Dietrich Schuler

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Prometheus, Arno Breker, 1934 %MCEPASTEBIN%

Es ist von größter Tragweite, daß das zyklische Wesen des ganzen Alls, der Wechsel von Chaos und geordnetem Kosmos, von Geburt und Tod, von Leben und Zerfall, Auflösung und Reinkarnation nicht nur die Welt als Ganzes betrifft, sondern ebenso alle Einzelwesen als Subjekte. Wir können ja von Geist nur deshalb reden, weil es Bewußtsein gibt, d. h. weil wir uns als Individuen des Seins bewußt sind, weil dieses Bewußtsein durchaus schon im tierischen Bereich vorhanden ist und dann im Menschenreich in Millionen Abstufungen zum erkennenden Subjekt wird. Nicht umsonst hat sich die Philosophie, insbesondere der deutsche Idealismus, ständig mit den Fragen um Subjekt und Objekt auseinandergesetzt. Und die Philosophen haben dann auch bei allen Unterschieden in Details den eingeborenen Dualismus von Subjekt und Objekt herausgearbeitet, besser gesagt, deren unauflöslichen Zusammenhang betont. So kam z. B. Schopenhauer zu seiner Welt als Vorstellung. Das Subjektwesen läßt sich weiter nach unten bis in das Pflanzenreich, ja bis in die Welt der Atome verfolgen, und es wurde schon, nicht zu Unrecht, von der ›Atomseele‹ gesprochen. Jedenfalls steht das Individuum immer als Ich der gesamten übrigen Welt als dem Nicht-Ich gegenüber. Die Unterscheidung von Ich und Nicht-Ich ist überhaupt der Grundakt allen Bewußtseins. Diese Feststellung ist von zentralem Belang.
Wir machen hier einen Sprung in der Gedankenführung, um das Nachfolgende besser verstehen zu können. Nach ›moderner‹ materialistischer Auffassung, deren Alleinherrschaft derzeit nur durch die Reste eines christlichen Himmelsglaubens etwas eingeschränkt ist, welcher Tante Anna ein ewiges Plätzchen am beschaulichen Ort sichert, bedeutet der Tod das unwiderrufliche Ende, das endgültige Aus. Da es aber nur Subjektbewußtsein gibt, bescheinigt eine solche Auffassung jedem einzelnen Subjekt mit seinem Tod gleichzeitig das Ende der Welt. Was nämlich Myriaden anderer Wesen nach einem Tod noch sehen, hören, fühlen, denken mögen, wäre für mich ganz irrelevant. Für das tote Subjekt ist auch die Welt tot. An die Stelle der Welt wäre das Nichts getreten, mit dem Ich verschwände auch alles Nicht-Ich, wenn denn dieser individuelle Tod endgültiger ›Zustand‹ bliebe. Das Ich aber ist genauso wenig Zufall wie das Nicht-ich, also das gesamte Universum. Der Geist ist in gleichem Maße ewig wie die Materie, das Subjekt ebenso existentiell wie das Objekt. Es ist daher unmöglich, daß dort, wo einmal Licht war, nun ewige Nacht herrschen könnte. Das Licht kam mit dem Bewußtsein der individuellen Existenz, die unverlierbar dem All-Leben eingewoben bleibt. Mit dem Erlöschen dieser Existenz ist aber kein Stillstand verbunden, sondern die Nacht wandert weiter zum Licht und umgekehrt.
Diese Dinge gehören zum Urempfinden, ja sogar zum Urwissen aller Zeiten, Völker und Kulturen. Daher der instinktive Glaube an eine Wiedergeburt bei unseren Vorfahren wie überhaupt bei allen indogermanischen Stämmen, besonders ausgeprägt bei den Indoariern. Doch nicht nur bei diesen. Davon zeugen die mannigfaltigen Grabbeigaben, insbesondere als Speisen und Waffen, die man bei den verschiedensten Kulturen quer über den Globus finden kann, Totengeschenke, welche ohne diesen Urglauben gar keinen Sinn hätten.
Bei demoskopischen Umfragen stellte sich heraus, daß selbst oder gerade in dieser durchtechnisierten Welt der Gegenwart eine bedeutende Mehrheit der Befragten an ein „Fortleben nach dem Tod in irgendeiner Form“ glaubt. Nun ist dies natürlich sehr weit gefaßt, aber das Ergebnis zeigt, daß das „absolute Aus mit dem Tod“ von den meisten Menschen instinktiv abgelehnt wird als widernatürlich, ja als undenkbar. Dieses Gefühl trügt nicht, es drückt nur das intuitive Empfinden einer Urwahrheit aus, und der Einwand, daß es sich hierbei eben bloß um den Reflex eines primitiven vulgären Egoismus handle, greift fehl. Auch der christliche Glaube an ein Weiterleben in Himmel oder Hölle ist nur eine degenerierte Form des Ahnens jener Gewißheit, daß Geburt, Leben, Tod und Wiedergeburt eine untrennbare Ganzheit bilden. Entartet deshalb, weil dem Christen das Kriterium für ein Leben in Seligkeit oder ewiger Verdammnis lediglich der Glaube bzw. Unglaube an einen vor 2000 Jahren gekreuzigten Rebellen ist, wobei dessen besondere Gunst gerade den Elendsten, Mißratensten und Unfähigsten gehört. Kein Theologe konnte je klar sagen, wie er sich eine christliche Auferstehung nun eigentlich vorstelle. Der Wortsinn der Auferstehung meint immer etwas Leibliches, aber Pfarrer und Priester verbreiten sich lieber über ›Geist‹ oder ›Seele‹, wobei sie weniger leicht festzunageln sind und wobei aber auch jede Aussage über Wie und Wo ihres so gepriesenen ewigen Lebens in einem Ozean wabernden Nebels versinkt.
Doch der christliche Laie, der in schlichter Einfalt eben „in den Himmel“ kommen will, kann natürlich über die näheren Umstände seines Wunschziels keine Angaben machen. Es mußte zu gröbsten Widersprüchen kommen, nachdem die uns übergestülpte christliche Lehre nun einmal von Anfang an die Pfade des wirklichen Lebens und der Naturgesetze verlassen hat. Wie stellt sich nämlich der arme Christ sein Leben „in der Ewigkeit“ bzw. „im Himmel“ vor? Wie will er sich dort sehen? Als „unschuldiges Kind“, als strahlender Jüngling, als Mann im besten Alter, als weiser Greis? Oder einfach im Zustand seines frömmsten Stündchens, das er irgendwann gehabt? Das nämlich ist gerade Leben, daß es fließt, sich stets verändert, aber auch stets wiederkehrt, wenn auch nicht in genau derselben Form. Mit jedem Tag, ja jeder Sekunde stirbt etwas an uns. Wir wachsen und reifen, aber wir zerfallen auch wieder, doch ist das, was wir Tod nennen, kein Stillstand, sondern ebenfalls ein Weiterfließen. Eigentlich gibt es für alles Seiende gar keinen Tod, sondern nur totale Zustandsänderungen. Dem Tod im endgültigen Sinne käme nur eine Bezeichnung zu: Das Nichts! Wir als Kreatisten aber wissen, daß Tod und Wiedergeburt nichts anderes sind als naturgesetzliche Stufen zur Reifung und Vervollkommnung, solange die Evolution des Lebens weiter die aufsteigende Bahn geht. Ohne Reinkarnation wäre das Leben ein Betrug. Es ist das große Stirb und Werde von Goethe. ◊