Karl Richter

De mortuis nihil nisi bene – über die Toten soll man nichts Schlechtes sagen. Bei Jürgen Habermas, der am Samstag im Alter von 96 Jahren in Starnberg verstarb, kann man eine Ausnahme machen.

Habermas war ein maßgeblicher Beförderer der deutschen Westbindung nach 1945, indem er die Linke mit einem modernisierten, um amerikanisch-jüdische Ansätze angereicherten Marxismus infizierte und sie auf Westkurs brachte. Er wurde zu einem der folgenschwersten Propagandisten der Umerziehung.

Der gebürtige Düsseldorfer, der während des Krieges immerhin Jungvolkführer bei der Hitlerjugend war, wurde danach schnell Opfer der „re-education“ und machte Karriere als moralischer Oberlehrer der jungen Bundesrepublik.

Kein anderer Intellektueller hat das politische Selbstverständnis der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft so geprägt wie Habermas, der den Deutschen beibrachte, ihre Traditionen zu verleugnen und ihr Heil in den „westlichen Werten“ zu sehen.

1999, beim NATO-Überfall auf Jugoslawien, bejubelte er diese und suggerierte, es werde ja nur „völkerrechtlich legitimierte Nothilfe“ geleistet. Überhaupt befinde sich die Welt auf dem „Weg des klassischen Völkerrechts der Staaten zum kosmopolitischen Recht einer Weltbürgergesellschaft“, fabulierte er.

Wohin das führt, erleben wir derzeit. Die Wiedervereinigung 1989 bejammerte er und halluzinierte, daß die nationale Einheit der Deutschen „mit den universalistischen Regeln des Zusammenlebens gleichberechtigter koexistierender Lebensformen kollidiert“. Schon damals kollidierten aber vor allem Habermas´ Kopfgeburten mit der Realität.

Nach der Promotion bei dem früheren NS-Aktivisten Erich Rothacker 1954 und einer frühen Heidegger-Kritik holte ihn das Zentralgestirn der späteren „Frankfurter Schule“, Theodor W. Adorno, als Assistenten ans Frankfurter Institut für Sozialforschung.

Habermas machte dort aus der sogenannten „Kritischen Theorie“ eine verquaste Kommunikationslehre – und trug maßgeblich dazu bei, daß der Marxismus auch in Westeuropa für eine neue Generation heranwachsender Intellektueller und Linker wieder salonfähig wurde.

Sein Hauptwerk, die zweibändige „Theorie des kommunikativen Handelns“ von 1981, verspricht Emanzipation durch Diskurs – einen angeblich „herrschaftsfreien Diskurs“. In Wirklichkeit ist der Habermas-Diskurs selbst ein Herrschaftsinstrument.

Wer sich seinen Spielregeln nicht unterwirft, darf nicht mitspielen – eine Theorie der Ausgrenzung, die Linke seither bis zur totalen Realitätsverweigerung verinnerlicht haben; man sieht es an der pathologischen, quasi-religiösen Ausgrenzung der AfD.

Gleichzeitig wird der Diskurs zur Ersatzhandlung: das Reden ersetzt das Handeln. Eine ganze Generation von Studentenbewegten wurde dadurch geprägt – und zu ungenießbaren, unproduktiven Lehrern, Hochschulprofessoren, sozialdemokratischen Apparatschiks, Gewerkschafts-Betonköpfen.

Daß man diesen Menschentypus jahrzehntelang beim Umbau der bundesdeutschen Gesellschaft gewähren ließ, hat das Land dorthin gebracht, wo es heute steht. Es ist intellektuell eine Abbruchhalde.

Habermas’ vorgebliche Philosophie ist eine reine Kopfgeburt. Seine Sprache, verschachtelt und verquast bis zur Unverständlichkeit, ist eine endlose Begriffshuberei. Seine „Philosophie“ ist überhaupt keine. Sie vermittelt keine Erkenntnis, keine moralischen Einsichten. Sie bringt niemanden weiter. Daß sie an den deutschen Universitäten alle bisherige Philosophie von Platon bis Heidegger ersetzte, bedeutete für das Land der Dichter und Denker den Gehirntod.

Man muß in diesem Zusammenhang an das immergültige Konfuzius-Wort denken:

Wenn die Begriffe nicht richtig sind, so stimmen die Worte nicht; stimmen die Worte nicht, so kommen die Werke nicht zustande; kommen die Werke nicht zustande, so gedeiht Moral und Kunst nicht; gedeiht Moral und Kunst nicht, so treffen die Strafen nicht; treffen die Strafen nicht, so weiß das Volk nicht, wohin Hand und Fuß setzen. Darum sorge der Edle, daß er seine Begriffe unter allen Umständen zu Worte bringen kann und seine Worte unter allen Umständen zu Taten machen kann. Das ist es, worauf alles ankommt.

Hier hat Habermas seinen Platz: als Zerstörer des Denkens, als Verwirrer der Geister und Seelen.
Jahrzehntelang wurde Habermas als moralische, denkerische Instanz der Bundesrepublik gehandelt. Im Historikerstreit der achtziger Jahre maßte er sich die Autorität darüber an, was in Deutschland noch „sagbar“ sein sollte.

Jeden Versuch, die deutsche Geschichte anders als durch die Brille der Schuld zu betrachten, ächtete er als „apologetisch“. Er erfand den Begriff des „Verfassungspatriotismus“, der zur beliebten Worthülse linker Deutschland-Abschaffer wurde. Aber: entweder Patriotismus oder Verfassung. Verfassungspatrioten haben schon verloren.

Habermas´ Folgen waren alles in allem verheerend. Er hat Generationen von Akademikern darin geschult, gesellschaftliche Konflikte in Diskurs zu verwandeln, und dabei flächendeckend das Denken vernebelt.

Auch die Studentenbewegung, die noch auf Veränderung zielte, verwandelte sich unter seinem Einfluß in eine reine Kommunikationssekte, die freilich dank der linken Medienhoheit seit Jahrzehnten das öffentliche Leben beherrscht.

Letztlich war Habermas nur eines: der erfolgreichste Geistesverwirrer der Deutschen nach 1945. Man muß ihm nicht nachweinen.

Quelle: https://www.facebook.com/karl.richter.798