Lorenzo Pennacchi

Schauen wir uns das berühmte Buch „Zen in der Kunst des Bogenschießens“ von Eugen Herrigel genauer an und verbinden es mit Yukio Mishimas Lebensphilosophie und dem Samurai-Kodex. Eine Kunst ohne Kunst, eine kontinuierliche Metamorphose, Handlung in ihrer ursprünglichen Reinheit.

 

„Ein Schlag – ein Leben“, so fassen die japanischen Bogenmeister ihre Disziplin zusammen, die sie als Kunst verstehen. Eine rituelle Kunst mit einem tiefen Wert an sich, aber auch eine Vorbereitung für die Aneignung der Essenz des Zen. Unter diesem Blickwinkel absolvierte Eugen Herrigel, Professor für Philosophie an der ›Tōhoku Imperial University‹ in Sendai, von 1924 bis 1929 ein Kyudo-Praktikum.

Unter der aufmerksamen Anleitung des Meisters Awa Kenzo kam der westliche Philosoph mit der traditionellen japanischen Weisheit in Berührung und suchte Antworten auf einem Weg, der die Umkehrung des sogenannten „gesunden Menschenverstandes“ und die Veränderung des eigenen Selbst bedeutete. Diese Erfahrung wird in dem 1948 veröffentlichten Buch ›Zen und die Kunst des Bogenschießens‹ beschrieben. Die ersten Seiten kreisen um die uralte Anziehungskraft der Mystik, die begrifflich nicht faßbar ist, verbunden mit einer Reihe von Erkenntnissen, Überlegungen, Verwirrungen:

Ich hatte also erkannt, daß es keinen anderen Weg zur Mystik gibt und geben kann als den der eigenen Erfahrung und des eigenen Leidens und daß ohne diese Voraussetzung alles, was darüber gesagt werden kann, nichts als leere Worte sind. Aber – wie wird man ein „Mystiker“? Wie erreicht man den Zustand des Losgelöstseins, den wirklichen, nicht den eingebildeten? Gibt es noch einen Weg, der dorthin führt, selbst für jemanden, den der Abgrund der Jahrhunderte von den großen Meistern trennt? Für den modernen Menschen, der unter völlig anderen Bedingungen aufwächst? (Eugen Herrigel)

Eugen Herrigel (1884-1955)

Awa Kenzo (1880-1939)

Mit diesen Voraussetzungen begibt sich der Philosoph auf den Weg, im Bewußtsein der historischen und kulturellen Unterschiede, die ihn kennzeichnen. Das japanische Bogenschießen ist nicht nur eine Kriegskunst und schon gar nicht eine sportliche Disziplin, sondern eine spirituelle Praxis, die zuallererst einen intensiven Kampf mit sich selbst erfordert. „Kämpfe gegen dein Ego, lehne Rationalisierungen ab, konzentriere dich auf die Atmung!“ Einatmen und Ausatmen als zwei Momente eines einzigen kreisförmigen Prozesses, in dem es gilt, die Harmonie zu erlangen, den Geist zu befreien und den Schlag zu führen. In den spirituellen Lektionen für junge Samurai (1968-1969) bestätigt Yukio Mishima seine Bedeutung und erweitert sie auf das Leben:

Ich glaube, daß es notwendig ist, das wiederzuentdecken, was im Leben eines Menschen grundlegend ist, eine ständige geistige Spannung im Verlauf des täglichen Geschehens, die für einen Menschen charakteristisch ist, der es versteht, mit wachsamem Geist auf den Moment der Gefahr zu warten. […] Er hat das Bedürfnis, seinen Körper und sein Leben unablässig zu spannen wie einen Bogen. (Yukio Mischima)

Schließlich ist der Begriff des Weges zentral für die traditionelle japanische Vorstellung. In einem etymologischen Sinn ist alles Weg: Bushidō („Weg des Kriegers“), Budo („Kampfkunstweg“), wie bereits angedeutet bei Kyudo. Im Hagakure, dem geheimen Kodex der Samurai, den der Meister Yamamoto Tsunetomo und sein Schüler Tashiro Tsuramoto zu Beginn des 18. Jahrhunderts verfaßten, der aber erst 1906 veröffentlicht wurde, finden wir eine wichtige Definition:

In der Tat ist der Weg nichts anderes, als seine Fehler zu erkennen. Der Weg besteht darin, sein eigenes Verhalten stets zu prüfen und zu versuchen, sich selbst zu korrigieren. Das Wort „weise“ setzt sich aus zwei Ideogrammen zusammen, die „wissen“ und „Fehler“ bedeuten.

 

Yamamoto Tsunetomo (1669-1719)

Genau in diesem Bedeutungshorizont entfaltet sich die Lehre Herrigels. Ursprünglich dem westlichen, individualistischen und rationalisierenden Stil verbunden, wendet sich der Philosoph allmählich einem neuen Modell des Bewußtseins zu, das durch die Wiederholung von Gesten und durch die Loslösung von sich selbst gespeist wird.

Der perfekte Schuß, bei dem es keinen Unterschied mehr zwischen dem Menschen und dem Bogen gibt, wird nicht vom Bogenschützen abgegeben, sondern von diesem selbst. Die von Meister Awa Kenzo überlieferte Praxis ist eine Übung, die notwendigerweise die gegenseitige Durchdringung von Objektivem und Subjektivem vorsieht, die Loslösung vom eigenen Ego, die Bereitschaft, zu zielen und nicht so sehr ein äußeres Ziel zu treffen, sondern die eigene Seele, die sozusagen „durchbohrt“ wird. In diesem Sinne offenbart sich der Geist, wird enthüllt, verschmilzt mit der Handlung und erfährt dann die große Lehre:

Die Kunst wird kunstlos, das Schießen ein Nicht-Schießen, das Schießen ohne Pfeil und Bogen; der Lehrer wird wieder zum Schüler, das Ende ein Anfang und der Anfang eine Vollendung. (Herrigel)

Im letzten Teil des Buches zieht Herrigel eine Parallele zum Schwertkampf. Auch hier ist, wie der große Meister Takuan berichtet, die Loslösung von sich selbst, von seinem Schwert und vom Gegner die Voraussetzung für den perfekten Schlag. Gerade in der absoluten Leere, in der Tat, „erblüht die Handlung auf wunderbare Weise“ [5]. In „Einführung in die Philosophie der Handlung“ (1969-1970) weist Mishima auf einige Merkmale der Handlungen hin. Die Schnelligkeit, die keinen Raum zum Nachdenken läßt, es sei denn, vor oder nach der Ausführung, das Vorbild, die Gestaltung, aber vor allem die Schönheit:

Die Handlung ist völlig subjektiv. Die Aktion entspricht einer Kraft, die auf ein Ziel zustürmt, das einen geometrischen Ort bildet, und kann so schön sein wie das Laufen eines Hirsches, der sich seiner eigenen Anmut jedoch überhaupt nicht bewußt ist. (Herrigel)

Die Handlung darf nicht durch äußere Eingriffe oder Kompromisse gestört werden, denn sie erfordert Spannung und Tragik. Es ist ein individueller Akt, bei dem der Einzelne sich selbst besiegt und sich ausschließlich auf den gegenwärtigen Moment konzentriert. Nicht auf den Bogen, nicht auf den Pfeil, sondern auf den Atem. Und dann wird die Praxis, wiederholt und verinnerlicht, zur Kunst, zur Kunst des Lebens. Wie Tsunetomo bezeugt:

Das Wichtigste im Leben ist, den gegenwärtigen Augenblick mit größter Aufmerksamkeit zu leben. Die gesamte Existenz ist nichts anderes als eine Abfolge von einem Moment zum anderen. Wenn du das verstehst, gibt es keine Notwendigkeit mehr, von einem Ort zum anderen zu gehen und anderswo zu suchen. (Yamamoto Tsunetomo)

Für Mishima ist die Ausübung des Weges, in seinem Fall des Kendo, ein Weg, um dem Sumpf des Nihilismus zu entkommen. Als er im Erwachsenenalter zu dieser Erkenntnis gelangt, hat die Handlung für ihn die Kraft, den Geist von der Literatur-Krankheit zu heilen, die ihn in seiner Jugend so sehr geplagt hat. Dies sind natürlich Überlegungen, die in einen Kontext gestellt werden müssen. Aber sie enthalten eine instinktive, uralte, universelle Wahrheit. Auch weil Mishima das Sinnbild des Handelns ist, ganz im Gegensatz zur heutigen Welt: der Mann, der den Seppuku dem Kompromiß vorzog. Der Tod als integraler Bestandteil des Lebens, als seine höchste Bestätigung, als wahrer Samurai.

Doch die Handlung manifestiert sich auf viele Arten. Was Meister Kenzo an Herrigel weitergegeben hat und was er mit uns geteilt hat, ist eine reine Manifestation, frei von äußeren Beweggründen. Es ist die kunstlose Kunst eines Mannes, der sich immer wieder selbst besiegt, um sich stärker wiederzufinden. Ein Zyklus von immerwährenden Metamorphosen, in dem der Lehrer immer ein Schüler ist, durch den

„er der nicht mehr reflektierten Wahrheit begegnet, der Wahrheit über allen Wahrheiten, dem formlosen Ursprung aller Ursprünge: Das Nichts, das auchdas Ganze ist – wird von ihm verschlungen und aus ihm wiedergeboren“. (Herrigel)

Quelle: https://axismundi.blog/de/2023/07/18/kyudo-la-bellezza-e-nellazione/

 

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