Lorenzo Merlo
Die vorherrschende Meinung zu Nietzsches „Gott ist tot“ wird durch eine lineare Interpretation geprägt, ähnlich der, die jeder von uns formulieren kann, wenn wir beispielsweise die Gründe für den Werteverfall anführen oder die Ursachen für grausames Verhalten erklären wollen. Sie entspricht dem katholischen Konzept des „außerhalb der Gnade Gottes“.
Doch das „Gott ist tot“ des deutschen Philosophen ist von ganz anderem Kaliber und spielt auf den Verlust des eigenen Selbst und der damit verbundenen schöpferischen Kraft („Wille zur Macht“) an, die auf das Ich reduziert ist, das Wesen des „Letzten Menschen“.
Ein Mensch, in dem das Bewußtsein für die göttliche Natur, deren Ausdruck er ist, abgestorben ist – getötet durch den Glauben an oder die Vorstellung von einem außerhalb stehenden Gott, den er aufgrund seines maßlosen Egozentrismus auf ungeschickte Weise verflucht und anruft; dieser Egozentrismus ist der Dreh- und Angelpunkt der Verkennung von allem, außer des geringen fachlichen und spezialisierten Wissens, dem er nachjagt, wobei er seine Seele preisgegeben hat.
[Dieser Artikel verwendet den Begriff „Bewußtsein“ mehrfach in der folgenden Bedeutung: Bewußtsein, dessen Wesen keinen kognitiv-verallgemeinerbaren Charakter hat, dessen Vergegenständlichungsprozess weder im intellektuellen Verständnis besteht noch darauf beruht. Es handelt sich vielmehr um das Eintreten eines wieder-schöpferisch-individuellen Ereignisses, das nicht metaphysisch, sondern fleischlich ist, nicht erlangbar, nicht kodifizierbar, nicht protokollierbar und nicht übertragbar. Wer versuchen will, Bewußtseinszustände zu vermitteln, kann sich der Mäeutik zuwenden, sicherlich nicht der Methode, der Metapher, nicht der Fragmentierung der Analyse, dem Ganzen, nicht den Teilen.]
Die dreifache Einheit
Die gängigste Interpretation des Nietzsche’schen Begriffs vom „Tod Gottes“, dem er den Ursprung des Nihilismus zuschreibt, steht meiner Meinung nach nicht im Einklang mit der Denkweise des deutschen Philosophen – einer Denkweise, deren Höhepunkt sich in einer dreifachen Einheit entfaltet, die in seiner „Umwertung aller Werte“ zum Ausdruck kommen könnte.
Neben dem Tod Gottes gehören dazu der „Wille zur Macht“ und der „Übermensch“. Drei menschliche Dimensionen, die sich nur gleichzeitig verwirklichen lassen. Der Übermensch ist Träger eines Bewußtseins, das den Menschen von den Fesseln der Abhängigkeit gegenüber dem außerhalb stehenden Gott befreit, jenem Gott, an den der Letzte Mensch glaubt und den er beschreibt – anthropomorph und von ihm selbst getrennt.
Eine Befreiung, die wiederum durch den „Willen zur Macht“ erfolgt – gleichbedeutend mit dem Bewußtsein der menschlichen Schöpferkraft, die unter anderem auch jenen Gott hervorgebracht hat, vor dem man sich fürchtet oder an den man sich in der Not wendet, der immer dort oben „über den Wolken” ist und alles sieht, was wir tun.
Diese Art Ideologie dient als Leitfaden für das richtige Verhalten und als Anlaufstelle in der Hoffnung auf Antworten auf ungelöste Fragen und Dilemmata. Eine Entität, die psychologisch eher dem Diener Aladin ähnelt, immer bereit, zur Hilfe zu eilen – zumindest in der Hoffnung einer Gebetserhörung, die, anstatt Vereinigung mit dem allgegenwärtigen Göttlichen zu sein, und Zugang zur Sublimierung der eigenen Sorgen in schöpferische Energie zu bieten, sich auf eine schamlose Bettelei reduziert, auf die Forderung nach Hilfe, die man, wenn man nur danach suchen würde, in sich selbst fände – eine Geste, die in ihrer Energie – da egozentrisch – genau das Gegenteil der meditativen Geste darstellt, die fähig ist, Kräfte und Kreativität zu sammeln, um Schwierigkeiten zu überwinden und sie durch Akzeptanz aufzuheben.
Ein geschaffenes Wesen, das sich für schöpferisch hält, unbegreiflich für den „Letzten Menschen“, der in egoistischen Horizonten gefangen ist, durchdrungen von positivistischen Ansprüchen und logisch-rationalen Methoden, mit denen er sich ständig den Kopf darüber zerbricht, warum Gott so viel Böses zuläßt. Ein duales Wesen, also eines, das ausschließlich in der Gegenwart dessen, was sein Gegenteil ist, zur Existenz gezwungen ist.
In dieser existenziellen Farce liegt die Unfähigkeit des „Letzten Menschen”, das Eine oder die Einheit aller Dinge zu erkennen oder die Göttlichkeit, die in uns ist. Der „Übermensch” hingegen entspricht dem „vollendeten Menschen“, der kein Selbstmitleid kennt und seine absolute Verantwortung für seinen eigenen Zustand sieht, dem er mit einer unerschütterlichen Widerstandsfähigkeit begegnet.

Im Gegensatz zum „Letzten Menschen”, der gezwungen ist, seine Energie sowohl in Selbstgefälligkeit und Opferhaltung als auch in der Verteidigung seines Egos und seiner Eitelkeit zu verschwenden, entspricht dem „Übermenschen” Unabhängigkeit und Befreiung von allen regulierenden, reglementierenden und ideologischen Systemen – also die größtmögliche Kraft, die ihm zur Verfügung steht.
Der Nihilismus – oder vielmehr die Nihilismen – dürfen in dieser Betrachtung nicht fehlen: Der eine ist negativ, destruktiv, verhängnisvoll oder absolut, der andere positiv, schöpferisch, evolutionär oder relativ, absolut insofern, als er eine implizite Folge des Glaubens des Menschen an die Werke seines eigenen Ichs ist.
Ein Vorspiel zu dem Drama, das sich vollendet, indem es das genaue Gegenteil dessen enthüllt, woran er geglaubt hatte: die Erkenntnis der Nichtigkeit und des Zustands der Unbewußtheit, in dem er bis zum verhängnisvollen Zusammenbruch des Kartenhauses verharrt hatte, mit dem er sich auf seiner Jagd nach technischem und moralischem Wissen identifizierte – im festen Glauben, auf der Seite des Richtigen und der Wahrheit zu stehen.
Die Reißzähne des verhängnisvollen Nihilismus beißen zu, doch sein Rachen kann einzig und allein den „Letzten Menschen“ verschlingen – den am weitesten verbreiteten Typus des westlichen Menschen – aber nicht nur. Es ist dieser Mensch, der außerhalb seiner selbst nach Heilmitteln für das sucht, was ihm fehlt, für das, was ihm Unbehagen bereitet. Es ist dieser Mensch, der etwas hervorbringt und dann dem Feind die Verantwortung für seinen eigenen Zustand zuweist. Im Wesentlichen verschwendet er seine gesamte Lebensenergie mit unangebrachten Bemühungen um bessere Lebensbedingungen. Nur dieser Menschentyp kann in den Verlust von Sinn und in die brutale Orientierungslosigkeit eines verhängnisvollen Nihilismus stürzen.
Der relative Nihilismus hingegen verweist auf die Einsicht, daß jede Bevorzugung einer menschlichen Behauptung gegenüber anderen, jede Hierarchie von Ideen, die Handlungen, Entscheidungen und Werke verdinglicht, einer zutiefst egohaften Auffassung der Existenz entspricht. Daher wird es notwendig, darauf zu verzichten, sich als Eroberer oder Priester höherer Werte zu verstehen, da eine solche Haltung Konflikte hervorbringt, den Status quo aufrechterhält und die Geschichte immer wieder reproduziert.
Relativ bedeutet daher, die Welt aus dem eigenen Selbst heraus zu betrachten und zu erkennen, daß wir die Marionette des Ichs sind, für das wir uns gehalten haben. Während der absolute Nihilismus das Ego betrifft und in dem Moment, in dem er uns erfaßt, dessen Gerüst zerstört und uns in der Finsternis zurückläßt, nutzt der relative Nihilismus – der in uns durch ein Trauma, einen Aha-Moment oder allmählich durch die Suche nach Antworten entstehen kann, die nicht so vergänglich und eigennützig sind wie jene, die uns das Ich liefert – die Befreiung vom eigenen Ich.
Aus diesem Grund löscht er uns nicht das Licht aus, sondern beleuchtet die Wirklichkeit, indem er die Schatten offenbart, die wir für Erkenntnis hielten, und läßt die energetischen Beziehungsdynamiken zwischen allen Dingen aufleuchten wie Weißlicht in einer Diskothek, sodaß wir frei beobachten können, welche Kräfte das Verhalten der Menschen bestimmen und inwieweit ihre Trägheit sie dem Abdriften überläßt. So können wir handeln, ohne den Zwängen und der Eitelkeit des Egos zu unterliegen. Ohne den unterschwelligen Gedanken, eine vom Ganzen unabhängige Identität zu sein.
Die Blume
Der aktive Nihilismus ist nicht der verzweifelte Höhepunkt, der dem absoluten Nihilismus gleichkommt, sondern eine Übergangsphase der evolutionären Entwicklung, die von dem Subjekt neu gestaltet wird, das sich seiner Identifikation mit dem ichbezogenen Selbst bewußt wird. Tatsächlich befreit es sich durch die Einsicht in die Bedeutungslosigkeit und Eitelkeit jeder egoistischen Handlung und jedes egoistischen Gedankens und gelangt so zur authentischen, universellen, jahrhundertübergreifenden Erkenntnis.
Ein Wissen, das die „Umwertung aller Werte“ mit sich bringt, gekennzeichnet durch einen Zustand moralischer Kraft, der ausstrahlt und den Nächsten einbezieht, der – um katholische Begriffe zu verwenden – es ermöglicht, die existenzielle Hölle durch das irdische Paradies zu ersetzen. Ein symbolisches Reich, das auf einen innigen, erhabenen Zustand anspielt, der dem „Letzten Menschen” verwehrt bleibt. Ein existenzieller Zustand, in dem sich der „Wille zur Macht” spontan entfaltet, befreit von den egozentrischen Hindernissen, die ihn zuvor einengten und gleichzeitig den Rückgriff auf Niedertracht, Arglist, Lüge und all jene Verhaltensweisen begünstigten oder gar erzwangen, die im Kanon der Todsünden zusammengefaßt sind.
Der Nihilismus in Nietzsches Philosophie ist also evolutionär, da sich der „Übermensch” der Leere, die auf der Eitelkeit und dem Schein menschlicher physischer und metaphysischer Werke beruht, voll und ganz bewußt ist.
So zu handeln, als hätten diese Werke universelle Macht und Wert – was das Wesen des Egozentrismus ausmacht –, ist nichts anderes als die Voraussetzung für den Verlust des Lebenssinns, für den Sprung in die spirituelle Leere. Mit diesem Bewußtsein legt der „Übermensch” die Meßlatte seiner Unverwundbarkeit höher, das heißt, er wird fähig, keine Energie mehr in Selbstmitleid zu verschwenden, sondern diese Energie dafür einzusetzen, sich nach jedem Sturz und in jeder Schwierigkeit wieder aufzurichten. Er wird er Selbst und hört auf, sich mit den Masken der Rollen zu identifizieren, die er im Laufe der Zeit verkörpert.
In dieser Abhandlung fehlt jedoch ein wichtiges Element, nämlich das Bewußtsein der „ewigen Wiederkehr des Gleichen“, auf das zumindest kurz eingegangen werden muß. Es betrifft die Wiederholung der Geschichte.
Liegt nicht im „Letzten Menschen” der Ursprung für die Fortdauer jener Geschichte von Konflikt und Leid, in der wir uns befinden? Ein Zyklus, der sich unter wechselnden Erscheinungsformen verbirgt und deshalb in seiner eigenen Umlaufbahn unauslöschlich bleibt – einer Umlaufbahn, die immer wieder mit einer geraden Linie verwechselt wird, die angeblich in die Zukunft führt.
Wie könnte man diese kosmische Entfernung des „Letzten Menschen” von einer solchen Einsicht nicht erkennen? Oder anders gefragt: Wie könnte man nicht gerade in dieser Erkenntnis auch das finden, was hingegen den „Übermenschen” kennzeichnet? Ist es nicht angebracht, im Wesen des „Übermenschen” das zu erkennen, was notwendig ist, um zu einer anderen Art von Geschichte zu gelangen?
Der Umarmung entgegen
Die persönliche Isolation, die der deutsche Philosoph erlebte und die durch das allgemeine Unverständnis gegenüber seinem Denken, seinem „Übermenschen“, seinem „Willen zur Macht“ und seinem „Tod Gottes“ hervorgerufen wurde, zeigt einerseits sein großes visionäres Talent – das vielleicht so sehr in einem kristallklaren Intellekt gefangen war, daß es der Verkörperung der Umwandlung aller Werte im Wege stand – und erzählt andererseits von den Gründen – zumindest den Anzeichen – für seinen Zusammenbruch.
Das Prinzip des Ashrams, also eines Gefährtenkreises, hätte ihn vielleicht vor der Umarmung des Pferdes bewahrt. Wäre dies der Fall gewesen, könnte man feststellen, daß der Prozeß von Nietzsches Philosophie, nicht egoistischer Natur war und therapeutisches sowie heilendes Potenzial besaß, offensichtlich nicht zur Tat, zur Realität geworden war, da er in der intellektuellen Dimension des Philosophen und letztlich im egoistischen Anspruch auf Anerkennung verhaftet geblieben war.
Ein spirituell tödlicher Konflikt, in dem er am Ende scheiterte, was seinen Kritikern Anlaß gab zu behaupten, er habe eine törichte Utopie verfolgt. Es handelt sich um eine radikale und heftige Kritik, die jedoch dazu bestimmt ist, in der rein intellektuellen Dimension zu versanden.
Als Bezugspunkte dienen hier die Buddhas und Bodhisattvas, also jene Wesen, die den Schritt vollzogen haben, der Nietzsche fehlte, und zu dem sie – und das ist der springende Punkt – nicht durch das Denken, sondern durch Meditation und Kontemplation gelangt waren.
Ein tödlicher Konflikt – wie gesagt – bis hin zum Wahnsinn, der nichts anderes ist als der Sturz in das schwarze Loch der eigenen Gedanken, Egregoren, Obsessionen, Ängste und Ekstasen. Ein Abgrund mit engem Horizont, blind für den „Lebensschwung” (Bergson), von dessen Grund aus man, egal welchem Ritual man folgt, nur noch seine Anklage gegen die Welt herausschreien kann.
Das Eine
Ist es nicht verständlich, daß Nietzsche das Pferd umarmte, nicht weil er verrückt war, sondern weil er in einem Moment tiefer Empathie den Schmerz spürte, den die Peitsche des Kutschers dem Tier zugefügt hatte, und in diesem Peitschenhieb und in diesem Leiden eine Einheit mit ihm sowie gleichzeitig die Distanz seiner selbst zum Rest der Menschheit empfand?
Diese ebenso mißverstandene wie spontane Geste mit klarer Bedeutung, hervorgerufen durch die Umklammerung der Einsamkeit, entspringt demselben Impuls, der in einem mißhandelten Kind gegenüber seinem kleinen Kätzchen aufsteigt.
Die Gefahr des Kätzchens
Wenn Carlo Rovelli, der international bekannte italienische Physiker, der sich auch mit Forschungen zur Quantennatur der gesamten Wirklichkeit beschäftigt – also nicht nur jener der sogenannten unendlich kleinen Welt –, eine seiner Veröffentlichungen ›Über die Gleichheit aller Dinge‹ betitelt, dann ist dies nicht nur eine Einladung, das ego- und anthropozentrische Glaubenssystem neu zu betrachten, das genau das Gegenteil voraussetzt. Es verbindet zugleich Nietzsches Sichtweise mit dem, was seit dem Aufkommen der Quantenphysik in der Welt der Wissenschaft an Bedeutung gewonnen hat und diskutiert wird.
Dabei darf nicht vergessen werden, daß die westliche Philosophie und Wissenschaft lediglich die zuletzt hinzugekommenen Stimmen zu jenem jahrtausendealten Wissen sind, das den Menschen von allen Weisheitstraditionen der Erde überliefert wurde.
Auch so mancher Physiker wird sein Kätzchen umarmen müssen.
