerische Vielseitigkeit: Maler, Illustrator, Bildhauer, Dichter, Dramatiker, Philosoph und Religionswissenschaftler. Im Laufe seines Lebens veröffentlichte er sieben Bände mit dem Titel „Gott im Wandel der Zeiten“, die mit seinen Zeichnungen illustriert waren und seine Gedichte und Theaterstücke enthielten.

Der ›Verlag der Schönheit‹ in Dresden druckte und popularisierte seine wichtigsten Werke, darunter das berühmte ›Das goldene Tor‹, ›Das heilige Feuer‹, ›Die heilige Stunde‹ und ›Der Väter Land‹. 1921 erschien im selben Verlag eine Kurzbiografie des Malers von Kurt Engelbrecht mit dem Titel ›Ludwig Fahrenkrog und seine Schöpfungen und ihre Bedeutung für unser Volkstum‹, die zahlreiche Reproduktionen der Werke des Künstlers enthält und bei Sammlern sehr begehrt ist.

 

 

1925 wurde er gebeten, an der American University of Mitchell in Dakota zu unterrichten. Er wurde zum Ehrenmitglied der Hamburger Malervereinigung und der Akademie von Neapel ernannt. 1928 erhielt er den ersten Preis auf der Münchner Glaspalastausstellung. Er nahm an der dritten Wanderausstellung der Deutschen Kunstgesellschaft im Jahr 1943 teil.

Er starb am 27. Oktober 1952 in Biberach an der Riss, wo er sein Atelier eingerichtet hatte. Der Nachlaß der Werke und Schriften des Künstlers wird im ›Archiv für Bildende Kunst‹ des Germanischen Nationalmuseums, Kartäusergasse 1 in Nürnberg aufbewahrt. Die Artgemeinschaft übernahm das Erbe des religiösen Denkens Fahrenkrogs und seines ersten Vereins von 1913.

 

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