Franck Buleux

Eine Heimat, die man zuerst erlebt, bevor man sie definiert:

Die Abstraktion als Hauptfeind der Verwurzelung

 

 

Für Mabire ist eine Heimat nicht in erster Linie eine Verfassung, eine Verwaltung, ein Reisepaß oder eine Grenze auf einer Karte. Sie ist etwas, das man bewohnt – physisch und historisch –, oder das uns bewohnt, wenn wir von unserem Land entfernt sind.

Das Land zählt. Die Landschaften zählen. Die Toten und die Vorfahren zählen. Die Sprache, die Bräuche, die historischen Erzählungen zählen. Und vor allem zählt die Weitergabe.

Das ist der ganze Sinn des Begriffs „leibhaftig“. Eine abstrakte Heimat läßt sich rechtlich definieren. Eine leibhaftige Heimat hingegen wird empfangen, gelebt und weitergegeben. Das Wort ist fast das Gegenteil von „abstrakt“. Bei Mabire geht die Verwurzelung stets dem politischen Aufbau voraus.

Diese Idee beruht auf einer wesentlichen Unterscheidung zwischen Staat, Nation und Volk. Im französischen jakobinischen Modell neigt man dazu zu glauben, daß einem Staat eine Nation, ein Volk und ein Territorium entsprechen. Für Mabire ist diese Gleichung historisch falsch.

Europa besteht aus Bevölkerungsgruppen, deren Geschichten, Sprachen und Erinnerungen nicht mit den Staatsgrenzen übereinstimmen. Frankreich erschöpft nicht die normannische Realität. Spanien erschöpft nicht die baskische oder katalanische Realität. Das Vereinigte Königreich erschöpft nicht die schottische, walisische oder irische Realität. Die Bretagne, die Normandie, Flandern oder Katalonien können daher als historische Gemeinschaften betrachtet werden, ohne über einen souveränen Staat zu verfügen.

Eine Präzisierung ist erforderlich: Eine „heimische Heimat“ ist keine Verwaltungsregion. Eine Region wird durch das Recht definiert; eine „heimische Heimat“ durch Geschichte, Geografie und Zugehörigkeit. Eine Region muß nicht unbedingt einer „heimischen Heimat“ entsprechen, und eine historische Gemeinschaft kann durch eine Grenze in zwei Teile geteilt sein. Das macht diesen Begriff im Hinblick auf Nationalstaaten potenziell subversiv.

Gegen den Universalismus

Diese Auffassung hat auch eine philosophische Dimension. In den 1960er Jahren schrieb Mabire, daß der wahre Sinn seines Kampfes „die Verteidigung des Individuums gegen die Roboter und folglich die der Heimat gegen den Universalismus“ sei.

Man muß seine Argumentation verstehen. Für ihn birgt der abstrakte Universalismus die Gefahr, einen „entkörperlichten”(entfremdeten) Menschen hervorzubringen, einen weltweit identischen Bürger. Die leibliche Heimat bietet im Gegensatz dazu ein Umfeld der Zugehörigkeit, eine Verbundenheit. Der Mensch existiert nicht isoliert: Er ist untrennbar mit einer Familie, einer Gemeinschaft, einem Territorium und einer Geschichte verbunden. Man könnte fast die Etymologie des Wortes „Religion“ anführen, ›religare‹, was „verbinden“ bedeutet.

Sein „Individuum“ ist also nicht das atomisierte Individuum des Liberalismus. Es ist ein verwurzeltes Individuum. Daher rührt seine Kritik am Jakobinismus, den er als eine Maschine betrachtet, die historische Unterschiede in eine homogene Bevölkerung von Bürgern umwandelt – eine Maschine, die Völker tötet, wie es unser verstorbener Guillaume Faye ausdrückte.

Zunächst die Normandie

Bei Mabire ist die erste leibliche Heimat die Normandie. Für ihn ist sie nicht einfach nur ein französischer Verwaltungsbezirk. Sie besitzt eine Geschichte, ein Gedächtnis, Landschaften, eine Kultur und eine kollektive Persönlichkeit.

Er selbst erzählt in ›La Varende entre nous‹ von dem Moment, in dem ihm dies bewußt wurde. Im Jahr 1948 wurde er Zeuge von Gesängen und Tänzen der Flamen und Bretonen. Er schrieb damals, er habe „das schreckliche Fehlen dessen gespürt, was der Schriftsteller Saint-Loup als ‚leibliche Heimat‘ bezeichnen sollte“. Daraus leitet er eine Regel ab: Nichts könne unternommen werden, das nicht „unter dem doppelten Zeichen eines Landes und eines Volkes“ stehe. Und er kommt zu dem Schluß: „Für mich konnte es fortan nur noch die Normandie sein und nichts anderes.“

Zwei Anmerkungen zu dieser Passage. Erstens faßt die Formulierung „ein Land und ein Volk“ den gesamten Begriff zusammen: weder ein bloßes Territorium noch eine bloße Bevölkerung, sondern die Verbindung beider. Zweitens ist das Datum von Bedeutung. In Mabires Lebensbericht geht seine Verwurzelung in der Normandie seinem Engagement in den Zeitschriften der Nationalisten zur Zeit des Algerienkonflikts um fast fünfzehn Jahre voraus. Die Doktrinen sollten später einer zunächst gelebten Erfahrung eine systematische Form geben.

Diese Verbundenheit äußerte sich in konkretem Engagement. Mabire war 1968 an der Gründung der ›Union pour la région normande‹, 1969 an der Gründung der ›Mouvement de la jeunesse de Normandie‹ und 1971 an der Gründung der ›Mouvement normand‹ (Normannische Bewegung) beteiligt. Jean Mabire war ein treuer Weggefährte des Gründungspräsidenten des MN, Didier Patte, der 2023 verstorben ist und der nicht nur die Einheit der Normandie, sondern auch die Werte Nordeuropas hochhielt. Die Normandie im nordischen Raum ist in den Augen von Mabire von wesentlicher Bedeutung.

Der nordische Traum

Doch welche Normandie vertritt Jean Mabire? Eine Normandie, die vor allem durch ihr skandinavisches Erbe geprägt ist.

Der Historiker Benoît Marpeau hat in den ›Annales de Normandie‹ aufgezeigt, welchen bedeutenden Platz die Wikinger, die nordischen Mythologien und das, was er als „normannisches Temperament“ bezeichnet, bei ihm einnehmen. Der Norden ist der Schlüssel zum Verständnis seiner normannischen Vorstellungswelt.

Daraus ergibt sich eine kaskadenartige Identitätskonstruktion. Der Normanne ist der Erbe der Wikinger; als solcher gehört er zur nordischen Welt; und dadurch ist er Europäer. Europa ersetzt nicht die normannische Identität. Es ist vielmehr ihr übergeordneter Horizont.

Das Erzählen als Mittel zur Verwurzelung

Mabire ist kein systematischer Theoretiker wie etwa Alain de Benoist, an dessen Seite er 1968 an der Gründung des GRECE (Forschungs- und Studienverband für die europäische Zivilisation) beteiligt war, in dem er Mitglied der Kommission für Traditionen war. Er ist in erster Linie ein Schriftsteller, ein Geschichtenerzähler, ein Vermittler der Erinnerung, ein Erwecker von Geist und Seele. Er versucht nicht nur zu zeigen, daß die Normandie eine historische Gemeinschaft ist, sondern möchte dieses Zugehörigkeitsgefühl spürbar machen.

Für ihn ist das Erzählen von historischen Ereignissen niemals wertfrei. Eine Generation, die ihre Helden vergißt, verliert einen Teil ihrer Identität. Über die Wikinger, die normannischen Seefahrer, die in der Region verwurzelten Schriftsteller oder die Mythologien des Nordens zu erzählen, bedeutet, ein kollektives Gedächtnis wiederzubeleben.

Deshalb ist sein literarisches Werk ebenso wichtig wie seine politischen Texte. Bei ihm wird Literatur zu einem politischen Instrument, und die Vorstellungswelt geht oft der Doktrin voraus.

Von der Normandie nach Europa

Dennoch ist Mabire kein Separatist. Er will Frankreich nicht durch eine souveräne, in sich geschlossene Normandie ersetzen. Benoît Marpeau betont: Sein Regionalismus ist kein „Nationalismus in einem regionalen Rahmen“. Im Gegenteil, er versucht, die europäischen Regionalismen in einer umfassenderen Perspektive miteinander zu verbinden.

Mabire faßt seine Hierarchie der Zugehörigkeiten in ›La Varende entre nous‹ selbst zusammen: „zuerst die Normandie, dann die Gemeinschaft der nordischen Völker, schließlich das imperiale Europa.“ Dieser Satz macht alles deutlich. Seine Identität ist nicht die Normandie oder Europa. Es ist die Normandie und die nordische Welt und Europa. Die Ebenen heben sich nicht gegenseitig auf, sondern greifen ineinander: das Individuum, die lokale Gemeinschaft, die leibliche Heimat, die Gemeinschaft der nordischen Völker und schließlich Europa. Mabire denkt die Normandie nicht im Gegensatz zu Europa; er denkt Europa ausgehend von der Normandie.

Jean Mabire

Quelle: https://www.terreetpeuple.com/les-eveilleurs-de-peuples-memoire-15/156-jean-mabire/12048-jean-mabire-et-le-reveil-des-patries-charnelles-2-3.html