Erich Glagau

Versuch einer Würdigung des großen Bulgaren und Europäers, Dr. Janko Janeff, der am 13. Februar 1945 von alliierten Terrorbombern in Dresden ermordet wurde.

Dämonie des Jahrhunderts

Janko Janeff ist tief erschüttert, daß der europäische Mensch dieser zersetzten Welt durch die künstlichen Vorstellungsgebilde sowohl den Instinkt als auch die Fähigkeit eine Gefahr zu wittern, bereits verloren hat. Es sieht so aus, als habe sich der Mensch von der Natur sogar verabschiedet.

Vom Ursprung her wurde der Mensch nämlich in die Natur hineingesetzt. Durch artfremde, künstliche, widernatürliche Dogmen, aber gerade deshalb zum Glauben gezwungen(!), wurde der Mensch in der Seele verdorben, und hat sich so von seiner Lebens-Basis entfernt.

Dr. Janeff beklagt die Verschwommenheit von Ergriffenheit des Instinkts gegenüber der Natur und dem theoretischen Glaubensbegriff der scheinbaren Wissenschaft des Glaubens. Darin erkennt er das Unheil des theologischen Intellektualismus. Man kann von einer Art Umnachtung des Geistes sprechen, wenn man die Schriften der Gegenwartstheologen über ihre Erkenntnis und Rechtfertigung des Glaubens, über Kirche und Heidentum aufschlägt.

Was kann schon mit den gebräuchlichsten Worten wie „Erlösung“, „Gnade“, „Tod“ und „Sünde“ innerlich positiv bewegt werden? Denn diese Begriffe verhalten sich zum Geschenk des Lebens abweisend. Der indogermanische, der europäische Mensch ist nämlich vom Ursprung her lebensbejahend!

Jeder Mensch wurzelt in dem Gesetz der lebendigen Besonderheit seines Bereiches, in dem Rhythmus der Natur, die um ihn lebt. Janko Janeff erzählt von seinen heimatlichen Balkanbergen zwischen Asien und Europa. Er liebt sein Bulgarien, und er schwärmt davon, weil er sich mit dieser Natur als eine Einheit fühlt.

 

Er beklagt die Herrschaft des Ostens. Die Hagia Sophia ist nicht weit. Überall ist Furcht und Zittern. Dennoch: In dieser Welt walten Mächte, die kein gebildeter Jesuit und kein Reformator der Kirche begreifen kann. Es ist die Erfahrung des Allgegenwärtigen, des Geheimnisses der stolzen Landschaft, der Einheit von Wille und Gipfel, von Gedanken und Höhe.

Dann offenbart sich die Ruhe, die große Weltruhe: Der Mensch befreit sich von der Erinnerung an seine Ohnmacht. Überall, wo der Stamm mit der Landschaft der Schluchten und Felsen verwachsen ist, erhält sich die magische Wurzel der Seele, das Wesen der Sippe, der Kult der Sprache und des Verwegenen. Der Mensch ist hier Urwächter des Blutes und seines Geheimnisses.

Dagegen ist die schicksalsgleichgültige Großstadtwelt krankhaft und nervös. Die Großstadt ist morgenländisch, händlerisch, ahasverisch; ihr Ursprung ist im Osten zu suchen, in der Heimat des internationalen Wechselgeschäfts und des internationalen Kapitals. Die Großstadt der modernen Welt, so wie sie jetzt besteht, hat kein Antlitz, weil sie landschaftslos ist; sie ist feige, weil sie von Dieben der Gedanken, Magikern und Technikern geistiger Armut erfüllt ist. Es fehlt der Großstadt der dörfliche Primitivismus, die Ahnungen des an die Sippe gebundenen Menschen, die Einfalt und Selbstverständlichkeit der elementaren Weltanschauung.

Der Fortschritt, die Wissenschaft trennten das Bewußtsein des Menschen vom Erdgebundenen. Wenn der völkisch und geschichtlich neutral gewordene Bürger sich wieder nach der Natur sehnte, so tat er es aus Verzweiflung über seine eigene Ohnmacht und seine innerliche Verarmung. In der Natur fand er die Idylle, die Landschaft des Glücks, des Ausruhens und der Zerstreuung. Aus dieser Landschaft sind die Poesie des Sentimentalen und der moderne Tourismus entstanden.

Daß wir Christen geworden sind, das ist unser Verhängnis, und das ist der Grund für unsere unermüdliche Auflehnungsarbeit. Unsere bleibende Kultur ist aus dem Zweifel, aus der Kritik, aus der Not der Seele und des Geistes geboren. Diese Kultur kann nicht versöhnt und vollendet werden, solange wir uns im Zustand der Befangenheit und Überfremdung befinden. Deshalb gibt es nirgends so viel Zusammenbrüche wie in der Geschichte des Abendlandes. Was bisher unternommen wurde, waren heroische Unternehmen, den abendländischen Menschen zu retten, indem er mit dem Gesetz des Kosmos wieder verbunden wird.

Das heutige Europa lebt noch in der Geschichte seiner Verdammnis. Es ist daher keine andere Lebenshaltung und keine andere Weltanschauung im christlichen Erdteil möglich als die pessimistische. Der Pessimismus ist die wahre Rechtfertigung und die Folge des christlichen Glaubens.

Der Heroismus Europas ist ein Notgriff, ein Alarmruf, nicht im christlich-asiatischen Schulddasein weiter zu ersticken. Nur so ist nicht nur die tiefste Schicksalslehre der abendländischen Philosophie entstanden; auch die Musik, die Sprache des Trostes und der feierliche tragische Gesang wurzeln hier.

Was die Seele Beethovens aufwühlte – des Menschen, der gleich Schopenhauer nicht mehr mit Gott demütig reden wollte, weil ihm dies auch als ein überflüssiges und zweckloses Spiel erschien. Vor der Armut des christlichen Humanismus und Rationalismus gab es für ihn keinen anderen Ausweg als das Reich der Töne, der Gestaltung des Ringens um die Niederhaltung der Bestie der Verdammnis. Hier offenbart sich der Genius des Abendlandes, der Sieger über den fremden abendländischen Gott.

Was das Abendland heute braucht, ist eine ursprüngliche Welt- und Lebenshaltung und eine einfache Sittengestaltung, die uns spüren läßt, daß wir mit der Erde verbunden sind und mit der unendlichen Natur, aus der alles Lebendige wächst. Gerade das Christentum hat bewiesen, daß es trotz langer Herrschaft nicht imstande ist, das Problem der geistigen Freiheit zu lösen, weil es auf ganz anderen „Wertbegriffen“ beruht. Der christliche Friede ist kein Friede zwischen den Völkern, sondern er ist der abstrakte Weltfriede, die Utopie des religiösen wie des politischen Anarchismus. Alles, was völkisch ist, wird von der christlichen Weltstaatsmetaphysik verneint. Sie verneinen damit ihre eigene undurchdachte, morgenländisch-märchenhafte, naturfremde Schöpfungsgeschichte.  

Der Intellekt an sich ist wertlos und die Bildung, die auf ihm beruht, ist kulturfeindlich. Die Wissenden, die Modernen, die Großstadtgelehrten, die Beherrscher der Physik und der Alchimie des Begrifflichen sind die geistlosesten Menschen, das Sinnbild der Armut an persönlichem Schauen und an Bereitschaft zur Tat.

Wieviel Geschlechter sind durch die Verwissenschaftlichung des „Individuums“ verdorben, wieviel junge Menschen haben ihre Schulbildung mit kranker Seele, mit erstarrtem Denken, mit lahmgelegtem Leib abgeschlossen … Solche Menschen bestimmten später die Entwicklung der Staaten und der Kultur. Noch heute werden sie massenhaft produziert, da die abendländische Schule, trotz „Reformen“ und „Reorganisationen“, noch immer der Natur und dem völkisch geläuterten Bewußtsein fremd ist.

Sie beruht noch weiter auf dem Wahn, daß Bildung wertvoller als das Leben sei. Die Idee der Persönlichkeit kam erst vor kurzem wieder zum Durchbruch … Solche Revolutionen werden nach Meinung von Janko Janeff nur von „einfachen“ Menschen durchgeführt, nicht von Professoren und Wirtschaftstheoretikern oder Psychologen.

Heute hat der bloße Gelehrte nichts zu sagen; er ist uns genau so fremd wie die Priesterschaft. Begriffe ohne Anschauungen sind nicht nur leer, sondern sie sind auch menschenzersetzend und revolutionsverneinend; sie sind bloße Dogmen, nicht Kräfte, die wir Ideen oder Geist oder etwas Ähnliches nennen können.  

Alles Wahrhafte ergreift, denn alles, was wahr ist, erfaßt den ganzen Menschen. Die Wahrheit ist etwas Gewaltiges, sie bedeutet die Offenbarung der verborgenen Zusammenhänge zwischen Mensch und dem Geschehen, zwischen Licht und Rasse, zwischen Wille und Welturgrund. Diese Erkenntnis deutet auf den Unterschied der Anlagen und der Absichten. Hier scheiden sich die Geister.

Die Wissenschaft des erwachten indogermanischen Lebensbewußtseins haftet nicht an Scheinbildern, sondern ist entstanden aus der Bindung des Bewußtseins an das Existentielle und seine Ur-Ordnung. Alles hat seine Wurzeln in den Bereichen der Landschaft, des Stammes, in der Unsterblichkeit des Blutes.  

Es ist ein Gesetz der historischen Entwicklung, daß bei der Entweihung der Art, bei dem Zugrunderichten aller Tugenden des Schicksalsmenschen, wie Tapferkeit, Aufrichtigkeit, Vornehmheit, Ehrfurcht vor dem Persönlichen, das Prinzip der leeren Form zur Herrschaft gelangt und dadurch das Prinzip der Nihilisierung der ursprünglichen Lebensordnung.

Europa muß wieder das Lebendige erwecken; seine Jugend braucht kein abstraktes Wissen. Die Jugend muß begeistert werden; bereits bei ihrem Auftreten in das praktische und soziale Leben muß sie von dem großen Schicksalssinn unserer Gegenwart überwältigt werden. Es ist viel besser, wenn soldatisch erzogen wird als Lateinisch zu lernen. Aus ihren Reihen müssen kampfesfrohe Naturen hervortreten, neue Wikinger.

Wenn Europa weiter bestehen will, muß es neue Schulen errichten, Paläste der ewigen Jugend. Das Erziehungs- und Bildungsproblem ist schließlich ein solches des Heroentums. Erziehung zum Verwegenen ist etwas vielfach Schwereres als die bloße Bildung und das Wissensammeln.

Im Bauerntum liegt heute die einzige lebendiggebliebene Ursprungskraft unseres Menschentums. Europa darf nicht wieder Zeiten erleben, da die Führer der Völker die Schwellen der Kirchen küßten. Rauhe Menschen müssen kommen, damit die Geschichte zur Weltmelodie des Bauerntums wird, wie sie Herder und Ernst Moritz Arndt ahnten.

Viele Staaten gingen unter, als das Landvolk verschwand. Die stärksten Heere lösten sich auf, wenn das Blut nicht mehr rein blieb und wenn das Dorf zu welken begann. Das Bauerntum muß als das lebendige Bollwerk des Abendlandes verstanden werden, dessen Bestimmung immer darin bestand und bestehen wird, die Kräfte des Volkes zu schützen und sie zu erneuern.

Dieser Prozeß der Entbäuerung muß mit allen Mitteln bekämpft werden, damit die Dorfgemeinschaft erhalten bleibt. Je weniger Städte, desto reiner und zukunftsreicher ist das Volk. Je weniger Wissenschaft, desto stärker blüht die Volksseele….

Kurzbiographie
Janko Janeff wurde am 13. 12. 1900 in Pestera, Bezirk Plovdiv geboren. Mit 19 Jahren hatte er bereits drei Gedicht-Sammlungen veröffentlicht:
1918: „Sünde und Kummer“;
1918: „Nach Norden“;
1919: „Sehnsüchte“
1919 ging er nach Deutschland, um Dramaturgie zu studieren, ließ sich aber für Philosophie immatrikulieren. Bis 1923 ist er Student in Leipzig, Freiburg und Heidelberg. Seine Doktorarbeit trug den Titel „Leben und Übermensch“ 1923.
Danach geht er nach Bulgarien zurück und arbeitet in der Universitäts-Bibliothek in Sofia. Seine literarischen Werke in dieser Zeit sind:
1926: „Antichrist“;
1927-28 zwei Bücher über Hegel;
1928-32 folgen weitere Werke.
Sein großer Wurf erscheint in Bulgarien: „Der heroische Mensch“.

Auf eine Einladung der Deutschen Reichsregierung geht Dr. Janko Janeff nach Berlin, um an der Universität in Berlin Vorlesungen zu halten. Er liebt Deutschland und bleibt hier, ohne seiner Heimat untreu zu werden. 1942 nimmt er an der Konferenz „Neues Europa“ in Dresden teil und hält einen Vortrag mit dem Titel „Die Seele Europas“.

Am 13. Februar 1945 ermordeten die Alliierten mit ihren Terrorbombern diesen bedeutenden Europäer mit Hunderttausenden deutschen Zivilisten in Dresden.