Hans-Wilhelm Schäfer

Wir gebrauchen viele Begriffe unserer Sprache gewohnheitsmäßig und versäumen es häufig, sie genau zu definieren und erschöpfend zu bedenken.

Natur und Art sind zwei zentrale Begriffe, die durch ihre Bedeutung eng miteinander verwandt sind. Ein Mensch kann gutartig, bösartig oder auch nur artig sein. Der Terminus „Art“ bezieht sich auf die Herkunft eines Menschen und verweist auf seine Identität in einer bestimmten Menschengruppe, sei es Sippe, Region, Stamm oder Volk.

Der Begriff „Naturhat viele geistesgeschichtliche und historische Bezüge und wird oft mißverständlich gebraucht. Der deutsche Mensch denkt bei dem Wort Natur meist an eine grüne Idylle, an Wälder und Wiesen, an Wald und Feld.

Dabei wird oft ausgeblendet, daß auch der Stich der Malariamücke Natur ist, der Blutegel oder der hinterlistige Kuckuck. Dabei ist der Kuckuck nicht hinterlistig im Wortsinn, sondern das ihm genetisch mitgegebene Instinktverhalten zwingt ihn zu parasitären Methoden bei der Aufzucht seines Nachwuchses, und damit rühren wir an jenes Phänomen, das die Nahrungsketten in der Pflanzen- und Tierwelt hervorbringt. Löwen ernähren sich von Antilopen, Katzen ernähren sich von Mäusen, Greifvögel ernähren sich von kleinen Vögeln oder kleinen Säugetieren. Die Natur ist somit auch das, was Gerhart Hauptmann eine Welt nennt, die nichts als Rachen gegeneinander gähnt, um sich gegenseitig aufzufressen.

Aber alles ist im Wandel, und gerade in der Natur spiegeln wandelnde Verhältnisse eine oftmals verwirrende Wirklichkeit, die zu verstehen nicht immer leicht ist: Der heutige Lebensraum des Menschen weist einige sehr seltsame und dem Menschen ungewohnte Zustände auf:

  • Kaninchen bevölkern die Friedhöfe
  • Wildschweine suhlen sich in den Parkanlagen
  • Waschbären nerven und vertreiben die Kleingärtner
  • Tauben bekleckern die Bauwerke und Denkmälern menschlicher Hochkultur

Das Tier drängt in die Lebensräume, die es, wenn auch unter Einschränkungen und Opfern, erobern kann. Auch das ist ein naturnaher Vorgang.

In der Menschheitsgeschichte haben immer wieder Völker andere Völker ausgelöscht, ausgerottet und überwandert. Die Einfälle der mittelalterlichen Ungarn ins Deutsche Reich, der Ansturm der Hunnen oder die Eroberung Nordamerikas – allesamt waren nach humanem Wertmaßstab – blutige, grausame, aber zweifellos naturnahe Vorgänge. Es soll hier nicht eingegangen werden auf die vielen Fälle, in denen die menschliche Sprache als Mittel benutzt wird, bestimmte Dinge zu beschönigen, zu verschleiern, oder umzuwerten. Wehrdienst ist nicht unbedingt Kriegsdienst, und naturnahe Lebensweise ist nicht immer so gesund, wie es gern dargestellt wird.

Auch die räuberischen Beduinenstämme Nordafrikas, die Sklavenjäger des 18. Jahrhunderts, oder auch die Piraten der früheren britischen Seefahrt waren letztendlich naturnahe Geschehnisse, gesteuert durch artimmanenten Instinkt und artimmanente Tradition.

Solche naturnahe Prägung reicht von der rituellen Verstümmelung (Juden, Afrikaner) bis hin zu Verhaltensweisen wie Skalpieren oder Kampfsportarten. Bezogen auf die Arten menschlicher Existenz, taucht in diesem Zusammenhang unausweichlich der Begriff der Rasse auf.

In früherem kulturellem Kontext war es entscheidend, sowohl den persönlichen Namen als auch die Art, das ist die Herkunft eines Menschen, zu kennen (vgl. Lohngrin Nam´ und Art“). Damit zusammen hängt natürlich auch die schicksalhafte Verbindung mit einem menschlichen Lebensraum. Daß Lohngrin seinen Namen und seine Sippenzugehörigkeit (nämlich zur Gralssippe des Titurel) verschweigen mußte, war, wie wir heute wissen, eine zwingende Maßnahme zur Geheimhaltung der Gralsburg, des Grals und der Gralsritter.

Vielleicht können diese Überlegungen dazu beitragen, die in Deutschland mittlerweile so verkrampfte Diskussion um Rasse und Herkunft zu mildern. Was die farbigen Teile der Menschheit betrifft, so erinnere man sich der arabischen Legende, nach der ein frommer Moslem einen Neger antraf, der dabei war, sich in einer Wasserpfütze zu waschen. Der Moslem blieb stehen und sprach: „Oh, mein Bruder, wozu machst du das Wasser schmutzig? Was Gott einem Menschen mitgegeben hat, kann er nicht abwaschen. Er muß es sein Leben lang tragen.“

Wenn wir uns fragen, was natürlich ist und wie Natur sich äußert, so kann man nicht übersehen, daß die Natur einerseits verschwenderisch hervorbringt: Millionen Samen, Millionen Früchte oder tausende von Tieren, Herden mit tausenden von Jungtieren mit gewaltigen Mengen von Einzelwesen – Fischschwärme, riesige Schwärme von Vögeln – und daß dieser verschwenderischen Erschaffung eine ebenso umfassende Vernichtung gegenüber steht. Überschwemmungen, Waldbrände, Vulkanausbrüche und andere Naturkatastrophen fordern in gleicher Weise kaum überschaubare Opfer.

Zerstörtes Haus im Ahrtal nach der Flutkatastrophe 2021, Foto: Boris Roessler / dpa

Das Leben in der Nähe zur Natur und Naturhaftigkeit bedeutet auch Nähe zu eben diesem Phänomen: Maßloses Hervorbringen und maßloses Vernichten. Der Mensch ist immer wieder mit sich selbst beschäftigt und fragt sich nach seiner Stellung in eben diesem Kosmos der Natur.

Schon im Gefolge der Aufklärung war man sich klar darüber, daß die Welt der Natur kein Garten Eden ist. Zwar verschönte man das damalige Weltbild mit einem Überzug aus humanem Glanzlack (diese gottgeschaffene Welt ist zwangsläufig die beste aller möglichen Welten), aber man landete doch immer wieder bei Standpunkten und Perspektiven, die dem fühlenden Menschen nahelagen: Erschrecken ob der Grausamkeit, Angst gegenüber der Gleichgültigkeit bei Untergang und Massenvernichtung. Und man scheute sich vor der Einsicht, daß bestimmte Völker ihrem natürlichen Ursprung noch näher sind und sich entwicklungsbedingt davon entfernen. Die Natur hat den Menschen einige wesentliche Triebe eingepflanzt: Den Trieb zur Fortpflanzung und den zur Erhaltung der eigenen Art.

Ein naturnahes Volk, das seine Art bedroht fühlt, würde natürlich handeln, wenn es alle Fremden totschlüge und in den Fluß würfe. Ein solches Verhalten würde in der christlich-humanen Ordnung als höchst verwerflich und sündhaft angesehen.

In der europäischen Literatur kennen wir den Begriff „natürlich“ oder „widernatürlich“. Der Mord am Bruder oder einem Verwandten z.B. wäre in Shakespeares Sprache „a most unnatural deed“. Ein Ausdruck wie „unartig“ tendiert in eine ähnliche Richtung. Jemand der aus der Art schlägt, ist ein Individuum, das allen gewachsenen Gesetzen und Vorstellungen menschlichen Zusammenlebens zuwider handelt.

Auch Vererbung wäre eine Art natürlicher, wenn auch schicksalshafter Prägung, die bei der Rassenlehre eine große Rolle spielt und wesentlich durch die These gestört wurde, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts immer weiter um sich griff. Nämlich, daß der Mensch als soziales Wesen wesentlich durch seine Umwelt und Gesellschaft geprägt sei.

Die neueren Erkenntnisse der Vererbungslehre relativieren diese These und lassen vermuten, daß die natürliche Prägung des Menschen nicht so stark ist wie der Instinkt beim Tier, aber dennoch eine weitaus größere Rolle spielt als man bisher angenommen hat. Unter Berücksichtigung aller Aspekte wird man der schicksalhaften Vorprägung eines Menschen mehr Wichtigkeit einräumen als das bisher der Fall gewesen ist.

Der heute wirkende Naturbegriff, so wie er in der grünen Ideologie oder umgangssprachlich gebräuchlich ist, scheint oberflächlich und unzureichend. Die Natur einer Sache ist wesentlich mehr als die Summe der Charaktereigenschaften.

Es ist leicht einzusehen, daß neben der schicksalhaften Prägung eines Menschen auch seine Zielvorstellungen eine wichtige Rolle spielen. Jede Kultur transportiert in ihrer Erinnerung durch Geschichtsschreibung und Schrifttum bestimmte Bilder, die man als Ideale oder Vorbilder begreifen könnte, und die das Verhalten jener Individuen bestimmen, die diese Vorbilder kennen und akzeptieren.

In den naturnahen Kulturen ist das maskuline Vorbild i.d.R. der kampfbereite Mann, während das feminine Vorbild sich im Wesentlichen der Mutterschaft zuordnet. Es ist kein Zufall, daß diese beiden Leitbilder die biologische Kraft einer Menschengruppe ausmachen, und insofern eine Beziehung zur Rasse haben. Wenn ein Individuum seine Identität in höchstem Maße verwirklicht, so geschieht das in der Übereinstimmung von Eigenart, Natur und Vorbild.

Familie, Gemälde von Wolfgang Willrich

Der heutzutage herrschende Gender-Wahnsinn entpuppt sich vor diesem Hintergrund als die bösartige Absicht, Leitbilder und Archetypen des Lebens an der Wurzel zu beschädigen und damit die Lebenskraft des Volkes zu schwächen. Unreine Geister wie Horkheimer oder Adorno (kurz: die „Frankfurter Schule) fügen sich in diesen Zusammenhang.

Kulturelle Überformung einer Identität durch Bildung und individuelle Erfahrung wäre dann das Endstadium in einem europäischen Menschenideal. Dabei kann man in der Vergangenheit in verschiedenen Zusammenhängen beobachten, daß das europäisch-humane Menschentum immer wieder versucht hat, sich vom bloß Naturhaften zu distanzieren.

Ein Ideal des Verhaltens orientierte sich immer an der vollständigen Beherrschung des Triebhaften. Dahingegen wird das Verhalten von naturnahen Menschengruppen oftmals vom Triebhaften oder Instinktiven bestimmt. Daraus erklärt sich die manchmal deutliche Geringschätzung und Distanzierung von naturhaften Völkern, die dementsprechend als nackte Wilde gesehen wurden.

Der kultivierte Mensch ist somit zwangsläufig naturfern, und sein Bestreben, naturnah zu sein oder sich in Richtung auf eine Naturnähe zu entwickeln, hat eine nostalgische und manchmal museale Note (Südseeromantik, Urwälder, Schutz für Wölfe, Greifvögel und Bären).

Wenn sich im menschlichen Raum eine naturnahe Verhaltensweise durchsetzt (Raubkriege der USA oder Rußlands), so stößt das verständlicherweise auf Abscheu, und oftmals werden solche Verhaltensweisen nicht erkannt oder mit konventionellen Klischees beschönigt.

Beitragsbild: Wolfgang Willrich

 

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