Hans Burkhardt


Zum Schluß sei hervorgehoben, daß die Rassenpsychologie in ihrer Denk- und Arbeitsweise teilweise besonders eng sich angeschlossen hat an gewisse Richtungen der medizinischen Psychologie, da sie mit ihr gemeinsam hat die Einstellung auf biologische Zusammenhänge und die Forschung nach dem Ineinandergreifen von Körperlichem und Seelischem. Die Ergebnisse der medizinischen Konstitutionsforschung können, wie schon angedeutet, nicht ohne weiteres auf rassebedingte Eigentümlichkeiten übertragen werden, aber die Art, wie hier anlagebedingte Wurzelformen, die körperliche und seelische Züge gleichzeitig in sich schließen, herausgearbeitet werden, ist als solche beispielhaft und kann in ihrer Auswirkung auf Nachbargebiete kaum hoch genug eingeschätzt werden.

Auch führen Wege von der eigentlichen Psychiatrie über die Rassenpsychiatrie zur Rassenpsychologie. Die großen Gruppen der anlagebedingten (endogenen) Geisteskrankheiten gehen zwar hauptsächlich auf Faktoren zurück, die wohl kaum in Beziehung stehen zu den Eigenschaften bestimmter Rassen. Aber wenn schon, wie bekannt, bei den meisten exogenen Hirnschädigungen das Krankheitsbild nicht unwesentlich mitbestimmt wird von der besonderen Art der Konstitution und des Charakters des Erkrankten, so gilt dies für die endogenen Geistesstörungen in noch viel stärkerem Maße. Bestimmte Züge des seelischen Wesens, die sonst fugenlos in die Gesamtpersönlichkeit einbezogen sind, werden durch die Krankheit zwar verzerrt und übersteigert, aber gleichzeitig auch bloßgelegt und augenfällig gemacht. In der Tat zeigen die endogenen Psychosen unter Bevölkerungen von rassisch verschiedener Zusammensetzung ein sehr verschiedenes Gepräge. Bekannt ist bei den Psychosen der Juden der sehr ausgeprägte Zug von reizbarer Unruhe. Bei den Psychosen bei nordischer Rasse treten vor allem Züge von innerer, oft sehr starrer Abgeschlossenheit, empfindsamer Verhaltenheit und Beziehungslosigkeit in Erscheinung.

Unabhängig von Forschungen dieser Art haben Untersuchungen über Abartigkeiten bestimmter Gebiete des Seelenlebens bei psychisch auffälligen Kindern wie Erwachsenen dazu geführt, vorzugsweise solche Zonen des seelischen Lebens herauszusondern, die man als die Zonen unmittelbarer körperlich-seelischer Wechselbeziehungen bezeichnen könnte: Die Gemütsveranlagung, die Unmittelbarkeit, Tiefe und Nachhaltigkeit der seelischen Resonanzfähigkeit, die Stimmungslage und manches andere, was man oftmals auch unter den Begriff des Temperamentes zusammenfaßt. Es handelt sich hier um durchaus anlagebedingte seelische Zonen, die weitgehend unabhängig sind von Funktionen der Intelligenz oder von der des psychischen Überbaues. Sie stehen in engem Zusammenhang mit Beschaffenheit und Funktion der Haut und des vegetativen Nervensystems. Es ist kein Zweifel, daß es gerade auf diesem Gebiet rassenspezifische Unterschiede gibt und daß u. a. schon die sehr verschiedene Hautbeschaffenheit verschiedener Rassen darauf hinweist.

Indem wir die Aufmerksamkeit auf Zusammenhänge solcher Art richten, drängt sich uns jene Betrachtungsweise auf, die von der Vorstellung eines Schichtenaufbaues der Psyche ausgeht. Diese Betrachtungsweise liegt auch den tiefenpsychologischen Forschungsrichtungen zugrunde. Die Rassenpsychologie kann somit auch aus der Tiefenpsychologie sich wichtige Anregungen holen. Man kann sich den Aufbau der Persönlichkeit etwa derart vorstellen, daß man zunächst ausgeht von der untersten Schicht seelischer Funktionen, die ganz unmittelbar eingeschaltet sind in jenes Wechselspiel von körperlichen Vorgängen und Außenweltreizen, die auf die Sinnesorgane, die Haut und das Gefäßsystem einwirken. Wir halten daran fest, daß es in dieser Zone wesentliche rassespezifische Unterschiede gibt. Man kann dann weiter eine Zone komplexer Gefühlsbildungen und Gefühlsströmungen unterscheiden, die bei verschiedenen Rassen in verschiedener Weise entweder zu unmittelbarem Ausdruck kommen oder weitgehend umgestaltet und gelenkt werden. Als eine weitere seelische Schicht wären anzusprechen alle psychischen Inhalte, die mit der Ausbildung von abgrenzbaren und im Fluß des seelischen Geschehens weitgehend festbleibenden Ich- gefühlen Zusammenhängen. Die Art der Ichgefühle, davon wird im nächsten Unterabschnitt die Rede sein, ist bei verschiedenen Rassen außerordentlich verschieden. Der oberflächlichen Schicht der Persönlichkeit schließlich wäre alles das zuzurechnen, was der Außenseite des Ichs angehört, somit alles, was im Umgang mit den anderen Menschen entwickelt, herausgekehrt und angenommen wird. Diese Außenseite des Ich und die ihr zugehörige Fähigkeit jedes Menschen, verschiedene Rollen und Maskierungen anzunehmen, hat zur Rasse insoweit Beziehungen, als sie bei manchen Rassen eine geringere, bei anderen eine größere Bedeutung hat und bei Rassenmischung, wie es scheint, sehr verstärkt in Erscheinung tritt. Sie hat zur Rasse ferner eine bedeutsame negative Beziehung insofern, als die Menschen oftmals ihr angeborenes Wesen durch ein Sicheinleben in andere Rollen verdecken, derart, daß etwa ein Einzelmensch, der in einer ihm rassefremden Umgebung aufwächst, von dieser Umgebung im Wesen und Gebaren vieles oder alles annimmt, was überhaupt nachahmbar ist. Man hat aber die Möglichkeiten sowohl gewollter wie ungewollter Nachahmung fremden Wesens im allgemeinen überschätzt, denn die medizinische Psychologie hat sehr eindrucksvolle Beispiele dafür gegeben, daß kein Mensch sich eine ihm völlig fremde Zutat geben kann. Er kann sehr verschiedene Ausdrucks- und Erlebensmöglichkeiten besitzen, die er gegeneinander ausspielen kann, diese Möglichkeiten müssen ihm aber angeboren sein. Er kann keine Maske annehmen, die er nicht aus dem ursprünglichen Stoff der eigenen Seele bildet.

Spezielle Rassenpsychologie

Es gibt kein festliegendes Schema über Art und Zahl der heute lebenden menschlichen Rassen. Es sind immer nur bestimmte Kerngebiete und zuweilen auch Auslesegruppen, innerhalb derer das Bild einer bestimmten Rasse eindeutig vorherrscht. Zwischen nahe verwandten Rassen finden sich zuweilen von Anfang an beinahe beliebig viele Übergangsformen. Weniger nahe verwandte Rassen sind nicht selten so sehr ineinander geschoben, daß das Bild der ursprünglichen Rassenformen nur unvollständig und unsicher rekonstruiert werden kann, weil es vor allem dann schwer zu entscheiden ist, wo die jeder Rasse zuzubilligende Spielbreite der Erscheinungen aufhört und die Beimischung der anderen Rasse anfängt. Der Rassenforschung ist es einerseits gelungen, einige wohlcharakterisierte Splitterrassen (die Ainus etwa am Rande des nördlichen Ostasiens) herauszustellen, auf der anderen Seite steht sie großen Rassezweigen, vor allem dem Zweig der mongoliden und dem der negriden Rassen gegenüber, die unter sich viel weniger einheitlich sind, als es zunächst den Anschein hat, deren Unterteilung in deutlich abgrenzbare Einzelrassen aber nur teilweise gelingen will. Wie überall in der belebten Natur wird eine endgültige Ordnung auch in Zukunft nicht herzustellen sein.

Alle Fragen der Rasseneinheit berühren die Rassenpsychologie in gleicher Weise wie die auf Erfassung der körperlichen Merkmale gerichtete Rassenkunde. Auch die Rassenpsychologie steht auf leidlich sicherem Boden nur da, wo sie über gut gekennzeichnete Einzelrassen Aussagen macht und muß sich damit abfinden, daß sie vorläufig vielfach größeren in sich sehr wenig einheitlichen Rassegruppen gegenübersteht, über die nur mit Vorbehalt einige Aussagen gemacht werden können.

Von allen durch Beschreibung und Beobachtung herausgestellten Rassen ist die nordische Rasse bis jetzt die am besten bekannte und abgrenzbare. Sie ist wegen ihrer Bedeutung für den europäischen Lebensraum in Vergangenheit wie Gegenwart in den Mittelpunkt des Blickfeldes der Beobachtung und Forschung gerückt worden. Alle, die bisher zu rassenpsychologischen Fragen Stellung genommen haben, haben Feststellungen über die seelischen Anlagen dieser Rasse gemacht. Auf die seelischen Anlagen des nordischen Menschen, sei im folgenden näher eingegangen, weil an diesem Beispiel gezeigt werden soll, inwieweit Erkenntnisse der Rassenpsychologie überhaupt heute schon feste Form gewinnen und auf welche Art man in Zukunft die Darstellung auch anderer Rassen sich erhoffen kann, wenn unsere Kenntnisse sicherer und fortgeschrittener sein werden (Burkhardt 1941).

In der nordischen Rasse sind jene Züge am deutlichsten verkörpert, die man bei Vergleich der Rassen aller Erdteile als spezifisch europäisch ansprechen möchte. Wenn wir nach dem wesentlichen Kern solcher Wesenszüge suchen, so stoßen wir auf das Persönlichkeitsgefühl, das beim nordischen Menschen anlagemäßig besonders stark und eigentümlich entwickelt ist. Dem nordischen Menschen ist ein besonders tiefwurzelndes Ichgefühl eigen, das gleichbedeutend ist mit innerer Abgegrenztheit und Eigenständigkeit. Nur von diesen Begriffen her lassen sich wesentliche Eigentümlichkeiten seines Verhaltens verstehen. Insbesondere ist das, was die nordische Rasse an schöpferischen Leistungen aufzuweisen hat, durchweg in Zusammenhang zu bringen mit der inneren Selbständigkeit gegenüber der Außenwelt. Diese Selbständigkeit ergibt, sofern andere Faktoren gut entwickelt sind, die das ausmachen, was wir Intelligenz nennen, eine besondere Art der Urteilsfähigkeit, der Fähigkeit zu freier Stellungnahme. Auf sittlichem Gebiet ist es das selbständige Gewissen, das seine Wurzeln im nordischen Wesen hat. In stärkster Prägung findet sich hier das Bewußtsein, eine allen letzten Entscheidungen gegenüber selbstverantwortliche Persönlichkeit zu sein. Der nordische Mensch ist der Mensch des souveränen Ichs.

Der nordische Mensch hat das besondere Bedürfnis, in einem unantastbaren Eigenbezirk zu leben. Jeder ist Mittelpunkt seines eigenen Bereiches. Es ergeben sich daraus sehr starke Bindungen an alles, was dem intimen Lebensbereich zugerechnet wird. Ein besonders tiefwurzelndes Eigentumsempfinden ist damit unmittelbar verbunden. Die Austauschbereitschaft gegenüber der beliebigen Außenwelt ist entsprechend herabgesetzt. Nicht auf Grund ablehnender Einstellung, sondern weil es ihm anlagemäßig schwer gemacht ist, die Grenzen seiner Persönlichkeit aufzulösen und in Austausch zu treten, ist der nordische Mensch da, wo er seine Beziehungen nicht geregelt und gesichert weiß, stets zu Gefühlen der Fremdheit und Hemmung geneigt. Verlegenheit und Scheu vor öffentlichem Auftreten sind für ihn nicht leicht zu überwinden. Die Neigung und Fähigkeit mit den Gefühlen der beliebig anderen, insbesondere der Masse schlechthin mitzugehen, ist geringer als bei anderen Rassen.

MacDougall führt die nordischen Wesenszüge auf Introversion zurück: Er kennzeichnet zutreffend die nordische Art, auf sich selbst zu stehen, aus der die Kraft zur Einsamkeit hervorgeht und jener Pioniergeist, der den nordischen Menschen auf noch nicht betretenen Raum vorstoßen läßt. Der nordische Mensch, sagt er weiter, ist zurückhaltend, geht nur zögernd in Gesellschaft, bevorzugt den abgeschlossenen Kreis der Familie und löst sich daraus nur, wenn Pflicht, Ehrgeiz oder der Krieg ihn zwingend rufen. Diese mit wenig Strichen gegebene Schilderung zeigt, daß wichtige Einblicke in das nordische Seelenleben von der Psychologie des introvertierten Typus her gewonnen werden können. Trotzdem ist die Anwendung dieser typologischen Bezeichnung für die Kennzeichnung nordischen Wesens nicht glücklich. Der nordische Pioniergeist, das, was Clauß den Stil der Leistung und des Ausgriffes nennt, wird von dem, der sich vom wörtlichen Sinn der Begriffe leiten läßt, als eine ausgeprägt extravertierte Haltung angesprochen werden. Strukturelle Gerichtetheit nach außen ist nach Bruchhagen für den nordischen Menschen bezeichnend.

Der scheinbare Widerspruch läßt erkennen, daß die Beziehungen zwischen Innenwelt und Außenwelt beim nordischen Menschen nicht ausreichend von dem Gegensatz der Intro- und Extraversion her verstanden werden können. Viel näher kommt man der Sache, wenn man mit Ach die Begriffe enger faßt und als gegensätzlich unterscheidet eine Tendenz zur Trennung, zur Spannung zwischen Ichseite und Objektseite und eine fusionierende Tendenz. Die Anlagen des nordischen Menschen gehen durchweg dahin, daß er Innenwelt und Außenwelt, Subjekt und Objekt in einer besonders ausgeprägten Gegenüberstellung erlebt. Clauß spricht daher vom nordischen Abstand. Seinem starken Ichbewußtsein entspricht ein in gleicher Weise verschärftes Gegenstandsbewußtsein. Der Zusammenhang zwischen beidem wird durch ein Wort von Klages angedeutet: Gegenstände sind in die Welt projizierte Iche. Gegenstandsbewußtsein ist eng geknüpft mit Sinn für Gestalt und Grenzen. Das Objekt wird herausgelöst aus der Welt der Erscheinungen, in der überall fließende Übergänge und Zusammenhänge sind und so dem gleichfalls als selbständige Einheit herausgelösten Ich gegenübergestellt. Auf dieser Erlebensweise beruht zu wesentlichem Teil das naturwissenschaftlich-technische Denken des Abendlandes, soweit es auf die Anlagen der nordischen Rasse unmittelbar zurückgeht. Eine besondere Neigung zu forschender Stellungnahme und ein Bedürfnis nach ursächlichem Denken sind dieser Rasse unverkennbar eigen. Der Sinn für Gestalt und für Gliederung von Raum und Zeit sind in gleicher Weise bezeichnend für das Abendland und zurückzuführen auf die besonderen Anlagen des nordischen Menschen.

Stellt man diese Anlagen in Vergleich zu den mehr fließenden Gehalten im Erleben und Denken etwa der Menschen Ostasiens, für deren Denkweise auch Subjekt und Objekt weit mehr zu einer Einheit verschmolzen sind (fusionierende Tendenz), dann wird man geneigt sein, den Typenbezeichnungen Pfahlers eine recht weitreichende Bedeutung für die Rassenpsychologie zuzusprechen und den nordischen Menschen vor allem als einen Menschen der festen Gehalte bezeichnen. Einschränkend sei jedoch hinzugefügt, daß eine solche Formel nicht überdehnt und schlechthin auf alle Bereiche des seelischen Lebens einer Rasse angewandt werden soll. Man soll nicht soweit gehen, die Eigenschaft, feste Gehalte zu bilden, als das Primäre anzusehen und die besondere Ausbildung des Ichgefühls, die wir beim nordischen Menschen finden, davon abzuleiten. Vielmehr ist offenbar dies für ihn bezeichnend, daß die festen Gehalte in seinem seelischen Leben auf einen bestimmten Bereich zentriert sind, und zwar auf einen Bereich von Vorstellungen und Strebungen, die auf die Herausbildung eines festen und dauerhaften Persönlichkeitskernes in den tieferen seelischen Schichten hinzielen. Von diesem Persönlichkeitskern aus greift das Denken und Wollen des nordischen Menschen in die Welt hinaus und versucht sie nach dem eigenen Inbild zu gestalten. Die oft sehr starke Dynamik dieses Ausgriffes ist teilweise zu verstehen aus dem Abstand zwischen Ich und Außenwelt. Weder in der Weise der Hingabe noch in einem runden und flüssigen Tätigsein tritt der nordische Mensch seinen Aufgaben gegenüber. Er schätzt das vor allem, was der Norweger den Schiffergriff nennt. Nur der Ausblick auf eine Leistung treibt ihn an, während der Trieb stets strebsamer Regsamkeit im kleinen ihm weitgehend fehlt.

Bei voll ausgereifter Persönlichkeit ist er ein Mensch, der seinen Schwerpunkt stets in sich selbst trägt und der Welt gegenübertritt mit einem inneren Bedürfnis, von diesem Zentrum aus Ordnung und Rechtlichkeit, Verantwortung und klare Sicht der Welt des Unge- formten gegenüberzustellen. Er neigt dazu, ungestalteten Empfindungen und Leidenschaften, die den unpersönlichen seelischen Tiefenschichten in der eigenen wie in der Seele der anderen entspringen, Mißtrauen entgegenzusetzen. Magische und ekstatische Gefühlszustände liegen ihm meist sehr fern.

Nur andeutungsweise sei gesagt, daß man Beziehungen vermuten darf zwischen der besonderen Durchge- formtheit des Körperwuchses, der sonstigen körperlichen Züge und der Ausdrucksbewegungen des nordischen Menschen und seinem Persönlichkeitsgefühl und dem damit verbundenen Sinn für Gestalt. Über die Art solcher Beziehungen etwas Bestimmtes zu sagen, ist vorläufig nicht möglich. Besondere Aufmerksamkeit verdienen jedoch körperlich-seelische Wechselbeziehungen anderer Art, die für den Menschen nordischer Rasse zweifellos charakteristisch sind. Um diese zu verstehen, müssen wir von bestimmten körperlichen Eigentümlichkeiten der Rasse ausgehen und gleichsam also von unten; oder richtiger noch von der körperlichen Außenseite her auf gewisse Zonen des psychischen Lebens Licht werfen. Da ist vor allem bei der nordischen Rasse bemerkenswert die besondere Beschaffenheit der Haut, die eine Reihe physiologischer Eigentümlichkeiten besitzt, auf die O. Reche hingewiesen hat, und die einem Seeklima mit feuchter und schnell wechselnder Witterung angepaßt ist und wegen ihres Mangels an Farbstoff und ihrer Reizempfindlichkeit nicht geschaffen ist für ein kontinentales Klima und für baumlose Landschaft mit trockener staubiger Luft und brennender Sonne.

Auch das, was man über Eigentümlichkeiten der Vasomotorik und des Stoffwechsels der Rasse weiß — es ist vorläufig noch wenig — weist in ähnliche Richtung. Wir stellen fest, daß der nordischen Rasse sowohl besonders lebhafte wie besonders vielgestaltige Reaktionen auf körperlichem Gebiet zuzusprechen sind. Gewisse seelische Besonderheiten — man kann von Temperamentseigenschaften sprechen — gehen damit Hand in Hand. Hellpach weist darauf hin, daß der nordische Mensch besonders reaktiv gegenüber Witterungseinflüssen sei. In körperlichem, aber auch in jedem übertragenen Sinne fehlt dem nordischen Menschen die Dickfelligkeit. Er ist seinen körperlich-seelischen Grundlagen nach lebhaft und ausdrucksreich und nach außen beseelt. Er gehört also eigentlich zu den lebhaften Rassen, so sehr er sich auch von deren Temperamentsäußerungen unterscheidet auf Grund seiner festen Gehalte und seiner Ichgestaltung.

Seine Seele spricht gewissermaßen durch die Haut (Erröten und Erblassen) hindurch, besonders aber auch durch das Auge. Das „äußerst lebhafte, sprechende und schöne Auge“ findet man beispielsweise schon in älteren Schilderungen des friesischen Menschenschlages hervorgehoben. Günther hat darauf aufmerksam gemacht, daß das nordische Auge wie bei keiner anderen Rasse etwas Strahlendes haben kann. Die Frische und Durchsichtigkeit der unbewußten Ausdrucksmittel ist vor allem am nordischen Kindergesicht abzulesen.

Geht man von diesen Beobachtungen aus einen Schritt weiter, so darf man wohl Beziehungen annehmen zwischen der Unmittelbarkeit und Lebendigkeit, mit der die Eindrücke auf den nordischen Menschen einwirken, und einem ihm eigenen sehr ursprünglichen Wirklichkeits- und Natursinn. Er bleibt gerne dem Anschaulich-Sinnfälligen nahe und ist ein Mensch der jungen, nie fertigen Begriffe (Chantraine), weil er frischen, bewegten und wechselnden Eindrücken gegenüber sehr offen ist. Lenz hat hervorgehoben, daß er vor allem gezüchtet sei auf Eindrücke, die das Auge vermittelt. Daneben ist, wie es scheint, der Sinn für das Motorische und das Räumliche stark entwickelt. Mehrfach ist darauf hingewiesen worden, daß das dreidimensionale Raumgefühl offenbar im Vorstellungsleben des Menschen der nordischen Rasse eine besonders starke Ausprägung erreicht, ohne daß vorläufig gesagt werden kann, ob dieses komplexe Gefühl mehr mit zentralen oder mehr mit peripheren psychischen Eigentümlichkeiten in Zusammenhang gebracht werden muß. Dagegen tritt an Bedeutung zurück der Bereich des akustischen und der diesem verwandte Bereich des sprachlichen Denkens und Ausdruckes. Insbesondere hat er geringe Anlagen für sinnenfernes rein begriffliches und dialektisches Denken.

Vierter von sieben Teilen. Fortsetzung folgt!
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