Wilhelm Waetzoldt
(1880-1945)
Kunsthistoriker und Museumsdirektor in Berlin
Dem modernen Menschen erscheint die Persönlichkeit, wenn sie ihm im Leben oder in der Kunst begegnet, als selbstverständlicher Vorzug. So selbstverständlich ist das aber gar nicht. Als sinnlich-sittlicher Wert, als eine „Tugend“ ist die Persönlichkeit in der nachantiken Welt noch verhältnismäßig jung, denn mit nur etwa 500 Jahren steht eine Tugend ja noch im besten Alter.
Der Begriff der Persönlichkeit gehörte ebensowenig wie der Begriff des geschichtlich Gewachsenen von jeher zu den Denkmöglichkeiten.
Der mittelalterliche Mensch fühlte sich geborgen im Schoße des Göttlichen, woher er kam und wohin er ging. Er sah sich überpersönlichen Ordnungen eingefügt, wie seinem Stamm, seinem Volke, seiner Korporation, seiner Zunft oder seinem Stande. Aber er sah sich nicht als „Persönlichkeit“, selbst dann nicht, wenn er eine war.
Er dachte typologisch; baute er so seine Kirchen, seine Plastiken und Bilder, und so baute er auch sein Leben. Das frühe Mittelalter kannte kein individuelles Bildnis. Es kam ihm nicht an auf die zufälligen, persönlichen Züge, sondern auf die unpersönlichen typischen Merkmale.

Wolfgang Willrich: Zuhörende
Gesichtsausdruck, Haltung und Gewandung selbst der Kaiserbildnisse — ja gerade der Kaiserbildnisse — sind in erster Linie Träger der Hoheit, das heißt, sie haben symbolische Bedeutung, weil die Person Stellvertreter einer Idee, der Idee des Kaisertums ist, weil nicht die Persönlichkeit dargestellt wird, sondern der Rang und die Macht, die sie verkörpert.
Im Dunkel der Namenlosigkeit sind zwar die Personen großer Meister des Mittelalters verschwunden, nicht aber ihre künstlerischen Persönlichkeiten. Denn diese hinterließen für immer Zeichen und Wunder.
Mit der Aufspaltung des Lebensgefühles, mit dem langsam, aber unabwendbar, gleich einem Sprung in der Eisdecke des Stromes sich verbreiternden Riß zwischen den Menschen und Gott wurde, wie Jacob Burckhardts berühmte, wenn auch umstrittene Formulierung lautet, das Individuum auf allen Lebensgebieten entdeckt, entwickelt, gewertet, ja auch überbewertet.
Zahlreiche Anzeichen sprechen für diese „Vollendung der Persönlichkeit“, wie die geistige Schilderung in der Poesie, die Anfänge der Selbstbiographie und der Selbstbildnerei, die Befriedigung der Ruhmsucht durch Grabmonumente, Denkmäler und durch ganze Bildnisfolgen berühmter Männer und Frauen.
Der Bann , so drückt es Burckhardt aus, der auf dem Individualismus gelegen, ist völlig gebrochen. Italien beginnt von Persönlichkeiten zu wimmeln; schrankenlos spezialisieren sich tausend einzelne Gesichter.
Eine zweite Welle des Persönlichkeitskultes flutete im ausgehenden 18. Jahrhundert über Europa. Die Reaktion gegen den Rationalismus rief gegenüber der Vergottung vonVernunft und Vernünftigkeit, gegenüber dem starren Eingeschworensein auf Prinzipien und Dogmen, die große Persönlichkeit zu Hilfe. Man spürte die Persönlichkeit auf in den freien Sphären von Vision und Phantasie, nicht in Geschmack und Lehre.

Kopf des Bamberger Reiters
Als Blüte der Persönlichkeit aber galt das „Originalgenie“. Von diesem höchsten Geschenk der Natur schwärmten die Stürmer und Dränger. Hamann, Herder, Heinse und der junge Goethe zogen immer engere Gedankenkreise um das Phänomen der genialen Persönlichkeit.
Wie ein Schiff zuerst mit Mast und Segel über dem Horizont auftaucht, so hoben sich die Genies, Shakespeare, Erwin von Steinbach, Bramante und Rubens, zuerst mit dem Glanz ihrer Werke in die Sicht der Zeit, bis dann allmählich auch ihre Gestalten in deutlichen Umrissen erschienen.
Die geniale Persönlichkeit besitzt die Gaben der Einzigkeit und der Ganzheit. Sie verschmäht die abgegriffenen Werte und hinterläßt überall die eigene Prägung.
Der Genius, schrieb Goethe in seinem Hymnus ›Von deutscher Baukunst‹, 1772, will auf keinen fremden Flügeln, und wären’s die Flügel der Morgenröte, emporgehoben und fortgerückt werden. Seine eigenen Kräfte sind’s, die sich im Kindertraum entfalten, im Jünglingsleben bearbeiten, bis er, stark und behend wie der Löwe des Gebirges, auseilt auf Raub.
Bestimmt durch Herders Geist und in Weimar in Herders Atmosphäre lebend, hat Jean Paul dann das vielleicht schönste Schlußwort unter das Kapitel vom Originalgenie gesetzt in seiner ›Vorschule der Ästhetik‹, 1804:
Wenn der Genius uns über die Schlachtfelder des Lebens führt, so sehen wir so frei hinüber, als wenn der Ruhm oder die Vaterlandsliebe vorausginge mit der zurückflatternden Fahne.
Zum dritten Male in der Geschichte der neueren Zeit fiel hellstes Licht auf die Persönlichkeit und auf ihr Ethos im Fortgänge des 19. Jahrhunderts. Dieses Saeculum ist wahrhaft zum Jahrhundert der Persönlichkeit geworden. Die individuellen Werte standen höher im Kurse als alle anderen:
Originalitätssucht und eine hemmungslose Ichbezogenheit waren die Kehrseite der Medaille, deren Vorderseite die edlen scharfen Linien der „ausgeprägten“ Persönlichkeit zeigte.

Wolfgang Willrich: Freiherr von Maltzahn
Kurz vor der Mitte des 19. Jahrhunderts zog über den Himmel der Philosophie kometengleich der Systematiker des Egoismus seine kurze Bahn. 1844 erschien unter dem Pseudonym Max Stirner das Buch Kaspar Schmidts ›Der Einzige und sein Eigentum‹. Es beginnt und schließt mit dem Satz:
Ich hab mein Sach auf Nichts gestellt.
Nietzsche hat Stirners Werk wahrscheinlich nicht gekannt. Und doch besteht eine geheime Familienähnlichkeit zwischen dem „Einzigen und Zarathustra“. Nietzsches Schlagwort vom Übermenschen brachte die alte Genielehre auf eine neue, überaus suggestive, aber auch oft mißverstandene Formel. —
Wie starke Persönlichkeiten die Mitmenschen in ihren Bann schlagen: Sie bezaubern, und so geht auch von den Persönlichkeitswerten großer Kunstwerke eine Art Bildzauber aus. Dieser magischen Wirkung kann sich keine empfängliche Seele entziehen, ihr zu verfallen ist sogar eines der erregendsten Momente im künstlerischen Erlebnis.
Wo aber faßt man das Ingrediens des Persönlichen im Kunstwerk? — Sicher nicht da, wo es zuerst und gern gesucht wird: im Untypischen des Gegenstandes.
Von der Antike bis tief in die Barockzeit hinein, sind immer wieder die gleichen traditionellen Bildstoffe von Generation zu Generation, von Werkstatt zu Werkstatt, von Künstlerhand zu Künstlerhand weitergegeben worden, seien es solche der heidnischen Mythologie oder der christlichen Heilsgeschichte. Und doch, an großen Künstlerpersönlichkeiten und an Werken voller Persönlichkeitsgehalt hat es nicht gefehlt.
Auch auf irgendwelche Absonderlichkeiten, etwa der Technik, kann sich die Tugend der Persönlichkeit allein nicht berufen, sonst stünden ja die Virtuosen der Pinselführung, die Artisten des Meißelschlages, die Verskunstschmiede obenan.
Es muß also die Gestalt des Werkes selbst als ein einheitliches Ganzes sein, die den Persönlichkeitszauber ausstrahlt. Diese Wunderkraft wird aber nur einem Werke zuteil, das bis ins letzte Fäserchen ein vom Blut seines Schöpfers durchpulster Organismus ist.
Anders ausgedrückt: Es bedarf der Allgegenwart des Ingeniums in jedem Augenblick und an jeder Stelle seines Werkes. Man mache die Probe: Ein paar Verse aus einem Gedicht, eine Reihe von Akkorden, eine Handbreit bemalter Leinwand aus einem Gemälde oder der Arm einer Statue, jedes dieser Bruchstücke eines von starker Persönlichkeit durchtränkten Kunstwerkes genügt zu ihrer Identifizierung.
Die wahre Persönlichkeit kann ihren Emanationen wie das Radium es kann, so wenig Einhalt gebieten. Eine große Persönlichkeit am Werke, auch am Kunst-Werke zu sehen, ist nicht nur ein ästhetisches Schauspiel, sondern auch ein ethisches Erlebnis. Die Wirkung spielt vom Sinnlichen in das Sittliche hinüber.
Wer wirklich teilhat an der Offenbarung einer Persönlichkeit, sei es im Leben, sei es in der Kunst, gewinnt selbst ein zweites Leben. Seine Maßstäbe werden geweitet, sein Wirklichkeitsbild wird bereichert und sein Wertgefühl geschärft.
Das stille Gesetz der Größe geht auf ihn über. So etwas meinte Goethe, als er sagte, die Größe Friedrichs habe die Deutschen angeregt, höhere Ansprüche an sich selbst zu stellen.
Auszug aus der ersten Ausgabe der neuen Zeitschrift ›Kulturwarte‹

