
Wer ist der verzauberte Froschkönig denn anders als Freyr, das göttliche Kind, dem die Götter Alfheim, das Land der ungeborenen Seelen, das Kinderunschuldsland der goldenen Reinheit zum Patengeschenk gaben?
Die Menschen sind Frohs Geschlecht (Fro-sk = Frosch). Daher fischt Freund Ade-bar (runisch Od-bar, Geburt des Geistigen) sich nach dem so beliebten Volksglauben die kleinen Kinder aus dem Froschteich.
Einst gab es ein goldenes Zeitalter, ihm folgte das silberne, das kupferne, das eiserne; und jedesmal legte sich dem treuen Heinrich, dem Diener des Froschkönigs, ein eiserner Ring um die Brust aus Schmerz um diese Verzauberung. Ihn werden wir hernach kennenlernen. Erst lassen wir das Märchen selbst reden.
In den alten Zeiten,
so fängt das Märchen an,
lebte ein König, dessen Töchter waren alle schön, aber die jüngste war so schön, daß die Sonne selber, so oft sie ihr ins Gesicht sah, sich verwunderte.
Nahe dem Schloß lag ein großer dunkler Wald, und in dem Walde unter einer alten Linde war ein Brunnen. War es heiß, so setzte sich die Königstochter an den Rand des kühlen Brunnens; und wenn sie Langeweile hatte, so nahm sie eine goldene Kugel, warf sie in die Höhe und fing sie wieder.
Als bei solchem Spiel einmal die Kugel in den tiefen Brunnen gerollt war und die Königstochter immer lauter zum Steinerbarmen weinte und klagte, tauchte mit seinem dicken häßlichen Kopf ein Frosch aus dem Wasser empor und erbot sich, den Ball wieder herbeizuschaffen, wenn die Königstochter ihn lieb haben wolle.
‚Ich soll‘, forderte er, ‚dein Geselle und Spielkamerad sein, an deinem Tischlein neben dir sitzen, von deinem goldenen Tellerlein essen, aus deinem Becherlein trinken, in deinem Bettlein schlafen.‘
Alles dies versprach die Königstochter, weil sie dem einfältigen Frosch derartiges gar nicht zutraute, und lief ihm davon. Am nächsten Tage aber, als der Hof tafelte und sie von ihrem goldenen Tellerlein aß, kam plitsch-platsch, plitsch-platsch etwas die Marmortreppe heraufgekrochen, und als es oben angelangt war, klopfte es an die Tür und rief: ‚Königstochter jüngste, mach mir auf,‘ da mußte sie, wie sehr sie sich sträubte, auf des Vaters Geheiß ihr Versprechen einlösen.
Als der Frosch aber, nachdem er sich satt gegessen, verlangte, in ihrem seidenen Bettlein mit ihr zu schlafen, trug sie ihn zwar mit zwei Fingern hinauf, setzte ihn aber in die Ecke. Da kam er gekrochen und verlangte, daß sie ihn in ihr schönes reines Bettlein höbe.
Sie ward bitterböse, holte ihn herauf und warf ihn aus allen Kräften wider die Wand. Als er aber herabfiel, da war er kein Frosch mehr, sondern ein Königssohn, der von einer bösen Hexe verwünscht worden war. Und niemand hätte ihn aus dem Brunnen erlösen können, als sie allein, und morgen wollten sie zusammen in sein Reich gehen.
Am anderen Morgen kam ein Wagen herangefahren, mit acht weißen Pferden bespannt, die hatten weiße Straußenfedern auf dem Kopf und gingen in goldenen Ketten, und hinten stand der Diener des jungen Königs – der war der treue Heinrich. Der hatte drei eiserne Bande um sein Herz legen lassen, damit es ihm nicht vor Weh und Traurigkeit zerspränge.

Zeichnung von Otto Ubbelohde
Unterwegs krachte es, als wäre etwas zerbrochen. Da drehte sich der junge König um und rief:
Heinrich, der Wagen bricht.
Nein, Herr, der Wagen nicht,
Es ist ein Band von meinem Herzen,
Das da lag in großen Schmerzen,
Als ihr in dem Brunnen saßt,
Als ihr ein Fröschle wart.
So krachte es dreimal hintereinander, bis alle drei Reifen gesprungen waren. Dies ist das Märchen. Nun zur Deutung:
Jede Geburt einer Seele aus geistigen Höhen in die irdische Leiblichkeit ist wie eine Verzauberung durch eine böse Hexe. Hier aber haben wir es nicht mit einer einzelnen Geburt, sondern mit dem Herabsinken der ganzen Menschheit aus dem goldenen Zeitalter, dem Reich der goldenen Freiheit, in dem die Asen auf dem Idafelde mit goldenen Tafeln spielten, bis in unser eisernes Zeitalter zu tun, deren Reifen sich dem Menschen, wie dem eisernen Heinrich die drei eisernen Bande (das silberne, kupferne, eiserne Alter), um das Herz legen. Die Linde im dunklen Wald ist der andere Baum als die Weltenesche, und der Brunnen daneben der Urda-Brunnen. Beide Sinnbilder bezeugen es, dass hier kosmisches Geschehen gemeint ist.
Die jüngste Königstochter, sonniger und schöner noch als ihre älteren Schwestern –– gleich den neun Heimdalmüttern ein Bild der älteren Hierarchien –– spielt am Brunnen mit dem goldenen Ball, dem goldenen Zeitalter. Sie selber stellt die Menschheit dar in ihrer ursprünglichen gottgedachten Reinheit.
Die Menschheit hat den Goldball dieser göttlichen Abstammung im Laufe des Weltenwerdens durch den Abstieg in die Materie verloren. Dadurch hat auch der einzelne Mensch seine königliche Gestalt verloren und ist Frosch gewerden. Wie er in seiner embryonalen Entwicklung die tierischen Vorstufen wiederholen muß, so haftet ihm bis zu seiner Erlösung immer noch etwas Tierisches, die Froschnatur an. Erlösen kann ihn nur die Liebe der Königstochter, der ganzen Menschheit.
Versuchen wir, die Bilder der vier Gegenstände auf die einfachsten Linienformen zurückzuführen, so erhalten wir
das Kreuz (3) (Tisch),
den Kreis (4) (Teller von oben gesehen),
die Urne (2) (Becher),
den Pfahl (1) (Bett liegend).
Dies sind aber genau die vier Zeichen auf dem Tische des göttlichen Magiers auf der ersten Tarockkarte*) mit der Bedeutung:
3. Zeugung,
4. Kind,
2. Mutter,
1. Vater
Aus dem menschlichen Gebiet in höhere geistige Bereiche erhoben, decken sich diese Sinnbilder mit dem
1. Geistmenschen atma,
2. Lebensgeist buddi,
3. Geist selbst manas,
4. Selbst.
Das Märchen bringt mithin zum Ausdruck, daß der Königssohn nur entzaubert werden kann, wenn er durch die liebe der Menschheit, der jüngsten Königstochter, diese oberen Formen seiner geistigen göttlichen Wesenheit in sich entwickelt.
Nun zur anziehendsten Gestalt des Märchens, dem eisernen Heinrich, dem treuen Ekkehard der Menschheit, dem Freund Hain, dem Rik oder Airikr der Edda, Heimdall, dem Achter, dem kosmischen Menschen.
Daß niemand anders als dieser sich hinter dem treuen Heinrich verbirgt, beweisen ganz untrüglich die acht weißen Roße vor seinem Wagen.
Wie jeder im ›Grimnismal‹ in der Edda nachlesen kann, wohnt er im achten Götterhause, der Himinbjörg, der Himmelsburg. Ihm ist das Gjallarhorn, das gellende Horn zu eigen, die Stimme des Gewissens. Er hütet die Regenbogenbrücke, die das geistige Reich mit Mitgart, der Menschenerde, verbindet.
Daß er über die Verzauberung des Menschen, seinen Abstieg in die Materie, das Reich der Mineralien, Pflanzen und Tiere traurig ist, ist nach dem Gesagten wohl erklärlich.
Erst, wenn der Mensch seine wahre königliche Gestalt wiedergewinnt, wenn die drei Reifen der drei Weltalter, die dem goldenen folgen, springen, wird er wieder vom Herzen froh.
So sehen wir in diesem köstlichen Märchen, daß jedes Bild, jedes Wort beziehungsreich ist und uns einen tiefen Zusammenhang enthüllt, uns tief hineinführt in die Wunderwelt des alt-arischen Glaubens.

Freya und Heimdall, Bildquelle: Metapedia
* Anmerkung: Woldemar v. Uexküll, München, Roland-Verlag ›Eine Einweihung im alten Ägypten nach dem Buche Thotte‹.
Beitragsbild: Zeichung von Otto Ubbelohde
