Dr. Josef Schmid
Wer Berlin kennt, kennt Schinkel. Zum mindesten stand man bewundernd vor den Bauten dieses genialen Meisters des 19. Jahrhunderts.
Seine Hauptschöpfungen, die ›Neue Wache‹ Unter den Linden, das ›Alte Museum‹ am Lustgarten und das ›Staatliche Schauspielhaus‹ auf dem Gendarmenmarkt gehören in der ihnen eigenen Verbindung von Zweckmäßigkeit und Schönheit zum Besten, was die Reichshauptstadt an Baudenkmälern zu zeigen hat.

›Neue Wache‹
Wie in Berlin sind auch in Düsseldorf, Magdeburg, Oppeln und Ratibor Schöpfungen Schinkels anzutreffen, ja, man darf ohne Übertreibung behaupten, daß fast überall in Preußen Bauten stehen, die von Schinkel entworfen oder doch seines Geistes sind.
Und über den Kreis seiner großen preußischen Heimat hinaus wirkte der Meister auch in Städten wie Hamburg, Dresden, Zittau und manchen anderen, jenseits Deutschlands Grenzen ist Schinkels Einfluß im Baltenland, in den nordischen Staaten und Polen deutlich spürbar.
Sogar für den König von Griechenland und die russische Kaiserin hat Schinkel gearbeitet, wenn es ihm auch nicht vergönnt war, seine großen Baudichtungen für königliche Schlösser in Athen und auf der Halbinsel Krim in Stein verwirklichen zu können.

Schauspielhaus, Berlin um 1825, Bildquelle: Wikipedia
Schinkels Bauten sind das getreue Abbild ihres Meisters. Wie sich in ihnen das Nützliche mit dem Schönen vollendet zu edlem Ausgleich fügt, so auch im Menschen Karl Friedrich Schinkel: aufs glücklichste sind der Praktiker und der Künstler in einer Person vereint.
Der erste Blick zeigt ein aufgeschlossenes und geistvolles Gesicht. Die hochgewölbte Stirn in der Rahmung des gewellten Haares und Augen von der Tiefe und dem Geheimnis eines dunkeln Bergsees kennzeichnen den lebensvollen, schöpferischen Gestalter. Der Mund läßt aus dem Schwung der Lippen Anmut und tiefes Empfinden erkennen; doch verraten Breite und Geschlossenheit zugleich drängende Energie.
Und Wollen und Wirklichkeitssinn sind auch im eckigen Kinn und dem kräftigen Hals verankert. In diesem Antlitz ist ausgeprägt, was die Ahnen dem Besten ihrer Erben mitgegeben haben: die künstlerisch-idealistischen Züge des uralten väterlichen Pastorengeschlechts und der tatkräftige Wirklichkeitssinn der mütterlichen Kaufmannsfamilie, nichts anderes als die bewährte deutsche Mischung aus Idealismus und Realismus. Sie bestimmte Wesen und Schaffen Schinkels als Baumeister, Künstler und Beamter.

Museum, Galerie
Er wurde der Künstler, der mit Phantasie und Schönheitsempfinden, Geist und Traum in entdeckerischer Schöpferkraft dem Bauen neuen Sinn und Ausdruck gab, und war zugleich der Praktiker, der nüchtern dem Zweck nachgehen und sogar jahrzehntelang als hoher und höchster Baubeamter in preußischen Diensten tüchtig und unermüdlich seine Pflicht erfüllen konnte.
Und noch etwas war Schinkel gegeben: ein ausgesprochener Schönheitswille, der ihn fanatisch in seinem Künstlertum vorantrieb. Darum war er zeit seines Lebens unablässig bemüht, die gesamte, vom Menschen gestaltete Umwelt nach seinem Geiste zu formen. Daran arbeitete er immer. Selbst wenn seine Freunde — die besten Namen der Romantik sind darunter — bei ihm am Teetisch versammelt waren, saß er mit seinem Block zeichnend beiseite. Diese nie zu stillende Sehnsucht nach dem Schönen hat zusammen mit seiner hohen und universellen Begabung den Weg des Künstlers gradlinig bestimmt.
Am 13. März 1781 in der brandenburgischen Stadt Neuruppin geboren, faßte Schinkel als 16jähriger Schüler in Berlin plötzlich den Entschluß, Baumeister zu werden. Der Überlieferung nach soll ein Entwurf des genialen jungen Baumeisters Gilly zu einem Denkmal Friedrichs des Großen wie ein Blitz seine Seele entzündet und den Vorhang vor seiner Zukunft zerrissen haben.
Jedenfalls meldete sich der Jüngling in der Berliner Bauschule an, wo David Gilly, als Haupt der Schule, und sein hochbegabter Sohn Friedrich die Lehrer Schinkels wurden, an denen allein er heranreifen konnte. Während der ältere Gilly aus dem Können bewährter Praxis und mit sicherem Geschmack dem strebsamen Schüler die technischen Grundlagen übermittelte, führte der Sohn Gilly ihn über das Nützliche hinaus zur wahren Schönheit im Allereinfachsten.
In tiefer Dankbarkeit bekennt Schinkel nach dem frühen Tode des 29 jährigen Lehrers und Freundes in einem Brief an dessen Vater:
… daß für jedes Glück, das mir bis jetzt in meiner Laufbahn begegnete und das in Zukunft meiner vielleicht noch wartet, mir von ihm her der erste Samen fiel…
Dem jungen Schinkel verblieb die Aufgabe, die begonnenen Arbeiten Friedrich Gilly’s, der ein Genius deutscher Baukunst zu werden versprochen hatte, zu vollenden und sein geistiges Erbe weiterzutragen. Wesentlich für seine weitere Entwicklung war dann noch eine längere Reise nach Italien, die vom ersten verdienten Geld bestritten werden konnte. Sie brachte dem jungen.
aufgeschlossenen Künstler in jeder Hinsicht Gewinn.
Wie hinterlassene Tagebuchblätter beweisen, fühlte sich Schinkel ebenso zu der sonnigen Landschaft und den fröhlichen Menschen hingezogen, wie von der großartigen Architektur Italiens beeindruckt. Mit allen Fasern seines empfänglichen Herzens durchdrang er die neue Umwelt, studierte aber auch mit größtem Eifer die Baugesetze des alten Roms und ging gleich begeistert in die Schule von Bramante und Brunelleschi wie von Michelangelo und Palladio.
Neben dem rein Künstlerischen beschäftigte er sich, wie seine Art es gebot, auch gründlich mit den technischen Problemen. So sah er den mittelalterlichen Ziegelbauten von Ferrara und Bologna manches ab, das ihm später beim Bau seiner zahlreichen Backsteingebäude nützlich war. In Rom wurde der junge Künstler durch Zeichnungen mit Wilhelm von Humboldt bekannt, der ihn später dem Staatsdienst zuführte.

Das Konzerthaus steht als zentrales Gebäude auf dem Gendarmenmarkt. Das klassizistische Bauwerk ist eines der Hauptwerke von Karl Friedrich Schinkel. Es wurde 1821 als Königliches Schauspielhaus eröffnet und war von 1919 bis 1945 Preußisches Staatstheater. Im Jahr 1994 erhielt es den Namen ›Konzerthaus Berlin‹.
Nach der Rückkehr von seiner ersten Italienreise über Frankreich im Jahre 1805 findet Schinkel sein Vaterland politisch darniederliegend und verarmt vor. Hier gibt es keine Möglichkeit zu Bauaufträgen. Aber der Tatkräftige läßt sich nicht unterkriegen. Unverdrossen greift er zur Malerpalette.
Um zunächst wenigstens seinen Lebensunterhalt zu verdienen, macht er sich sogar an Panoramen und Guckkastenbilder. Er malt berühmte Städte und Landschaften, auch die ›Sieben Weltwunder‹ von 30 Meter Länge und anderes für Weihnachtsausstellungen in einer Bude an der Hedwigskirche, aus denen sich danndas bekannte ›Diorama‹ des Herrn Gropius entwickelt hat.
Über eines dieser Panoramen, das von Palermo, von Schinkel 1809 in viermonatiger Arbeit geschaffen, liegt ein begeistertes Urteil in einem Brief von Achim von Arnim, einem späteren Freunde Schinkels, vor:
Das war eine selige Stunde in Palermo — ich stand da im Klostergarten und sah über das blaue Meer…
Derselbe Schinkel malte daneben auch Gemälde, und so gute, daß sie noch heute Rang in der Meisterliste der Romantiker haben. Auch mit Entwürfen zu Bühnenbildern für das Opern- und Schauspielhaus hatte Schinkel Erfolge, die die Zeit überdauerten.
Noch bevor Schinkel seine baukünstlerischen Fähigkeiten an einem ausgeführten Bauwerk beweisen konnte, wurde er 1810 bei der obersten Baubehörde in Preußen angestellt. Hier ist sein Urteil in künstlerischen Fragen bald ausschlaggebend; schließlich wird er ›Geheimer Oberbaurat‹ und Direktor dieser Zentralstelle für alle staatlichen Bauunternehmungen und hat als solcher auch alle kirchlichen und städtischen Planungen mit Staatszuschüssen zu begutachten und zu verwalten. Der rechte Mann am rechten Platz!
Als überragender Künstler und befähigter Verwaltungsbeamter war er im wahren Sinne ein Kulturbaumeister, der lange Jahre hindurch fördernd und anregend wie kaum ein anderer in die volle Breite wirkte.
Gleich sein erster bedeutender Bau im Jahre 1816, die ›Neue Wache‹ Unter den Linden, begründete den Ruhm des jugendlichen Architekten. Wie kaum einem zweiten strömten Schinkel die schöpferischen Kräfte zu. „Man muß ihm einen Zaum anlegen“ meinte der haushälterische König.
Schinkel entwarf und plante, und, um bauen zu können, baute er „mit den bescheidensten Mitteln“, sagt sein Landsmann, der Dichter Fontane; „fehlte das Geld für wuchtiges, edles Gestein, so baute er in Putzbau, . .“.
Oft ermutigte ihn in dieser sparsamen Zeit der Kronprinz von Preußen: „Kopf oben, Schinkel, wir bauen zusammen!“ Als sein Gönner und Mitplaner Friedrich Wilhelm aber endlich den Thron besteigen konnte, war der Meister schon schwer erkrankt und lebte nur noch ein Jahr, bis 1841, dahin. Mit ihm starb ein Künstler von universellem Ausmaß, dessen Leben allzeit bis zum Bersten mit Arbeit ausgefüllt gewesen war.
Neben dem Baumeister war Schinkel auch der Innenarchitekt seiner Schöpfungen, und darüber hinaus hat er viele andere Räume licht und hell in weißgoldenem Grundklang dekoriert. Es interessierte ihn alles, die Gestaltung der Möbel, die Bilderrahmen und die Ofen. Nichts war ihm zu geringfügig, es künstlerisch zu formen.
So hat er „Vorbilder für Handwerker und Fabrikanten“ herausgegeben, Entwürfe für die Bau- und Zimmermeister, für die Schmiede, Glaser, Töpfer und Kleber gefertigt und die Wiederbelebung der alten deutschen Technik des Erzgusses betrieben.
Der gleiche Künstler ist auch fähig gewesen, beim Ausbruch des Befreiungskrieges der Entschlossenheit und Hoffnung seiner Nation in wenigen Linien symbolhaften Ausdruck zu geben: Der Entwurf zum Eisernen Kreuz, dem bescheidenen und zugleich größten Sinnbild des soldatischen Deutschlands, stammt von Schinkel.
Schinkel hat viel gearbeitet und viel gebaut. Doch geben seine hinterlassenen Bauten noch keinen hinreichenden Begriff von der baumeisterlichen Schaffenskraft dieses Genius. Denn nur etwa ein Drittel von seinen Plänen konnte überhaupt verwirklicht werden.
Zu seinem baulichen Schaffen kommen die vielen Arbeiten aus anderen Bereichen der Kunst mit Tausenden von Skizzen und Entwürfen. Sie füllen zusammen mit Schinkels Plänen, Zeichnungen und Gemälden jetzt das Schinkel-Museum, das derzeit in der von ihm entworfenen und ausgeführten Bauakademie in Berlin untergebracht ist.

Bauakademie
Und auch die ersten bisher veröffentlichten Teile der großen Zusammenfassung der Schinkelschen Arbeiten in dem auf 16 Bände vorgesehenen ›Lebenswerk‹ überzeugen schon von dem erstaunlichen Schaffen des Meisters, der in seiner unbegreiflichen Universalität das Können in sich trug, die ganze sichtbare Welt künstlerisch zu formen.
Schinkels Werk steht für alle Zeiten. So tiefdringend, so umfassend war Schinkels Wirken, daß sein Name kennzeichnend für eine ganze Epoche wurde. Um 1800 beginnt die „Schinkel-Zeit“.
Die Stürme der großen Revolution waren verbraust, und die bürgerliche Welt hatte endgültig über die Fürstenkultur des Barock und Rokoko mit ihrem verschnörkelten Pomp gesiegt. Zwar stand man noch in geistig hochgespannten Auseinandersetzungen der Zeitenwende, doch klang in die Ideen der Aufklärung und das Schwärmen für die Antike schon der Ruf:
Keine neue Poesie – ein neues Leben aus der Vergangenheit!
Die Romantik mit ihrem herzbewegenden Ton und letzthin Ausdruck eines unbewußten Sehnens nach völkischer Gemeinschaft eroberte bald alle Herzen. Nach ›Sturm und Drang‹ und ›Klassik‹ war die letzte Epoche der großen ›Deutschen Bewegung‹ von 1780 bis 1830 angebrochen.
Am wenigsten berührt davon wurde allerdings die bildende Kunst. Eine Plastik fehlt gänzlich, und die Versuche der Romantik in der Baukunst erschöpfen sich in Nachahmungen der Gotik. Nach wie vor behauptete sich der Klassizismus.
Preußen hatte dafür seine besonderen Gründe, fügte sich doch dieser Stil griechisch-römischer Herkunft in seiner maßvollen Formgebung wie kein anderer in die zuchtvolle Tradition und die norddeutsche Klarheit preußischen Seins.

Friedrich Gilly, Holzschnitt von Ernst von Dombrowski
Nachdem Langhans, der Erbauer des Brandenburger Tors, und andere, darunter auch Schinkels Lehrer Friedrich Gilly, die südlichen Bestandteile des Stiles in nordischem Sinne umgeprägt hatten, waren bereits Ansätze zu einer preußischen Baukunst gewonnen, die endgültig zu gestalten aber Schinkel Vorbehalten blieb.
Wie alles künstlerische Schaffen aus der Zeit erwächst, um über sie hinauszuführen, so auch Schinkels Werk. Aus dem gesunden Gemeinschaftsgeist der Romantik und dem während der Heroenzeit der Befreiungskriege geläuterten Volkstum empfing Schinkel die innere Kraft zu seinem tektonischen Schaffen.
Mit den Menschen seiner Zeit fühlte er sich hingezogen zum Schlichten, Heimischen, Vaterländischen. Trotz der klassischen Form schuf er von Grund auf Neues.

Auszug aus der ersten Ausgabe der neuen Zeitschrift ›Kulturwarte‹

