Gerd Surgke
Der Dichter Rainer Maria Rilke gilt als einer der größten deutschen Lyriker der Neuzeit. Sein Werk steht an der Schwelle zwischen Spätromantik und Expressionismus, zwischen religiöser Sehnsucht und existenzieller Einsamkeit. Mit seiner außergewöhnlichen Ausdruckskraft und dem feinen Gespür seiner Sprache, die das Innerste menschlichen Fühlen im Angesicht der Welt sichtbar zu machen sucht, reiht er sich in die große Tradition von Goethe, Hölderlin und Novalis ein.
Rilkes Werk ist für die deutsche Kulturwelt durch die Verdichtung von Innerlichkeit und Geistigkeit sowie die Vermittlung von Gedanken und Bewußtseinszuständen in einer selten erreichten Sprachgewalt und Eindringlichkeit von ewig bleibendem Wert – als Ausdruck einer poetischen Wahrheits- und Sinnsuche, die farbenreich die Tiefe des menschlichen Daseins erschließt.
Leben
Rilke wurde am 4. Dezember 1875 in dem damals zur Doppelmonarchie Österreich-Ungarn gehörenden Prag geboren. Die Familie war väterlicherseits sudetendeutscher Abstammung aus dem nordböhmischen Türmitz bei Aussig. Andere Quellen verweisen auf eine Abstammung aus dem österreichischen Süden (Kärnten). Seine Mutter, eine geborene Entz, entstammte einer wohlhabenden Prager Fabrikantenfamilie. Religiös-sentimental geprägt und frankophil, gab sie ihrem Sohn den Vornamen Rene (mit den Beinamen Karl Wilhelm Johann Josef), den sie als besonders „vornehm“ empfand.

Rilke, Bildquelle: Wikipedia
Erst seit 1897 begann er sich „Rainer Maria Rilke“ zu nennen. Die Mutter drängte ihn früh in die Rolle seiner verstorbenen älteren Schwester – eine Erfahrung, die sein Verhältnis zur Mutter dauerhaft belastete.
Nach dem Besuch der katholischen Volksschule mußte der musisch begabte Rilke ab 1886 zur Vorbereitung auf die vom Vater gewünschte Offizierslaufbahn die Militärrealschule in St. Pölten besuchen. Gänzlich unmilitärisch veranlagt, überstand er dort sechs Jahre nur widerwillig und wurde schließlich krankheitshalber entlassen. Es folgten ein kurzer Besuch der Handelsakademie in Linz sowie Studien der Literatur, Kunstgeschichte und Philosophie in Prag, später der Rechtswissenschaften in München.
1897 begegnete er in München der Schriftstellerin Lou Andreas-Salome – jener Frau, die Nietzsche einst als „scharfsinnig wie ein Adler und mutig wie ein Löwe“ beschrieben hatte – und verliebte sich in die ältere und verheiratete Frau. Sie wurde ihm Mutterersatz und Muse zugleich. Bis zu Rilkes Lebensende erwies sie sich als wichtige Freundin und Ratgeberin. Von ihr stammte auch der Anstoß zur Namensänderung, da sie „Rene“ für einen jungen Dichter als zu weich und „verweiblicht“ empfand. Stattdessen schlug sie ihm den stärkeren, deutschen Namen „Rainer“ vor. Nachdem sich Lou Andreas-Salome von ihm getrennt hatte, weil sie die von Rilke ersehnte, mystische Liebesverbindung nicht erwidern konnte, schrieb Rilke dieses Abschiedsgedicht:
Warst mir die mütterlichste der Frauen,
ein Freund warst Du, wie Männer sind,
ein Weib, so warst Du anzuschauen,
und öfter noch warst Du ein Kind.
Du warst das Zarteste, das mir begegnet,
das Härteste warst Du, damit ich rang.
Du warst das Hohe, das mich gesegnet –
und wurdest der Abgrund, der mich verschlang.
Aus diesen Zeilen wird deutlich, was der junge Rilke bis zu seinem 24. Lebensjahr schmerzlich vermißte – selbst wenn man den Worten ein wenig pathetische Überhöhung abzieht: Mutter, Vater, Kindheit, also die menschliche Verbindung an sich.
In eine Zeit geworfen, in der das Veraltete mit der Moderne, das Wertbeständige mit dem Nihilismus, das Fruchtbare mit dem Morbiden rang, fühlte sich der feinsinnige Rilke alleingelassen. Letztlich war es seine deutsche Muttersprache, die ihm in mythisch-mystischer Weise, aus seinem Innersten heraus immer wieder Halt und Wegweiser, Kraftquell und Fruchtbar-Schöpferisches war. Auf der steten Suche nach menschlicher Bindung, Persönlichkeit und Gemeinschaft war ihm die deutsche Sprache treuester, aufrichtigster und wegweisender Begleiter.
Vor all diesen Unzugänglichkeiten und Widersprüchen – auch in sich selbst – flüchtend, unternahm er um die Jahrhundertwende längere Reisen nach Italien, Rußland, Skandinavien, Spanien und Nordafrika. Einige Zeit lebte er in Westerwede bei Worpswede, wo er die Bildhauerin Clara Westhoff am 28. April 1901 ehelichte.

Clara Rilke-Westhoff, Gemälde von Paula Modersohn-Becker, 1905
Doch bereits im Sommer 1902 verließ der sich eingeengt fühlende und rastlose Rilke – er war nicht der Mensch für ein bürgerliches und ortsgebundenes Familienleben – die gemeinsame Wohnung und reiste nach Paris, um eine Monographie über den Bildhauer Auguste Rodin zu verfassen. 1905 bis 1906 war er für acht Monate als eine Art Sekretär bei Rodin. Die Beziehung zwischen Rilke und Clara Westhoff blieb dennoch lebenslang bestehen, wenn auch auf Distanz.
Viele Jahre litt Rilke unter finanziellen Sorgen. Seine Gedichtbände fanden Leser, aber nie in Auflagenhöhen, die ein gesichertes Einkommen ermöglicht hätten. Hans W. Hagen, dessen zunächst heftig kritisierte, später jedoch weithin bestätigte Rilke-Dissertation viel Aufmerksamkeit erregte, sprach sogar vom „ Verhängnis Rilke“. Denn Rilke, so der Kulturphilosoph Hagen, vermochte mit seiner „verhaltenen Scheu den literarischen Lärm seiner Zeit“, angesichts Thomas Manns „Buddenbrooks“ oder den Dramen Ibsens, Lagerlöfs oder Hamsuns sowie Gerhard Hauptmanns und Tolstois, nicht zu übertönen.
Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges überraschte Rilke während eines Deutschlandaufenthaltes. Die Rückkehr nach Paris war ihm verwehrt, zumal sein dort zurückgelassener Besitz beschlagnahmt und versteigert wurde. Zumeist sich in München aufhaltend, wurde Rilke Anfang 1916 eingezogen. Er absolvierte in Wien eine militärische Grundausbildung, wurde aber aufgrund der Fürsprache einflußreicher Freunde zur Arbeit ins Kriegsarchiv und ins k.u.k. Kriegspressequartier überstellt. Am 9. Juni 1916 wurde er aus dem Militärdienst gänzlich entlassen.
Den großen Krieg hatte Rilke nie verherrlicht, und er konnte im Gegensatz zu anderen schreibenden Zeitgenossen keinen großen Überschwang empfinden. Zwar spürte er den großen Aufbruch der Schicksalsgemeinschaft gleichfalls und erkannte den weltgeschichtlichen Umbruch, wie er es in ›Fünf Gesänge‹ (1914) niederlegte, blieb aber dem Pathos fremd. Denn er ahnte die Zerstörung des Menschlichen, des Wertbeständigen, des Heiligen. Dies sehend zweifelte er an Gott.
Angesichts der „Stahlgewitter“ im Westen schrieb er später den bekannten Satz: „Wer spricht von Siegen? Überstehn ist alles.“ – und er sinniert weiter in einem Brief: „Der Krieg konnte nichts anderes als ein Ende sein; er war ein äußerstes, seiner innersten Un-Natur nach, ein Abbrechen der Menschheit an sich selbst. Es konnte nur ein neuer Anfang des Daseins nach ihm einsetzen.“ Der Krieg und die folgende Revolution erschütterten Rilke bis in sein Innerstes, so daß er erst nach Jahren des Schwankens wieder zu jener inneren Ruhe fand, die sein weiteres Schaffen ermöglichte.

Rainer Maria Rilke im Alter von 30 Jahren (ca. 1905)
Seit 1923 mußte Rilke mit großen gesundheitlichen Beeinträchtigungen kämpfen, die mehrere lange Sanatoriumsaufenthalte erforderten. Kurz vor seinem Tod wurde die ihn plagende Krankheit als Leukämie erkannt. Er erlag nach einer schrecklichen Leidenszeit im Alter von 51 Jahren am 29. Dezember 1926 im Sanatorium Valmont sur Territet bei Montreux. Seinem Wunsche entsprechend wurde er am 2. Januar 1927 unweit seines letzten Wohnorts in der Schweiz auf dem Bergfriedhof von Raron mit dem Blick auf das Rhonetal, auf Berge und den weiten Himmel beigesetzt.
Werk
Rilke war sich früh seiner Berufung als Dichter bewußt geworden. Schon als Schüler begann er, seine gedanklichen und gefühlsmäßigen Regungen in Worte zu fassen. In seinem um 1900 entstandenen Gedicht ›Vorgefühl‹ läßt der damals 25jährige diese Wahrnehmung wie eine Voraussicht seiner dichterischen Sendung anklingen:
Ich bin wie eine Fahne von Fernen umgeben.
Ich ahne die Winde, die kommen, und muß sie leben,
während die Dinge unten sich noch nicht rühren:
die Türen schließen noch sanft,
und in den Kaminen ist Stille;
die Fenster zittern noch nicht,
und der Staub ist noch schwer.
Da weiß ich die Stürme schon und bin erregt wie das Meer.
Und breite mich aus und falle in mich hinein
und werfe mich ab und bin ganz allein
in dem großen Sturm.
Rilke suchte zeitlebens die wahrhaftige Einordnung, die er ja ahnte. Weil er sie menschlich, gemeinschaftlich nicht fand, war er in höchstem Maße Individualist. Die einzige ihm mögliche Einordnung wußte er in seiner deutschen Sprache. So widmete er sein Leben kompromißlos seiner Verwirklichung als Dichter.
Immer wieder stellte er Beziehungen und Lebensweisen in Frage, wenn er seine Freiheit als Dichter eingeengt sah. Sein Werk ist durchwoben von den Erlebnissen einer ungewöhnlichen Kindheit, seiner religiösen Erziehung und den Erfahrungen aus fremden Ländern.
Die Eindrücke von der Großstadt Paris und der oftmals empfundenen Einsamkeit finden ebenso Eingang in sein lyrisches Werk wie seine Schwärmereien und Liebesgeschichten. Dabei werden die Motive jedoch niemals direkt ausgesprochen, sondern lassen als Bilder Raum für Vermutungen und Deutungen. So werden seelische Zustände in bildhafte Verdichtung verwandelt.

In seiner einzigartigen Tiefe ist Rilke der Künder der geheimnisvollen Sprache der Dinge. Es zeigt ihn als Mystiker in einem sich immer tieferen Versenken, der das Unsichtbare, die Stille und Ekstase zugleich sowie das Miteinander von Ich und Kosmos zu ergründen sucht.
Beeinflußt von Nietzsches Philosophie beschrieb er sich selbst als „Gottsucher“, dessen Religiosität zunehmend pantheistische Züge annahm – ein Glaube jenseits dogmatischer Bindung der Buchreligionen. Rilkes Begegnung mit Tolstoi erschloß ihm die tiefe Frömmigkeit der russischen Seele. Aus dieser Erkenntnis wuchs sein ›Stundenbuch‹, ein Werk der Gottsuche und mystischen Zwiesprache, in dem es heißt:
Ich geh doch immer auf dich zu
mit meinem ganzen Gehen,
denn wer bin ich,
und wer bist du,
wenn wir uns nicht verstehn?
Aus seinen frühesten Veröffentlichungen hat er selbst ›Larenopfer‹ (1896), ›Traumgekrönt‹ (1897) und ›Advent‹ (1898) ausgewählt und 1913 zu der Sammlung ›Erste Gedichte‹ vereinigt. Gleichzeitig entstanden Erzählungen und Dramen. Seine Gedichte ›Geschichten vom lieben Gott‹ (1900), dann ›Buch der Bilder‹ (1902) und ›Stundenbuch‹ zeigen sich von undogmatischer Gläubigkeit und gelten als erster Höhepunkt seines lyrischen Schaffens.
1903 erschienen seine Monographie über die Malerschule ›Worpswede‹ und die Schrift über Auguste Rodin. Besonders volkstümlich geworden sind die lyrische Prosa ›Die Weise von Liebe und Tod des Comets Christoph Rilke‹ (1906) und ›Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge‹ (1910) seine Hauptwerke in Prosa.
Der Mut des Verlegers Anton Kippenberger (dessen private Goethe-Sammlung, als größte und bedeutendste bekannt, heute im Goethe-Museum in Düsseldorf weitergeführt wird), der mit ›Die Weise von Liebe und Tod des Cometts Christoph Rilke‹ seine Insel-Bücherei eröffnete, als er sich die Rechte, der bis 1913 von Rilke verfaßten Werke sicherte, brachte dem stillen, feinsinnigen Rilke die Millionenauflage und die Bedeutung als wichtiger zeitgenössischer Autor. Die höchste Ausprägung seiner Kunst erreichte er später im Jahr 1923 in den ›Sonetten an Orpheus‹ und den ›Duineser Elegien‹.
Einen hohen Rang erwarb er auch als Übersetzer. Eindeutschungen von Dichtungen von Michelangelo, Elizabeth Barret-Browning, Louize Labe, Maurice de Guerin, André Gide, Paul Valéry u. a. gelten als meisterhafte Schöpfungen. Außerdem verfaßte er einige Gedichte in französischer Sprache.
In seinen Briefwechseln mit herausragenden Poeten und Denkern seiner Zeit zeigte der Dichter seine literarische Meisterleistung in tiefgründigen Reflexionen über Kunst, Einsamkeit, Liebe und das Leben. Sein umfangreicher Schriftwechsel in rund 7.000 erhaltenen Briefen spiegelt seine inneren Konflikte, philosophischen Gedanken, Reisen und Beziehungen, aber auch erzieherische Weisheiten wider, die in ihrer Summe sein schriftstellerisches Schaffen abrunden. Nach seinem Tod erschienen u. a. ›Späte Gedichte‹ (1934), die sechsbändige Ausgabe der ›Briefe und Tagebücher‹ (1930-37) sowie die ›Briefe an Auguste Rodin‹ (1928).
Rilke und Rodin
Rilkes Leben war ein fortlaufendes Ringen um das Hohe, das er in sich und durch die deutsche Sprache empfand, um sich herum jedoch so schmerzlich vermißte. In seiner Hinwendung zum großen französischen und bedeutendsten Bildhauer seiner Zeit Auguste Rodin und dessen Werk erhoffte er sich Erfüllung und Anerkennung.
Es war eine Schülerin Auguste Rodins, Rilkes spätere Ehefrau Clara Westhoff, die ihm, der sich durch eine Monographie über dessen Werk (1903) empfehlen konnte, eine Stelle als Sekretär vermittelt hatte. Doch Rilke und Rodin standen für gänzlich gegensätzliche Formen des Schaffens.
Während der Dichter eine „nach außen nicht sichtbare Versenkung in die Probleme brauchte, bevor sie dann vulkanartig aus ihm hervorbrachen und zur rasch gebändigten Form im Sprachlichen drängten“, arbeitete der Bildhauer in einem täglichen und dauernden Schöpfungsprozeß.

Auguste Rodin, Bildquelle: Wikipedia
Hagen charakterisiert Rilke als einen Künstler, der ein „Schaffender [war], der nach lange währender Einkehr in die Stille, der Abkehr von der lauten Welt – ähnlich der „ Abgeschiedenheit “ der mittelalterlichen Mystiker-plötzlich zur alles verzehrenden Tat drängte, die nach ihrer Ableistung dem Erschöpften wieder lange Zeiten der inneren Sammlung und Einkehr gebot. Diese Ruhepausen waren ihm Intervalle der Pause, um neu schöpfen zu können.“
Rodin erschien für Rilke als „das schlechtsinnige Vorbild für jeden Künstler“, ein Zustand, an dem er zu zerbrechen drohte. Rodin war der Auslöser der schwersten Schaffenskrise seines Lebens. Allein durch die abrupte Flucht vor Rodin im Mai 1906 fand Rilke zu sich selbst und zu seiner eigengesetzlichen Dichtkunst zurück.
Rilke und die Entfremdung der Natur
Bereits in seiner Schrift ›Worpswede‹ hatte Rilke 1902 vor der Entfremdung des Menschen von der Natur und ihrer Schändung durch die Technik gewarnt:
Es scheint immer wieder, daß die Natur nichts davon weiß, daß wir sie bebauen und uns eines kleinen Teils ihrer Kräfte ängstlich bedienen. Wir steigern in manchen Teilen ihre Fruchtbarkeit und ersticken an anderen Stellen mit dem Pflaster unserer Städte wundervolle Frühlinge, die bereit waren, aus den Krumen zu steigen. Wir führen die Flüsse zu unseren Fabriken hin, aber sie wissen nicht von den Maschinen, die sie treiben. Wir spielen mit dunklen Kräften, die wir mit unseren Namen nicht erfassen können, wie Kinder mit dem Feuer spielen, und es scheint einen Augenblick, als hatte alle Energie bisher ungebraucht in den Dingen gelegen, bis wir kamen, um sie auf unser flüchtiges Leben und seine Bedürfnisse anzuwenden. Aber immer und immer wieder in Jahrtausenden schütteln die Kräfte ihre Namen ab und erheben sich, wie ein unterdrückter Stand, gegen ihre kleinen Herren, ja nicht einmal gegen sie, – sie stehen einfach auf, und die Kulturen fallen von den Schultern der Erde, die wieder groß ist und weit und allein mit ihren Meeren, Bäumen und Sternen.

Rilke steht Technik und Maschine feindlich gegenüber. In ›Sonette an Orpheus‹ (1922) nennt er beide eine Macht, die sich „wälzt und rächt und uns entstellt und schwächt“. Seine Technikkritik ist grundsätzlicher Natur: Sie richtet sich gegen das Leere, Austauschbare und Seelenlose. In einem Brief an den Dichter Witold Hulewicz, der als erster Rilkes Werke ins Polnische übersetzte, schrieb er 1925:
Noch für unsere Großeltern war ein ,Haus’, ein ,Brunnen’, ein ihnen vertrauter Turm, ja ihr eigenes Kleid, ihr Mantel: unendlich mehr, unendlich vertraulicher; fast jedes Ding ein Gefäß, in dem sie Menschliches vorfanden und Menschliches hinzusparten. Nun drängen, von Amerika her, leere gleichgültige Dinge herüber, Schein-Dinge, Lebens-Attrappen. … Ein Haus, im amerikanischen Verstande, ein amerikanischer Apfel oder eine dortige Rebe, hat nichts gemeinsam mit dem Haus, der Frucht, der Traube, in die Hoffnung und Nachdenklichkeit unserer Vorväter eingegangen war. … Die belebten, die erlebten, die uns mitwissenden Dinge gehen zur Neige und können nicht mehr ersetzt werden. Wir sind vielleicht die Letzten, die noch solche Dinge gekannt haben.
Bereits in seinem Zyklus ›Larenopfer‹ wandte er sich früh gegen die unbeseelten Ausformungen der Moderne:
Der Bau
Die moderne Bauschablone
will mir gar nicht passen.
Hier, dies alte Haus darf fassen
reiche weite Steinterrassen,
kleine heimliche Balkone.
Und die weitgewölbten Decken,
die so günstig sind den Lauten,
Nischen rings, die eingebauten,
draus die Arme sich der trauten Dämmrung
dir entgegenstrecken.
Alle Mauern breiter, stärker
und aus echten Quaderkernen;
Traum, das Gruseln könnt ich lernen,
seh ich auf die Zinskasernen
aus dem kleinen, stillen Erker.
Und dennoch, trotz Kritik und Skepsis, war er kein Kulturpessimist, sondern glaubte an Tradition, Herkunft und das Wesensgemäße. Einer seiner erhellendsten Sätze lautet in diesem Sinn:
Aber noch ist uns das Dasein verzaubert; an hundert Stellen ist es noch Ursprung. Ein Spielen von reinen Kräften, die keiner berührt, der nicht kniet und bewundert.
Vor diesem Hintergrund ist es auch zu verstehen, wenn er in Briefen aus dem Jahr 1926 an die italienische Schriftstellerin und Mussolini-Gegnerin Aurelia Gallarati Scotti den starken Führer Italiens lobte, der zum Architekten des italienischen Willens geworden sei.
Im Faschismus sah er ein Heilmittel für die Krankheit der Zeit und jubelte: „Glückliches Italien!“ Rilkes Ruf ertönte, weil er Italien als das einzige Land wahmahm, das im Aufstieg begriffen sei, ein neues Bewußtsein entwickle und dabei die für Europa als zerstörend empfundenen Ideen von libertärer Freiheit, von sogenannter Humanität und Internationalismus eine scharfe Absage erteilte.
Obwohl Rilke sich nach außen hin unpolitisch gab, konnte er sich seinem wesensgemäßen Sosein nicht entziehen: der Sehnsucht nach Herkunft, Ursprung und dem Wunsche nach nötiger Erneuerung. Er sehnte eine Zeit- und Weltwende – eine Notwende – herbei, wenn er schrieb: „Übrigens verstehe ich unter Revolution die Überwindung von Mißbräuchen zugunsten der tiefsten Tradition.“ Dieser lautere Gefühlsausbruch verdichtet sich in ›Sonette an Orpheus‹ zu einem zeitenthobenen Bekenntnis: „Wandelt sich rasch auch die Welt wie Wolkengestalten, alles Vollendete fällt heim zum Uralten.”
Die bleibende Stimme
Rilke verstand sich – gestützt durch seine zahlreichen Reisen und Lebensorte – zutiefst als europäischer Geist und Dichter. In einem Gespräch mit einem Schweizer Journalisten soll er 1923 gesagt haben: „Ich bin ein Europäer, geboren im Deutschen, lebend in der Sprache.“
In unablässigem Schaffen gelang es ihm, Gedanken und Empfindungen so zu verdichten, daß Sprache ihre größte mögliche Wirkung entfalten konnte. Mit der Kraft seiner Worte, der Blumigkeit seiner Bilder und der Zartheit seiner Empfindsamkeit wurde Rilke zum Sinnbild für Tiefe, Würde und Schönheit des dichterischen Ausdrucks – und gewann damit eine Wirkung, die weit über nationale Grenzen hinausreichte.

Original-Handschrift Rilkes, Bildquelle: Metapedia
Rilke zählt heute zu den meistübersetzten und weltweit rezipierten europäischen Lyrikern des 20. Jahrhunderts; seine Bedeutung strahlt über Europa und den Kontinent hinaus. Er gilt als stilbildender Poet, dessen spirituelle Vertiefung und außerordentliche Wahrnehmungsfähigkeit weit über die geistigen Horizonte seiner Zeit hinausweisen und zugleich auf die innere Wesenhaftigkeit seines deutschen Mutterbodens verweisen.
Als er 1901 an seine Mutter schrieb: „Ich habe keine Heimat, außer in der Sprache“, bekannte er sich zu der deutschen Sprache als einziger eigentlicher Heimat – jenem Element, das ihm, wie er 1920 an Elisabeth Ephrussi schrieb, „Atem“ und „Schicksal“ zugleich war. Zeitlebens hat ihn diese Heimat befruchtet und getragen, zeitlebens hat er um sie gerungen und in ihr sich selbst gefunden.
Rilkes Werk bleibt damit ein bleibendes Zeugnis deutscher Seele und europäischer Geistigkeit – eine Stimme, die in ihrer Klarheit und Schönheit auch kommende Generationen tragen wird.

Hier ein kleiner Tipp von mir. Gehen Sie auf YouTube und dann auf den Kanal „Sternenpilger“. Dort gibt es wunderschön vertonte Gedichte von Rilke, u.a. „Ich ließ meinen Engel lange nicht los ………..“ Es ist sicher nicht für jeden, aber wer es mag wird es lieben.
Es gibt so wunderweiße Nächte
drin alle Dinge Silber sind.
Da schimmert mancher Stern so lind,
als ob er fromme Hirten brächte
zu einem neuen Jesuskind.
Weit wie mit dichtem Diamantenstaube
bestreut, erscheinen Flur und Flut,
und in die Herzen, traumgemut,
steigt ein kapellenloser Glaube,
der leise seine Wunder tut.
(R.M. Rilke, bei Sternenpilger)
Vielen Dank für den Tipp, liebe Doris Mahlberg!