Cristinel Pantelimon
Ernst Nolte hatte einst über die Idee eines „europäischen Bürgerkriegs” nachgedacht: Die aktuelle Krise der euro-atlantischen Welt läßt uns jedoch leicht aus den Augen verlieren, daß wir in Wirklichkeit Zeugen einer Infragestellung der westlichen Moderne als solcher sind, und nicht nur ihrer amerikanischen oder europäischen Ausprägungen.
Es ist kein Zufall, daß die Gegner unserer euro-atlantischen Welt China, Rußland und, mit Verlaub gesagt, als letztes auf der Liste Indien sind, dessen Mittelschicht in wenigen Jahren die größte der Welt sein wird.
Wenn wir aufmerksam auf die Anzeichen der Krise achten, sehen wir ähnliche Symptome auf beiden Seiten des Atlantiks.
Bis vor einigen Jahrzehnten galt es in den Sozialwissenschaften als Dogma, daß Sozialismus in den USA nichts zu suchen habe (Werner Sombart). Ein großes, individualistisches, liberales Land im Aufschwung.
Nun sieht sich die USA mit der seltsamsten Form des Sozialismus konfrontiert, einer, in der der Klassenkampf auch mit den Waffen des Rassenkampfes geführt wird!

Zohran Mamdani + Ehefrau
Der Bürgermeister der repräsentativsten Stadt Amerikas, Zohran Mamdani, ist Mitglied der ›Democratic Socialists of America‹, einer sozialistischen Partei, die überhaupt nicht den Parteien ähnelt, die die Europäer in den 70er Jahren, den glorreichen Jahren des Wohlfahrtsstaates, kannten.
Die Guerillabewegungen in Minnesota, der Bajonettkampf zwischen den roten Brigaden – die die Rechte der Einwanderer verteidigen – und den Bundeskräften waren vor fünf Jahrzehnten kaum vorstellbar; ebenso war es in Europa schwer vorstellbar, daß ganze Stadtteile in Frankreich durch Einwanderer, die in der zweiten Generation die republikanische Idee aufgegeben haben, fast lahmgelegt werden!
Was tun die Amerikaner, um diesen Stillstand zu überwinden? Sie erfinden die kulturelle und informative Oligarchie. Die Republikaner, die gegen den Sozialismus kämpfen, die Extremisten vom Typ ›Heritage Foundation‹, glauben, daß der Sozialismus unmittelbar links von der berühmten Ayn Rand beginnt!
Eine kürzlich gegründete Universität in Austin (UATX) ist genau auf diesen imperial-republikanischen Diskurs des ungezügelten Kapitalismus ausgerichtet.
Die Priester des neuen Kultes? Niall Ferguson, Bari Weiss, Michael Lind (Autor des Buches ›Vietnam, the necessary war‹). Das Versprechen diser elitären Universität: Antikommunismus, Antisozialismus, Identitätspolitik, Antiislamismus. Das klingt sehr gut: Barrikaden werden errichtet, Armeen für den Bürgerkrieg vorbereitet.

Die Krise, die den Westen getroffen hat, ist nichts anderes als die Folge einer langen, zu langen Koexistenz mit dem Modell des Individualismus in all seinen Formen.
Nichts wird diesen inneren Kampf beenden, außer der Rückkehr zum traditionellen Konzept der Wahrheit als gemeinschaftlichem Leben, des Teilens, der Lebens in Gemeinschaft (die Griechen nannten es koinonia).
Außerhalb dieses Kampfes gegen den Individualismus, für die Wiederentdeckung eines gemeinsamen Geistes, wird es keinen Frieden geben.
Asien ist gerade deshalb stark, weil es den vergifteten Geist des Individualismus nicht aus der Flasche gelassen hat.
Zu Beginn der Moderne (sic) warnten die Griechen:
Solange wir zusammen sind, sagen wir die Wahrheit; aber wenn wir nur sagen, was wir als Individuen denken, sagen wir das Falsche. (Heraklit)
Was uns verbindet, rettet uns (die Wahrheit); individuelle Bedeutungen töten uns.
Von Anfang an wollte die Moderne uns, vereinfacht gesagt, auf individueller Ebene retten, indem sie verschiedene Mittel erfand: die Wirtschaft, die protestantische Religion, den Liberalismus, die liberale Demokratie, den Sozialismus als wirtschaftliche Waffe. Alles unter dem gleichen Zeichen des Egoismus, der auf die Masse übertragen wurde.
Um wieder eine Welt zu werden, muß der Westen seine individualistische Selbsttäusch aufgeben. Nur dann wird er auf dem Niveau Asiens sein, und nur dann wird er dem Gespenst der Selbstzerstörung entkommen.

Christinel Pantelimon
