Leseprobe aus unserem Bücherangebot

WEISTUM und WISSEN

Unsere eigenständige Religion in den Märchen der Brüder Grimm

Der Eisenhans
(Br. Grimm Nr. 136)

Es war einmal ein König, der hatte einen großen Wald bei seinem Schloß, darin lief Wild aller Art herum. Zu einer Zeit schickte er einen Jäger hinaus, der sollte ein Reh schießen, aber er kam nicht wieder. „Vielleicht ist ihm ein Unglück zugestoßen“, sagte der König und schickte den folgenden Tag zwei andere Jäger hinaus, die sollten ihn aufsuchen, aber die blieben auch weg. Da ließ er am dritten Tag alle seine Jäger kommen und sprach: „Streift durch den Wald und laßt nicht ab, bis ihr sie alle drei gefunden habt.“ Aber auch von diesen kam keiner wieder heim, und von der Meute Hunde, die sie mitgenommen hatten, ließ sich keiner wieder sehen.

Von der Zeit an wollte sich niemand mehr in den Wald wagen, und er lag da in tiefer Stille und Einsamkeit, und man sah nur zuweilen einen Adler oder Habicht darüber hinfliegen.

Das dauerte viele Jahre; da meldete sich ein fremder Jäger bei dem König, suchte eine Versorgung und erbot sich, in den gefährlichen Wald zu gehen. Der König aber wollte seine Einwilligung nicht geben und sprach: „Es ist nicht geheuer darin, ich fürchte, es geht dir nicht besser als den andern, und du kommst nicht wieder heraus.“ Der Jäger antwortete: „Herr, ich will’s auf meine Gefahr wagen; von Furcht weiß ich nichts.“

Die vorstehende Einleitung zu unserem Märchen soll nicht nur Neugier danach erwecken, wo wohl die vielen Jäger samt ihren Hunden geblieben sind. Der große Wald, über dem der Adler des Gottes ODIN kreist, ist ein Symbol der Welt mit seinem Leben auf der Erde. Die „Jäger“ sind die ihrer Nahrung nachjagenden Menschen und die Hunde stehen für ihr Wahrnehmungsvermögen. Nach dem Gesetz des Werdens und Vergehens im Leben gehen sie durch ihre Zeit, ohne daß sie etwas Besonderes ausgerichtet hätten. Dies war nun aber anders bei dem Jäger, der „von Furcht nichts weiß“. Vom eigenen Denkvermögen ermutigt, will er den Dingen auf den Grund gehen. Der König als Herr über Leben und Tod gibt ihm dazu den Weg frei und bald schon trifft unser Jäger auf etwas besonderes:

Der Jäger begab sich also mit seinem Hund in den Wald. Es dauerte nicht lange, so geriet der Hund einem Wild auf die Fährte und wollte hinter ihm her; kaum aber war er ein paar Schritte gelaufen, so stand er vor einem tiefen Pfuhl, konnte nicht weiter, und ein nackter Arm streckte sich aus dem Wasser, packte ihn und zog ihn hinab.

Als der Jäger das sah, ging er zurück und holte drei Männer, die mußten mit Eimern kommen und das Wasser ausschöpfen. Als sie auf den Grund sehen konnten, so lag da ein wilder Mann, der braun am Leib war wie rostiges Eisen und dem die Haare über das Gesicht bis zu den Knien herabhingen. Sie banden ihn mit Stricken und führten ihn fort in das Schloß.

Da war große Verwunderung über den wilden Mann, der König aber ließ ihn in einen eisernen Käfig auf seinen Hof setzen und verbot bei Lebensstrafe, die Türe des Käfigs zu öffnen, und die Königin mußte den Schlüssel selbst in Verwahrung nehmen. Von nun an konnte ein jeder wieder mit Sicherheit in den Wald gehen.

Hier ist nun berichtet, wie ein übermenschliches Wesen aus dem Schoß der Erde in unser Menschenleben hereingeholt wurde. Es ist, wie sich später noch deutlicher zeigt, die Geburt des Gottes THOR, der sich auf die Erde begibt, um den Menschen eine Erkenntnis zu vermitteln. Für die Germanen spielte der Gott THOR in vorchristlicher Zeit etwa dieselbe Rolle wie später die Jesusgestalt. THOR war der Helfer der Menschen. Als sein Vater galt das den Kosmos erfüllende geistige Prinzip ODIN und als Mutter die Erdgöttin JÖRD. Von ihrem Wesen erfüllt, wurde es ihm zur Aufgabe, das Leben auf der Erde zu schützen. Die Verehrung THORS war nach Einführung des Christentums jedoch verboten und wurde als Verbrechen angesehen. Sie konnte sich aber in der Sprache der Märchen dennoch behaupten. Aber nur der selbständige Denker, der seine eigene Natur zum Ausgangspunkt der Erkenntnis der Lebensgesetze machte, konnte vom THOR noch tiefere Einsichten darüber erfahren. Gott THOR wird hier nun nicht durch eine Jungfrau geboren, sondern tritt unmittelbar aus dem Schoß der Erde hervor. Der Arm des Gottes hatte den Hund, das Wahmehmungsorgan des Jägers, ergriffen; dieser ging der Sache „auf den Grund“ und konnte dadurch das Göttliche bzw. den Gott in das Leben der Menschen hereinholen und dann in der Stille des Schlosses in Sicherheit bringen. – Solche Geburt eines Heilbringers aus dem Schoß der Erde ist ein altes indogermanisches Urbild. So findet sich auch ein Beispiel in der Geburt des Mithras, die man in eine Felsenhöhle verlegte, aus der das Wasser einer Quelle hervorkam. In dieser fand die Auferstehung des Mithras statt, indem er von der Sonne als geistiger Kraft und dem Mond als inniger Seelenkraft erfüllt, den Stier als niedere Naturkraft überwand, um den Menschen dadurch den Heilsweg zu weisen. Dies sollte ja nun auch hier geschehen. Bei der Bedrohung der aus den Naturkräften entwickelten altheidnischen Heilslehre durch das Christentum, konnte sich das Wissen des Eisenhans (THORS) aber nun nur in der Geborgenheit des Schlosses des Königs erhalten, und die wissende Königin hatte den Schlüssel zum Aufenthaltsort in Verwahrung, d.h. sie hütete das Geheimnis der heidnischen Verkündigung! Wir hören nun weiter:

Der König hatte einen Sohn von acht Jahren, der spielte einmal auf dem Hof, und bei dem Spiel fiel ihm sein goldener Ball in den Käfig.

Der Knabe lief hin und sprach: „Gib mir meinen Ball heraus.“ 

„Nicht eher“, antwortete der Mann, „als bis du mir die Türe aufgemacht hast.“ 

„Nein“, sagte der Knabe, „das tue ich nicht, das hat der König verboten“, und lief fort.

Am andern Tag kam er wieder und forderte seinen Ball; der wilde Mann sagte: „Öffne meine Türe“, aber der Knabe wollte nicht.

Am dritten Tag war der König auf die Jagd geritten, da kam der Knabe nochmals und sagte: „Wenn ich auch wollte, ich kann die Türe nicht öffnen, ich habe den Schlüssel nicht.“

Da sprach der wilde Mann: „Er liegt unter dem Kopfkissen deiner Mutter, da kannst du ihn holen.“

Der Knabe, der seinen Ball wieder haben wollte, schlug alles Bedenken in den Wind und brachte den Schlüssel herbei. Die Türe ging schwer auf, und der Knabe klemmte sich den Finger. Als sie offen war, trat der wilde Mann heraus, gab ihm den goldenen Ball und eilte hinweg.

Dem Knaben war angst geworden, er schrie und rief ihm nach: „Ach, wilder Mann, geh nicht fort, sonst bekomme ich Schläge.“

Der wilde Mann kehrte um, hob ihn auf, setzte ihn auf seinen Nacken und ging mit schnellen Schritten in den Wald hinein.

Als der König heimkam, bemerkte er den leeren Käfig und fragte die Königin, wie das zugegangen wäre. Sie wußte nichts davon, suchte den Schlüssel; aber er war weg. Sie rief den Knaben, aber niemand antwortete. Der König schickte Leute aus, die ihn auf dem Felde suchen sollten, aber sie fanden ihn nicht. Da konnte er leicht erraten, was geschehen war, und es herrschte große Trauer an dem königlichen Hof.

Daß der Knabe mit einem goldenen Ball spielte ist wieder ein Symbol, das auch später noch in seiner Bedeutung sichtbar wird. Es drückt aus, daß er von guten und klaren Gedanken erfüllt war und es bleiben will. Daß der Eisenhans wußte, daß der Schlüssel zu seinem Aufenthaltsraum unter dem Kopfkissen der Königin liegt, weist daraufhin, daß sie mit den Gedanken, die er vermittelte, auch nachts noch beschäftigt war. Den jungen Knaben nahm der Eisenhans aber nun mit in seine Götterwelt. Wenn nach späterer Christenlegende der Christophorus den Jesusknaben über einen Fluß trägt, so ist dies in Wirklichkeit ein christliches Abbild des Gottes THOR, von dem berichtet wurde, wie er den göttlichen Aurwandil (den Gatten der Seherin Groa) aus dem Riesenlande befreite, indem er ihn auf seinem Rücken über den Fluß Eliwagar trug. Hier trägt er nun so den jungen Königsknaben fort aus der Enge der ihn umgebenden Welt zu einem Goldbrunnen.

Als der wilde Mann wieder in dem finstern Wald angelangt war, so setzte er den Knaben von der Schulter herab und sprach zu ihm: „Vater und Mutter siehst du nicht wieder; aber ich will dich bei mir behalten, denn du hast mich befreit, und ich habe Mitleid mit dir. Wenn du alles tust, was ich dir sage, so sollst du’s gut haben. Schätze und Gold habe ich genug und mehr als jemand auf der Welt.“

Er machte dem Knaben ein Lager von Moos, auf dem er einschlief, und am andern Morgen führte ihn der Mann zu einem Brunnen und sprach: „Siehst du, der Goldbrunnen ist hell und klar wie Kristall; du sollst dabeisitzen und achthaben, daß nichts hineinfällt, sonst ist er verunehrt. Jeden Abend komme ich und sehe, ob du mein Gebot befolgt hast.“

Der Knabe setzte sich an den Rand des Brunnens, sah, wie manchmal ein goldener Fisch, manchmal eine goldene Schlange sich darin zeigte, und hatte acht, daß nichts hineinfiel. Als er so saß, schmerzte ihn auf einmal der Finger so heftig, daß er ihn unwillkürlich in das Wasser steckte. Er zog ihn schnell wieder heraus, sah aber, daß er ganz vergoldet war, und wie große Mühe er sich gab, das Gold wieder abzuwischen, es war alles vergeblich.

Abends kam der Eisenhans zurück, sah den Knaben an und sprach: „Was ist mit dem Brunnen geschehen?“ 

„Nichts, nichts“, antwortete er und hielt den Finger auf den Rücken, daß er ihn nicht sehen sollte. Aber der Mann sagte: „Du hast den Finger in das Wasser getaucht; diesmal mag’s hingehen, aber hüte dich, daß du nicht wieder etwas hineinfallen läßt.“

Am frühesten Morgen saß er schon bei dem Brunnen und bewachte ihn. Der Finger tat ihm wieder weh, und er fuhr damit über seinen Kopf; da fiel unglücklicherweise ein Haar herab in den Brunnen. Er nahm es schnell heraus; aber es war schon ganz vergoldet.

Der Eisenhans kam und wußte schon, was geschehen war. „Du hast ein Haar in den Brunnen fallen lassen“, sagte er, „ich will dir’s noch einmal nachsehen, aber wenn’s zum drittenmal geschieht, so ist der Brunnen entehrt und du kannst nicht länger bei mir bleiben.“

Am dritten Tage saß der Knabe am Brunnen und bewegte den Finger nicht, wenn er ihm noch so weh tat. Aber die Zeit ward ihm lang, und er betrachtete sein Angesicht, das auf dem Wasserspiegel stand. Und als er sich dabei immer mehr beugte und sich recht in die Augen sehen wollte, so fielen ihm seine langen Haare von den Schultern herab in das Wasser. Er richtete sich schnell in die Höhe; aber das ganze Haupthaar war schon vergoldet und glänzte wie die Sonne.

Ihr könnt denken, wie der arme Knabe erschrak. Er nahm sein Taschentuch und band es um den Kopf, damit es der Mann nicht sehen sollte. Als er kam, wußte er schon alles und sprach: „Binde das Tuch auf. “

Da quollen die goldenen Haare hervor, und der Knabe mochte sich entschuldigen, wie er wollte, es half ihm nichts.

„Du hast die Probe nicht bestanden und kannst nicht länger hier bleiben. Geh hinaus in die Welt, da wirst du erfahren, wie die Armut tut. Aber weil du kein böses Herz hast und ich’s gut mit dir meine, so will ich dir eins erlauben; wenn du in Not gerätst, so geh zu dem Wald und rufe ‚Eisenhans‘, dann will ich kommen und dir helfen. Meine Macht ist groß, größer als du denkst, und Gold und Silber habe ich im Überfluß.

Gott THOR, unser Eisenhans, hatte nun den Königsknaben fort aus dem Getriebe der Welt zu einem Goldbrunnen getragen. Dieser entspricht hier wohl dem Mimirbrunnen, aus dem täglich ODIN sein tiefes Wissen über das Wesen derWelt schöpft. Es bedeutet, daß der junge Knabe nun eine Schulung seines Denkens erfuhr, wozu das Gewinnen eines reinen Bewußtseins gehört, das nicht von Gedanken der Körperlichkeit oder auch solchen der seelischen Emotionen gestört wird. Schon mehr als fünfhundert Jahre vor der Zeitenwende gab es im indogermanischen Lebensraum überall Kultgemeinschaften, in die sich nachdenkliche Menschen zurückzogen, um durch Askese und Meditation zu Bewußtseinserweiterungen und damit zu Erkenntnissen zu gelangen über Wesen und Sinn unseres Lebens bzw. von Leben auf der Erde überhaupt. Auch von Buddha wurde berichtet, wie er zunächst in die Waldeinsamkeit zu zwei Lehrern ging, um dann schließlich in der meditativen Betrachtung des Lebensprozesses zu den Erkenntnissen zu gelangen, die die Grundlage seiner Lehre bildeten.
Zu solcher Schulung wurde nun auch unser Königsknabe geführt. Er hat jedoch die Fähigkeit zu ungestörtem Freihalten seines Bewußtseins noch nicht gewinnen können. Erst war es die Körperlichkeit, die Schmerz bereitete und ihn dadurch ablenkte, dann war es das seelische Empfinden: das Bedenken des Schmerzes, durch das ein Haar in den Brunnen des Denkens gelangte. Trotz allem Bemühen gelangte er schließlich nur zur Erkenntnis des eigenen Ichs, seines Antlitzes, statt zur Weite des dem Geistigen ungestört geöffneten Bewußtseins. So muß er zurück in die Welt. Aber es blieb ihm eine Gewißheit: durch sein Bemühen und seine Gesinnung hatte er bei der Gottheit einen Rückhalt gefunden, ln der Not will Eisenhans dem Knaben beistehn, seine Macht sei bedeutend und Gold und Silber habe er genug. Aber mit letzterem Hinweis wird wohl auch ausgedrückt, daß esj a darauf gamicht ankomme! – Wie bei den Märchen von Allerleirauh, der Gänsehirtin am Brunnen und anderen muß der junge Königsknabe ganz von unten mit den einfachen Arbeiten des Lebens beginnen. Es scheint dies eine alte germanische Erkenntnis zu sein: nicht der im Luxus Geborene bringt die größte Lebenstüchtigkeit und insbesondere selbständiges Denken hervor, sondern nur der, der die Bedingungen des Lebens von seiner Grundlage her erfährt. Wenn so einer als einfacher Soldat, als Gärtner oder Küchenhelfer beginnt, aber doch die goldenen Haare hat, die er sogar noch verbergen muß, so heißt das, daß er durch seine Denkschulung höhere Erkenntniskräfte gewonnen hat, die ihm nun zugute kommen. Im Märchen heißt es weiter:

Da verließ der Königssohn den Wald und ging über gebahnte und ungebahnte Wege immerzu, bis er zuletzt in eine große Stadt kam. Er suchte da Arbeit, aber er konnte keine finden und hatte auch nichts erlernt, womit er sich hätte forthelfen können.

Endlich ging er in das Schloß und fragte, ob sie ihn behalten wollten. Die Hofleute wußten nicht, wozu sie ihn brauchen sollten, aber sie hatten Wohlgefallen an ihm und hießen ihn bleiben. Zuletzt nahm ihn der Koch in Dienst und sagte, er könnte Holz und Wasser tragen und die Asche zusammenkehren.

Einmal, als gerade kein anderer zur Hand war, hieß ihn der Koch die Speisen zur königlichen Tafel tragen; da er aber seine goldenen Haare nicht wollte sehen lassen, so behielt er sein Hütchen auf.

Dem König war so etwas noch nicht vorgekommen, und er sprach: „Wenn du zur königlichen Tafel kommst, mußt du deinen Hut abziehen.“

„Ach, Herr,“ antwortete er, „ich kann nicht, ich habe einen bösen Grind auf dem Kopf.“

Da ließ der König den Koch herbeirufen, schalt ihn und fragte, wie er einen solchen Jungen hätte in seinen Dienst nehmen können; er sollte ihn gleich fortjagen. Der Koch aber hatte Mitleid mit ihm und vertauschte ihn mit dem Gärtnerjungen.

Nun mußte der Junge im Garten pflanzen und begießen, hacken und graben und Wind und böses Wetter über sich ergehen lassen. Einmal im Sommer, als er allein im Garten arbeitete, war der Tag so heiß, daß er sein Hütchen abnahm und die Luft ihn kühlen sollte. Wie die Sonne auf das Haar schien, glitzte und blitzte es, daß die Strahlen in das Schlafzimmer der Königstochter fielen und sie aufsprang, um zu sehen, was das wäre. Da erblickte sie den Jungen und rief ihn an: „Junge, bring mir einen Blumenstrauß.“

Er setzte in aller Eile sein Hütchen auf, brach wilde Feldblumen ab und band sie zusammen. Als er damit die Treppe hinaufstieg, begegnete ihm der Gärtner und sprach: „Wie kannst du der Königstochter einen Strauß von schlechten Blumen bringen? Geschwind hole andere und suche die schönsten und seltensten aus.“ 

„Ach nein“, antwortete der Junge, „die wilden riechen kräftiger und werden ihr besser gefallen.“

Als er in ihr Zimmer kam, sprach die Königstochter: „Nimm dein Hütchen ab, es ziemt sich nicht, daß du es vor mir aufbehältst.“

Er antwortete wieder: „Ich darf nicht, ich habe einen grindigen Kopf.“ Sie griff aber nach dem Hütchen und zog es ab; da rollten seine goldenen Haare auf die Schultern herab, daß es prächtig anzusehen war.

Er wollte fortspringen, aber sie hielt ihn am Arm und gab ihm eine Handvoll Dukaten. Er ging damit fort, achtete aber des Goldes nicht, sondern er brachte es dem Gärtner und sprach: „Ich schenke es deinen Kindern, die können damit spielen.“

Den andern Tag rief ihm die Königstochter abermals zu, er solle ihr einen Strauß Feldblumen bringen, und als er damit eintrat, grapste sie gleich nach seinem Hütchen und wollte es ihm wegnehmen, aber er hielt es mit beiden Händen fest. Sie gab ihm wieder eine Handvoll Dukaten, aber er wollte sie nicht behalten und gab sie dem Gärtner zum Spielwerk für seine Kinder.

Den dritten Tag ging’s nicht anders, sie konnte ihm sein Hütchen nicht wegnehmen, und er wollte ihr Gold nicht.

Aus dieser Erzählung können wir schließen, daß die Königstochter doch erkennt, was die goldenen Haare bedeuten: den klugen geistvollen Menschen – und sie versucht daher, diesen zu gewinnen und zu erreichen, daß er sein Wissen nicht mehr versteckt. Daß sie die Naturblumen den im Gewächshaus gezüchteten vorzieht, weist darauf hin, daß sie der unverfälschten Sprache der Natur höhere Bedeutung zuerkennt als dem gekünstelten Schein. So wertet sie auch denjenigen, der aus seinem wahren Wesen heraus lebt, höher, als den durch Etikette und angelernte Denkzwänge dressierten Menschen. Diese Kräfte des unverbildeten Herzens und des Gemütes müssen sich aber im Lebenskampf nun auch als die bedeutenderen bewähren, und so lesen wir weiter:

Nicht lange danach ward das Land mit Krieg überzogen. Der König sammelte sein Volk und wußte nicht, ob er dem Feind, der übermächtig war und ein großes Heer hatte, Widerstand leisten könnte.

Da sagte der Gärtnerjunge: „Ich bin herangewachsen und will mit in den Krieg ziehen, gebt mir nur ein Pferd.“

Die andern lachten und sprachen: „Wenn wir fort sind, so suche dir eins; wir wollen dir eins im Stall zurücklassen.“

Als sie ausgezogen waren, ging er in den Stall und zog das Pferd heraus; es war an einem Fuß lahm und hickelte hunkepuus, hunkepuus. Dennoch setzte er sich auf und ritt nach dem dunklen Wald.

Als er an den Rand gekommen war, rief er dreimal „Eisenhans“ so laut, daß es durch die Bäume schallte. Gleich darauf erschien der wilde Mann und sprach: „Was verlangst du?“ 

Ich verlange ein starkes Roß; denn ich will in den Krieg ziehen.“

„Das sollst du haben und noch mehr, als du verlangst.“ Dann ging der wilde Mann in den Wald zurück, und es dauerte nicht lange, so kam ein Stallknecht aus dem Wald und führte ein Roß herbei, das schnaubte aus den Nüstern und war kaum zu bändigen. Und hinterher folgte eine große Schar Kriegsvolk, ganz in Eisen gerüstet, und ihre Schwerter blitzten in der Sonne.

Der Jüngling übergab dem Stallknecht sein dreibeiniges Pferd, bestieg das andere und ritt vor der Schar her.

Als er sich dem Schlachtfeld näherte, war schon ein großer Teil von des Königs Leuten gefallen, und es fehlte nicht viel, so mußten die übrigen weichen.

Da jagte der Jüngling mit seiner eisernen Schar heran, fuhr wie ein Wetter über die Feinde und schlug alles nieder, was sich ihm widersetzte. Sie wollten fliehen; aber der Jüngling saß ihnen auf dem Nacken und ließ nicht ab, bis kein Mann mehr übrig war.

Statt aber zu dem König zurückzukehren, führte er seine Schar auf Umwegen wieder zu dem Wald und rief den Eisenhans heraus.

„Was verlangst du?“ fragte der wilde Mann.

„Nimm dein Roß und deine Schar zurück und gib mir mein dreibeiniges Pferd wieder.“

Es geschah alles, was er verlangte, und er ritt auf seinem dreibeinigen Pferd heim.

Als der König wieder in sein Schloß kam, ging ihm seine Tochter entgegen und wünschte ihm Glück zu seinem Sieg.

„Ich bin es nicht, der den Sieg davongetragen hat“, sprach er, „sondern ein fremder Ritter, der mir mit seiner Schar zu Hilfe kam.“

Die Tochter wollte wissen, wer der fremde Ritter wäre; aber der König wußte es nicht und sagte: „Er hat den Feind verfolgt, und ich habe ihn nicht wieder gesehen.“

Sie erkundigte sich bei dem Gärtner nach seinem Jungen; der lachte aber und sprach: „Eben ist er auf seinem dreibeinigen Pferd heimgekommen, und die anderen haben gespottet und gerufen: ‚Da kommt unser Hunkepuus wieder an.‘ Sie fragten auch: ‚Hinter welcher Hecke hast du derweil gelegen und geschlafen?‘ Er sprach aber: ‚Ich habe das Beste getan, und ohne mich wäre es schlecht gegangen.‘ Da ward er noch mehr ausgelacht.“

Bei diesem Kampf muß man fragen, wer oder was kämpft hier gegen wen oder was?! Der König hat unter seinen Helfern den Schüler des Eisenhans als Gärtner. Dieser befolgt eine der wichtigsten Regeln geistiger Entwicklung, nämlich das „mehr sein als scheinen“. Aber es sind ja nicht nur die „goldenen Haare“, d.h. seine Weisheit und edle Gesinnung, die er nicht hervorkehrt, die aber am Königshof doch anerkannt sind. Auch die Königstochter ist ein Wesen, das innere Wahrhaftigkeit sucht und schätzt, und sie hat in der unverbildeten Naturkraft des Gärtneijungen solches erkannt, und diese Gesinnung erfüllte wohl alle Helfer des Königs. Wer gegen solchen König kämpft muß ein Gegner solcher Menschenart sein, die aus der eigenen seelischen Kraft, aus innerer Berufung kämpft. Die Gegner von Eisenhans sind dann aber niedere riesische Kräfte, die aus Geld und Machtgier handeln. Unser junger Gärtner, dessen scheinbare Macht und Rolle im Arbeitsleben durch das hinkende Pferd dargestellt ist, besinnt sich nun aber auf die ererbte, durch Klugheit und Tapferkeit sich zeigende Veranlagung, die wirklich in ihm steckt. Mit den herbeigerufenen Kräften vom Eisenhans schlug er die Feinde nieder. Hier will der Märchenerzähler also zeigen, daß die Besinnung auf die wahren Naturkräfte des Volkes ungeahnte Kräfte hervorruft, die stärker sind als die Kräfte von Söldnern, die für fremde materielle Interessen kämpfen. Der germanische Begriff des HEILs hat hier seine Wurzeln: Der in allen drei Bereichen des Körperlichen, des Seelischen und des Geistigen ganz selbstlose, dafür aber vom göttlichen Geist erfüllte Kämpfer um der Idee willen muß auch Sieger werden, weil das Göttliche höher steht als des Riesische, Plumpe und Egoistische. – Nach dem Sieg ist der „Gärtnerjunge“, der wahre Ritter, aber immer noch nicht bereit, sich als Retter herauszustellen. Das Motiv seines Handelns war ja die Sache, der Sieg der aus den Kräften der Natur erwachsenen Wahrheit wie sie der Gott THOR vermittelt. Nur darauf kam es dem Mann mit den goldenen Haaren an. Dies zeigt sich nun noch zum Ende des Märchens:

Der König sprach zu seiner Tochter: „Ich will ein großes Fest ansagen lassen, das drei Tage währen soll, und du sollst einen goldenen Apfel werfen; vielleicht kommt der Unbekannte herbei.“

Als das Fest verkündigt war, ging der Jüngling hinaus zu dem Wald und rief den Eisenhans. „Was verlangst du?“ fragte er.

„Daß ich den goldenen Apfel der Königstochter fange. “ 

„Es ist so gut, als hättest du ihn schon“, sagte Eisenhans, „du sollst auch eine rote Rüstung dazu haben und auf einem stolzen Fuchs reiten.“

Als der Tag kam, sprengte der Jüngling heran, stellte sich unter die Ritter und ward von niemand erkannt. Die Königstochter trat hervor und warf den Rittern einen goldenen Apfel zu, aber keiner fing ihn als er allein; aber sobald er ihn hatte, jagte er davon.

Am zweiten Tag hatte ihn der Eisenhans als weißen Ritter ausgerüstet und ihm einen Schimmel gegeben. Abermals fing er allein den Apfel, verweilte aber keinen Augenblick, sondern jagte damit fort.

Der König ward bös und sprach: „Das ist nicht erlaubt, er muß vor mir erscheinen und seinen Namen nennen.“

Er gab den Befehl, wenn der Ritter, der den Apfel gefangen habe, sich wieder davonmachte, so sollte man ihm nachsetzen und, wenn er nicht gutwillig zurückkehrte, auf ihn hauen und stechen.

Am dritten Tag erhielt er vom Eisenhans eine schwarze Rüstung und einen Rappen und fing wieder den Apfel. Als er aber damit fortjagte, verfolgten ihn die Leute des Königs, und einer kam ihm so nahe, daß er mit der Spitze des Schwerts ihm das Bein verwundete.

Er entkam ihnen jedoch; aber sein Pferd sprang so gewaltig, daß der Helm ihm vom Kopf fiel, und sie konnten sehen, daß er goldene Haare hatte. Sie ritten zurück und meldeten dem König alles.

Nach dem Sieg des Wahren, Guten und Schönen, wie er zum Heidenglauben gehörte, will nun unser Ritter aber doch eine Anerkennung, indem er die Verbindung mit der Königstochter anstrebt. Das Fangen der goldenen Äpfel bedeutet wieder das Auffangen von Gedanken des zustimmenden Verstehens. Wenn der Ritter nun dreimal erscheint und immer wieder danach zurücktritt, so will uns die Erzählung all die Kräfte zeigen, die ein edler Ritter besitzen muß. Die rote Rüstung und das fuchsfarbene Pferd bedeuten Liebe und Lebenskraft. Die weiße Rüstung und der Schimmel die Kräfte des Geistes und endlich sind die schwarze Rüstung und der Rappen Symbole der Erdverbundenheit. Die Königstochter hat diese Dreigliederung des Menschen und die Bewährung auf jedem dieser Bereiche natürlich voll verstanden und erkannt und so geht die Geschichte zu Ende:

Am andern Tag fragte die Königstochter den Gärtner nach seinem Jungen. „Er arbeitet im Garten; der wunderliche Kauz ist auch bei dem Fest gewesen und erst gestern abend wiedergekommen; er hat auch meinen Kindern drei goldene Äpfel gezeigt, die er gewonnen hat.“

Der König ließ ihn vor sich fordern, und er erschien und hatte wieder sein Hütchen auf dem Kopf. Aber die Königstochter ging auf ihn zu und nahm es ihm ab, und da fielen seine goldenen Haare über die Schultern, und er war so schön, daß alle erstaunten.

„Bist du der Ritter gewesen, der jeden Tag zu dem Fest gekommen ist, immer in einer anderen Farbe, und der die drei goldenen Äpfel gefangen hat?“ fragte der König.

„Ja“, antwortete er, „und da sind die Äpfel“, holte sie aus seiner Tasche und reichte sie dem König.

„Wenn Ihr noch mehr Beweise verlangt, so könnt Ihr die Wunde sehen, die mir Eure Leute geschlagen haben, als sie mich verfolgten. Aber ich bin auch der Ritter, der Euch zum Sieg über die Feinde geholfen hat.“ 

„Wenn du solche Taten verrichten kannst, so bist du kein Gärtnerjunge! Sage mir, wer ist dein Vater?“ 

„Mein Vater ist ein mächtiger König, und Goldes habe ich die Fülle und soviel ich nur verlange.“ 

„Ich sehe wohl“, sprach der König, „ich bin dir Dank schuldig. Kann ich dir etwas zu Gefallen tun?“ 

„Ja“, antwortete er, „das könnt Ihr wohl, gebt mir Eure Tochter zur Frau.“

Da lachte die Jungfrau und sprach: „Der macht keine Umstände; aber ich habe schon an seinen goldenen Haaren gesehen, daß er kein Gärtneijunge ist“, ging dann hin und küßte ihn.

Zu der Vermählung kam sein Vater und seine Mutter und waren in großer Freude; denn sie hatten schon alle Hoffnung aufgegeben, ihren lieben Sohn wieder zu sehen.

Nun wollte der Märchenerzähler aber noch einen Höhepunkt setzen und läßt den Eisenhans, an den unser Königssohn voll Dankbarkeit denkt, noch körperlich als erlösten König erscheinen. Das wäre aber ein Widerspruch zu dessen Bedeutung, nachdem man ihn einst als Gott THOR aus dem Wasser des Waldbodens in das menschliche Leben gerufen hatte. Wir wollen es aber bei dieser Freude belassen, die das junge Königspaar dadurch gewonnen hat, daß es den Erkenntnisweg gegangen ist. Das Heil, das Gott THOR den Menschen zugedacht hat, kam dadurch in die Welt. Dies bedeuten ja auch die goldenen Haare unseres Königssohnes. – Ihrem Gott THOR widmeten sie dazu noch folgende Gedanken:

An THOR, an das Gütige!

Nicht der Hammer berechtigten Zorns, nicht der Spaten des Fleißes komme heute zur Wirkung! – Deiner Güte, THOR, zu helfen wo immer Not ist, wenden wir uns zu!
Im Wissen um Maß,
um der Lebensgesetze heilige Ordnung
bringst Du alles zur Blüte.
Der Schmerz vergeht und die Wunde schließt sich, wo Dein heiliges Wissen das Gefährdete aufbaut.
Erfülle im Einklang
mit dem ewigen Gesetz
unserer Gedanken Quellkraft,
daß von Innen sich baue
unser Werden zu wohlgeformter Gestalt!

 

Hans Fischer: Weistum und Wissen in Märchen der Brüder Grimm – Unsere eigenständige Religion, Ausgabenvariante 1

Hans Fischer: Weistum und Wissen in Märchen der Brüder Grimm – Unsere eigenständige Religion, Ausgabenvariante 2

Hans Fischer: Weistum und Wissen in Märchen der Brüder Grimm – Unsere eigenständige Religion, Ausgabenvariante 3

 

Bilderquelle: childstories.org

 

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