Hans Burkhardt


Wir fassen zusammen: Indem wir von zwei Richtungen her versuchen, etwas für die seelischen Anlagen des nordischen Menschen Kennzeichnendes herauszustellen, kommen wir entsprechend zu wenigstens zwei Gruppen von Wesenszügen, von denen die einen — dem Wesenszentrum angehörend — mit der besonderen Art der Ichgestaltung zu tun haben, die dem nordischen Menschen eigen ist, während die anderen — der Wesensperipherie angehörend — in Zusammenhang stehen mit Eigentümlichkeiten der körperlichseelischen Wechselbeziehungen und einem besonderen Natur- und Wirklichkeitssinn der nordischen Rasse. Man kann nun sowohl aus der Zusammenschau dieser beiden Wesensrichtungen wie aus ihrer Kontrastsetzung weitere Wesenszüge des nordischen Menschen zu verstehen versuchen. Aus einem Kontrast beider Wesensrichtungen läßt sich insbesondere das ableiten, was man als die innerseelische Spannweite und Weiträumigkeit nordischen Wesens bezeichnen kann. Aus innerer Spannweite zwischen Realismus einerseits und Abständigkeit andererseits ist beispielsweise die Art des nordischen Humors zu verstehen. Ein Zug, der wie kaum ein anderer bezeichnend ist für nordisches Wesen, ist die seelische Schamhaftigkeit. Er sei an dieser Stelle genannt, weil hier ebenfalls zwei Komponenten gefunden werden können, indem er, wie Tumlirz ausführt, einerseits Selbstbewußtheit und Abhebung von den Mitmenschen, andererseits das Gegebensein von besonderen körperlichen Ausdrucksmöglichkeiten voraussetzt.

Eine gewisse Feinfühligkeit, seelische Polyphonie und innere Spannung zwischen dem Gefühl für das Wechselnde und für das Beständige, ist ebenfalls dem nordischen Seelenleben oft in besenderem Maße eigen. So steht der nordische Mensch insbesondere der Natur gegenüber in einem Verhältnis von Spannung und ungelöster Sehnsucht. Die sehr weitgreifende nordische Phantasie wächst aus dieser Spannung heraus, ebenso eine unverkennbare Neigung zu einfacher Sentimentalität, wie sie anderen Rassen teilweise weitestgehend fehlt. Der Natur fühlt sich der nordische Mensch auf der einen Seite sehr verbunden, sieht sich aber doch gleichzeitig auf die Position des Gegenüberstehens verwiesen. So kommt es nicht zum unmittelbaren Einssein, sondern zur liebenden Zwiesprache. In dieser Weise liebt er das Meer, den Wind oder die Wolken und es entspricht nordischem Empfinden, wenn unser Wort Liebe in solchem Zusammenhang gebracht werden kann. Ein ähnliches Verhältnis der mit Sehnsucht und Phantasie erfüllten Zwiesprache gewinnt er aber auch dem anderen Menschen gegenüber, auf den sein inneres Wollen gerichtet ist. Die Liebe zwischen Mann und Frau ist daher nirgends so wie im germanischen Bereich ein Komplex von Stre
bungen, die weit über das Nurgeschlechtliche hinausgehen. Dies ist der eine Grund dafür, daß im Bereich der nordischen Rasse der Frau eine Stellung zukommt wie nicht annähernd bei einer anderen Rasse. Der andere Grund liegt darin, daß Persönlichkeitsgefühl und Eigenständigkeit auch bei der nordischen Frau stark entwickelt sind, so daß sie nach dieser Richtung hin zu den Frauen der meisten anderen Rassen in bemerkenswertem Gegensatz steht.

Verhältnismäßig geringe Bedeutung hat hingegen für das seelische Leben des nordischen Menschen die innere Einstellung auf den Mitmenschen schlechthin. Der beliebige Mitmensch, zu dem er nicht im inneren Verhältnis der besonderen Zwiesprache steht, bedeutet ihm wenig, verglichen mit dem, was ihm die Natur bedeutet. Man hat dem nordischen Menschen einen Machttrieb zugesprochen, den er in so allgemeinem Sinne keineswegs besitzt. Soviel jedenfalls ist sicher, daß ihm der Wunsch nach seelischer Macht über andere Menschen ausgesprochen fremd – befremdend und unbehaglich — ist. Der nordische Mensch will nicht über Menschen herrschen, will am liebsten niemandem Herr und niemandem Untertan sein. Wohl aber versteht er zu herrschen, wenn die weitgesteckten Aufgaben, die er liebt, es notwendig machen. Alle Züge, die für das nordische Seelenleben wesentlich sind, der Sinn sowohl für die natürlichen und einfachen Wirklichkeiten wie der Sinn für Souveränität, für Individualismus, für Planung und Gestaltung finden sich in charakteristischer Weise vereinigt im nordischen Bauerntum. Dieses Bauerntum, das seine Wurzeln in der jüngeren Steinzeit hat, ist von Anfang an mehr als bloßer Feldbau. Erst eine besondere Art der Hofwirtschaft, die Tierzucht und Feldbau vereinigt, hat ihm das Gepräge gegeben. Es ist zu vermuten, daß diese Lebensform durch Siebung und Auslese in ursprünglicher Zeit an der Herausbildung des Typus mitgewirkt hat.

Alle Rassen, die wir kennen, auch die gut abgrenzba- ren, sind nicht derart einheitlich, daß nicht verschiedene Spielarten unterschieden werden können. Innerhalb des gesamten Bereiches der nordischen Rasse hat vor allem eine gewisse Polarität zwischen einem mehr leichten und einem mehr schweren, einem mehr dynamischen und einem mehr stabilen Typus schon lange die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Der Extremfall des leichten Schlages stellt sich uns dar als ein Bewegungstypus mit kühner, großzügiger und sorgloser Neigung zum Ausgriff. In einem Mangel an Bindung liegt zuweilen eine gewisse Problematik dieses Typus. Der entgegengesetzte Schlag ist unter dem Begriff der fälischen Rasse beschrieben worden. Soll hier besser von einem Schlag oder einer Rasse gesprochen werden? Clauß setzt bewußt den fälischen Verharrungsmenschen in Antithese zu dem nordischen Leistungsmenschen. Seine Methode, dabei alle rassenseelischen Besonderheiten auf einen Nenner zu bringen, erweist sich bei der Darstellung des fälischen Verharrungsmenschen als besonders vorteilhaft. Wir ziehen dazu jedoch einen anderen Schluß, als Clauß will. Wenn alle Unterschiede zwischen nordisch und fälisch nur auf einer Ebene liegen, so genügt dies nicht, um von ganz verschiedenen Rassen zu sprechen. Der Generalnenner für das fälische Wese wird von Clauß selbst mit dem Wort „zähflüssige Schwere“ bezeichnet. Nun braucht man aber nur die medizinisch-biologischen Forschungen von Kretschmer und Enke über die Persönlichkeit des Athletikers heranzuziehen, um fast alles das zu finden, was Clauß vom fälischen Menschen sagt: Die Viskosität (Zähflüssigkeit) wird als Hauptzug der athletischen Konstitutionsform herausgestellt. „Der Geist der Schwere liegt über dem Ganzen“ heißt es wörtlich. „Bedächtige, schlichte Denkweise“, „ruhige Solidität und Zuverlässigkeit“, „unerschütterliche Seelenruhe“ werden angeführt. Es fehlt, so heißt es, alles Leichte und Flüssige.

Wie sind hier Konstitution und Rasse in Zusammenhang zu bringen? Athletischen Typus können wir bei Menschen von sehr verschiedener Rassenbeschaffenheit treffen. Tritt dieser Typus bei Menschen nordischer Rasse auf, so finden wir das, was wir fälisch nennen. Im Begriff des Fälischen ist dann aber mehr eingeschlossen als nur die Athletik. Außer der Athletik nämlich besitzt der fälische Mensch jene Wesenszüge, die dem nordischen Menschen allgemein eigentümlich sind: Er besitzt in ausgeprägtem Maße die Souveränität des Ichs und den nordischen Natur- und Wirklichkeitssinn. Nur sind diese Züge durchflochten und abgewandelt im Sinne seiner besonderen Konstitution. Nun ist die Athletik freilich auch ein Erbmerkmal bzw. ein Komplex von Erbmerkmalen. Sie kann im Einzelfall sehr wohl mit zu den besonderen Kennzeichen einer Rasse gehören. Wenn sich aber eine Gruppe (die fälische) nur in diesem einen Merkmal von einer anderen (der nordischen) unterscheidet, so wird man zweckmäßig nicht von gesonderten Rassen, sondern nur von gesonderten Schlägen sprechen.

Man muß annehmen, daß bei der nordischen Rasse die eigentlichen Konstitutionsmerkmale je nach besonderen Auslesebedingungen in gewissen Grenzen oftmals gewechselt haben. So finden wir in der Vergangenheit wie heute im Bereich der nordischen Rasse verschiedene Gruppen von etwas verschiedener Konstitutionsart. Im nordwestdeutschen Geestgebiet etwa trifft man häufig nordische Menschen von besonders ausgeprägter Schmalwüchsigkeit mit Wesenszügen, die durchaus im nordischen Seelenleben gründen, aber besonders weit nach der schizothymen Seite hin abgewandelt sind. Man findet besonders hervortretend empfindsamen Ernst und Verhaltenheit. Nicht selten treten in nordisch bestimmten Bevölkerungen auch pyknische Einschläge hervor. Es wird auch dann meist, weil diese Züge nicht zum rein nordischen Gepräge passen wollen, die Verlegenheitsdiagnose auf fälischen Einschlag gestellt, falls andersartiger Rasseeinschlag offenbar nicht vorliegt. Bei solchen fälisch wirkenden Menschen mit pyknischen Zügen ist die gemütliche Seite des Wesens oft sehr stark entwickelt, stets aber im Rahmen des allgemein nordischen besonderen Persönlichkeitsgefühles und daher verbunden mit besonderer Selbstsicherheit und Eigenwilligkeit (Burkhardt, 1943).

Man hat früher mit dem Begriff der „weißen Rasse“ vieles von dem gemeint, was man heute bei der nordischen Rasse in sehr viel besserer Deutlichkeit und Abgrenzung findet. Ein verschwommener Begriff, der besser aus dem Wortgebrauch gestrichen wird, weil er viel zu Ungleiches umfaßt und weil die Abgrenzung gegen andere „nichtweiße“ Rassegruppen unsicher ist, ist ersetzt worden durch einen engeren, der wissenschaftlichen Einkreisung und Erfassung zugänglichen Begriff. Inwieweit andere Rassen in näherer Verwandtschaft stehen zur nordischen Rasse, ist von Fall zu Fall zu prüfen und bleibt vielfach unsicher. Deutlich nachweisbar sind morphologische Ähnlichkeiten zwischen der nordischen und der mediterranen oder westischen Rasse. Eine Parallele scheint auch darin zu liegen, daß auch bei der westischen Rasse neben dem leptosomen ein mehr athletischer Schlag beobachtet wird. Daneben ist die Hinneigung zu leicht pyknischen Formen bei ihr unverkennbar größer. Sehr eindrucksvoll ist die westische Rasse unterschieden von der nordischen durch die Richtung auf das Zierliche und Leichtbewegliche. Das Ichgefühl ist lebhaft und nicht undistanziert, aber es ist nicht so sehr bestimmt durch feste Gehalte, sondern erscheint mehr wie ein improvisiertes und lose gefügtes Gebilde, das mit großer Leichtigkeit sich in Harmonie mit der Außenwelt zu setzen vermag. Mit eleganter Unverbindlichkeit bedient es sich der situationsgemäßen Posen. Schnelle Auffassung verbunden mit Ausdrucksleichtigkeit (sensorisch-motorische Integration) ist durchgehender Grundzug der Rasse.

Sehr eng schließt sich in morphologischer Beziehung die orientalide Rasse (Berufungstyp nach Clauß) an die westische an, in einer Richtung jedoch, die von der nordischen Rasse noch weiter abführt. Für das Verständnis der orientaliden Rasse sind besonders Forschungen von Clauß von psychologischem Interesse. Seine Forschungen weisen darauf hin, daß der Mensch dieser Rasse, der ja im Wanderhirten seine volle Ausprägung findet, von einem sehr dynamischen, dabei höchst flüchtigen Ichgefühl erfüllt ist, das gewissermaßen nur auf den Ruf des Augenblickes hin sich zusammenballt, um ebenso schnell in unbestimmte Indolenz zu verebben. Etwas Flackerndes, Sprungbereites und eine Neigung zu ekstaseartigen Zuständen ist daher seinem Seelenleben eigen. Wie aus anderen Beobachtungen geschlossen werden muß, ist der Rasse eine große Neigung und Fähigkeit zur formalen, abstrakten Denkweise zuzusprechen. In einigen Zügen verschieden vom Orientaliden ist offenbar ein von Rasseforschern vielbeschriebener, hochwüchsiger, aristokratischer Rassetyp unter hamiti- schen Hirtenstämmen, der durch angeborene Gabe zum Herrentum vor allen uns bekannten Rassen sich auszeichnet. Diesem Typus ist zweifellos ein stark fixiertes Persönlichkeitsgefühl eigen, jedoch in einem, wie es scheint, sehr engen Rahmen seelischer Strebungen. Es handelt sich um einen körperlich wie seelich überaus spezialisierten und damit auch eingeengten Rassetyp.

Wenden wir uns wieder dem europäischen Raum zu, so finden wir hier im dinarischen Rassetyp Wesenszüge verkörpert, die nur teilweise von den Anlagen des nordischen Menschen deutlich zu scheiden sind, während sie teilweise Anklänge und Übergänge zu zeigen scheinen. Auch der dinarische Mensch steht der Außenwelt mit einem kräftigen, oft überaus gefestigten Persönlichkeitsbewußtsein gegenüber. Sein Persönlichkeitsbewußtsein reicht freilich nicht in dieselbe Tiefe des Nichtmitteilbaren wie beim nordischen Menschen. Es ist sehr viel unmittelbarer nach außen gewendet. Da weiterhin die Eindrucksfähigkeit von gröberer, weniger differenzierter Art ist, erscheint der dinarische Mensch zunächst als ein Mensch von einfacherer, weniger subtiler Struktur als der nordische.Es kommt bei ihm hinzu eine starke Entwicklung und Resonanzfähigkeit der unpersönlichen vitalen Triebsschicht, die ihm einen gewissen Schwung, einen starken Schuß von Saft und Lebensdrang gibt.

Nun ist freilich das, was wir dinarisch nennen, durchaus noch nicht klar umgrenzt. Im allgemeinen hat für den sog. Dinarier ein besonderer Schlag einer größeren Rassengruppe (der dinarisch-vorderasiatischen), wie er in dieser Art vor allem in den Alpenländern vorkommt, Modell gestanden. Er nimmt nach Harasser durch bestimmte Merkmale derbwüchsiger Konstitution eine Sonderstellung ein. Erschwert wird die Abgrenzung aber ferner dadurch, daß möglicherweise körperliche Einzelzüge, die als dinarisch erscheinen, auch unabhängig von dinarischem Rasseeinschlag bei anderen Rassen als Variante auftreten können, vor allem aber dadurch, daß bei etwas weiterer Fassung des Begriffes dinarisch sofort Menschen miterfaßt werden, bei denen ein starker — teilweise überdeckter – Einschlag nordischer Anlagen vorhanden ist. Es ist aber kein Zweifel, daß es im europäischen Raum (wahrscheinlich nicht in besonderer Weise an die Alpengegenden gebunden) einen Rassetyp gibt, der mit dem nordischen Typus sich nicht überschneidet und der deutlicher als der uns geläufige dinarische Typ die Verwandtschaft mit Rassetypen Vorderasiens erkennen läßt. Man findet bei ihm im Gegensatz zur nordischen Rasse eine Unbewegtheit und Undurchsichtigkeit der körperlich-seelischen Ausdrucksmittel. Der lastende Blick und der schwere unbrechbare Ausdruck ist als bezeichnend hervorgehoben worden. Das Ohr und der sprachliche Sinn scheinen im Seelenleben weit mehr als das Auge eine beherrschende Stellung einzunehmen. Mangel an Naivität, stark entwickelte Menschenkenntnis und eine gewisse Art von hartem und undurchsichtigem Fanatismus findet man, wie es scheint, bei diesem Rassetyp nicht selten. Als allgemein dinarisch kann herausgestellt werden eine gewisse seelische Unbrechbarkeit, die etwas Hartes und Grobes hat. Das Seelenleben spricht nicht so sehr an auf feinere, differenzierte Einwirkungen und neigt mehr zu Ballungen der Gefühlsinhalte. Zeichnet sich beispielsweise die westi- sche Rasse aus durch eine ausgeprägte seelische Lockerungstendenz, so könnte man dem dinarischen Seelenleben eine Verhärtungstendenz zusprechen. Im körperlichen wie im seelischen Gepräge zeigt die dinarische Rasse gewisse virile Züge in stärkster Ausformung.

Das schließlich, was man als vorderasiatische Rasse beschrieben hat, ist wohl seinerseits wieder ein besonderer Schlag unter verwandten Schlägen, der vielleicht einige Eigentümlichkeiten einer Sekundärzüchtung durch uralte Stadtkulturen verdankt (Sartisierung im Sinne Passarges). Vom vorderasiatischen Menschen gilt, wie Lenz gezeigt hat, daß er durchaus auf Ohr und Sprache gezüchtet ist. Im Gegensatz zum nordischen Menschen entfaltet sich sein Wesen nicht in der Auseinandersetzung mit der Natur, sondern mit dem Menschen seiner Umgebung. Alle zwischenhändlerischen und dialektischen Fähigkeiten sind im Höchstmaß entwickelt. Es liegt nahe, einen Gegensatz herauszustellen zwischen der Schamhaftigkeit des nordischen und der seelischen Zudringlichkeit des vorderasiatischen Menschen. Unverhüllte, grobvitale Triebe einerseits und ein eigenartiges Bedürfnis nach Überwindung der Wirklichkeit und Beherrschung der Menschenseelen durch reinen Geist und Dialektik andererseits drängen in seiner Seele zur Vorherrschaft. Dadurch kommt eine Spannung in sein inneres Wesen, und aus der Antithese erwachsen die Begriffe von Fleisch und Geist, von Sünde und Erlösung (daher spricht Clauß vom Erlösungsmenschen).

Viel umstritten ist die Stellung der ostischen oder alpinen Rasse. Nach Reche gehört sie zu einer Gruppe von Rassen, denen es gemeinsam ist, daß sie in manchen Merkmalen Annäherung an alteuropäische, in anderen an asiatische Formen zeigen. Möglicherweise sind jene Rassebestandteile in verschiedensten Gegenden Europas, die man ostisch nennt, ihrer Herkunft nach nicht einheitlich. Man findet Typen, die man ostisch nennt, beispielsweise in manchen Rückzugs- und Armutsgegenden gehäuft und muß gewisse durch sekundäre Vorgänge der Siebung und Auslese bedingte Abwandlungen des Erscheinungsbildes in Rechnung ziehen. Wo man den ostischen Rassetyp unter ungünstigen Lebensverhältnissen trifft, findet man eine Häufung von Kümmerformen, wo man ihn unter günstigen Verhältnissen sieht, zeigt er eine starke Hinneigung zum pyknischen, domestizierten Habitus. Auf die hier zum Ausdruck kommende körperlich-seelische Wandlungs- und Anpassungsfähigkeit solcher Rassen, die auf das Leben in Rückzugs- und Schutzgebieten gezüchtet sind, macht Zilian aufmerksam. Durchweg findet man eine Richtung auf eine gewisse Formlosigkeit und Gedrungenheit. Auch sonst sind gemeinsame Züge vorhanden, die uns berechtigen, vorläufig den Begriff der ostischen Rasse jedenfalls als Hilfsbegriff festzuhalten. Gegensätzlich zur nordischen Rasse finden wir in der Auseinandersetzung mit der Außenwelt nicht die eigene Stellungnahme und den Ausgriff, dafür aber eine hochentwickelte Fähigkeit, umgekehrt die eigenen Ansprüche und die eigene Tätigkeit der Umgebung anzupassen und jede Gunst der Verhältnisse in schmiegsamer Weise auszunutzen. Ein stets reger Blick für das Nächstliegende hilft in allen Lebenslagen. Die tieferen seelischen Schichten bleiben auch dann, wenn sie reich entwickelt sind, formlos und fließend. Es steht ihnen ein nur schmales Ichbewußtsein gegenüber, das eigentlich nur an die Oberfläche des Wesens geknüpft ist und in gewisser Weise dauernd im Stadium des Probierens und der ständigen Reaktionen bleibt. Man ist ebenso schnell zur Annäherung wie zum Mißtrauen bereit. Die Menschen dieser Art sind in allen zwischenmenschlichen Beziehungen sehr beweglich, austauschbereit und extravertiert. Vergleicht man nach dieser Richtung hin den ostischen Menschen mit dem nordischen, so findet man die Lebhaftigkeit durchaus auf seiten der ostischen Rasse. In den eigentlichen Zonen des unmittelbaren seelisch-körperlichen Lebens hingegen ist das Verhältnis umgekehrt. Ihren körperlich-seelischen Grundlagen nach ist die ostische Rasse nicht lebhaft, sondern ausdrucksarm und „dickfellig“. Übrigens ist schon aus diesem Grunde eine Gleichsetzung des ostischen Menschen mit dem echten Pykniker, so wie ihn Kretschmer beschrieben hat, nicht möglich. In gewissen Eigentümlichkeiten der Haut und der Vasomotorik verhält sich der Pykniker gegensätzlich zum rein ostischen Typ. Bedient man sich medizinischbiologischer Begriffe im Sinne von Hanse, so könnte man die ostische Rasse wohl als hypoergisch (reizunempfindlich) bezeichnen im Gegensatz zu der mehr hyperergischen nordischen Rasse.

Fünfter von sieben Teilen. Fortsetzung folgt!
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