Die Walpurgisnacht ist nicht mehr fern. Grund genug, sich erneut mit den Geschichten, Mythen und Ritualen zu beschäftigen, die sich hinter dem populären Hexenmythos verbergen.

Die Wurzeln der Walpurgisnacht liegen in vorchristlichen Fruchtbarkeitsriten und Frühlingsfesten – genauso wie der „Tanz in den Mai“ und das Maifest.

Lange bevor sie ihren heutigen Namen erhielt, markierte diese Nacht für germanische und keltische Stämme einen entscheidenden Wendepunkt im Jahreskreis.

Die Kelten feierten Beltane – das Fest der lodernden Feuer und des Sommerbeginns. Fruchtbarkeitsrituale dienten dazu, die Lebensgeister der Natur zu ehren und reiche Ernte sowie gesundes Vieh zu erbitten.

Die Germanen feierten nicht ›Beltane‹, ihre Bräuche in dieser Zeit verfolgten aber ähnliche Ziele: den Schutz von Mensch und Vieh beim Austrieb auf die Sommerweiden.

Man entzündete „heilige Feuer“ und trieb das Vieh zwischen zwei Feuern hindurch, um es vor Seuchen und bösen Geistern zu schützen.

Mit der Ausbreitung des Christentums wurden die alten Bräuche oft umgedeutet oder verteufelt. Im 8. Jahrhundert wurde die Heilige Walburga zur Schutzpatronin gegen Zauberei erklärt. Ihr Gedenktag am 1. Mai soll der Walpurgisnacht schließlich ihren Namen verliehen haben. Es gab allerdings auch noch eine germanische Seherin namens Waluburg – doch dazu später mehr.

Walburg/Waluburg, Bildquelle: Iwobrands Blog

Die christliche Walburga entstammte einer Familie, die interessanterweise fast ausschließlich aus christlichen Heiligen bestand. Sie war die Tochter des angelsächsischen Königs Richard von Wessex (auch bekannt als Richard der Pilger) und seiner Frau Wunna, die vermutlich eine Schwester des berühmten Missionars Bonifatius war. Ihre Brüder waren der heilige Willibald (erster Bischof von Eichstätt) und der heilige Wunibald (Abt von Heidenheim).

Heilige Walburga

Ursprünglich weise Frauen (Hagazussen) und Heilerinnen wurden im Zuge der Christianisierung zunehmend als Hexen stigmatisiert, die angeblich einen Pakt mit dem Teufel schlossen.

Der Mythos vom Hexensabbat auf dem Brocken im Harz wurde besonders durch Goethes ›Faust‹ weltbekannt und prägt bis heute das touristische Bild der Walpurgisnacht.

Heute wird die Walpurgisnacht meist als fröhliches Gemeinschaftsfest gefeiert:

Maifeuer: In vielen Regionen brennen „Maifeuer“, um Altes loszulassen und das Licht willkommen zu heißen.
Tanz in den Mai: Die moderne, gesellige Form des alten Frühlingsfestes findet oft noch in vielen ländlichen Regionen statt.
Maistreich: Besonders im Süden Deutschlands ist die „Freinacht“ bekannt, in der kleine Streiche gespielt werden.

Jenseits der populären Hexensage der frühen Neuzeit verbirgt sich hinter der Walpurgisnacht ein Geflecht aus Naturbeobachtung und archaischer Mythologie.

Die „Hexe“ und der „Teufel“ sind dabei oft nur christliche Decknamen für uralte Naturgeister und Gottheiten des Wachstums.

Die Kelten feierten in dieser Zeit das Beltane-Fest. Es markierte nicht nur den Sommeranfang, sondern feierte die Hieros Gamos (Heilige Hochzeit) zwischen Himmel und Erde. Man feierte die Vereinigung des jungen Sonnengottes (Licht) mit der Erdgöttin (Fruchtbarkeit).

hieros gamos von Hera und Zeus, Hera-Tempel in Selinonte

hieros gamos

Große Feuer dienten dazu, das Vieh und die Menschen rituell zu reinigen und mit der Kraft der Sonne aufzuladen.

Für die Germanen waren diese Feierlichkeiten – wie viele Riten und Bräuche – kein einzelnes Ereignis, sondern eine Phase des Übergangs, in der Lärm, Feuer und rituelle Gemeinschaft im Zentrum standen.

Junge Paare verkörperten oft das „Maikönigspaar“ – eine rituelle Darstellung der Hochzeit zwischen Himmelsgott und Erdgöttin, um die Fruchtbarkeit der Felder zu sichern.

Wesen, die wir heute als „Hexe“ oder „Teufel“ kennen, waren in der vorchristlichen Vorstellung eng mit dem Schutz der Gemeinschaft und dem Kreislauf der Natur verbunden.

Es handelte sich um weise Frauen und Seherinnen, die auf der Grenze zwischen Zivilisation (Dorf) und der Wildnis (Geisterwelt) wandelten und vermittelten. (Gehörnte) Gottheiten des Waldes, der Wildheit und der Ekstase wie Cernunnos, Pan oder Wotan verkörperten die ungezähmte Lebenskraft, nicht das Böse.

Der christliche Teufel existierte im Heidentum nicht. Die Kirche deutete den antiken Hirtengott Pan oder den keltischen Waldgott Cernunnos aufgrund ihrer Hörner zum Teufel um, um die Verehrung der männlichen Naturkraft zu unterbinden.

In germanischen Gebieten galt diese Zeit auch als Zeit des Abschieds vom winterlichen ›Wütenden Heer‹, das Wotan anführte. Und die christliche Walburga übernahm letztlich die Attribute der Erdmutter Holle/ Percht, die über die Fruchtbarkeit und das Schicksal wacht.

Veleda, Seherin der Germanen Illustration aus dem Jahr 1882, Bildquelle: Wikipedia

Der Übergang von der Seherin zur Hexe

Die Verwandlung der Hagazussa zur „bösen Hexe“ geschah durch die Christianisierung. Alles, was außerhalb der kirchlichen Ordnung lag (Naturspiritualität), wurde als teuflisch und böse deklariert.

Das Wissen der weisen Frauen über Kräuter und Geburtshilfe wurde als Pakt mit dem Teufel umgedeutet.

Das wilde Feiern und Tanzen, das früher die Ekstase der Lebensfreude war, wurde in den Berichten der Inquisitoren zum schaurigen Hexensabbat auf dem Brocken.

Die Seherin Waluburg

Waluburg ist tatsächlich eine historisch belegte Figur, die eine faszinierende Brücke zwischen den antiken Germanen und der späteren Walpurgisnacht schlägt.

Daß wir ihren Namen kennen, verdanken wir einem archäologischen „Zufall“. Ihr Name wurde auf einer Tonscherbe (Ostrakon) auf der Nilinsel ›Elephantine‹ in Ägypten gefunden.

Die Inschrift aus dem 2. Jahrhundert n. d. Ztw. bezeichnet sie als „Seherin aus dem Stamm der Semnonen“ (einem suebischen Stamm aus dem Gebiet der heutigen Mark Brandenburg).

Ihr Name setzt sich wahrscheinlich aus walus (Stab) und burg (Schutz/Berg) zusammen. Als Stabträgerin (Völva) genoß sie hohes Ansehen und diente vermutlich im Gefolge eines römischen Statthalters als Wahrsagerin.

Manche Forscher vermuten, daß ihre Verehrung in der Volksüberlieferung mit der späteren christlichen Walburga verschmolz, was den Namen des Festes ebenfalls erklären kann.

Symbole der Seherinnen-Kraft

Daß die Walpurgisnacht heute als „Hexennacht“ gilt, ist das verzerrte Echo der alten Achtung vor Frauen wie Waluburg. Die Seherinnen trugen Stäbe als Zeichen ihrer Macht. In der christlichen Deutung wurde daraus der Hexenbesen.

Die Zeit um die heutige Walpurgisnacht zählte zu den Schwellenzeiten. Man glaubte, daß in dieser Zeit die Schleier zur Geisterwelt besonders dünn seien – ein perfekter Zeitpunkt für Seherinnen, um über die kommende Ernte oder den Ausgang von Kriegen zu orakeln.

 

Der Stamm der Waluburg waren die Semnonen, die als der älteste und edelste Stamm der Sueben (Elbgermanen) galten. Ihr Siedlungsgebiet und ihr zentrales Heiligtum lagen im Herzen des heutigen Deutschlands.

Sie bewohnten ein weites Gebiet in der Norddeutschen Tiefebene, das grob das heutige Brandenburg und Teile von Sachsen-Anhalt umfaßte. Ihr Zentrum lag im Havelland und in der Altmark, zwischen den Flüssen Elbe und Oder.

Laut römischen Berichten (Tacitus) bewohnten sie hundert Gaue, was auf eine sehr große und einflußreiche Stammesgruppe hindeutet. Im Zuge der Völkerwanderung zogen Teile des Stammes nach Süden und bildeten später den Kern der Alamannen (Schwaben).

Das heiligste Zentrum der Semnonen – und zugleich das religiöse Herz aller suebischen Stämme – war ein heiliger Hain, der oft als Fesselhain bezeichnet wird. Der genaue geografische Ort ist heute nicht mehr zweifelsfrei bestimmbar. Historiker vermuten ihn jedoch im Raum Nauen (Gannahall) oder in der Nähe des Müggelsees bei Berlin.

Laut römischer Geschichtsschreibung soll dort der „allbeherrschende Gott“ (regnator omnium deus) verehrt worden sein, was viele Forscher mit einer frühen Form von Wotan (Odin) oder dem Himmelsgott Tyr/Ziu gleichsetzen.

Als Seherin aus diesem mächtigen Stamm besaß Waluburg ein Wissen, das weit über die Grenzen ihrer Heimat hinaus geschätzt wurde.

Daß eine Frau aus dem fernen Havelland bis nach Ägypten gelangte und dort in römischen Diensten als Sibylle (Seherin) geführt wurde, zeigt, welch hohen Status diese spirituellen Beraterinnen der Germanen innehatten.

Heute hat es sich in der Region Nauen der Verein Semnonenbund e.V. zur Aufgabe gemacht, das Erbe der Semnonen durch das Projekt ›Historisches Dorf Gannahall‹ wieder zum Leben zu erwecken.

Ludwig Ferdinand Schnorr von Carolsfeld, Die germanische Seherin Ganna, vor 1820.

Der Name des Dorfes ist eine Huldigung der Seherin Ganna, die als spirituelle Führerin eine Nachfolgerin von Waluburg war und im 1. Jahrhundert n. Chr. sogar Kaiser Domitian in Rom besuchte.

Quelle: Die germanische Natur, Telegram @ag52ynatur