Da sich manch einer in heidnischen Kreisen herumtreibt und mit erstaunlicher Sicherheit behauptet, die Wikinger seien nach modernen Maßstäben besonders „tolerant“ gewesen, scheint eine Klarstellung nötig.
Man kann die heutige Politik nicht einfach in die Welt der Wikingerzeit zurückprojizieren.
Die Menschen des Nordens kannten weder moderne politische Ideologien noch heutige Vorstellungen von Gleichheit, Menschenrechten oder gesellschaftlicher Toleranz.
Sie lebten in einer Welt von Ehre, Blutsbanden, Eid und Gegenseitigkeit. Wer diese Ordnung verstand und achtete, konnte Schutz finden. Wer sie brach, konnte alles verlieren.
Gastfreundschaft war ein heiliges Gesetz.
In einer Zeit, in der eine Reise durch Wald, Meer und Gebirge über Leben und Tod entscheiden konnte, war der Reisende auf die Hilfe anderer angewiesen. Ein friedlich kommender Gast wurde aufgenommen und geschützt. Brot, Feuer und ein Platz unter dem Dach schufen eine Bindung. Doch diese Bindung war kein Zeichen moderner „Toleranz“, sondern Teil einer strengen sozialen Ordnung.
Wer das Vertrauen seines Gastgebers mißbrauchte, seine Hand gegen das Haus erhob oder das unter seinem Dach gewährte Recht brach, hatte mit schweren Folgen zu rechnen. Schande, Ausschluß aus der Gemeinschaft, Ächtung und Verbannung waren keine leeren Worte.
Denn in der Welt des Nordens konnte ein Mensch ohne Gemeinschaft kaum bestehen.
Besonders schwer wog der Verrat.
Der Bruch eines Eides, der Verrat an einem Herrn, an Verwandten oder an Verbündeten konnte eine Schuld erzeugen, die nicht einfach vergessen wurde. Ehre war nicht bloß ein persönliches Gefühl. Sie bestimmte den Rang eines Menschen und die Stellung seiner Familie.
Ein Verräter konnte entehrt, verbannt oder zum Gesetzlosen erklärt werden. Sein Besitz konnte verloren gehen. In manchen Fällen endete der Konflikt mit dem Tod.
Doch auch hier darf man nicht so tun, als hätte es ein einheitliches Gesetz für ganz Skandinavien gegeben. Die Welt der Wikinger bestand aus regionalen Herrschaften, unterschiedlichen Rechtsversammlungen und Traditionen. Stand, Familie und politische Macht spielten eine entscheidende Rolle.
Und dann ist da die Legende vom Blutadler.
In den nordischen Überlieferungen erscheint er als eine furchtbare Form der Rache, oft gegen einen hochrangigen Feind und besonders im Zusammenhang mit der Vergeltung für den Tod eines Vaters. Die Geschichten schildern ihn als eine Strafe, die nicht nur den Körper vernichten, sondern den Feind auch über den Tod hinaus entehrten sollte.
Doch hier beginnt der Nebel zwischen Mythos und Geschichte.
Es gibt keine zeitgenössischen Beweise aus der Wikingerzeit, die zweifelsfrei bestätigen, daß der Blutadler tatsächlich praktiziert wurde. Die Berichte stammen aus späteren literarischen Quellen und werden von Historikern bis heute kontrovers diskutiert. Manche sehen darin eine tatsächliche, wenn auch seltene Praxis. Andere halten die Beschreibungen für spätere literarische Überhöhung, mißverstandene Bildsprache oder symbolische Racheerzählungen.
Was also bleibt?
Nicht die moderne Vorstellung von einer besonders „toleranten“ Wikingerzeit.
Aber auch nicht das vereinfachte Bild eines wilden Volkes, das nur aus sinnloser Gewalt bestand.
Die Gesellschaft des Nordens war hart, aber sie war nicht gesetzlos. Sie war gastfreundlich, aber nicht grenzenlos offen. Sie kannte Schutz, aber dieser war an Regeln und Verpflichtungen gebunden. Sie konnte Fremde aufnehmen, während sie Verrat und Eidbruch erbarmungslos bestrafen konnte.
Die Wikinger waren keine modernen Linken, keine modernen Rechten und keine Projektionsfläche für heutige politische Fantasien.
Sie waren Menschen ihrer Zeit.
Und ihre Welt wurde nicht von unseren Begriffen regiert.
Sondern von Dingen, die älter waren als jede heutige Ideologie:
Ehre. Eid. Blutsband. Gesetz. Gastrecht. Rache.
Wer unter dem Dach Schutz suchte und das Gesetz achtete, konnte Feuer und Brot erhalten.
Doch wer den Eid brach, den Gastgeber verriet oder die eigene Gemeinschaft ins Verderben führte, mußte damit rechnen, daß sein Name nicht mit Ruhm, sondern mit Schande weitergetragen wurde.
So war die Welt des Nordens:
Nicht tolerant im modernen Sinn.
Nicht chaotisch.
Nicht harmlos.
Sondern eine Welt aus Verpflichtung und Gegenseitigkeit.
Eine Welt, in der das Wort eines Mannes sein Gewicht hatte.
Und manchmal wog ein gebrochenes Wort schwerer als Blut.

