Tomislav Sunic
Da wir seit zweitausend Jahren vom Christentum und seiner linearen Zeitauffassung geprägt sind, fällt es uns schwer, die Bedeutung des Mythos für unsere Vorfahren zu verstehen. Dies gilt auch für die weltlichen Apostel des Christentums, wie die Kommunisten und Liberalen, die jede mythische Interpretation in der Politik ablehnen.
Es ist jedoch wahrscheinlich, daß unsere Vorfahren durch ihre Mythen den Sinn des Seins und des Nichtseins besser verstanden haben als wir selbst. Man muß nur die mythischen Figuren in Ovids Gedicht Metamorphosen lesen, um das Verhalten unserer wandelbaren Politiker zu begreifen.
Auch europäische Legenden und Märchen tragen solche mythischen Elemente in sich. Darüber hinaus tragen sie dazu bei, unsere nationalen Identitäten zu prägen. Ein klassisches Beispiel ist das Nibelungenlied und das Rolandslied, deren zentrale Motive die Bereitschaft zum absoluten Opfer für die eigene Gemeinschaft sind. Das ist einer der Gründe, warum Mythen und Legenden bei uns nach wie vor so beliebt sind, ganz gleich, ob man sich als gläubig oder als Atheist bezeichnet. Wir lesen Homer, die Brüder Grimm und sogar Tolkiens Der Hobbit, denn diese Erzählungen wecken eine gewisse heidnische Vorstellungswelt in uns.
Obwohl es sich rühmt, jeglichen mythischen Diskurs abzulehnen, hat das liberale System seine eigenen Gründungsmythen entwickelt: den Mythos des Fortschritts, den Mythos des Multikulturalismus sowie seltsame Opfermythen der Nachkriegszeit, über deren surrealen Charakter die alten Griechen zweifellos gelacht hätten.
Doch jede Kritik an diesen neuen Mythen des Systems wird von dessen Anhängern sofort als rechtsextreme Propaganda oder sogar als direkter Angriff auf die liberale Demokratie selbst wahrgenommen. In den Augen des Systems setzt sich jeder, der es wagt, die liberale Ideologie in Frage zu stellen, der Gefahr von Ausgrenzung, Diffamierung oder Berufs- und Medienverbot aus.
Die antiken griechischen und römischen Mythen – ebenso wie die alten europäischen Mythen, Legenden, Fabeln oder Märchen – hatten und haben, unabhängig von ihrem Fantasiegehalt, eine starke didaktische Funktion. Sie geben der Gemeinschaft moralische Orientierung und dienen zugleich als klare Warnung: Man darf die Regeln der Gemeinschaft nicht übertreten, man darf sich nicht mit den Göttern messen und man darf sich nicht von den Reden des anderen, des Fremden, täuschen lassen, die dem Selbst zuwiderlaufen.
Die antiken Mythen zeigen deutlich, wie Hybris (Maßlosigkeit), Arroganz und Selbstverleugnung von den Göttern bestraft werden, meist durch drastische Verwandlungen in Tiere, Steine oder andere „Unwürdige”. Ein Blick hingegen auf unsere politische Gegenwart genügt: Die liberalen Mythen, denen wir heute ausgesetzt sind – verbunden mit Sprachmanipulationen, einschließlich der Unterwerfung der politischen Klasse unter diese neuen mythischen Erzählungen – haben bereits erheblichen Schaden angerichtet.
Der Echoraum und die Sprachverwirrung
Die heutige Zensur und die neue Sprachverwirrung des Systems lassen sich auf mehrere antike griechische Mythen zurückführen. Diese alten Mythen entsprechen mit erstaunlicher Genauigkeit dem heutigen System der Sprach- und Gedankenkontrolle.
Die Nymphe Echo bietet ein perfektes Beispiel für einen „Echoraum“, in dem unsere Politiker gefangen zu sein scheinen. Das Unglück der Nymphe Echo wurde von der Göttin Hera inszeniert, der eifersüchtigen Gattin des Zeus, die es nicht ertragen konnte, daß Echo seine Liebesabenteuer vertuschte. Hera bestrafte sie, indem sie ihr die eigene Stimme nahm und sie dazu verdammte, nur die letzten Silben der gesprochenen Worte zu wiederholen – ein bloßes Echo, ja sogar eine Phrasendrescherei ohne jegliche persönliche Tragweite. Die Situation spitzt sich weiter zu, als Echo sich in den selbstverliebten Narziß verliebt, der ihre Zuneigung nicht erwidert. Die Folge ist ein völliger Kommunikationsabbruch: Echo verliert sich gänzlich, bis von ihr nichts mehr übrig bleibt als ihr Echo.
Das Schicksal der Nymphe Echo läßt sich mit frappierender Treffsicherheit auf die „Neusprache“ übertragen, die die politische und mediale Kommunikation der clownesken Figuren der EU beherrscht. Ihre aus der sowjetischen Sprache entlehnten Gesänge und Beschwörungsformeln beschränken sich auf wenige einsilbige und dämonologische Formulierungen: „Hassrede“, „Rassismus“ und „Gefahr des Faschismus“.
Ein weiteres Beispiel für Zensur durch das System liefert uns der Mythos von König Tereus. Obwohl Tereus mit Prokne verheiratet ist, ist er besessen von seiner Schwägerin Philomele. In einem Akt extremer Gewalt vergewaltigt er sie und schneidet ihr dann die Zunge ab, damit sie sein Verbrechen nicht offenbaren kann. Da sie ihrer Sprache beraubt ist, bleibt Philomele nichts anderes übrig, als einen stummen Wandteppich zu weben, um ihrer Schwester Prokne das Grauen ihres Unglücks mitzuteilen. Diese Szene aus Ovids Metamorphosen veranschaulicht auf dramatische Weise die abwegigen Wandlungen, die die Sprache der Medien heute durchläuft. Wir alle sind heute, wie Philomele, gezwungen, unsere Samizdats zu weben und eine verschlüsselte Sprache zu verwenden, um uns mitzuteilen und die Zensur des Systems zu umgehen.
Seit zweitausend Jahren schwankt der Europäer zwischen zwei widersprüchlichen Antrieben, die an eine Neurose grenzen: auf der einen Seite ein starker Wille zur Selbstbehauptung, wie man ihn bei Homer und in der gesamten Mythologie und den überlieferten Legenden findet; auf der anderen Seite eine pathologische Nachahmung theologischer und ideologischer Kommissare, Sprecher seltsamer und chimärenhafter Mythen.
Dieser tiefe Bruch hat sich mit dem Aufkommen des Christentums etabliert und setzt sich in dessen säkularen Ausprägungen – liberalen und kommunistischen – bis in unsere Zeit fort. Gewiß findet man in den alten Mythen zahlreiche Figuren mit starkem Willen, ohne jedoch blindlings Diskurse aus fremden Kulturen nachzuahmen. In unserer heutigen Zeit ist dies nicht mehr der Fall. Die Menschen, die uns regieren, sind fasziniert von fremden Erzählungen und exotischen Mythen, die mit der Vermischung der Rassen und dem Ende der Zeit zu tun haben.
Schon in den französischen und deutschen Klassikern begegnet man dieser Art grotesker Nachahmung des Andersartigen. Ein berühmtes Beispiel dafür findet sich in Molières Le Bourgeois gentilhomme. Monsieur Jourdain versucht, den Adel in seiner Sprache, seinen Manieren und Gewohnheiten nachzuahmen, und macht sich schließlich durch sein übertriebenes soziales Nachahmungsverhalten lächerlich.
Die französische Sprache hat einen schönen Ausdruck, der auf europäistische Politiker zutrifft und in andere europäische Sprachen nicht übersetzbar ist: „Il pète plus haut que son cul“ (Er furzt höher als sein Arsch). Ein weiteres Beispiel für eine radikalere Nachahmung des Fremden findet sich in der Novelle des deutschen Schriftstellers Wilhelm Hauff, Der Affe als Mensch. In dieser Erzählung kommt ein ausländischer Betrüger in ein deutsches Dorf und führt dort einen dressierten Affen ein. Die Bewohner, die das Tier nicht als solches erkennen, halten ihn für einen echten Gentleman und betrachten ihn als ein nachahmenswertes Vorbild.
Die Nachahmung der Mythologie des Fremden und die Selbstverleugnung sind in Europa keine neuen Phänomene. Sie treten heute in Deutschland mit besonderer Deutlichkeit zutage. Das auffälligste Beispiel für diese blinde Nachahmung zeigt sich im Verhalten vieler deutscher Politiker, die sich vor den „Flüchtlingen“ verneigen, um öffentlich ihre Reue als weiße Europäer zur Schau zu stellen.
Hinzu kommt eine Außenpolitik, in der Israel den Platz des neuen europäischen Über-Ichs einnimmt. Die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte vor einigen Jahren vor dem israelischen Parlament, der Knesset: „Die Sicherheit Israels ist Teil der deutschen Staatsräson und niemals verhandelbar.“
Diese deutsche Obsession der ewigen Reue verbirgt sich heute hinter wohlklingenderen Begriffen: dem „Mythos der Willkommenskultur“. Im Deutschen wären ehrlichere Bezeichnungen jedoch: Mythos der ewigen Schuld oder Mythos des Selbsthasses.
Dieser sogenannte „Mythos der Gastfreundschaft“ ist nichts anderes als ein Ersatz für den untergegangenen Kommunismus. Was die kommunistischen Regime Osteuropas nicht mit Gewalt erreichen konnten, versucht das System heute durch die permanente Schuldzuweisung an den „weißen Mann“ durchzusetzen.
Im Gegensatz dazu zeichnen sich Ovids Mythen durch eine tiefere Weisheit aus: Sie sind zeitlos und ahistorisch. Sie können zu jeder Zeit und an jedem Ort erzählt und weitergegeben werden. Deshalb können die antiken europäischen Mythen und Legenden niemals dogmatisch sein: Sie erfordern weder eine Gedankenpolizei noch einen Großinquisitor.
Betrachtet man die antiken europäischen Mythen heute durch das Prisma der linearen Auffassung von historischer Zeit – einer Sichtweise, die vom Judentum und Christentum geprägt ist –, führt dies unweigerlich zu einer falschen Selbstwahrnehmung. Genauer gesagt stellt die Anwendung christlicher Zeitkategorien sowie ihrer säkularen liberalen oder kommunistischen Weiterentwicklungen (wie etwa die Idee vom „Ende der Geschichte“) einen falschen Ansatz dar, um die griechisch-römischen Mythen zu verstehen, einschließlich des Begriffs des Seins.
Einfach ausgedrückt: Die antiken Mythen erklären uns, wie wir die Welt verstehen können, während die politischen und monotheistischen Mythen uns dazu auffordern, sie zu verändern – oft mit katastrophalen Folgen. Der Mythos der europäischen Schuld, der vom System auf breiter Front propagiert wird, speist sich aus dem christlichen Dogma der Selbstverleugnung, das den europäischen Völkern seit zwei Jahrtausenden bereits enormen Schaden zugefügt hat. Tatsächlich ist es allzu einfach und bequem, sich über jüdische Mythen und ihre Opfererzählungen zu mokieren. Aber warum die jüdischen Mythen kritisieren, während man den Mythos von der Unbefleckten Empfängnis der Jungfrau Maria oder die spektakuläre Bekehrung des Saulus, der zum Heiligen Paulus wurde und vom Verfolger der Christen zum glühenden Verfechter der Vermischung der Völker und der Politik der offenen Grenzen wurde, kritiklos akzeptiert?
Der nordafrikanische Paulus dient vielen christlichen Europäern noch heute als symbolisches Bollwerk der westlichen Zivilisation. Der große Kenner der Götter und homerischen Mythen, Walter F. Otto, der uns bis heute als unumgängliche Referenz in der Mythologieforschung gilt, schrieb bereits in seinem Hauptwerk Der Geist der Antike und die christliche Welt (L’Esprit de l’Antiquité et le monde chrétien), das leider nicht ins Französische übersetzt wurde:
Die Seelenkrankheit, die dieses neue Urteil über den Menschen hervorrief, hatte ihren Ursprung im Judentum. Dort herrschte die Angst, begleitet von ihren schrecklichen Begleitern: Reue und Selbsthaß. Der Glaube an einen despotischen Gott – das genaue Gegenteil der lebendigen und realistischen Religionsauffassung Homers – war tief im Geist der Juden verankert, einem Geist, der dem wirklichen Leben fremd und ohne Vorstellungskraft war. (S. 44)
Wenn man diese mythischen Analogien auf unsere Zeit überträgt und sie mit den grotesken Possen unserer Politiker konfrontiert, erscheint die politische Zukunft der Europäer besonders düster.
