Ivan Allaerts

 

Die indoeuropäischen Sprachen bieten ein außergewöhnliches Feld, um nicht nur phonetische Entsprechungen zu beobachten, sondern auch eine echte alte Architektur des Denkens.

Anhand einiger sehr alter Wortstämme läßt sich etwas rekonstruieren, das weniger einem Lexikon als vielmehr einem impliziten Modell der menschlichen Kognition gleicht.

Vier proto-indoeuropäische Wortstämme spielen hier eine zentrale Rolle:

*weid-: sehen, wahrnehmen, wissen

*men-: denken, sich erinnern

*wekw-: sagen, rufen, sprechen

*werg-: tun, hervorbringen, handeln

Diese vier Achsen sind nicht nur sprachlicher Natur. Sie zeichnen eine kohärente konzeptuelle Struktur nach, die Wahrnehmung, Innerlichkeit, Sprache und Handlung miteinander verbindet.

1. Sehen: von der wahrgenommenen zur bekannten Welt (*weid-)

Die Wurzel *weid- drückt den Übergang von der visuellen Wahrnehmung zum Wissen aus. Sehen ist in diesem alten System kein bloßes sensorisches Phänomen: Es ist bereits eine Form des Denkens.

Spuren davon finden sich in zahlreichen Sprachen:

Altgriechisch: οἶδα (oida), „ich weiß“, abgeleitet von einer alten Form *woida

Latein: videre, „sehen“

Sanskrit: veda, „wissen“

Germanisch: wise, wissen, weten „wissen“

Das griechische ἰδέα (idéa), „gesehene Form“, gehört ebenfalls zu dieser Wortfamilie. Der Übergang von „sehen“ zu „Idee“ veranschaulicht eine grundlegende Entwicklung: Die Wahrnehmung wird zur Abstraktion.

So wird in dieser ersten Achse die Außenwelt erfasst und in Wissen umgewandelt.

2. Denken: Die innere Welt ordnen (*men-)

Die zweite Wurzel,*men-, verweist auf die innere geistige Aktivität: denken, sich erinnern, etwas im Geist bewahren.

Sie ist der Ursprung von:

lateinisch mens (Geist), memoria (Erinnerung)

griechisch mnēmē (Erinnerung)

Sanskrit manas (Geist), mantra (geistige Formel)

englisch mind, deutsch Meinung

Hier ist die Wahrnehmung nicht mehr nach außen gerichtet, sondern auf die innere Stabilisierung der Erfahrung. Das Gedächtnis wird zum Träger der Identität und der geistigen Kontinuität.

Diese zweite Achse verwandelt die Wahrnehmung in eine dauerhafte innere Struktur.

3. Sprechen: die Welt sozial gestalten (wekw-)

Die dritte Wurzel, *wekw-, betrifft das Sprechen.

Doch in den alten indoeuropäischen Gesellschaften bedeutet Sprechen nicht nur, Laute zu erzeugen: Es bedeutet, auf andere und auf die soziale Welt einzuwirken.

Man findet sie in:

lateinisch vox (Stimme), vocare (rufen)

griechisch ἔπος (epos), Wort, Erzählung

Sanskrit vāc, heiliges Wort

Sprechen bedeutet rufen, benennen, herbeirufen. Sprache ist somit eine Form institutionellen Handelns: Sie schafft Verbindung, Ordnung und gemeinsamen Sinn.

Das Wort wird so zum Übergang zwischen individuellem Denken und kollektiver Realität.

4. Tun: die Welt verwandeln (*werg-)

Schließlich drückt die Wurzel *werg- produktives Handeln aus: tun, produzieren, umsetzen.

Sie ergibt:

griechisch ἔργον (ergon), Werk

englisch work, niederländisch werk, deutsch Werk

deutsch wirken, „eine Wirkung erzielen“

wissenschaftliches Französisch: Energie, Ergonomie

Diese Wurzel beschreibt die tatsächliche Umgestaltung der Welt. Sie verbindet menschliches Handeln mit seinen konkreten Ergebnissen, aber auch mit der Idee der Wirksamkeit.

5. Ein kohärentes System der menschlichen Kognition

Zusammengenommen bilden diese vier Achsen ein erstaunlich kohärentes System:

– die Welt wahrnehmen (weid-);

– sie innerlich strukturieren (men-);

– sie sozial teilen (wekw-);

– sie materiell umgestalten (werg-);

Dieses Modell läßt sich wie folgt darstellen:

Wahrnehmung → Denken → Sprache → Handeln

weid- men- wekw- werg-

6. Eine implizite Anthropologie

Was an dieser Rekonstruktion auffällt, ist nicht nur die sprachliche Regelmäßigkeit, sondern auch die anthropologische Kohärenz, die sie nahelegt.

In dieser alten Sichtweise:

– Sehen ist bereits Wissen;

– Denken ist das Ordnen der Erinnerung an die Welt;

– Sprechen ist soziales Handeln;

– Handeln bedeutet, das Denken in die Realität zu übertragen.

Mit anderen Worten: Diese alten Sprachen scheinen die menschliche Erfahrung in vier grundlegende Dimensionen zu gliedern, die von der wahrgenommenen Welt bis zur veränderten Welt reichen.

Schlußfolgerung

Durch diese Wortstämme offenbaren die indoeuropäischen Sprachen nicht nur ihre phonetische Geschichte. Sie enthüllen eine altüberlieferte Art, die Realität zu gliedern, in der Kognition und Handlung ein Kontinuum bilden.

Dieses Modell ist natürlich kein explizites philosophisches System, das von einer untergegangenen Zivilisation überliefert wurde. Aber es fungiert als latente Struktur, die durch die vergleichende Sprachwissenschaft rekonstruiert wurde und die den tiefen Zusammenhang zwischen Sehen, Denken, Sprechen und Handeln in neuem Licht erscheinen läßt.

Quelle: http://euro-synergies.hautetfort.com/archive/2026/04/11/un-modele-cognitif-indo-europeen-voir-penser-dire-faire-6591570.html