Jean-Patrick Arteault

Stellen wir gleich zu Beginn klar, daß der „weiße Nationalismus“ nichts mit irgendeiner Idee von „weißem Suprematismus“ zu tun hat. Das können nur Ignoranten oder übelwollende linke Ideologen behaupten.

In Wirklichkeit enthält die Idee des „weißen Nationalismus“, die in der angelsächsischen Welt im allgemeinen und in den Vereinigten Staaten von Amerika im besonderen entstanden ist, keinerlei aggressive, erobernde oder imperialistische Konnotationen. Im Gegenteil, es handelt sich um die defensive und schützende Haltung einiger weißer Amerikaner, die sich als Angehörige einer vom Aussterben bedrohten Rasse sehen. Mehr als der Wille zur Dominanz ist es der Wille, das, was von einer als schrumpfend wahrgenommenen Welt gerettet werden kann, separat zu organisieren.

In dieser Haltung gibt es keinen Optimismus in Bezug auf die Zukunft. Diese Position, die in ihrem Herkunftsland eine extreme Minderheit darstellt, entstand in einem Kontext, in dem weiße Amerikaner die Gleichzeitigkeit von demografischer Stagnation und Überalterung der europäischen Bevölkerung, dem Bevölkerungswachstum der schwarzen und lateinamerikanischen Bevölkerung durch Einwanderung und höhere Geburtenraten als die der Weißen feststellten, mit der Aussicht auf einen Verlust der weißen Bevölkerungsmehrheit in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts.

All dies geschieht in einem Land, das aus freiwilliger europäischer Einwanderung, die in einer angelsächsischen Matrix verschmolzen ist, schwarzer Einwanderung, die weitgehend durch den Sklavenhandel erzwungen wurde, und einer hispanischen Einwanderung, die aus der spanischen Kolonialisierung stammt und revanchistisch ist, entstanden ist, einem Land, das, wie man betonen muß, die Rassenprobleme, die es oft absichtlich konstruiert hat, nie gelöst hat und die sich heute noch verschlimmern.

Seit einigen Jahren wird diese Option des weißen Nationalismus in Europa selbst von einigen europäischen Rassisten angesichts der zunehmenden, vorwiegend afrikanischen Einwanderung, die von der westlichen Oligarchie aus wirtschaftlichen Gründen gefördert und von den kulturorientierten Linken, die ihr – manchmal ohne es zu wissen – dienen, ideologisch gerechtfertigt wird, wieder aufgegriffen. Sie sehen darin einen Stützpunkt, um sich gegen eine Welle zu wehren, die ihrer Meinung nach derjenigen ähnelt, die die Weißen in den USA trifft.

In Wirklichkeit ist der „weiße Nationalismus“ in den USA zwar in einer weißen Bevölkerung denkbar, die selbst das Ergebnis von Einwanderungswellen ist, die sich mehr oder weniger untereinander vermischt haben und dabei im wesentlichen ihre ursprünglichen Besonderheiten verloren haben, aber in Europa ist dies weniger der Fall, wo die weiße Bevölkerung der verschiedenen Länder mehrheitlich von ihrem jeweiligen kulturellen, regionalen und nationalen Bewußtsein geprägt bleibt, sofern sie nicht völlig im Amerikanismus versunken sind, was eine andere Debatte ist.

Weiße Amerikaner leben ihrerseits in einem Land, in dem die kulturellen und historischen Errungenschaften im Vergleich zu den europäischen Ländern relativ gering sind (jede Gruppe behält die mehr oder weniger abgeschwächten oder bewußten Bezüge zu ihrem Herkunftsland bei), in dem die sozioökonomische Zugehörigkeit überbewertet wird und dessen Größe noch einen Wohnseparatismus zuläßt.

In gewisser Weise ist der einzige verbindende Punkt neben der Flagge und der Verfassung, der den Amerikanern einen spezifischen Zusammenhalt verleihen kann, tatsächlich der Rassenfaktor. Selbst die Religion kann nicht wirklich als identitätsstiftender Faktor fungieren, da die anderen Rassengruppen auch die von Weißen praktizierten Hauptreligionen teilen und diese Religionen, die meist aus der christlichen Matrix hervorgegangen sind, eine universalistische Weltanschauung vertreten, was nicht zur Wahrung einer besonderen Identität beiträgt. Es bleibt also nur der Rassenfaktor als vereinigender Faktor der weißen Amerikaner (und anderer!), was aber immer noch etwas armselig ist, sozusagen eine Art Minimalidentität.

Was die Europäer betrifft, so sieht die Situation selbst in der Konfrontation mit der allochthonen Einwanderung und selbst unter Berücksichtigung einer gewissen Amerikanisierung der Sitten anders aus. Ein Europäer, der nach seiner Identität gefragt wird, antwortet spontan mit dem Hinweis auf seine ethnisch-regionale Identität (wenn er sich bewußt ist, eine solche zu haben, was nicht bei allen Europäern der Fall ist) und/oder auf seine nationale Identität. Denn für die große Mehrheit der Albo-Europäer in Europa gab es keinen Bruch in der lokalen und nationalen Kontinuität der Generationen. Die Albo-Europäer sind auf ihrem Land autochthon und konnten diese Autochthonie durch eine kontinuierliche Ansässigkeit über mehrere Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende hinweg untermauern.

Abgesehen von politisierten Mikrogruppen, die bereits für die Rassenproblematik sensibilisiert sind, ist die Entdeckung der Europäer der verschiedenen Nationen, daß sie im identitätsstiftenden Sinne weiß sind, ziemlich neu und noch marginal. Diejenigen, die wirklich gereist sind (d. h. in Kontakt mit fremden Bevölkerungen gekommen sind und nicht nur in Touristenansammlungen gesessen haben), oder diejenigen, die lange in Afrika oder Asien arbeiten mußten, konnten ihr „Weißsein“ in den Augen der anderen entdecken.

Die meisten derjenigen, die schon immer in Europa gelebt haben, nehmen sie jedoch erst seit der öffentlichen und medialen Stigmatisierung wahr, der sie ausgesetzt sind, und durch die Beleidigungen und Forderungen der „Indigenisten“ und „Dekolonialisten“ – ein recht neues Phänomen.

Mit anderen Worten: Vielleicht ist es der Rassismus oder gar die rassistische Einstellung der ›Schwarzen‹ und Nordafrikaner, die einige Albo-Europäer in Europa dazu bringt, sich selbst als ›Weiße ‹wahrzunehmen oder zumindest diesen rassischen Faktor in ihr Identitätsbewußtsein zu integrieren. Und das offensichtlich sowohl im Guten als auch im Schlechten. Das führt entweder zu einem ethnomasochistischen Gefühl der Entwertung und im schlimmsten Fall zu einer Art Renegatenengagement gegen die albo-europäische rassische und kulturelle Identität selbst.

Angesichts der neuartigen und völlig ungehemmten rassistischen Offensive aus Afrika ist es wahrscheinlich, daß die bereits erwähnten politisierten Gruppen aufgrund dieses Bewußtseinszuwachses an Bedeutung gewinnen. Es ist jedoch fraglich, ob allein der rassische Bezug ausreicht, um eine massive politische Bewegung auszulösen, wenn er nicht auf ein konkretes kulturelles Bewußtsein der Identität und der autochthonen Kultur aufbaut, das sowohl lokal als auch national ist.

In dieser Hinsicht verfügen die Albo-Europäer, wenn sie sich in ihren Ländern aufhalten, über ein kulturelles und politisches Erbe, auf das sich nicht zu berufen töricht wäre. Wenn man Albo-Europäer ist, ist man nicht nur ein Weißer, sondern auch ein Autochthoner aus der Bretagne, aus Katalonien, aus dem Elsass … und aus Frankreich oder aus Tirol und aus Österreich oder aus Bayern und aus Deutschland usw. Die allochthone Unterwanderung durch die Massenmigration erschwert dieses Identitätsempfinden durch den sozialen, kulturellen und politischen Druck, den sie darstellt, aber sie hebt es nicht auf.

Des weiteren kann man nicht auf die massive Besiedlungskolonisation der letzten Jahrzehnte verweisen, die für europäische Länder zweifellos ein existenzielles Problem darstellt, ohne sich um Fragen der politischen Organisation auf europäischer Ebene oder im allgemeinen zu kümmern. Die Frage der Einwanderung und ihrer Konsequenzen sowie die Notwendigkeit der Remigration werden nicht durch Slogans oder die Organisation von survivalistischen Kleingruppen behandelt werden. Sie müssen mit einer umfassenden politischen Herangehensweise angegangen werden, die den eingeborenen „Nicht-Abtrünnigen“ als glaubwürdige Alternative erscheint.

Europa ist nicht die Europäische Union

Eines der ärgerlichsten Elemente in Gesprächen über Europa ist die systematische Verwechslung von „Europa“ und „Europäische Union“ bis zu dem Punkt, daß oft „Europa“ gesagt wird, wenn man die „Europäische Union“ meint. Natürlich spielt die EU mit dieser Verwirrung und hält sie aufrecht. Man könnte sagen, daß dies ein legitimes Propagandamittel ist, aber es ist absolut falsch.

Europa ist ein geografischer Raum, in dem seit tausenden von Jahren verschiedene menschliche Gemeinschaften mit verwandten Kulturen leben, die frühzeitig durch die Geschichte differenziert wurden. Diese Menschen bezeichnen wir im eigentlichen Sinne als Albo-Europäer.

Die ›Europäische Union‹ ist eine zwischenstaatliche Organisation, die durch den Vertrag von Maastricht entstanden ist und am 1. November 1993 in Kraft trat. Sie löste die aus dem Vertrag von Rom vom 1. Januar 1958 hervorgegangenen ›Europäischen Wirtschaftsgemeinschaften‹ ab. Die ›EWG‹ wiederum war eine Fortsetzung der ›Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl‹, die durch den Vertrag von Paris vom 23. Juli 1952 geschaffen wurde. Die Europäische Union ist tatsächlich das Ergebnis eines Prozesses, der bereits in den 1920er Jahren in den Kreisen des „Okzidentalismus“ eingeleitet wurde.

Tatsächlich gibt es eine Vorgeschichte der EU mit drei maßgeblichen Einflüssen: den westlich-angelsächsischen Globalismus, der zu dieser Zeit hauptsächlich britisch war, insbesondere die Milner-Gruppe, in der Jean Monnet seine ersten Erfahrungen machte und seine Modelle fand; den paneuropäischen Föderalismus von Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi, der auf ein gemischtes europäisches Volk abzielte, das von einer doppelten Aristokratie geführt wird, einer aus dem Judentum und einer aus dem alten Adel stammend; und eine Reihe pazifistischer und internationalistischer Ideen aus Frankreich, die durch die Ausrichtungen von Léon Bourgeois und Aristide Briand, letzterer offensichtlich von Coudenhove-Kalergi beeinflußt, übermittelt wurden.

Es ist erwähnenswert, daß die Erfahrungen des Völkerbunds einen bedeutenden Einfluß auf die Bildung der europäischen Ideologie hatten. Das Fundament der Ideologie des Völkerbunds war ein Kompromiß zwischen der des Milner-Clubs und der der französischen Freimaurerrepublik. Es sei daran erinnert, daß die bereits erwähnten Léon Bourgeois und Jean Monnet jeweils erster Präsident bzw. erster stellvertretender Generalsekretär waren.

Praktisch gesehen war der Völkerbund zwar weltweit gerechtfertigt und hatte weltweite Auswirkungen, war aber im wesentlichen eine europäische Organisation, da die meisten seiner Mitglieder Europäer waren oder von Europa abhängig waren und die weltweite Macht immer noch in Europa lag.

Der vermeintliche Einfluß des nationalsozialistischen Deutschlands auf die europäische Idee

Wir müssen nun ein problematisches Element dieser Vorgeschichte der Europäischen Union betrachten, das in den letzten Jahren wieder verstärkt in den Vordergrund gerückt ist. Es handelt sich um den vermeintlichen Einfluß

des nationalsozialistischen Deutschlands auf die europäische Idee während des Zweiten Weltkriegs. Dieses Thema ist sowohl durch die Arbeiten orthodoxer kommunistischer Historiker wie Annie Lacroix-Riz, die die Rolle nicht gesäuberter französischer „Kollaborateure“ in der Nachkriegszeit und insbesondere im „europäischen Aufbau“ aufzeigen, als auch durch die Arbeiten klassischerer Historiker wie Georges-Henri Soutou und durch die Arbeiten französischer Souveränisten wie Pierre-Yves Rougeyron oder Philippe de Villiers zur Rolle der nationalsozialistischen Ideologie bei der Konzeption des Europäismus und zur Rekrutierung ehemaliger Nationalsozialisten in den frühen Jahren der Europäischen Gemeinschaften wieder in den Vordergrund gerückt. Ihrer Meinung nach wäre die ›Europäische Union‹ in grober und kurzer Form die akzeptable und modernisierte Umsetzung eines deutschen nationalsozialistischen Projekts.

Ohne hier ins Detail gehen zu können, möchten wir dennoch einige Anmerkungen machen. Zunächst muß man die tatsächliche Rolle des nationalsozialistischen Deutschlands vor und während des Krieges von der Rolle unterscheiden, die Nachkriegsgenerationen rückblickend dem Nationalsozialismus zuschreiben, um eigene Zwecke zu verfolgen.

Vor dem Krieg ist es nahezu unbestreitbar, daß die nationalsozialistische Agenda überwiegend auf das nationaldeutsche Interesse ausgerichtet war und nur marginal europäisch. Das galt auch zu Beginn des Krieges, im wesentlichen bis zum Beginn des Einmarsches in die UdSSR. Man versuchte zwar, die als „germanisch“ qualifizierten Völker um Deutschland zu sammeln, aber das geschah immer noch aus einer rein germanozentrischen Perspektive.

Erst als die Dinge an der Ostfront wirklich ernst und gefährlich wurden, konnte unter dem Deckmantel des Antikommunismus in einigen SS-Militärkreisen und bei einigen wenigen Politikern die Idee eines „europäischen“ Modells des ›Neuen Europa‹ zu keimen beginnen. Wenn einige Europäer ihre früheren europäistischen Erwartungen auf das nationalsozialistische Deutschland projizierten und sich engagierten, so betraf das nur sie selbst. Es ist interessant festzustellen, daß unter den französischen Freiwilligen ehemalige Vertreter der pazifistischen, sozialistischen oder briandistischen Linken zu finden waren, die bereits auf eine europäische Vision vorbereitet waren.

Der „Okzidentalismus“ als Produkt des Sieges der Angelsachsen

Der ›Okzidentalismus‹ hingegen ist das Produkt des Sieges der Angelsachsen im Jahr 1945 und insbesondere des Eintritts der USA in den Wettbewerb um die Weltherrschaft.

Die angelsächsischen Netzwerke der Vorkriegszeit, die einer inzwischen wohlbekannten angloamerikanischen Oligarchie angehörten, wurden wieder in ein geopolitisches Projekt der USA eingebunden, das den Schwung nutzte, der durch die neuen internationalen Institutionen des UN-Systems entstanden war, zu deren Gestaltung die USA maßgeblich beigetragen hatten.

Die Organisation für ›Europäische Wirtschaftliche Zusammenarbeit‹, die im Juli 1947 zur Verteilung der Marshall-Hilfe gegründet wurde und deren Vizepräsident Jean Monnet war, der Europarat, der 1948 auf Initiative (unter anderem) von Joseph Retinger, dem späteren Initiator der Bilderberg-Gruppe, und Robert Schuman, einem der Initiatoren der Europäischen Gemeinschaften, gegründet wurde, waren Teil dieser Logik; Die ›Nordatlantikvertragsorganisation‹ wurde im April 1949 als militärischer Teil einer westlichen Integration unter Einschluß Europas gegründet; mit amerikanischer Unterstützung trieben Jean Monnet und Robert Schuman 1950 die Initiative für die ›Wirtschaftsgemeinschaft für Kohle und Stahl‹ voran, die sich 1957 zur ›Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft‹ und nach dem Vertrag von Maastricht 1992 zur ›Europäischen Union‹ weiterentwickelte.

Die Bilderberg-Gruppe wurde 1954 auf Initiative von Joseph Retinger gegründet, um die Netzwerke der atlantischen Oligarchie diskret zu beleben, indem sie Überlegungen zu den Projekten des westlichen und europäischen Ganzen anstellte. In diesem Panorama dürfen wir nicht die föderalistischen Bewegungen in Europa vergessen, die vom US-Außenministerium, dem OSS und der CIA offen gefördert wurden, um in den politischen Kreisen, die aus der Résistance hervorgegangen sind oder nicht, Propaganda zu betreiben.

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß die Institutionen, aus denen die ›Europäische Union‹ hervorgehen sollte oder die sich um sie herum bewegen, von Anfang an eine liberale, freihändlerische, westlich orientierte, atlantische und globalistische Philosophie verfolgten. Die ›Europäische Union‹ als Organisation leidet also an einem ursprünglichen Konstruktionsfehler, der sie völlig ungeeignet macht, das Schicksal eines „europäischen“ Europa zu übernehmen.

Ihre gesamte Geschichte seit ihrer offiziellen Konstituierung im Jahr 1993 veranschaulicht eine Kontinuität, Vertiefung und Erweiterung dieser ersten Prägung. Alle, die glauben, man könne diese Organisation von innen heraus weiterentwickeln und sie als Grundlage für eine neue europäische Föderation oder Konföderation nutzen, die sich auf ethnisch-kulturelle Identitäten, auf die sozialen, wirtschaftlichen und geopolitischen Interessen Europas im engeren Sinne konzentriert, irren sich.

Wenn man das „Gewicht“ der Verträge, die so konzipiert sind, daß sie nur sehr schwer veränderbar sind, das Gewicht der sogenannten europäischen, in Wirklichkeit aber westlich orientierten „Werte“ und das Gewicht aller Einflußgruppen, die um sie herumschwirren, berücksichtigt, wird schnell klar, daß man die ›Europäische Union‹ nicht von innen heraus verändern kann.

Sie ist eine schädliche Organisation, die den schönen Namen Europa verunreinigt und die en bloc abgeschafft werden muß, damit etwas anderes auf einer neuen Grundlage aufgebaut werden kann. Hier erkennt man die Bedeutung der investigativen Arbeit und der Dekonstruktion der EU-Mythen, die von den souveränistischen Kreisen trotz ihrer germanophoben Auswüchse geleistet wurde.

Man muss anerkennen, daß sie sich mit Mut, Professionalität und Pädagogik an oftmals trockenen und sehr technischen Dossiers abgearbeitet haben. Die abstruse juristische Technizität des „europäischen Einigungswerks“ war eine der Methoden der Schule von Jean Monnet, um die wahren Ziele ihres Projekts unsichtbar zu machen: Da die Details für Nicht-Technokraten unverständlich sind, schaute man nicht auf die Teufel, die sich darin einnisteten. Gleichzeitig ist zu bedauern, daß die identitären Kreise, die eher für große lyrische Schwärmereien als für ein ernsthaftes Studium der „europäischen“ Verträge, Richtlinien und Verordnungen empfänglich sind, wenig Enthusiasmus für diese Aufgabe aufbringen.

Europa ist keine Nation, sondern eine gemeinsame Zivilisation

Europa ist keine Nation, sondern eine gemeinsame Zivilisation von ethnisch und kulturell verwandten, aber durch eine lange Geschichte differenzierten Völkern. Der grundlegende Widerspruch all derer, die die europäische Einheit anstreben, sei es aus der Perspektive des westlichen Europäismus, aus der Perspektive von Yann Fouérés ›L’Europe aux cent flags‹ oder aus der Perspektive von Jean Thiriarts ›Nation Europe unitaire‹, besteht darin, daß diese Konstruktionen die Existenz eines europäischen Volkes voraussetzen, es aber kein europäisches Volk im Singular gibt. Die historische Erfahrung zeigt jedoch, daß ohne Volk keine politische Strukturierung möglich ist, und die Schaffung eines Volkes läßt sich nicht verordnen.

Einige beziehen sich auf die Indoeuropäer, um die Existenz eines europäischen Volkes zu behaupten. Es ist weitgehend eine Sophismus. Es ist wahr, daß bei den meisten historischen europäischen Völkern (aber nicht bei allen) die dauerhafte Prägung der Indo-Europäer an der sehr alten Wurzel liegt. Die Mehrheit der europäischen Sprachen ist indogermanisch, die ältesten und grundlegendsten geistigen, kulturellen, soziopolitischen und symbolischen Strukturen können mit der ursprünglichen indogermanischen Matrix in Verbindung gebracht werden, unter der Voraussetzung der Vermittlung durch protohistorische und historische Völker, was für unseren Zweck ohne Bedeutung ist.

Die moderne genetische Wissenschaft kann durch die Paläogenetik auch die rassische Abstammung der meisten zeitgenössischen Europäer aufzeigen. Doch diese gemeinsame Abstammung liegt mindestens 10 000 Jahre zurück, und seitdem ist viel passiert, unter anderem frühe ethnokulturelle und politische Trennungen und Differenzierungen. Und von der Legitimität, die in dieser Logik eines auf Indoeuropäern basierenden einheitlichen Volkes die Kurden, die Mehrheit der Iraner, die Paschtunen und die Nordinder hätten, sich diesem auf Indoeuropäern basierenden Volk anzuschließen, soll hier gar nicht erst die Rede sein.

Bereits in frühgeschichtlicher Zeit (also vor der schriftlichen Dokumentation) erscheinen die Völker, die das historische Europa bilden werden, als unterschiedlich und getrennt. Die historische Epoche selbst war von tiefgreifenden Umwälzungen geprägt, und erst am Ende des Mittelalters waren die Völker des modernen Europas in all ihren Eigenheiten – Sprachen, Kulturen, Rechtsgewohnheiten, Sitten, Mentalitäten und nationalen Charakteren – weitgehend stabilisiert. Vom Mittelalter bis in die Gegenwart behaupteten sie sich auch in ihren geopolitischen Rivalitäten, die manchmal blutig waren. Doch diese tiefgreifenden Unterschiede und Konflikte hindern die Europäer als Völker und Staaten keineswegs daran, eine gemeinsame Zivilisation zu empfinden und zu praktizieren.

Diese hat, wie wir gesehen haben, ihre Wurzeln in der indoeuropäischen Grundlage über die großen griechischen, lateinischen, germanischen, keltischen und slawischen Ethnokulturen, um nur die wichtigsten Einflüsse zu nennen. Diese Zivilisation, das ist nicht zu übersehen, wurde auch durch die christliche Akkulturation verändert. Dies war ein großes Ereignis, ein Erdbeben, dessen Nachbeben bis heute zu spüren ist. Es gab sowohl eine Veränderung des indoeuropäischen zivilisatorischen Substrats durch die nicht-europäischen Werte, Überzeugungen und Praktiken des Christentums als auch eine Aneignung-Neutralisierung eben dieses Christentums durch die Macht des indoeuropäischen kollektiven Unbewußten.

Für eine gewisse Zeit wurde das Christentum von der indoeuropäischen Matrix gewissermaßen verdaut und neu ausgerichtet. Das war die Größe und das Paradoxon des Mittelalters, dessen bewußte religiöse Bezüge christlich waren, dessen kulturelle, soziale und militärische Dynamik aber vom Vitalismus und den unbewußten indoeuropäischen Archetypen getragen wurde. Für eine gewisse Zeit, so sagten wir, denn diese instabile Mischung zwischen antagonistischen Werten führte durch die symmetrische Fusion und Mutation der beiden Beiträge zum modernen Okzidentalismus.

All dies soll sagen, daß es zwar kein europäisches Volk (im ethnisch-kulturellen Sinne) oder eine europäische Nation (im politischen Sinne) gibt, sondern im Gegenteil eine Vielzahl von historisch differenzierten und nicht mischbaren europäischen Völkern und Nationen, daß es aber sehr wohl eine europäische Zivilisation gibt. Diese beruht auf verwandten Anthropologien, Sprachen, die größtenteils aus demselben indoeuropäischen Stamm stammen, Kulturen, die ähnliche Wertvorstellungen, Mythen, Symbole und Religionen teilen, und einer Zivilisation, die auch aus einem jahrhundertelangen menschlichen Austausch besteht, der in jeder Hinsicht fruchtbar war.

Auf dieser Grundlage können die europäischen Staaten, ohne ihre Souveränität und ihre Eigenheiten aufzugeben, starke und bevorzugte Synergien aufbauen. Diese Synergien dürfen jedoch nicht mit der Schaffung eines einzigen Staates verwechselt werden: Politik und Zivilisation sind nicht von gleicher Natur.

 

Quelle: https://www.terreetpeuple.com/reflexions-de-jp-arteault/6356-leurope-nest-pas-reductible-au-nationalisme-blanc.html
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