(Auszug aus: Hans F. K. Günther: Rassenkunde Europas. Mit besonderer Berücksichtigung der Rassengeschichte der Hauptvölker indogermanischer Sprache, J. F. Lehmann, München 1923; Neue korrigierte und ergänzte Erscheinung: Lebensgeschichte des Hellenischen Volkes, Bebenburg, Pähl 1965) Siehe auch: Pierre Krebs, Mars Ultor 2003, Der Taschenplaner der Avantgarde, Ahnenrad der Moderne, Kassel 2002).

Man hat die Ursitze der Hellenen nach Ostungarn verlegt, aber in hellenischen Sagen auch verblaßte Erinnerungen an eine noch weiter zurückliegende Vergangenheit in Mittel- bis Nordwesteuropa erkennen wollen. Vorgeschichtsforschung und Sprachwissenschaft haben drei Haupteinwanderungen jeweils von den Gebieten der unteren Donau her ergeben, die der Ionier, vielleicht um 2000 v.d.Z., die der Achaier und Aioler um 1400 oder 1300 v.d.Z. und die der dorischen Stämme um 1100 v.d.Z. Man muß sich diese Haupteinwanderungen, denen aber Einwanderungen kleinerer Scharen vorausgegangen und nachgefolgt sein mögen, als das Vorrücken und schließliche Ansässigwerden landsuchender bäuerlicher Krieger vorstellen, welche auf Ochsenwagen selbst ihre Hausschweine mittel- bis nordwesteuropäischer Herkunft mit sich führten.

Die Hellenen fanden in Griechenland eine einheimische Bevölkerung vor, welche nach Schädelfunden und bildlichen Zeugnissen der Rasse nach in ihrer Hauptmasse als vorwiegend westisch mit vorderasiatischem Einschlag erscheint, eine Bevölkerung mit mutterrechtlichen Anschauungen und bestimmten Glaubensvorstellungen, welche Schuchhardt in seinem für die hellenische Vorgeschichte und Frühgeschichte besonders wertvollen Buche Alteuropa (1926) als kennzeichnend für die (vorwiegend westischen) Mittelmeervölker Alteuropas beschrieben hat.

Die eindringenden hochgewachsenen, hellhäutigen, blonden, helläugigen Hellenen mit vaterrechtlicher Geschlechterordnung, die Leichenverbrennung ausübend, als Waffen Panzer und Beinschienen und den Rundschild (aspis) mitteleuropäischer Herkunft gebrauchend, wurden nun zur Herrenschicht über die kleingewachsene, dunkle Vorbevölkerung, der Mutterrecht, Leichenbestattung und Langschild eigen waren. Ein Ringen auch der Kunststile, der eingeführten nordeuropäischen mit den einheimischen beginnt, ein Ringen der Glaubensvorstellungen und Sitten, welches teils zu Verdrängungen des Einheimischen durch das Nordeuropäische, teils zum Ausgleichen, teils zu einem dauernden Ringen beider führt, bis endlich bei Schwinden der nordischen Rasse im  Hellenentum nicht-nordisches Glaubens- und Kunstempfinden, nicht-nordische sittliche Anschauungen sich durchsetzten. Am Beispiel des Glaubensebens hat Kynast in seinem Buche Apollon und Dionysos.
Nordisches und Unnordisches innerhalb der Religion der Griechen (1927) dieses Ringen der Rassenseelen im Hellenentum erwiesen. Man könnte die ganze hellenische Geistesgeschichte wie die hellenische Staatengeschichte als eine Auseinandersetzung nordischen Geistes und nicht-nordischen darstellen. Daß die Hellenen oder doch die Herrenschicht der Stämme hellenischer Sprache, also die Nachkommen der von der unteren Donau her eingewanderten Sprachüberbringer, der Rasse nach nordisch waren, ist im Jahre 1842 zuerst von dem englischen Schriftsteller Bulwer (Lord Lytton) erkannt worden. Heute betont ein Geschichtsforcher wie Beloch diese Tatsache gleich zu Beginn seiner Griechischen Geschichte (Bd. 1, 1912). Ich konnte in meiner Rassengeschichte des hellenischen und des römischen Volkes (1929) aus Homer, Hesiod, Alkman, Pindaros, Hippokrates,
Bakchylides und auch späthellenischen Dichtern die Zeugnisse  dafür angeben, daß die Hellenen Götter und Göttinnen, Helden und Heldinnen als Gestalten nordischer Rasse sehen, daß sie aber auch von den nordischen Rassenmerkmalen ihrer Zeitgenossen berichten. Die bildende Kunst der Hellenen stellt den edlen Menschen immer nur als einen Menschen nordischer Rasse dar, während sie den Bildwerken der als unedel zu kennzeichnenden Menschen Merkmale der ostischen, vorderasiatischen und negerischen Rasse verleiht. Ein Sokrates mit seinen unnordischen Zügen wird von seinen Zeitgenossen selbst durchaus als eine Ausnahme empfunden.

Die rassische Schichtung ist im athenischen Staatswesen nie so deutlich hervorgetreten wie in Sparta. Die Überschichtung vorwiegend nordischer Geschlechter gehörte in Athen einem früheren Abschnitt der Vorgeschichte an als in Sparta. Hat sich in Sparta bei der Herrenschicht immer eine gewisse Empfindung rassischer Verschiedenheit gegenüber den unteren Schichten erhalten, so fühlten sich die Athener bis auf die Sklavenschicht viel mehr als ein einheitliches Volk. Als die Schicht, innerhalb deren sich die nordische Rasse am besten erhalten hatte, muß man den Adel ansehen, die eugeneis, d. h. Wohlgeborenen, auch gennetai  ›Geschlechtsgenossen‹ oder homogalaktes ‹Menschen gleicher Muttermilch‹ genannt, ein Stand, der ursprünglich die Großbauern des attischen Stammes umfaßt haben mag. Es war diejenige Schicht, welche bei Homer als die oristoi erschienen war. Unter dieser Schicht folgte eine weitere Schicht von Freien, diejenigen freien Bauern, welche
bei Homer als demû andres erschienen waren, den ›Gemeinfreien‹ des deutschen Mittelalters vergleichbar. Diese Schicht mag weniger als die der eugeneis durch überlieferte Anschauungen gehemmt worden sein, sich mit der nicht-nordischen vorhellenischen Bevölkerung Attikas zu vermischen.

Die nicht-nordische vorhellenische Bevölkerung im Aufbau des athenischen Staatswesens wird man unter den ›Handwerkern‹ zu suchen haben, welche in der sagenhaften Verfassung erscheinen, die Theseus dem Staatswesen gegeben haben soll. Zur nicht-nordischen Schicht sind ferner die Sklaven zu zählen, welche in Athen seit dessen Frühzeit nicht gering an Zahl waren und die im Lauf der Jahrhunderte durch Einfuhr hauptsächlich aus Kleinasien, somit aus Gebieten vorwiegend vorderasiatischer Rasse, immer zahlreicher wurden. In Athen und anderen hellenischen Stadtstaaten hat das Sklaventum eine viel größere Bedeutung für den Rassenwandel bekommen als in Sparta; dabei hat sich das Empfinden, daß die Sklaven und deren freigelassene Nachkommen Rassenfremde seien, noch bis in die Spätzeit Athens erhalten. Wie Herodotos eine Vorzeit seines Volkes erwähnt, die noch keine Sklaven gekannt habe, so unterscheidet Aristoteles die Rasse der Hellenen und Freien von der der Barbaren und Sklaven. Unter den Sklaven befanden sich auch kriegs-
gefangene Hellenen aus anderen Stämmen; ihre Zahl mag gering gewesen sein, doch hat die Sklavenschicht durch sie wohl einen schwachen Einschlag nordischer Rasse erhalten.


Abb. III.1a:
Links: Perikles, römische Kopie eines Originals nach Cresilias, um 430-420.
Unten links: Unbekannter Hellene aus dem 5. Jh. v.d.Z.
Unten rechts: Polyklet: Diadumenos, Athletenstatuette (5. Jh. v.d.Z.)
Abb. III.1b:
Oben: Tempel von Hephaistos mit Westrand der Agora von Athen in der Zeit von Pausanias 82. Jh. v.d.Z.) Unten: Akropolis von Athen nach G. Ph. Stevens (1. Jh. n.d.Z.)