Ludwig Ferdinand Clauß

Auszug aus: Semiten der Wüste unter sich, Kap. 1

Das war es, was manchen unter uns Halbwüchsigen damals so seltsame Unruhe schuf; daß wir beim Unterricht in der Biblischen Geschichte durchaus nicht immer die Dinge so sehen konnten, wie der Lehrer sie sehen wollte nach seiner ihn verpflichtenden Vorschrift. Und wenn in diesen Geschichten erzählt wurde, daß da zwei Menschen miteinander im Streite lagen, dann fühlten wir uns nicht immer an der Seite dessen, mit dem es die Biblische Geschichte und der Lehrer hielt. Wir lasen da zum Beispiel:

Die Philister stunden auf einem Berge jenseits und die Israeliten auf einem Berge diesseits, so daß zwischen ihnen das Tal war. Da trat hervor aus den Reihen der Philister ein Riese mit Namen Goliath … sechs Ellen und eine Handbreit hoch … der Schaft seines Spießes war wie ein Weberbaum, und das Eisen seines Spießes hatte sechshundert Lot Eisens … Und er stund und rief zu dem Heere Israels und sprach zu ihnen: „Erwählet einen unter euch, der zu mir herabkomme. Vermag er wider mich zu streiten und schlägt mich, so wollen wir eure Knechte sein. Vermag ich aber wider ihn und schlage ihn, so sollt ihr unsre Knechte sein.“ Und wiederum rief der Philister: „Ich habe am heutigen Tage dem Heere Israels hohngesprochen. Nun schafft mir einen Mann, daß wir miteinander kämpfen!“

Da Saul und ganz Israel diese Rede des Philisters hörten, entsetzten sie sich und fürchteten sich sehr.
David aber war eines … Mannes Sohn aus Bethlehem in Juda; der hieß Isai und hatte acht Söhne … Die drei ältesten Söhne Isais aber waren unter Saul in den Krieg gezogen … David aber war der jüngste. David ging öfter heim von Sauls Hofe um zu Bethlehem seines Vaters Schafe zu hüten.

Aber der Philister trat herzu morgens und abends und stellt sich hin vierzig Tage lang.

Einmal sprach Isai zu seinen Sohn David: „Nimm doch für deine Brüder … von diesem Röstkorn und diese zehn Brote …, und diese zehn frischen Käse bringe dem Hauptmann und frage nach dem Befinden deiner Brüder und laß dir von ihnen ein Unterpfand geben.“ … Da ließ David am andern Morgen früh die Schafe einem Hüter, lud auf und machte sich auf den Weg … und lief zu dem Heer und ging hinein und grüßte seine Brüder. Und da er noch mit ihnen redete, siehe, da trat herauf der Riese mit Namen Goliath … aus der Philister Heer und tat dieselben Reden wie zuvor, und David hörte es. Als aber die aus Israel den Mann erblickten, da flohen sie alle vor ihm und fürchteten sich sehr. Einer aus Israel rief: „Habt ihr den Mann gesehen, der da heraufkommt? Um Israel hohnzusprechen, kommt er herauf. Wer ihn erschlägt, den will seines Vaters Haus steuerfrei machen in Israel.“ Da sprach David zu den Männern, die bei ihm stunden: „Was also wird man dem tun, der diesen Philister erschlägt und die Schande von Israel wegnimmt? Ja wer ist denn dieser unbeschnittene Philister, daß er hohnsprechen darf dem Heere des lebendigen Gottes?“ Da sagte ihm das Volk wie vorhin: „So wird man tun dem, der ihn erschlägt.“

Als aber Davids ältester Burder … hörte, wie der mit den Männern sprach, geriet er in Zorn über David und rief: „Wozu denn bist du hierhergekommen und wem hast du jene paar Schafe dort auf der Weide überlassen? Ich kenne wohl deine Frechheit und deinen boshaften Sinn – um den Krieg anzusehen, bist hergelaufen!“ David antwortete: „Was hab ich denn nun getan? Es war ja nur ein Wort.“ Und wandte sich von ihm ab einem andern zu und fragte dasselbe, und die Leute antworteten ihm wie das erstemal.

Als nun kund wurde, was David gesprochen hatte, verlautete es auch vor Saul, und er ließ ihn zu sich kommen. David sprach zu Saul: „Herr, laß nicht seinetwegen den Mut sinken. Dein Knecht wird hingehen und mit dem Philister streiten … Dein Knecht hütete die Schafe seines Vaters. Wenn dann ein Löwe … kam und trug ein Schaf weg von der Herde, lief ich ihm nach und schlug ihn und errettete es aus seinem Maul. Und da er sich über mich machte, ergriff ich ihn bei seinem Bart und schlug ihn und tötete ihn … So soll es nun diesem Philister, dem Unbeschnittenen ergehen wie einem von jenen, denn er hat geschändet das Heer des lebendigen Gottes.“

Und Saul sprach zu David: „Gehe hin, Jahwe wird mit dir sein!“ Und Saul zog David seine Kleider an und setzte ihm einen ehernen Helm aufs Haupt und legte ihm einen Panzer an und gürtete ihm sein Schwert darüber. Der bemühte sich, darin zu gehen, denn er hatte es noch nie versucht. Da sprach David zu Saul. „Ich kann darin nicht gehen, denn ich bin’s nicht gewohnt.“ Da zog man ihm die Rüstung wieder aus, und er nahm seinen Stock in die Hand und suchte sich fünf glatte Steine aus den Bachtal und tat sie in seine Hirtentasche … und nahm die Schleuder zur Hand und trat vor gegen den Philister …

Der Philister sprach zu David: „Bin ich denn ein Hund, daß du mit einem Stecken zu mir kommst?“ und fluchte dem David bei seinen Göttern … David aber sprach: „Du trittst mir entgegen mit Schwert, Spieß und Schild. Ich aber trete dir entgegen mit dem Namen Jahwes der Heerscharen, des Gottes der Schlachtreihen Israels, die du verhöhnt hast … Am heutigen Tage aber liefert dich Jahwe in meine Hand … auf daß alle Welt erkenne, daß in Israel ein Gott ist …“

Und David tat seine Hand in die Tasche und nahm einen Stein daraus und schleuderte und traf den Philister an seine Stirn, daß der Stein in seine Stirn fuhr und er zur Erde fiel auf sein Angesicht. (1. Sam. 1-49)

Soweit die Geschichte vom Fall des „Riesen“ Goliath. Von uns Schülern wurde als etwas Selbstverständliches erwartet, daß wir uns inwendig auf die Seite Davids stellten, der ja zur Zeit jener Geschichte schon der Gesalbte Jahwes war, und daß wir mit den Heerscharen Israels frohlockten über den Fall des „Riesen“. Das eben war ja der Sinn all dieser Unterweisung in Biblischer Geschichte. Die meisten von uns dachten nicht weiter nach, sondern gingen darüber hinweg. Aber unsere innere Stellungnahme war nicht jene, die man von uns erwartete. Und noch viel später, wenn ich einmal an diese Geschichte zurückdachte, wurde mir peinlich zumute; und ich weiß, daß es anderen genauso ging. Es bleibt ein Nachgeschmack, der deutlich zeigt, daß da irgend etwas – wenigstens für unser Gefühl – in dieser Geschichte nicht reinlich aufgeht. Woran liegt das wohl?

Was da erzählt wird, ist ein Zwiekampf zwischen den beiden Heeren, wie wir ihn sonst aus der Frühgeschichte indogermanischer Völker kennen. So wie hier der gewaltige Kriegsmann Goliath es tut, so forderten die homerischen Helden einander heraus zum Einzelkampfe, und auch die gotischen Helden Hildebrand und Hadubrand im altdeutschen Hildebrandsliede fordern einander zwischen zwei Heeren zum Waffengange Mann gegen Mann. Dem Kampfe mit Waffen ging dann oft ein Kampf mit Worten voraus, wo beide Gegener sich ihres Geschlechts und der eigenen Taten rühmten. Die Gegner „maßen sich“: das war der Sinn solchen Kämpfens. Notwendig aber gehört es zu einer solchen Messung, daß sie mit einerlei Maß vollzogen wird. Nur was einander gleichgeartet ist oder doch einander sich gleich wähnt, tritt gegen einander an. Gleich oder doch gleichartig müssen die Waffen sein und auch der Gebrauch dieser Waffen: der Kampf, zumal der Zweikampf, war durch strenge Regeln bestimmt, denen beide Gegner sich fügten.

Verletzung bes Kampfbrauchs war Frevel und schlimmer als Unterliegen, denn sie löschte die Ehre des Frevlers aus. In Ehre zu fallen, ist für Streiter solcher Art kein Schrecknis; für jeden kommt einmal der Tag, an dem er fällt. Fiel er als Held, dann überlebt ihn der Ruhm seiner Taten: der Held ist tot, aber die Ehre lebt. Ehrlicher Kampf nach gleichem Maß und Brauch ist etwas, das in aller indogermanischen Frühgeschichte als ein Wert erlebt wird, sogar als ein höchster Wert, denn es führt im Stile jener Menschen auf eine festliche Lebenshöhe und ist schon darum den Einsatz leiblichen Lebens wert. Doch alles hängt daran, daß der „ehrliche” Kampfbrauch gewahrt wird. Den Kampfbrauch verletzen heißt die Ehre verlieren: dann ist der Sieg kein Sieg, sondern Schlimmeres als der Tod.

Nach welchem Brauche aber wird hier der Zweikampf zwischen dem leichten Junghirten und dem gepanzerten schweren Kriegsmann ausgefochten? Der Riesenhafte glaubt den Kleinen verachten zu dürfen, weil dieser gar nicht imstande ist, mit gleichem Maße sich zu messen, nämlich mit jenem Maße, mit dem er selbst, der Riesenhafte, sich mißt. Dieses Maß ist für ihn das Maß schlechthin, er kennt kein anderes. Und es scheint, daß es ringsum von allem Kriegsvolk als jenes Maß anerkannt wird, nach dem der herrschende Brauch sich richtet.

Nicht nur die Philister achten den Brauch als gültig, sondern auch „die Schlachtreihen Jahwes“. Sonst könnte ja im Laufe der vierzig Tage, an denen der Riesenhafte von morgens bis abends die besten Streiter der Feinde zum Zweikampf ruft, längst einer das getan haben, was nachher der Hirte tut: den starken Philister aus sicherer Entfernung meuchlings mit der Schleuder fällen. Aber die Kriegsleute wissen es nicht anders, als daß man mit gleichen Waffen antritt. Zu Anfang ärgern sie sich über den hergelaufenen kleinen Hirten, der den Krieg nicht kennt: sein eigener Bruder beschimpft ihn. Wer gleiche Waffen nicht einmal zu tragen vermag, der hat kein Recht zu Kampfe wider den Starken – solang auf beiden Seiten gleiches Maß gilt. „Es geht nicht an“, denken die zünftigen Krieger.

Aber David, der an diese geltenden Bräuche nicht gewöhnt ist, macht eine Entdeckung, zu der die Krieger, die der gelernte Kriegsbrauch bindet, selbst nicht fähig sind, was sie aber nicht abhält, diese Entdeckung nachträglich gutzuheißen. Sie läßt sich auf die einfache Formel bringen: Es geht doch. Freilich – es geht nur dann, wenn der geltende Brauch, das gemeinsame Maß, verletzt wird. Das Bewußtsein geltenden Brauches ist etwas, das seine Wurzeln in der Geschichte und also letzten Endes in Art und Blut hat. Im hier gegebenen Falle hängt alles davon ab, ob die Verletzung des Brauches durch David sich vor dem geschichtlichen Bewußtsein der Volks- und Zeitgenossen, vor der Gemeinschaft Israel also, rechtfertigen läßt.

David führt an: der Philister habe „geschändet das Heer des lebendigen Gottes“. Der Tatbestand dieser Anklage ist durch die Erzählung gegeben. Der Philister hat das feindliche Heer aufgefordert, ihm einen ebenbürtigen Gegner zum Zweikampf zu senden; aber im feindlichen Heere findet sich keiner wie er. Statt einen zu senden, der ihm gewachsen wäre, entsetzen sich Saul und ganz Israel und fürchten sich sehr. Da verhöhnt sie der Philister und reizt sie vierzig Tage lang.

Der Hohn und die Reizung geben kein Recht zur Verletzung des „ehrlichen“ Kriegsbrauchs, denn sie spielen sich selbst im Rahmen des geltenden Brauches ab. Nicht also, daß ein gegnerisches Heer verhöhnt wird, kann als Begründung für eine Maßnahme gelten, die geheiligten Kriegsgebräuchen ins Antlitz schlägt und die darum niemand erwartet, auch die Verhöhnten nicht. Davids Begründung zielt auf etwas anderes. Er sagt nicht: der Philister hat „uns“ oder „unser Heer“ geschändet, sondern: „das Heer des lebendigen Gottes“.

Er rührt an etwas, das den Kern des geschichtlichen Bewußtsseins in seinem Volke ausmacht: nicht ein Volk unter Völkern zu sein, das ein Heer ins Feld stellt wie andere Völker tun, sondern ein besonderes Volk, das sich von allen anderen Völkern unterscheidet: das Volk Jahwes, des „lebendigen Gottes“. Israel und Jahwe sind eines: wer dieses Volk schändet, der schändet Jahwe in ihm. Eine Schändung Jahwes aber darf Israel als Jahwes Heer nicht dulden. Was der Philister tut, wird jetzt nicht mehr als Kriegsbrauch gesehen, sondern als Frevel an Jahwe. Das ganze Geschehnis wechselt den inneren Schauplatz, es wird mit anderem Bewußtsein aufgefaßt. Nicht ein Zweikampf ist es, zu dem nun David antritt, sondern ein Strafvollzug im Auftrag Jahwes, des geschändeten. Jahwe hat den Philister gerichtet und in Davids Hand geliefert. Somit handelt David nicht mehr als Gegner im Streite, sondern im Amte eines Henkers.

Unwichtig ist es bei dieser unserer Betrachtung, ob es wirklich gerade jener David war, von dem das Gesagte gilt, oder ein anderer Mann mit anderem Namen, aber aus jenem selben Volke Israel. Durch David handelt Israel; nur um Israel geht es, darum bleibt alles dasselbe, wenn auch vielleicht an Davids Stelle in Wirklichkeit ein anderer stand als er. (Im 2. Buch Samuel nämlich, Vers 19, wird ein anderer, namens Elchanan, als Töter Goliaths genannt.) Und selbst das ist hier eine Frage zweiten Ranges, ob die Erzählung vom Fall des Philisters Goliath als geschichtlich im engeren Sinne zu nehmen ist oder „nur“ als Sage; ob sie getreulich die Denk- und Erlebensweise jener Frühzeit Israels spiegelt oder einer etwas späteren Zeit.

In die Art eines Volkes und die Auffassung, die es von sich selbst hat, gibt oft genug die Sage tieferen Einvlick als die im einzelnen nachweisbare Geschichte; denn Sage ist nicht Märchen oder Fabelei, sondern meist nichts anderes als dichterisch geläuterte Geschichte und sagt also mehr als diese. Die Sage gibt ein Bild des Volkes, wie es sein soll nach seinem eigenen geschichtlichen Urteil.

Geschichtlich also in einem tiefen und strengen Sinne ist der Auftritt, der mit dem Fall des gewaltigen Kriegers endet. Ein „Held“, der im Bewußtsein eigener Kraft lebt und auf nichts anderes sich stützt als auf das Bewußtsein überlegener Stärke, sucht in der Welt, in die er gestellt ist, einen, der ihm gleich sei. Nicht billige Siege über Schwächere will er – daran fehlt es ihm kaum –, sondern einen Gegner, mit dem sich zu messen es für einen, wie er selbst ist, lohnt. Aber in dem Bereiche, in den er hineingestellt ist, finden sich solche Gegner nicht – auch nicht ein einziger. (Nur in dem Volke, dem er selber sich zuzählt, bei den Philistern also, sind noch drei „Riesen“ wie er.) Vierzig Tage lang brüllt er seine Sehnsucht nach dem ebenbürtigen Feinde über das Tal hinüber dem feindlichen Heere zu.

Und schließlich kommt ein kleiner Kerl daher mit einem Stecken und einer Hirtentasche. Uns scheint: nun müßte doch der erfahrene Kriegsmann etwas merken. Dieser unerwartete Gegner kann doch nur wahnsinnig oder – ein Verräter sein. Doch der „Riese“ merkt nichts. Er sieht nur seine Hoffnung auf einen, der ihm gleich ist, enttäuscht, und er verflucht den Knirps, dessen bloße Erscheinung er als Hohn empfindet. Kampf ist für ihn ein höchster Augenblick, ist ein festlich gesteigertes Erleben der eigenen Stärke – aber nur dann, wenn auch der Gegner im gleichen Stile der Kraftentfaltung kämpft. Und nun dieser kleine Hirte mit dem Stecken! Und während der gewaltige Krieger so in Kraftgedanken sich ausläßt, trifft ihn der glattgeschliffene Stein in die Stirn.

Die innere Haltung des riesenhaften Recken ist für David fremd und nicht verstehbar, aber er kennt sie von außen und rechnet mit ihr. Darin ist David seinem Gegner überlegen. Für den Raumgewaltigen ist es denkunmöglich, daß einer ihm, der sich offen im Felde zum Kampf stellt, in der inneren Haltung des Henkers begegnen könne. Für seine Denkart ist dies feiger Verrat. Und mit solchem zu rechnen, verbietet ihm seine Denkart – sein Blick ist auf einen gleichartigen Gegner ausgerichtet, von dem er gleichartiges Handeln erwarten muß: darin liegt seine Größe oder – wenn man die Dinge mit den Augen eines David sehen will – seine Dummheit.

David ahnt nichts von der bluthaften Sehnsucht dessen, der nicht sein kann, ohne seine Kraft in den Raum zu verströmen, und der etwas braucht, das ihm gegenüber ist – seien es Blöcke, die es zu türmen gilt, oder ein Feind, um sich mit ihm zu messen. Er ahnt nicht, daß ein Mensch in sich selber wurzeln kann, im unbedingten Bewußtsein eigener Stärke. Und wenn er es ahnte, so würde er darin nichts als einen Gottesfrevel sehen. Davids Kraft liegt ganz in seinem Auftrag, den ihm ein anderer gibt: Jahwe. Kampf ist für ihn kein Wert an sich, nicht ein Werk, das gestaltet sein will nach einem eigenen, in ihm gründenden Gesetze. Vielleicht ist ihm Kampf sogar an sich selbst ein Übel und gewinnt nur als Kampf für Jahwe einen abgeleiteten Wert.

Der Hinweis auf Kämpfe mit Löwen, die er am Barte genommen und mit seinem Hirtenstock erschlagen haben will, wirkt auf uns nicht so überzeugend wie auf Saul; und daneben das Horchen und Fragen nach dem ausgerufenen Kopfpreis – Reichtum, glänzende Heirat, Steuerfreiheit – besagt nur, was jedem Seelenkundigen bekannt ist: daß eine menschliche Handlung stets mehrere Triebfedern hat, von denen aber meist nur eine einzige bewußt ist. Und diese einzige ist hier der Auftrag Jahwes, ihn, den „lebendigen Gott“, zu rächen. Davids Kraft ist die Gewißheit, daß der Gegner – der jetzt kein Gegner mehr ist, sondern ein Gerichteter – von Jahwe ihm in die Hände geliefert sei. Mit seinem eigenen Maße gemessen, ist David weder ein Feigling noch ein Verräter, sondern Jahwes Knecht.

Wenn David etwas von der Art seines Gegners ahnte, dann fände er vielleicht noch ein anderes Recht, ihn meuchlings durch Verletzung des „ehrlichen“ Kampfbrauchs zu fällen. Dieser Kampfbrauch nämlich ist selber artbedingt, und seine Geltung hat nur für solche Kämpfer Sinn, die selbst von jener Art sind, die den Kampfbrauch schuf. Nur im Bereich einer Art, deren Wertbewußtsein im Gefühl der eigenen Stärke gründet, wächst sich ein Stil des Kämpfens aus, wie ihn jener „Riese“ übt und als den einzig möglichen fordert. Für ihn und seinesgleichen ist er echt und darum selbstverständlich. Für Andersgeartete ist er im Grunde fremd. Wenn die Andersgearteten dennoch ihn als gültig anerkennen, als allgemein verpflichtend auch für sie, so besagt dies gar nichts andres, als daß sie sich der Herrschaft eines fremden Artgesetzes beugen. Und in der Tat ist uns so mancher geschichtliche Hinweis überliefert, der davon zeugt, daß die im Philistervolk herrschende Schicht landfremder Herkunft war, und zwar indogermanischer Herkunft. Damit erklärt sich der „riesenhafte“ Wuchs, der in den herrschenden Geschlechtern vorkam: es ist die Gestalt der nordischen Rasse, jener Rasse nämlich, deren Blut in allen Völkern und Stämmen indogermanischer Herkunft floß.

Die Kulturen, die wir indogermanisch nennen, sind – in ihren Grundlinien wenigstens – geschaffender Ausdruck dieser nordischen Rasse. Daneben kommt für einen Teil der Indogermanen auch die fälische Rasse in Betracht, die der nordischen nahe verwandt und noch „riesenhafter“ gebaut ist als sie. Zum Ausdruck beider Rassen gehört auch jener „riesenhafte“ Kampfbrauch. Er ist sinnvoll und artgerecht zwischen Menschen von solcher Gestalt, wie wir sie z.B. in den „Rolanden“ an den Rathäusern mancher alten deutschen Städte in gesteigerter Darstellung finden: Menschen von steilem, ragendem Bau des Leibes und der Seele, die es lieben, gerade zu stehen und sich auf nichts zu stützen als auf ihr starkes Schwert. Von solcher Art war jener philistäische Krieger. So wenig über ihn berichtet wurde (und auch dies nur aus Feindesmund), so reicht es doch aus, um seine Gestalt zu verstehen. Und in dieser Gestalt des Leibes und der Seele ist sein Schicksal beschlossen, auch sein Fall.

Der nordische Mensch hat ein Recht, hinauszugreifen in die Welt und sie zu seiner Welt, nach seinem Bilde, zu schaffen. Er hat ein Recht dazu, weil er gar nicht anders kann: sein Artgesetz, seine „Natur“, verlangt es. Aber die Natur der anderen ist anders, und auch sie hat ihr Gesetz. Wenn Andersgeartete unter nordische Herrschaft geraten und somit unter nordisches Vorbild, so geschieht ihrem eigenen Gesetze damit Gewalt und sie werden gleichsam aus den Angeln ihres Schicksals gehoben. Ihre Gestallt verzerrt sich, aber sie merken es nicht, bis eines Tages ihre eigene Art wieder durchbricht.

Jene Völker anderen Blutes, die notwendig von anderer Gestalt der Seele und des Leibes sind, konnten nordischen Kampfbrauch gleichsam auswendig lernen und als gültigen anerkennen; damit aber wird er nicht zum Ausdruck ihrer eigenen seelischen Gestalt. Er kann für sie nur eine Maske sein, die sie tragen, vielleicht ohne es zu merken. Möglich, daß damals, wie im Philistervolke, so auch im Volke Israel etwas nordisches Blut floß, so daß die Ablehnung des „hergelaufenen“ Hirten David und seines Verhaltens bei manchen zünftigen Kriegern Israels auch blutliche Wurzeln hatte. Gewiß ist nur, daß David, indem er die Maske des ihm artfremden Brauches fortwirft und nichts mehr anerkennt als das, was ihm Jahwe offenbart, nun seinem eigenen Artgesetz Geltung verleiht. Und dieses will ein anderes Maß als das jenes Riesen.

Hier ist der Punkt, wo der tragische Sinn des Wortes Riese klar wird. „Riese“ ist Goliath nur in den Augen der anderen; in den Augen der eigenen Art ist sein Maß nicht riesenhaft, sondern die Norm. Aber diese Norm und alles, was aus ihr folgt, kann – eben deshalb – niemals das Gesetz der anderen sein; selbst dann nicht, wenn diese es anerkennen, d.h. für sich selbst zum Vorbild nehmen sollten. Das gilt auch für das Gesetz des „ehrlichen“ oder „edlen“ Kampfes.

Was für Kämpfer von nordischer Gestalt, für „Riesen“ also, sinnvoll und damit edel und ehrlich ist, kann nicht das gleiche sein für Kämpfer von völlig anderer Gestalt der Seele und des Leibes. Nur zwischen gleichgearteten Kämpfern ist ein Kampf nach gleichem Gesetz möglich: nur wo Art und Art der Kämpfer reinlich ineinandergreift wie die Räder eines in sich geschlossenen Triebwerks, nur wo die Kämpfer einander im Grunde verstehen, wird der Kampf „ehrlich“ sein und gemeinsame Linie wahren, die als edel erlebt wird. Wo aber im Kampfe zweierlei Art einander angreift, da wird notwendig jeder in Unrecht geraten, weil jeder das Gesetz des andern entweder verletzt oder mißbraucht. Ein Kampf zwischen zweierlei Art kann, vom unbeteiligten Zuschauer aus gesehen, nicht anders als unschön sein und sittlich gesetzlos – selbst dann, ja gerade dann, wenn beide Partner ihrem Gesetze treu sind.

Die Gestalt des „Riesen“ Goliath überschreitet das Maß und den Zuschnitt jener semitischen Welt, in die er oder seine ihn gleichgearteten Vorfahren eingebrochen sind, um sie zu beherrschen. Wer über Fremde herrschen will, muß wissen, daß keine Herrschaft deren Fremdheit aufhebt. Er handelt lebenstüchtig und gesund, wenn er sein eigenes Gesetz für das einzig mögliche hält und jedes andere für minderwertig; aber er hüte sich, die anderen zu „bessern“, indem er den Ausdruck seiner Art ihnen aufzwingt. Denn damit lehrt er sie nur, jene Maske äußerer Anpassung zu tragen, die ihnen schließlich erlaubt, ihn mit der lächerlichsten Waffe zu fällen. Ihr Gesetz zu ändern oder ein Verstehen zu stiften, das zu gemeinsamem Leben führt, vermag er nicht. Für Goliath ist David gerade dann, wenn dieser echt bleibt und seinem Gesetze gehorcht, ein krummer Hund, ein Feigling, ein Verräter; und für David ist Goliath ein lästerndes Ungeheuer, solang seine Stärke ihm hilft, und wir, sobald er sich – für Davids Augen – eine Blöße gibt, zum ungeschlachten Tölpel. den abzutun jedes Mittel erlaubt ist.

Das ist es, was diesen Kampf so peinlich macht. Ehrlich, edel, ritterlich kann ein Kampf zwischen einander artfremden Menschen niemals werden, sowenig wie ein Kampf zwischen Menschen und Ungeheuern. An einem solchen Kampfe, wenn er einmal entbrannt ist, kann nichts mehr ehrlich sein als nur die Vernichtung des Gegners. Goliaths Vorfahren haben diese Vernichtung versäumt, als sie das Land betraten: sie glaubten an Verbindung mit dem Fremdgearteten in Form einer Volksgemeinschaft. Damit aber haben sie sich selbst zu einem Fremdkörper unter den Kindern des Landes gemacht und werden nun ausgeschieden, einer nach dem andern. Das ist der rassengeschichtliche Sinn der Goliath-Sage.

Für Leute wie wir, z.B. wir Deutsche, solange wir uns selber treu sind, ist jene Kampfesweise „recht“, d.h. artrecht, wie Goliath sie übt und fordert – auch wenn heute der leiblichen Erscheinung nach nicht jeder von uns ein Goliath ist. Dieser Kampfbrauch ist für uns der selbstverständliche, weil unsere Art ihn fordert; genauer: weil die ihn begründende Haltung vorgezeichnet ist in unserer seelischen Gestalt. Solche Haltung und solche Weise des Kämpfens verstehen wir ohne Erläuterung: sie zu verstehen, bedeutet ja nichts andres als uns bewußt machen, was in uns selber lebt. Aber die andere Haltung, die eine Davids, ist uns unvertraut und bleibt uns fremd auch dann, wenn man uns einschärft, daß sie vorbildlich sei. Sie ist für uns das völlig andere, das wir niemals aus erster Hand verstehen, sondern erst durch wissenschaftliche Forschung uns erschließen können.

Dieses Fremde, um das es sich in unserem Beispiel handelt, ist nicht eines, das für uns belanglos wäre, denn es hat in unsere Geschichte oft genug bedeutsam herübergegriffen. Germanische Geschichte ist ein Ringen der nordischen Seele um ein Erlebnis, das niemals hätte von ihr gefordert werden dürfen, weil es ihrem Artgesetze widerspricht. Und noch heute will dieses Fremde täglich uns verwirren. Wir werden damit nicht eher fertig werden, als bis wir lernen, es so zu sehen, wie es wirklich ist. Die Frage ist unserer Forschung erst gestellt und noch nicht bis zu Ende beantwortet: Was denn ist das Artgesetz (oder die Artgesetze) des semitischen Menschen?

Dr. Ludwig Ferdinand Clauß alias Muhammad Ferîd el-Almâni

 

 

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