Pierre Krebs
Auszug aus dem Buch

Das Europa der untergehenden Sonne umfaßt also mitnichten das Europa der griechisch-heraklitischen Tradition, es umfaßt weder das Europa des römischen Reiches noch das Europa der germanischen Überlieferung faustischer Prägung, nicht das Europa der keltisch-druidischen Wurzeln oder dasjenige der monistisch-slawischen Tradition.[1]
Die unsinnigen dialektischen Anstrengungen einiger moderner Theologen, das Judäochristentum von der offenkundigen Verantwortung für die dramatische Entwicklung der weltweiten Gleichheitsideologie freizusprechen, vermögen an den Tatsachen nichts zu ändern: Die zwanzig Jahrhunderte andauernde Rolle des Judäochristentums ist – sowohl in der theoretischen Verarbeitung als auch im historischen, gesellschaftlichen und politischen Werdegang des Universalismus – von derartig zentraler Bedeutung, daß es nicht möglich ist, in der westlichen Zivilisation etwas anderes zu erblicken als die offenkundigste, folgenschwerste Abwandlung jener Religion, die Europa zutiefst fremd ist und in der Nietzsche das verhängnisvollste Ereignis unserer Geschichte sah:
Das Christentum, aus jüdischer Wurzel und nur verständlich als Gewächs dieses Bodens, stellt die Gegenbewegung gegen jede Moral der Züchtung, der Rasse, des Privilegiums dar: – es ist die antiarische Religion par excellence.[2]
Wir wollen also nicht länger warten: Geben wir den Kirchenvätern, was ihnen gebührt – Apollo, Caesar und Faust aber das, was ihnen seit eh und je als besserer Teil gehört. Den Kirchenvätern überlassen wir das judäochristliche Europa eines zwitterhaften, untergehenden Westens. Es ist die blasse Gegenwelt zur polytheistischen Toleranz heidnischen Ursprungs, zur organischen Philosophie und Demokratie, zur nicht-egalitären Geisteshaltung, zur Ethik der Ehre, zum Recht der Völker, zum volkhaft kulturellen Geschichts- und Schicksalsbewußtsein, kurz, zum europäischen Europa, zum indogermanischen Europa eines homo europaeus, oder was seine örtlichen Varianten auch sein mögen: ob griechisch, römisch, germanisch, keltisch oder slawisch.
Denn Europa, wenn es wieder die Matrix wahrhaft europäischer Völker ist, soll vermögen, wieder zum geistigen Standort der Europäer zu werden, ihrer Denkart wieder Stil, ihrer Geschichte wieder Glanz zu verleihen.
Der Westen ist weder ein Volk noch eine Kultur, sondern nur ein Zivilisationssystem, status quo einer seelischen und geographischen Inbesitznahme des Planeten. Diese ›Zivilisation‹ ist nichts anderes als der Ausdruck und das Sammelbecken des Judäochristentums und seiner Tochterideologien, die den heutigen Universalismus und Egalitarismus ausmachen.
Den Werdegang dieser Ideologien kann man wiederum auf ihre kolonialistischen und kapitalistischen Verknüpfungen zurückführen (unumgängliche historische Träger der Verkündung des Evangeliums durch die Missionare in aller Welt) sowie auf die liberalen und individualistischen Erscheinungsformen des homo œconomicus (als verweltlichter Ableger der anthropomorphen Auffassung vom Ich, losgelöst von seinen identitären Bindungen) und schließlich auf die marxistischen und kollektivistischen Verflechtungen (denn die kommunistische Mustergesellschaft findet ihr Urbild im klassenlosen Gesellschaftsideal des ursprünglichen Christentums).
Diese Auffassung des Westens geht selbst hervor aus einem Monotheismus, der grundsätzlich anders verstanden wird als jener, den die Bibelexegeten praktizieren, wenig geneigt, den jüdischen Monotheismus jenseits seiner ontologischen, symbolischen oder funktionellen Aspekte zu verstehen.
Das ganze Ausmaß der geistigen Verwandtschaft von Judäochristentum und westlicher Zivilisation hat man eigentlich erst erfaßt, wenn man den Einfluß des Monotheismus auf ihren säkularisierten Bereich wahrnimmt. Der Westen hat nämlich nichts anderes getan, als die traditionellen biblischen Mytheme auf seine eigenen Ideen und Werte zu übertragen.
Eine solche Verwandtschaft springt geradezu ins Auge, wenn man den jüdischen Willen zur Einengung der vielgestaltigen, vielgesichtigen Figuren des Göttlichen auf die einbildige Figur des einen Gottes betrachtet.
Dieser eine Gott tritt einerseits als autokratisches Wesen auf, als ein absolutes ICH im Weltall, und erscheint andererseits im verweltlichten Monotheismus der ,Menschenrechte‘, der besessen ist von dem gleichen Willen einer Reduzierung aller rassischen und kulturellen Vielgestaltigkeiten der Welt auf die einseitige Figur eines weltweit ausgedehnten homo occidentalis. Dabei handelt es sich um die serienmäßige Wiederholung des Gleichen, von seinen identitären Bindungen entblößt, um das perfekte ‚Zitat‘ jenes form- und zeitlosen Wesens, das einst Evola beschwor, „eingetaucht in ein Universum aus Atomen, Massen und Brei“[3].
Ebenso auffallend sind die Ähnlichkeiten zwischen dem Alleingültigkeitsanspruch des biblischen Dogmas und dem bewaffneten Totalitarismus einer neuen Weltordnung. Das biblische Dogma ist dabei in seinem Despotismus ohne Beispiel[4], in seiner Herrschaft und seinen naturfremden Gesetzen unbeugsam und in der willkürlichen Ausübung seiner Macht unerträglich.
Das Beispiel eines solchen Gottes, der von seinen Geschöpfen eine so radikale Untertänigkeit verlangt, sucht man in der indogermanischen Geisteswelt vergeblich.
Gleichfalls unbeugsam in ihrem Herrschaftsanspruch ist die neue Weltordnung, die schon verschiedentlich den blutigen Beweis lieferte, daß sie in der Anwendung ihrer Gesetze genauso intolerant ist wie ihre christliche Mutterdoktrin und daß sie eigentlich nur der weltliche Arm einer zunehmend aggressiven Menschenrechtsideologie ist.
Diese universalistische Berufung des jüdischen Monotheismus und der daher rührende Messianismus[4]21 finden dann ihre naturgemäße Fortsetzung im übersteigerten Ethnozentrismus eines Westens, der damit den eschatologischen Messianismus der ‚Menschenrechte‘ und des alles ein-ebnenden Universalismus in säkularisierter Form zusätzlich verbreitet.
Die laizistischen Wortführer der neuen Weltordnung sind fest entschlossen, allen Völkern der Erde dieses System aufzuzwingen, sei es durch ‚sanfte‘ Methoden wie die ‚friedliche‘ Einmischung in die Privatsphäre eines jeden Menschen durch die Medien, die Werbung, Moden usw., sei es aber auch durch ‚harte‘ Methoden wie rechtlichen Zwang, Denkverbote, polizeiliche Überwachung bzw. Repression, militärische Gewalt gegenüber anderen Ländern.
Aus den jüngsten Erklärungen der UNO geht eindeutig hervor, daß die neue Weltordnung unter amerikanischer Vormundschaft immer häufiger dazu übergehen wird, noch rücksichtsloser und brutaler jede Anwandlung von Widerstand der Völker niederzuknüppeln, die sich die Unterwerfung ihrer angestammten Kultur durch eine ‚Weltzivilisation‘ nicht gefallen lassen wollen, weil sie schlicht ein anderes Schicksal verfolgen.
Denn sie haben eine andere Lebensauffassung, eine andere Wertskala, eine andere Vorstellung vom Menschen, vom Leben und vom Göttlichen sowie ihre eigene Vorstellung vom Glück, das nach anderen Maßstäben gemessen wird als der bloßen Anhäufung materieller Güter und Genüsse.
Es wird höchste Zeit, die Ideologie der sogenannten ‚Menschenrechte‘ als das wahrzunehmen, was sie wirklich ist: das ideologische Alibi, das vom Westen vorgebracht wird im totalen Krieg, den er allen Völkern dieser Welt erklärt hat.
Der biblische Gott hat die Nervenfaser zerrissen,
die den Menschen mit dem Weltall
und den Elementen verband.
Der Westen reiht sich also durchaus in eine weitreichende Tradition ein, die von Anfang an mit erstaunlicher Kontinuität durch einen zähen Haß gegen alle politischen oder kulturellen Erscheinungen geprägt wurde, die sich, auf welche Weise auch immer, zum europäischen Wesen bekennen.
Vor allem in den Sibyllinischen Büchern[5] erreicht der abgrundtiefe Haß gegen die europäische Kultur außerordentliche Höhepunkte.
Italien, dir wird kein fremder Krieg kommen, sondern einheimisches Blutvergießen, vielbejammertes, nicht geringes, vielberufenes, wird dich Schamlose verwüsten. Und auch du selbst, neben heißer Asche ausgestreckt, wirst durch das Unheil, welches unvorhergesehen war für dein Herz, zerfleischt werden, und du wirst nicht Mutter von Männern, sondern Amme wilder Tiere sein. (…) Wehe, wehe, in allem schändliche Stadt der latinischen Erde, rasende, an Ottern dich freuende! Als Witwe wirst du am Ufer sitzen, und der Fluß Tiberis wird dich, seine Gemahlin, beweinen, die du ein blutgieriges Herz hast und einen gottlosen Sinn. (…) Nun aber wird dich und alle Deinigen der ewig seiende Gott verderben, und nicht mehr wird von dir ein Zeichen sein. (…) Bleibe, Ruchlose, allein, und, mit flammendem Feuer dich vermischend, nimm den tartarischen ruchlosen Ort im Hades als Wohnung ein![6]
Im Talmud kann man sogar dies lesen:
Verflucht sei ein Mensch, der Schweine großzieht, und verflucht sei ein Mensch, der seinen Sohn die Weisheit des Griechischen lehrt.[7]
In der modernen Zeit war Erich Fromm der Ansicht, die ganze heroische Geschichte Europas sei schließlich nur eine Geschichte des ‚Hochmuts‘, bedacht auf „Raubgier und Eroberung”[8].
Das monotheistische Geschwür hat sich also in ein Geschwür des Westens verwandelt. Festgefahren in den Geistesstrukturen der UNO-Logik, die das andere zu denken verbietet, ist Westeuropa schier unfähig geworden, den Glanz der Dinge, den tieferen Sinn der ethnisch-kulturellen Gegebenheiten der Erde durch die hellen Augen Athenas zu erfassen.
Es hat die griechische Begabung verloren, die Dinge plastisch zu sehen. Der Blick, den es auf die Natur richtet, hat aufgehört, der lebendige Blick des Menschen zu sein, der sich selbst entdeckt und sich dabei als Partner der Welt auffaßt. Dies allein aber ist der Blick des Geistes und des Blutes, der, laut Knut Hamsun,
die Nervenfaser errät, die den Menschen mit dem Weltall und den Elementen verknüpft“.26 Dazu steht im Gegensatz der kaufmännische, technomorphe, anonyme, kalte Blick der technisch-wissenschaftlichen Inbesitznahme der Welt, der – nunmehr jüdisch-verchristlicht – die Umwelt als nichts anderes auffaßt denn als Pfründhaus, das man ausbeuten und plündern muß: „Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch (…).“[9]
So erteilt Jahwe dem Menschen das Recht auf Inbesitznahme, nicht das Geschenk, Gast auf der Erde zu sein. Noah und seine Söhne erhalten folglich von Jahwe Befehle, die für einen europäischen Geist unvorstellbar wären:
Furcht und Schrecken vor euch soll sich auf alle Tiere der Erde legen, auf alle Vögel des Himmels, auf alles, was sich auf der Erde regt, und auf alle Fische des Meeres: euch sind sie übergeben.[10]
So wurde Lynn White zu der Bemerkung veranlaßt:
Nicht nur setzt das Christentum, in absolutem Gegensatz zum früheren Heidentum (…) einen Dualismus zwischen Mensch und Natur voraus, sondern es unterstreicht auch, daß die menschliche Ausbeutung der Natur zur Erreichung seiner Ziele vom Willen Gottes herrührt und somit von vornherein abgesegnet ist.[11]
Das biblische Gebot von der Unterwerfung der Welt hat in der Tat die Titanen aus der Tiefe der Erde befreit, wo die olympischen Götter sie gefangen hielten. Heute sind sie die skrupellosen Handlanger der industriellen Auswüchse, die einen Erdball heimsuchen, der in seinen beiden Hälften vom apokalyptischen Produktionswahnsinn erfüllt ist, der natürlichen Spätfolge der instrumentalen Vernunft und der utilitaristischen Lehre.
Beiden stand jener Gott Pate, der vom Menschen verlangt, ein unerbittlicher Besitzer und Ausbeuter zu sein. Und so hat sich das Wesen der Erde dem Menschen entfremdet. Denn
eines ist es, die Erde nur zu nutzen, ein anderes, den Segen der Erde zu empfangen und im Gesetz dieser Empfängnis heimisch zu werden, um das Geheimnis des Seins zu hüten und über die Unverletzlichkeit des Möglichen zu wachen.[12]
Schon erlebt man die ersten Geburtswehen eines immer möglichen atomaren Holocausts, wenn die Natur ihre Rechte wiedererlangt und sich gegen den Menschen kehrt.
Gerd Bergfleth verspürt die ersten Anzeichen davon zum Beispiel in der Häufung der Umweltkatastrophen, die uns den Beweis liefern, daß
die Natur nicht mehr mitspielt und gesonnen ist, dem titanischen Menschen den Garaus zu machen.[13]
Im radikalen Gegensatz zu den titanischen Schwingungen Jahwes erwachsen die Schwingungen der griechischen Götter aus dem Urwesen der Natur:
Die heiligsten Schauer kommen nicht aus dem Ungeheuren und grenzenlos Mächtigen, sondern aus den Tiefen der natürlichen Erfahrung, sagt Walter Otto, und zwar in einer Welt, die in der Urwesenhaftigkeit[14] durch das Zusammenwirken von Menschen und Göttern geformt wird.
Im krassen Gegensatz zur jüdischen Weltauffassung vom „allmächtigen Herrschergott“, der dieses Bündnis zwischen Mensch und Natur bricht, sind Homers Gedichte Zeugen des Freundschaftspaktes zwischen den Göttern, den Menschen, den Tieren und der Welt. Anders als bei dem jüdischen Logos, dessen Anliegen es ist, die Menschen dem unausweichlichen Gesetz Jahwes zu unterwerfen, sind Homers Gedichte niemals die Wortführer oder Verkünder eines Dogmas, einer Offenbarung noch der Hort irgendeines Fanatismus.
Nach dem griechischen Religionsempfinden geht es nie darum, die Erde zu ‚beherrschen‘, geschweige denn die Geschöpfe dieser Welt mit Schrecken zu erfüllen, sondern einzig und allein darum,
nur [zu] schauen und in der Lust des Schauens [zu] gestalten. Der griechische Blick umfaßt den ganzen Reichtum der Welt, Erde und Himmel, Wasser und Luft, Bäume, Tiere, Menschen und Götter[15], sagt Walter Otto.
Ganz im Gegensatz zum jüdischen Gott, der eine existentielle Trennung zwischen Welt, Natur und Menschen herbeiführt, baut die griechische Religionsidee ihren Tempel in einer Welt, die das Göttliche widerspiegelt:
Die altgriechische Religion, betont Walter Otto, hat die Dinge dieser Welt mit dem mächtigsten Wirklichkeitssinne, der je dagewesen ist, erfaßt, und trotzdem – nein, gewiß eben damit! – die wundervolle Linienführung des Göttlichen an ihnen erkannt.[16]
Für den Griechen war nicht die furchtbare Majestät des sündlosen Gewissensrichters, sondern die Reinheit des unberührten Elements das Heiligste. (…) [Das Heiligste] schien zu atmen in dem umhüllenden Glanz der Bergwiese, in Flüssen und Seen und in der lächelnden Klarheit, die darüber schwebt.[17]
Nun sehen wir, daß dieser Geist schon immer das wahre europäische Wesen beseelt hat. Man findet ihn wieder, sich selbst treu geblieben, auch in unserem schon weit fortgeschrittenen Stadium der Umweltkatastrophe, im Mittelpunkt des Heideggerschen Gedankens, als antworte er im Widerhall dem Appell seiner großen griechischen Vorläufer:
Das Retten der Erde meistert die Erde nicht und macht sich die Erde nicht untertan.[18]
Weil Westeuropa dem Geist des Orients oder dem der zweckhaften Verständigkeit erlag,
den Walter Otto in seinem berühmtesten Werk anprangert[19], brach es bewußt den Freundschaftspakt mit der Erde. Der Hybris anheimgefallen, konnte es nunmehr nicht ausbleiben, daß dieses sich selbst entfremdete Europa endgültig von dem Leitbild Apollos, Athenes, Dionysos’ und Artemis’ abfiel.

Porträt der Athena Farnese, römische Kaiserzeitkopie einer Bronzestatue aus der Schule des Phidias
Fußnoten
[1] Siehe: Julius Evola, Revolte gegen die moderne Welt, Ansata, Interlaken, 1982. Gérald Hervé, Le mensonge de Socrate ou la question juive, L’Age d’Homme, Lausanne, 1984. Guillaume Faye, L’Occident comme déclin, Le Labyrinthe, Paris, 1984. Es versteht sich von selbst – das wird man nie genug betonen können –, daß jeder Diskurs (und es sind deren viele!), der einer ‚europäischen Wiedergeburt‘ das Wort redet, ohne sich klar von der judäochristlichen Zivilisation, von ihren Dogmen, von ihren Riten abzugrenzen, von vornherein zum Scheitern verurteilt ist, da ein solcher Diskurs in der Matrix des Untergangs befangen bleibt. Es ist also widersinnig, die Wiederentdeckung des europäischen Urwesens zu erhoffen, solange man selbst einem Glaubens- und Denkschema nachhängt, dessen Charakter und Wesen mit der europäischen Seelenverfassung schlicht unvereinbar sind! Im gleichen Atemzuge von der ‚europäischen Kultur‘ und von der judäochristlichen Religiosität zu reden (als wäre beides eng miteinander verbunden oder gar ein und dasselbe), heißt, bewußt oder unbewußt auf eine Verfälschung der ersteren hinzuarbeiten. Die Errichtung der europäischen Kathedralen oder das Aufblühen der gotischen Baukunst zum Beispiel verdanken dem Christentum absolut nichts. Das Christentum verdankt – umgekehrt – sein Überleben in Europa derartigen Kunst- oder Geisteserscheinungen, die ausschließlich ein Ausdruck des Absolutheitstrebens der europäischen Menschheit sind. Von einer ‚gegenseitigen Bereicherung‘ von Heidentum und Christentum zu reden, ist ebenso unseriös: In den am häufigsten vorgebrachten Fällen einer angeblichen ‚Symbiose‘ handelt es sich fast immer um subtile Entlehnungen von heidnischen Riten oder Symbolen durch eine Kirche, die sehr schnell zu der Erkenntnis gelangen mußte, daß das sicherste Mittel, die unzerstörbaren Mytheme heidnischen Brauchtums ‚unschädlich‘ zu machen, darin bestand, sie sich ganz einfach ‚anzueignen‘ und ihnen eine judäochristliche Auslegung aufzupfropfen, sie also in judäochristlichem Sinne umzudeuten. Der interessierte Leser wird auf die Bücher zurückgreifen können, die zu diesem Thema in der Thule-Bibliothek erschienen sind. Darüber hinaus sei hier auf die Bibliographie verwiesen, die als Anhang folgenden Werken beigefügt ist: Pierre Krebs (Hrsg.), Das unvergängliche Erbe, a.a.O., (Anm. 16); ders., Mut zur Identität – Alternativen zum Prinzip der Gleichheit II, Thule-Bibliothek, Verlag für ganzheitliche Forschung und Kultur, Struckum, 1988; ferner: Dietrich Schuler, Die Stunde des Kreatismus – Von der notwendigen Überwindung des Christentums, Selbstverlag, Birkenfeld, 1993.
[2] Friedrich Nietzsche: ‹Götzen-Dämmerung›, in: Sämtliche Werke – Kritische Studienausgabe, herausgegeben von Giorgio Colli & Mazzino Montinari, Deutscher Taschenbuch- Verlag, München und de Gruyter, Berlin–Neu York, 1980, Band 6, S. 101.
[3] Jahwe befiehlt Moses: „Du darfst dich nicht vor einem andern Gott niederwerfen. Denn Jahwe trägt den Namen ‚der Eifersüchtige‘; ein eifersüchtiger Gott ist er.“ ‹Exodus 34,14›, in: Neue Jerusalemer Bibel, Einheitsübersetzung mit dem Kommentar der Jerusalemer Bibel. Neu bearbeitete und erweiterte Ausgabe, deutsch herausgegeben von Alfons Deissler und Anton Vögtle in Verbindung mit Johannes M. Nützel, Herder, Freiburg–Basel–Wien, 1985.
[4] Der ehemalige Attaché der deutschen Botschaft in Israel, Jörg von Uthmann, schreibt: „Das Hauptziel des Messias ist, die Erde in eine jüdische Universalmonarchie zu verwandeln.“ In: Doppelgänger, Du bleicher Geselle – Zur Pathologie des deutsch-jüdischen Verhältnisses, Seewald, Stuttgart-Degerloch, 1976, S. 136. Heiner Geißler ist ein militanter Wortführer der Ideologie der Menschenrechte. Seine Äußerungen reihen sich tatsächlich in die totalitäre Tradition einer Redeführung ein, die die westliche Weltsicht verabsolutiert, welche als einzig mögliche und einzig wahre gelten soll. Unter der Kruste der Heuchelei kommt dabei ans Licht, daß für Geißler diese Zivilisation allen anderen Kulturen der Welt überlegen sei. Die Ideologie der Menschenrechte setzt in der Tat voraus, daß es ein ‚natürliches Recht‘ gebe, das von allen Völkern und Kulturen der Erde gleichermaßen wahrgenommen und aufgefaßt würde – gleich an welchem Ort und zu welcher Zeit. Diese Auffassung, die zutiefst dogmatisch in ihrer Äußerung und messianisch in ihrem Wesen ist, leugnet den Begriff des kulturellen Relativismus, indem sie nicht anerkennen will, daß die Völker, je nach dem kulturellen Paradigma, das ihnen ureigen ist, die Begriffe Recht, Gerechtigkeit, Ethik usw. unterschiedlich auffassen. Dies erklärt, weshalb die Regierungsform einer multikulturellen Gesellschaft notgedrungen von einer Gesetzgebungs- und Exekutivgewalt getragen ist, die stets streng monokulturell ist! Denn es erweist sich als unmöglich, eine multikulturelle Auffassung des Rechts, des Gesetzes oder der Verfassung in die Tat umzusetzen. Im übrigen geben die Befürworter des Multikulturalismus à la Geißler zuweilen zu, daß ihr Gesellschaftskonzept nicht lebensfähig ist, es sei denn, die Zentralmacht wäre imstande, allen Menschen das gleiche Gesetz aufzuzwingen. Mit anderen Worten: Eine multikulturelle Gesellschaft verliert das Recht, multikulturell zu sein, wenn es um den gesellschaftlichen Konsens, um die Macht im Staate, um das Gesetz und die Ordnung geht – also, wenn das Wichtigste auf dem Spiel steht! So wird zum Beispiel, um weiterhin mit Geißler zu reden, die Polygamie der Moslems zur verpönten ‚Vielweiberei‘. ‹Zugflut – Die multikulturelle Gesellschaft›, in: Stefan Ulbrich (Hrsg.), Multikultopia, Arun, Vilsbiburg, 1991, S. 97. Auch die Achtung vor dem religiösen oder kulturellen Verhalten fremder Völker endet dort, wo die sakrosankten westlichen, ‚soziokulturellen‘ Werte in Mitleidenschaft gezogen werden könnten. Dann wird der Islam sofort der ‚Frauendiskriminierung‘ bezichtigt! (a.a.O., S. 97). Dieser ‚Monokulturalismus‘ der Regierung, der Verfassung, des Gesetzes usw. erfordert mithin eine Einebnung der Unterschiede, die dann mit der westlichen monokulturellen Ideologie der ‚Menschenrechte‘ legitimiert wird. Das politische Lavieren eines Heiner Geißler dient in Wirklichkeit als ideologisches Alibi, mit dem Völkern und Kulturen (deren Entwurzelung im voraus durch eine verantwortungslose Einwanderungspolitik ja bereits programmiert und einkalkuliert wurde) die totalitäre Zivilisation des ‚Westens‘ aufgezwungen wird: „Die kulturelle Identität hat in der multikulturellen Gesellschaft eine Grenze (…) alle müssen die universalen Menschenrechte, wie sie der europäischen Geistesgeschichte und damit der europäischen Kultur entsprechen, achten“, verlangt Geißler unverhohlen. Doch nicht genug damit: Allen Ernstes stellt der Politiker die friedliche Kastration des Identitätsbewußtseins der verschiedenen Ethnien in Aussicht und heiligt im selben Atemzuge die Verklärung dieser Kasteiung durch den sogenannten „Verfassungspatriotismus“ (a.a.O., S. 92)! Man stelle sich einmal vor: Völkerschaften islamischen Glaubens würden, dankbar für das Verbot der Ausübung ihrer eigenen Werte, ‚patriotische‘ Gefühle hegen für eine Gesetzesmacht, die ihnen eine völlig fremdartige Auffassung des Rechts, des Gesetzes und des Lebens aufzwingen möchte!
[5] Emil Kautzsch: ‹Die Sibyllinischen Orakel›, in: Die Apokryphen und Pseudepigraphen des Alten Testaments, Band II, Georg Olms, Hildesheim–Neu York, 1962, S. 177–217. Siehe auch: Emil Schürer, Geschichte des jüdischen Volkes im Zeitalter Jesu Christi, Band III, Georg Olms, Hildesheim–Neu York, 1970, S. 553f. Siehe auch den Beitrag von Julius Evola in: Explorations, a.a.O., (Anm. 19), S. 69–78; ders., ‹Histoire secrète de la Rome antique: les Livres Sibyllins›, in: Totalité pour la révolution européenne, 5, Juni 1978, S. 5–13 (ital.: La Difensa della Razza, 7, Band IV, 5. Februar 1941, S. 20–27).
[6] Emil Kautzsch: ‹Die Sibyllinischen Orakel›, a.a.O., (Anm. 22), S. 194 und S. 209.
[7] ‹Bawa-Kamma›, fol. 82–83; traité Sota, fol. 49b, in: Der Talmud, ausgewählt, übersetzt und erklärt von Reinhold Mayer, Wilhelm Goldmann, 4. Auflage, 1990, München, S. 220.
[8] Siehe: Erich Fromm, Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, 1979.
[9] In einem Brief von 1888, in: Knut Hamsun, Briefe, eingeleitet und herausgegeben von Tore Hamsun, Langen–Müller, München, 1957, S. 59f.
[10] ‹Genesis1,28›, in: Die Bibel, a.a.O., (Anm. 20).
[11] Ebenda, 1–7.
[12] Lynn White, Jr.: ‹Les racines historiques de notre crise écologique›, in: Krisis, 15, September 1993, S. 60–71 (engl.: ‹The Historical Roots of Our Ecologic Crisis›, in: Science, 10. März 1967, S. 1203-1207).
[13] Martin Heidegger: ‹Überwindung der Metaphysik›, a.a.O., (Anm. 2), S. 98.
[13] Gerd Bergfleth: ‹Perspektiven der Antiökonomie›, a.a.O., (Anm. 4).
[14] Walter F. Otto, Die Götter Griechenlands – Das Bild des Göttlichen im Spiegel des griechischen Geistes, Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main, 1987, S. 15 und S. 232.
[15] Ebenda, S. 20.
[16] Ebenda, S. 16.
[17] Ebenda, S. 82.
[18] Martin Heidegger: ‹Bauen Wohnen Denken›, in: Vorträge und Aufsätze, a.a.O., (Anm. 2), S. 150.
[19] Walter F. Otto, Die Götter Griechenlands, a.a.O., (Anm. 32), S. 17.
Beitragsbild: Gott, Gemälde von Michel Angelo, Deckenfresko Sixtinische Kapelle
