Dr. Jutta Rüdiger

 

Um die Gesundung unseres Volkes nicht nur physisch, sondern auch psychisch zu erreichen, bedarf es einer Bewußtseinsänderung der Frauen und der Erkenntnis aller, daß die Jugend wieder mehr in den Mittelpunkt unseres Denkens und Handelns gestellt werden muß. Und ein Kind braucht seine Eltern, die mit Liebe und Konsequenz immer für es da sind, an seinen Freuden und Leiden anteilnehmen und im eigenen Verhalten Vorbild sein müssen.

In den frühen Jahren der Kindheit ist besonders die Mutter gefordert. Jetzt kommt bei der modernen Frau die Problematik von Beruf und Muttertum zum Tragen. Sie sollte sich klar darüber sein, daß sie in den ersten drei, möglichst vier Jahren nach der Geburt, die für das Kind besonders persönlichkeitsprägend wirken, bei dem Kind bleiben muß, denn Kinderkrippen und Tagesmütter dürften nur in äußersten Notfallen benutzt werden.

Junge Frau mit Kind, Gemälde von Pierre-Yves Trémois

Das Kind braucht, um dem Leben später aufrecht und kontaktfreudig zu begegnen, in den ersten Jahren eine Bezugsperson, von der es sich verstanden und beschützt fühlt, keine wechselnden Tagesmütter oder Kinderkrippen, in die es wie ein Paket abgegeben wird und nachher nicht weiß, wohin es überhaupt gehört. Darum sollte eine Frau sich reiflich überlegen, ob sie Kinder haben oder berufstätig sein will.

Man sollte, wie es manchmal geschieht, das Muttertum nicht als minderwertig darstellen, denn oft kann sich eine Mutter mehr ›selbstverwirklichen‹ als eine Büroangestellte. Sie kann auch zugunsten ihrer Kinder durchaus noch in sozialen oder musischen Bereichen tätig sein und nach drei oder vier Jahren – zwar anfänglich möglichst noch halbtags – wieder einen Beruf ausüben.

 

In einer gesunden Familie, in der sich jeder offen aussprechen kann, in der man Kritik erfährt, aber auch Verständnis und im Ernstfall Schutz und Geborgenheit findet wie nirgendwo sonst, wachsen gesunde Kinder auf. Hier entsteht soziales Empfinden und gegenseitige Hilfsbereitschaft. Die Familie ist nun einmal die Keimzelle des Volkes.

Eine gesunde Menschheit erwartet für jeden einzelnen, daß er in seiner Familie und Heimat Wurzeln hat. Auch die Sippe und die Landsmannschaft geben ihm Halt. Mit allen, die seine Sprache sprechen, findet er sich wieder in der großen Familie, in der Nation. Ohne Identifikation mit einer Nation wird er haltlos. Findet er sie nicht, weil es ihm meist in der Kindheit an Liebe und Geborgenheit fehlte, kommt er oft zu irrealen Vorstellungen vom Leben und neigt zu aggressivem, wenn nicht sogar destruktivem Verhalten, also zum sogenannten Linksextremismus. Unterbindet man einem jungen, suchenden Menschen diese Identifikation mit seiner Nation, erfolgt als Abwehr eine Überkompensation, die dann in einem manchmal schon chauvinistischen Verhalten, genannt Rechtsextremismus, zum Ausdruck kommt. Die Verantwortung trägt der Erzieher.

Ein gesunder, in sich gefestigter Mensch wird zu der Erkenntnis kommen, daß Fremdes, das er zunächst mißtrauisch betrachtet, ihm auch nützlich sein und horizonterweiternd wirken kann. So wächst unsere Nation Deutschland mit den uns umgebenden Nationen zu Europa zusammen. Jetzt erkennt er, daß bei aller Verschiedenheit wir in Europa auch vieles gemeinsam haben, was uns bindet, sei es die abendländische Kultur, von dem Hellenentum und den Römern geprägt, das alle Völker ihrer Eigenart gemäß geformt angenommen haben.

Europäer und darüber hinaus Weltbürger zu werden, bedeutet nicht, eine multikulturelle Gesellschaft zu erstreben, wo alles nivelliert wird, sondern die Eigenart und Kultur anderer Völker anzuerkennen, Verständnis für sie aufzubringen, ohne dabei seine Herkunft zu verleugnen. Denn echte Kreativität ist nur in einem gesunden Volkstum möglich, in dem der Mensch heimatlich gebunden verwurzelt ist, sonst schwankt er wie ein Rohr im Wind und weiß eigentlich selbst nicht, wohin er gehört.

Eine Zusammenarbeit der Völker sollte nicht international, sondern organisch gewachsen übernational sein. Auch eine echte Völkerverständigung hat ihren Ursprung in den gesunden Familien gesunder Völker.

Jugendliche brauchen Leitbilder, sei es die Darstellung bedeutender Menschen aus der Geschichte, der Wirtschaft oder Forschung, und das Vorbild Erwachsener. Es hat sich erwiesen, gerade in Notzeiten oder im Krieg: Wenn man Jugendlichen Verantwortung überträgt, dann macht sie das Vertrauen der Erwachsenen stolz, und sie legen es darauf an, es zu rechtfertigen und für die ihnen übergebene Verantwortung einzustehen.

In einer Gemeinschaft sollten sie auch lernen, die Werte des anders Begabten zu erkennen, ob Jungarbeiter oder Schüler, ob Arbeiter oder Unternehmer, und begreifen, daß einer den anderen braucht. Die Vielfalt der Begabungen, verbunden mit Leistungsfähigkeit und Leistungswillen, verbunden wiederum mit Gemeinsinn, ergeben Kreativität und den Reichtum eines Volkes.

Nicht durch Vorhaltungen oder Predigten über anständiges Verhalten kann man die Jugend für die lebensnotwendigen Werte wie Solidarität und Hilfsbereitschaft, die oft auch Mut, Tapferkeit und Selbstdisziplin erfordern, gewinnen, sondern nur durch das Vorbild Erwachsener und das unmittelbare Erlebnis in einer Gemeinschaft.

Jutta Rüdiger, ᛉ 14. Juni 1910 in Berlin; ᛣ 13. März 2001 in Bad Reichenhall, deutsche Psychologin, Reichsreferentin (1937 bis 1945) des ›Bund Deutscher Mädel‹ (BDM)

 

 

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